Wovon träumt Papa eigentlich?

Klaus Müller hatte sein ganzes Leben lang von einem Sohn geträumt. Sogar einen Namen hatte er sich schon ausgedacht: Timo. Aber das Schicksal meinte es anders – in seiner Familie wuchsen drei Töchter heran.

Seine Frau Ingrid ließ sich nicht unterkriegen: „Sieh mal, was für hübsche Mädels wir haben!“, sagte sie immer. Klaus lächelte und nickte. Klar, er liebte seine aufgeweckten kleinen Racker über alles. Trotzdem spürte er manchmal einen leichten Neid, wenn er sah, wie der Nachbar mit seinen Söhnen Fußball spielte.

„Ach, hör auf, Klaus! Deine Lisa geht doch zum Karate. Die haut sich besser als jeder Junge!“, tröstete ihn sein Kumpel Bernd. Klaus lachte. Lisa, zehn Jahre alt, war tatsächlich ein Draufgänger. Ihre siebenjährigen Zwillinge Hannah und Lena waren ebenfalls nicht auf den Mund gefallen.

Doch der Traum vom Sohn ließ ihn nicht los…

Auch seine Töchter hatten einen Traum – ein Haustier.

„Kommt nicht in Frage. Ich halte es nicht aus, wenn hier dauernd so ein Gekläffe ist“, winkte Klaus bei den Bitten der Mädchen um einen Hund ab.

„Eine Katze ruiniert alle Tapeten. Hamster stinken. Papageien sind viel zu laut“, lehnte er alle weiteren Vorschläge ab.

Die Mädchen schmollten und waren richtig sauer.

„Bei Anna und Lea zu Hause wohnen zwei Hunde! Und es geht doch!“, empörte sich Lisa leise, aber der Vater blieb unnachgiebig.

„Uns fällt schon was ein“, tröstete Hannah, die nie aufgab.

Klaus’ Geburtstag rückte näher. Die Mädchen saßen in Lisas Zimmer und stritten sich, was sie dem Papa schenken sollten.

„Eine Thermoskanne? Ein Rasierset?“

„Nein, viel zu langweilig!“

„Dann denk du mal nach, wenn du so schlau bist! Wir malen eine Karte! In zwei Tagen ist das Fest!“

„Na super, Kindergarten-Niveau! Das Geschenk muss überraschend sein und in Erinnerung bleiben! Sagt Mutti doch immer.“

Die Diskussion dauerte schon eine halbe Stunde und drohte in eine Keilerei auszuarten, da klingelte das Telefon:

„Lisa, habt ihr den Müll rausgebracht?“, fragte Mama.

„Klar… haben wir nicht vergessen. Alles erledigt. Kommst du bald nach Hause?“, log Lisa ohne mit der Wimper zu zucken. Und als sie sicher war, dass Mama noch nicht kam, machte sie sich schnell fertig.

„Wir kommen mit!“, unterstützten die Zwillinge ihre Schwester.

„Ach, und wir gehen zu dritt mit einem einzigen Müllbeutel raus?“, runzelte Lisa die Stirn.

Doch nach ein paar Minuten verließ die ganze Bande das Treppenhaus.

„Hört ihr das? Da, bei der Mülltonne“, flüsterte Lena.

Die Mädchen blieben stehen und nickten. Als sie näher kamen, hörten sie ein klägliches Miauen aus dem Müllcontainer.

„Das kann doch nicht sein, dass da jemand ’ne Katze reingesteckt hat?“, meinte Lisa unsicher.

Hannah zuckte nur mit den Schultern und fing an, energisch die vollen Mülltüten aus dem Container zu ziehen.

Die Schwestern verkniffen sich das Gesicht und halfen mit. Als ob es gehört hätte, dass die Rettung nahe war, schrie die Katze verzweifelt auf.

„Hoffentlich springt sie uns nicht an. Warum kommt sie denn nicht von allein raus? Steckt sie fest?“, keuchte Lisa, während sie sich über den Rand des Containers beugte.

Von der anderen Seite wühlten Hannah und Lena eifrig.

Nach ein paar Minuten war die Antwort klar:

„Die Erwachsenen sind ja völlig verrückt geworden. Eine Katze in einen Müllsack zu packen und wegzuwerfen!“, empörte sich Lisa, während sie den knisternden Plastikbeutel aufband, in dem eine verängstigte rote Katze saß.

„So hübsch und zutraulich! Wie kann man so einen armen Kerl wegwerfen?“, seufzte Lena.

Die Katze kletterte sofort auf Lenas Arm und kuschelte sich zitternd an.

„Was habt ihr denn da wieder angerichtet, ihr kleinen Rabauken? Den ganzen Müll auf die Straße geschmissen! Ich werde mich bei euren Eltern beschweren! Na wartet, solange Vater und Mutter nicht da sind, treibt ihr euer Unwesen!“, schimpfte Frau Schmidt quer über den Hof.

Mit der resoluten Dame war nicht zu spaßen. Trotz ihres hohen Alters kam sie schnell auf die Mädchen zu.

„Abhauen“, kommandierte Lisa sofort.

Und die Schwestern rannten zum Treppenhaus. Hinter ihnen her hallten die wütenden Rufe von Frau Schmidt.

„Puh, das ist noch mal gut gegangen“, atmete Hannah auf, als sie die Wohnungstür zuschlug.

„Die verpetzt uns bestimmt. Ihr erinnert euch, wie wir das Fenster im Treppenhaus kaputt gemacht haben? Da stand sie sofort da und hat es noch am selben Abend Papa gesteckt“, schnaubte Lisa und erinnerte sich an ihre Streiche.

Klaus kam derweil von der Arbeit nach Hause. Er war bester Laune. Wochenende und Geburtstag standen bevor. Seit seiner Kindheit liebte er diesen Tag und freute sich darauf, ihn mit der Familie zu verbringen.

Plötzlich stand eine Wahrsagerin neben ihm:

„Eine unerwartete Gabe wartet auf dich, mein Lieber! Du wirst dich freuen, du wirst lachen!“, sagte sie schnell, berührte kurz seine Hand und verschwand.

„Komische Wahrsagerinnen heutzutage. Früher wollten sie immer erst das Geld sehen“, murmelte Klaus amüsiert vor sich hin und eilte nach Hause, ohne den Worten Bedeutung beizumessen…

Zu Hause wurde derweil hitzig diskutiert:

„Was schenkt Mama denn? Habt ihr’s rausbekommen?“, fragte Lisa ihre Schwestern, aber die zuckten nur mit den Schultern.

„Ich hab gefragt, aber Mama meinte, es sei eine Überraschung. Wir erfahren es, wenn es so weit ist“, antwortete Hannah.

Das war merkwürdig. Normalerweise bereitete Mama Papas Fest immer mit ihnen zusammen vor.

„Ich hab gesehen, wie sie was in einen Geschenkumschlag gesteckt hat. Vielleicht eine Reise ins Wellnesshotel? Erinnert ihr euch, sie haben von einem gemeinsamen Urlaub geträumt?“, überlegte Lena.

„Kann sein. Aber unsere Überraschung ist auch nicht schlecht. Die bleibt lang in Erinnerung und wird für Papa total unerwartet kommen“, kicherte Lisa.

„Hauptsache, er findet sie nicht vor der Zeit“, legte Hannah den Finger auf die Lippen.

Da klingelte es an der Tür, und die Mädchen stürzten zum Öffnen. Auf der Schwelle standen die Eltern.

„Ihr seid heute ja auffallend ruhig. Raus mit der Sprache: Was habt ihr schon wieder angestellt?“, meinte Ingrid und musterte ihre Töchter.

Doch die Schwestern beteuerten, alles sei in bester Ordnung.

„Wir haben sogar den Müll rausgebracht!“, meldete Lisa stolz.

„Schön. Und warum ist das Waschbecken so nass?“, fragte die Mutter und ging zum Waschbecken.

Die Mädchen wechselten Blicke.

„Entschuldigung, Mama, ich wollte mein T-Shirt waschen. Hab’s ein bisschen schmutzig gemacht“, senkte Lena die Augen.

„Kein Tag ohne Abenteuer!“, lachte Klaus. Er war bester Laune.

Die Mädchen verschwanden schnell in ihren Zimmern und gingen ohne Widerrede ins Bett.

„Da wächst eine richtige Mannschaft heran… Schau nur, wie brav sie heute sind. Bestimmt bereiten sie mir eine Überraschung“, sagte Klaus lächelnd zu seiner Frau und küsste sie.

„Eher die Ruhe vor dem Sturm“, meinte Ingrid skeptisch. Sie kannte ihre Töchter nur zu gut…

Sie waren schon eingeschlafen, da hörte man aus Lisas Zimmer ein Geräusch.

„Mir war, als hätte ich jemanden miauen hören“, flüsterte Klaus schlaftrunken.

Als sie das Kinderzimmer betraten, saß Lisa mit Hannah zusammen:

„Ich hatte einen bösen Traum, aber jetzt ist alles wieder gut. Ich schlafe bei Lisa, okay?“, sagte das Mädchen leise.

„Natürlich, Liebes. Braucht ihr wirklich keine Hilfe?“, fragte Ingrid.

Die Schwestern nickten, und der Rest der Nacht verlief ruhig…

Am Vorabend seines Geburtstags schlief Klaus schlecht. Er träumte wirres Zeug von einer rothaarigen Wahrsagerin, die miaute und ihn mit grellgrünen Augen anstarrte.

Endlich schlug er die Augen auf – und erstarrte. Direkt auf seiner Brust saß ein rotes Ungeheuer und bohrte seinen Blick in ihn!

„Miau“, begrüßte das Monster Klaus.

„Aaaaaah!“, entfuhr es dem Mann.

Ingrid fuhr hoch und versuchte zu begreifen, was los war.

„Was? Was ist das?“, stammelte der Geburtstagsgast, starrte auf die rote Katze, die sich bereits an seinen Füßen niederließ.

Ingrid blinzelte verständnislos.

„Ach, Papa! Du hast unsere Überraschung schon gesehen!“, kam Lisa mit betont munterer Stimme ins Zimmer.

Hinter ihr tauchten die Zwillinge auf:

„Herzlichen Glückwunsch zum Geburtstag, Papilein! Wir wollten dir ein unvergessliches Geschenk machen. Darf ich vorstellen: unser Miezi. Er ist ganz brav, ruhig und erzogen.

Übrigens lebt er schon seit zwei Tagen bei uns, und ihr habt es nicht mal gemerkt. Alle Sofas sind heil, die Tapeten auch“, redeten Hannah und Lena durcheinander.

Ingrid lachte, als Klaus nach Luft schnappte.

„Keine Sorge, Papa. Mama schenkt dir gleich eine Reise ins Wellnesshotel, und ihr erholt euch prima fern von uns. Und wir kommen hier allein klar“, platzte Lisa heraus.

„Welches Wellnesshotel? Moment, Mädels“, Ingrid sah ihre Töchter verwundert an.

„Aber dein Geschenk im Umschlag ist doch die Reise? Ich hab es selbst gesehen“, half Lena ihrer Schwester.

Ingrid lachte nervös.

„Scheinbar kann man in diesem Haus nichts geheim halten“, sagte sie schließlich.

„Aber was mach ich jetzt mit dem Biest?“, fragte Klaus ratlos und beobachtete, wie die Katze leise schnurrend an seinen Füßen lag.

„Weißt du, Papa, das ist einfach passiert. Wir sind auf den Hof gegangen und haben die Katze in einem Sack gefunden… im Müllcontainer. Und dann kam Frau Schmidt. Die hat so geschrien. Na, du kennst sie ja…“, begann Lisa.

„Wir haben uns erschrocken und sind Hals über Kopf nach Hause gerannt“, fügte Hannah autoritär hinzu.

„Irgendwie war die Katze dann plötzlich in der Wohnung. Aber wir konnten sie doch nicht wieder auf den Müll werfen? Wir haben sie sogar gewaschen und hübsch gemacht. Sie ist ganz ruhig und geduldig“, sagte Lena mit Tränen in den Augen.

Klaus seufzte. Ihm fielen die Worte der Wahrsagerin wieder ein – das unerwartete Geschenk.

„Na ja… Ein Geschenk ist das schon, das kann man wohl sagen“, murmelte er, während er die ganze ehrliche Bande betrachtete.

„Schatz, vielleicht haben die Mädchen recht. Die Katze tut einem leid. Was die wohl alles durchgemacht hat. Und sie sieht wirklich sanft und kuschelig aus“, kam Ingrid ihren Töchtern zu Hilfe.

Klaus seufzte, während er die Situation überdachte.

„Sie wird uns Mäuse fangen. Ganz bestimmt!“, brachte Hannah ein eisernes Argument.

„Aber wir hatten noch nie Mäuse“, sagte Klaus bedröppelt.

„Alles kann passieren. Ich hab neulich ein Rascheln hinter der Wand gehört“, unterstützte Lena ihre Schwester.

„Na gut, ihr kleinen Banditen. Dann mal sehen, wie ihr euch aufführt. Und wie sich Miezi benimmt“, lachte Klaus.

„Warum heißt sie eigentlich Miezi?“, wollte Ingrid wissen.

„Wenn man sie am Bauch kraul, macht sie so ein komisches Schnurren – das klingt wie ‚Miezi, miezi, miezi‘“, grinsten die Mädchen.

„Und was war eigentlich in dem Umschlag?“, fragte Lena nach.

Ingrid wurde ein bisschen rot. Dann holte sie eine kleine Schachtel mit einem Umschlag für ihren Mann.

„Das gibt’s doch nicht!“, rief Klaus aufgeregt und starrte auf den Inhalt des Umschlags. Er konnte die Tränen nicht zurückhalten.

*****

„Klar, ein kleiner Bruder ist toll. Aber ich finde, unsere Miezi hat bei Papa auch einen bleibenden Eindruck hinterlassen“, flüsterte Lena am Abend ihrer Schwester im Bett.

„Unsere Miezi ist eine Verräterin. Zwei Tage hat sie bei uns geschlafen, und heute ist sie zu den Alten rübergewandert“, brummelte Hannah.

„Ach, lass sie. Es ist ja schließlich Papas Katze“, kicherte Lena.

Klaus lag glücklich im Bett und lauschte dem Schnurren von Miezi.

„Was für ein beruhigendes Geräusch. Warum haben wir nicht schon früher eine Katze geholt? Keine Ahnung“, flüsterte er und drückte seine Frau an sich.

„Genieß die Ruhe, bald wird in diesem Haus nicht mehr an Schlaf zu denken sein“, lachte Ingrid.

„Weißt du, ich kann es kaum fassen, dass wir einen Sohn bekommen! Danke, mein Schatz, das ist das allerschönste Geschenk!“, lächelte Klaus und schloss die Augen vor Glück.

Leave a Reply

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: