— Alle haben normale Eltern, und du bist eine arme Frau! Zum Beispiel hat Markus ein neues iPhone bekommen, und du? „Warte bis zum nächsten Gehalt“… Immer kein Geld!

— Mama, du bist einfach eine arme Frau! — rief Tobias und schlug die Tür seines Zimmers zu.

Irina erstarrte im Flur, das unvollständige T-Shirt ihres Sohnes fest an ihre Brust gedrückt. Diese Worte trafen sie härter als jeder Schlag. Ihre Knie gaben nach, und in ihrer Brust war es schwer. In letzter Zeit wurden solche Szenen immer häufiger.

— Tobias, — rief sie leise, — lass uns reden…

— Über nichts! — ertönte es von hinter der Tür. — Alle haben normale Eltern, und du bist eine arme Frau! Zum Beispiel hat Markus ein neues iPhone bekommen, und du? „Warte bis zum nächsten Gehalt“… Immer kein Geld!

Irina schloss die Augen. In ihrem Gedächtnis tauchten schlaflose Nächte auf, das alte Auto, das sie verkauft hatte, um Tobias’ Kurse zu bezahlen, das Brot statt eines Mittagessens… All das hatte sie für ihn getan, und jetzt sagte er ihr solche Worte.

— Mein Sohn, — versuchte sie ruhig zu sprechen, obwohl ihre Stimme zitterte, — du weißt doch, ich tue alles, was ich kann…

— Genau! — die Tür wurde plötzlich aufgerissen, Irina erschrak. — Alles, was du kannst, ist NICHTS! Und mein Vater, er versteht, was ich brauche. Er spart nicht wie du!

Markus. Ihr Ex-Mann, der vor elf Jahren einfach gegangen war, sie mit einem vierjährigen Sohn zurücklassend. Jetzt war er ein erfolgreicher Geschäftsmann und ein fürsorglicher Vater. Er kaufte Tobias teure Geschenke, nahm ihn in Restaurants und organisierte Wochenenden im Landhaus. Es ist einfach, ein guter Vater zu sein, wenn man nur einmal pro Woche mit Geschenken auftaucht. Aber wer stand nachts auf, um sich um das kranke Kind zu kümmern? Wer nähte seine Jeans und kochte Suppe? Wer überprüfte die Hausaufgaben?

— Mama, ich will zu Papa ziehen! — Tobias sah sie mit Verachtung an. — Er hat ein normales Haus, keine dieser Bruchbude! Und ein cooles Auto, und nicht deine alte Kiste! Und er hat im Leben etwas erreicht!

Jedes Wort war ein Schlag. Irina spürte, wie eine Träne ihre Wange hinunterrollte. Sie wischte sie schnell weg und antwortete:

— Wenn du bei ihm leben willst, dann bitte. Ich werde dich nicht aufhalten. Aber komm nicht später zu mir und beklage dich.

— Das werde ich nicht! — Tobias schnaufte und schlug die Tür erneut zu.

Irina drehte sich um und ging ohne ein weiteres Wort in die Küche. Automatisch stellte sie den Wasserkocher auf, zog eine Tasse heraus, legte den Teebeutel hinein… Sie konnte nicht an das denken, was gerade passiert war. Wie ihr Sohn, für den sie lebte, ihr gerade das Herz zerbrach.

Am Abend rief Markus an.

— Irina, Tobias hat gesagt, dass er bei mir wohnen möchte, — hörte sie in seiner Stimme ein verstecktes Maß an Stolz. — Bist du einverstanden?

— Einverstanden, — antwortete sie müde. — Nimm ihn. Vielleicht wirst du ihm dann mehr wert sein.

— Was redest du da, — lachte Markus. — Tobias will einfach in besseren Bedingungen leben. Was kannst du ihm denn mit deinem Gehalt bieten?

Irina schaltete das Telefon stumm und saß wieder in der Küche, starrte aus dem Fenster in die Dunkelheit. Hinter der Wand hörte sie Geräusche — Tobias packte seine Sachen. Er konnte es kaum erwarten, von der „armen Mutter“ wegzukommen…

„Gott, warum? — dachte sie, — Ich habe alles für ihn getan… Mein ganzes Leben für ihn…“

Am Morgen fuhr Tobias weg. Er packte zwei riesige Taschen, murmelte ein „Tschüss“ und knallte die Tür hinter sich. Irina blieb allein. Es war so still in der Wohnung. Sie ging durch die Räume, verweilte an Kleinigkeiten, die sie an ihren Sohn erinnerten: Socken unter dem Bett, eine Tasse mit ungetrunkenem Kakao, ein Plakat seiner Lieblings-Rockband an der Wand… Sie ging in sein Zimmer und setzte sich auf das Bett. Es roch nach seinem Lieblings-Deodorant.

In der Ecke lag der alte Plüschhund — sein Lieblingsspielzeug aus der Kindheit. So oft hatte sie es genäht, die Ohren angenäht, gewaschen… Und jetzt — war es zurückgelassen. So wie sie selbst.

Und plötzlich fühlte Irina eine Erleichterung. Kein Frühstück mehr vorbereiten, das er nie gegessen hat. Keine Berge von Socken und T-Shirts mehr waschen. Keine Vorwürfe und Vergleiche mit den „normalen“ Eltern mehr.

Sie stand auf, ging zum Schrank und zog ihr schönes Kleid heraus, das sie schon lange nicht mehr getragen hatte. Warum nicht ins Kino oder in ein Restaurant gehen, an dem sie immer vorbeigegangen war?

Plötzlich piepte das Handy. Es war eine Nachricht von Tobias: „Habe das Ladegerät vom Tablet vergessen. Bring es mir.“

Ohne „bitte“. Irina überlegte einen Moment, dann schrieb sie: „Tut mir leid, mein Junge, ich bin heute beschäftigt. Frag doch Papa, er kann dir ein neues kaufen. Er kann sich das ja leisten.“ Und zum ersten Mal seit langer Zeit lächelte sie.

Die ersten Tage bei seinem Vater fühlten sich wie ein echtes Märchen an. Ein großes Haus, ein neues Zimmer, ein riesiger Computer, luxuriöse Möbel, Bilder an den Wänden — all das war so ein heller Kontrast zu ihrer alten Wohnung. Es war wirklich „normal“.

— Und, wie gefällt dir das? — fragte Markus stolz, als er ihm das Haus zeigte. — Nicht wie eure Bruchbude!

Tobias nickte, aber in seinem Inneren stachen Erinnerungen an die Nächte, in denen seine Mutter Spielzeuge nähte, um ihm ein Fahrrad zu kaufen. Aber er vertrieb diese Gedanken schnell.

Markus’ Frau, Marina, empfing ihn kühl. Sie war hochgewachsen, gepflegt, mit perfekt manikürten Nägeln, und schien eine eiskalte Aura auszustrahlen.

— Mach bitte kein Chaos in deinem Zimmer, — sagte sie, — wir haben hier kein Hostel.

Ihre Kinder, Zwillinge Kirill und Karina, starrten Tobias an, als wäre er ein seltenes Tier.

— Stimmt es, dass du in einem Plattenbau gewohnt hast? — fragte Karina beim Abendessen. — Und du hattest nicht mal ein eigenes Badezimmer?

— Hatte ich, — antwortete Tobias. — Jetzt nicht mehr.

— Armer Kerl, — sagte Karina mit einem Lächeln.

— Kinder, hört auf zu streiten, — mischte sich Marina gelangweilt ein. — Tobias, benimm dich.

Die Tage vergingen langsam. Der Vater war ständig bei der Arbeit, und wenn er nach Hause kam, widmete er sich nur den Zwillingen und seinen Gesprächen mit Marina. Tobias wanderte durch das riesige Haus und fühlte sich wie ein Fremder. In der Schule lief es schlecht — niemand kümmerte sich um seine Hausaufgaben.

— Papa, könnten wir mal spazieren gehen? — fragte er eines Tages.

— Tut mir leid, mein Junge, Geschäft, — wischte Markus ab. — Hier, nimm Geld für dein Taschengeld.

Geld. Immer nur Geld. Aber wusste er, welche Musik Tobias mochte? Wusste er, dass er Haferbrei hasste? Wusste er, dass sein Sohn Angst vor Gewittern hatte und Albträume hatte?

Mama wusste das. Sie wusste es immer.

Eines Tages belauschte Tobias zufällig ein Gespräch zwischen seinem Vater und Marina.

— Wie lange wird er noch hier sein? Er stört die Atmosphäre für die Zwillinge! Vielleicht sollten wir ihn in ein Internat schicken?

— Er ist mein Sohn, — sagte Markus unsicher.

— Aber ich ziehe ihn nicht auf! Du kümmerst dich um ihn! — Marina zeigte offen ihre Unzufriedenheit.

Tobias drehte sich leise um und ging zurück in sein Zimmer. Alles wurde plötzlich klar. Er nahm sein Handy, öffnete den Chat mit seiner Mutter. Die letzte Nachricht war vor zwei Wochen, als er nach dem Ladegerät gefragt hatte und sie es nicht brachte. Und er hatte sich nicht einmal für seine Unhöflichkeit entschuldigt.

Der Finger schwebte über der Taste. „Entschuldigung?“ Oder „Ich vermisse dich“? Aber der Stolz ließ es nicht zu. Er legte das Handy auf das Bett und vergrub sein Gesicht in seinem Kissen. Und plötzlich begriff er, dass seine Augen voller Tränen waren.

Eine Woche später rief Tante Olga ihn an.

— Tobias, deine Mama ist im Krankenhaus. Sie hat eine Lungenentzündung. Sie wollte es dir nicht sagen, aber du musst es wissen.

Er rannte ins Krankenhaus, ohne es seinem Vater zu sagen. Mama lag schwach da, aber als sie ihren Sohn sah, lächelte sie.

— Tobias, du bist gekommen? — flüsterte sie und streichelte ihm das Haar.

— Mama… — seine Stimme zitterte. — Es tut mir leid, ich war… ein Idiot.

Irina lachte leise, ihre Augen waren voller Tränen.

— Ich liebe dich, — sagte sie. — Du bist mein Sohn.

Jetzt wollte sie weder Reichtum noch ein großes Haus. Sie wollte nur, dass ihr Sohn

wieder bei ihr war. Dass er wusste, dass er immer das Wichtigste auf der Welt für sie sein würde.

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