– Gretel, du darfst jetzt nicht umfallen… Dein Mann hat gestern eine junge Frau aus der Frauenklinik abgeholt! – platzte es aus Renate heraus, als sie fast die morsche Klinke am Gartentor herausgerissen hatte.
Die Nachbarin japste schwer, ihr Gesicht war von dem schnellen Gehen und dem ungeheuren Geheimnis, das sie in sich trug, feuerrot. Sie war so eilig gewesen, dass sie die Gummistiefel im Flur nicht ausgezogen hatte und nun den frisch gewischten Linoleumboden verschmutzte.
Gertrud ließ langsam das schwere Bügeleisen aus Gusseisen auf den Tisch sinken. Das glühende Metall zischte auf dem feuchten Rand des Kissenbezugs, aber die Hausfrau bemerkte es nicht. Ihre Beine wurden taub und gehorchten nicht mehr, als gehörten sie nicht zu ihr.
Sie taumelte zurück und ließ sich schwer auf den Schemel fallen, den sie nur knapp nicht verfehlte. Eine Hand presste sie auf die Brust, dorthin, wo unter dem abgetragenen Kittel ihr Herz wild hämmerte.
Sie starrte Renate mit weit aufgerissenen Augen an und konnte keinen Ton aus der ausgetrockneten Kehle pressen. In ihrem Inneren zog sich alles zusammen.
– W… woher hast du das, Renate? – krächzte Gertrud kaum hörbar und klammerte sich mit den Fingern so fest an die Tischkante, dass die Fingerkuppen weiß wurden.
– Woher wohl! – Renate schlug aus lauter Überschwang die Hände zusammen und hätte fast das Salzfass vom Tisch gefegt. – Meine Gewatterin Veronika arbeitet in der städtischen Frauenklinik in der Küche, das weißt du doch! Sie hat es gestern selbst durchs Fenster gesehen. Sie sagt, Stefan wäre mit einem grauen Renault vorgefahren.
Er steigt aus, in den Händen ein riesiger Rosenstrauß, so ein rosafarbener, flauschiger. Und er wartet am Eingang. Dann kommt ein Mädel raus. Ganz jung, eine Grünschnabel, höchstens zwanzig, blonde Härchen, eingewickelt in ein Mäntelchen, das völlig unpassend für die Jahreszeit ist. Und eine Krankenschwester schleppt hinterher einen Umschlag mit Schleife. Stefan strahlt, nimmt den Umschlag ab, fasst das Mädel unter – und ab in den Wagen.
Veronika hat sich fast aus dem Fenster gelehnt, dachte, sie hätte sich getäuscht. Aber nein! Sein Kennzeichen, die drei Siebener, gibt’s weit und breit nur einmal! Jetzt reden auf der Straße alle nur davon. Die Frauen am Brunnen, sie klatschen. So was, der stille Stefan… Wer hätte das gedacht!
Welche junge Frau? Welches Datum? Gertrud weigerte sich, die Worte zu fassen; sie prallten an ihrem Bewusstsein ab wie Erbsen an einer Wand. – Renate, red keinen Unsinn. Was für ein Mädel? Er hat gestern vor dem Weggehen gesagt, er fährt zum Lager nach Ersatzteilen, in den Kreis! Er hat mir kein Wort gesagt… Wir sind fünfundzwanzig Jahre zusammen… Er hat noch nie…
Die Nachbarin verzog mitleidig die Lippen, schüttelte den Kopf und setzte sich auf die Kante des Stuhls, um Gertrud ins Gesicht zu sehen.
– Ach, liebe Gertrud… Die schweigen alle bis zum Letzten, diese Köter. Veronika sagt, sie sind eingestiegen und in Richtung Stadtausfahrt gefahren. Nicht zu uns ins Dorf, sondern irgendwo zu den Schrebergärten oder Neubauten. Halt dich fest. Männer werden im Alter verrückt, der Bart wird grau, der Teufel reitet sie. Komisch ist das, Gertrud. Ach, so komisch und schrecklich. So lange zusammenleben – und dann das…
Renate plapperte weiter, sie erzählte ähnliche Fälle von entfernten Verwandten, aber Gertrud nahm nichts mehr auf. Die Geräusche wurden zu einem dumpfen Rauschen. Sie starrte auf einen Punkt an der Wand – dort, wo ein alter Abreißkalender hing – ihr Blick verschwamm.
Ihr Stefan. Ihr zuverlässiger, stiller Stefan, der zu Hause noch nie ein lautes Wort gesagt hatte. Der sie jeden Morgen vor der Arbeit auf die Wange küsste, der sich an den Tag ihrer ersten Begegnung erinnerte und immer selbst alles reparierte, vom Bügeleisen bis zum Dach. Der Mensch, der ihr fester Halt gewesen war, hatte jetzt einfach ihre gemeinsame Vergangenheit ausgelöscht. Ein rosafarbener Strauß. Ein Umschlag mit Schleife. Ein junges Mädel.
– Gertrud? Wie geht’s dir? Soll ich dir was holen? Ein paar Tropfen Baldrian? Du bist so blass, das ist ja gar nicht gut – wurde Renate plötzlich besorgt, weil die Hausfrau gar nicht reagierte.
– Alles gut. Geh, Renate. Alles gut, ich komm schon zurecht – wiederholte Gertrud mechanisch. Ihre Stimme war zu einem leblosen Flüstern geworden.
Nachdem sie die neugierige Nachbarin hinausbegleitet hatte, schob Gertrud den schweren Riegel vor die Haustür. Sie lehnte sich mit dem Rücken an das kühle Holz des Türrahmens und rutschte langsam zu Boden. Die Luft blieb ihr weg. In der Brust zog sich alles vor Schmerz zusammen.
Sie hätte schreien, heulen, etwas zertrümmern mögen, aber in ihr war nur eine dumpfe, lähmende Schwäche. Sie hatte ihren Mann nie kontrolliert. Nie in seinen Taschen gekramt, nie sein Handy geprüft, nie Szenen wegen Verspätungen gemacht. Sie hatte ihm bedingungslos vertraut wie sich selbst. Sie hatten die Tochter großgezogen, in der Stadt studieren lassen, verheiratet.
Sie lebten ruhig, und nun dieser Schlag. So vernichtend, dass man sich nicht wieder aufraffen kann. Eine Frauenklinik. Das war nicht bloß ein Seitensprung, keine zufällige Affäre auf einer Dienstreise. Das war ein Kind. Ein neues Leben. Eine neue Familie, die er heimlich gegründet hatte.
Gertrud erhob sich mühsam, die Übelkeit überwindend. Langsam, wie eine Hundertjährige, ging sie ins Wohnzimmer, zum Kommodentisch, auf dem ihr Handy lag. Die Finger gehorchten nicht; sie drückte dreimal daneben, verwechselte die Symbole. Endlich leuchtete der Name „Stefan“ auf. Sie wählte und hielt das Gerät ans Ohr.
Die Freizeichen schienen endlos. Jedes klang wie ein schmerzhafter Puls. Eine Ewigkeit verging, bevor am anderen Ende die vertraute, leicht heisere Stimme ihres Mannes ertönte:
– Ja, Gertrud, hallo. Wieso rufst du so früh an? Ist was passiert?
Gertrud schluckte krampfhaft, versuchte ihren Atem zu beruhigen und ihre Stimme so alltäglich wie möglich klingen zu lassen. Es kostete sie ungeheure Mühe, nicht loszuheulen.
– Hallo, Stefan… Nein, nichts passiert. Ich wollte nur… fragen, wie’s dir geht. Alles klar auf dem Lager? Wann denkst du nach Hause zu kommen?
– Ach, hier… viel zu tun, Gertrud – zögerte Stefan einen Moment, eine seltsame Hektik lag in seiner Stimme. Im Hintergrund hörte Gertrud deutlich ein leises Piepsen, dann einen gedämpften weiblichen Seufzer. – Die Ersatzteile verzögern sich, ich muss selbst noch was klären. Ich komme heute wohl spät. Oder ich übernachte gleich bei Michaels Laube, damit ich nicht im Dunkeln fahren muss. Mach dir keine Sorgen, ja? Iss was und geh schlafen. Warte nicht auf mich.
– Stefan… – Gertrud stockte der Atem. – Hast du… wirklich keine Neuigkeiten? Nichts, was du mir sagen möchtest?
Stille in der Leitung. Man spürte förmlich, wie ihr Mann am anderen Ende fieberhaft nach Worten suchte. Als er wieder sprach, klang seine Stimme dumpf und gespannt wie eine Saite:
– Gertrud… Lass uns später reden. Ich komme morgen oder übermorgen, und dann setzen wir uns in Ruhe hin. In Ordnung? Alles ist gut, mach dir keine Gedanken.
– Ich mache mir auch keine – antwortete Gertrud leise und spürte, wie die letzte Wärme in ihr erlosch und einer toten, arktischen Leere wich. – Ich warte.
Sie drückte auflegen und ließ das Handy auf die Kommode fallen. Er hatte nicht gestanden, hatte gelogen und etwas verheimlicht. Von Lager und von Michaels Laube erzählt, obwohl man ihn an der Frauenklinik mit einem Säugling gesehen hatte. Zum ersten Mal in fünfundzwanzig Jahren hatte Stefan sie belogen. Warum? Respektierte er sie so wenig? Hatte dieses junge Ding ihn so geblendet, dass er ihr gemeinsames Leben wegwerfen konnte? In ihrem Inneren zog sich alles zusammen und wurde zu Eis.
Gertrud fand keinen Schlaf. Sie lag im breiten Ehebett und verfolgte die Schatten der vorbeifahrenden Autoscheinwerfer, die langsam über die Wände und die Decke krochen. Jedes Mal, wenn Licht näher kam, zuckte sie zusammen: „Er? Kommt er?“
Aber der Wagen brauste vorbei. Das Laken war zerknittert, das Kissen unbequem. In ihren Gedanken drehte sich unerbittlich dasselbe Bild des Verrats. Vielleicht hatte Veronika sich geirrt? Das Auto verwechselt? Aber die drei Siebener… Stefans Wagen, den kannte sie genau. Und diese Frauenstimme am Telefon… Und das schuldbewusste „Reden wir später“. Alles passte zusammen.
Am Morgen war Gertrud nur noch ein Schatten. Das Gesicht war eingefallen, die Haut fahl. Sie goss sich Tee ein, aber nicht ein Schluck ging hinunter – ihr Hals war wie zugeschnürt, jede Nahrung schmeckte bitter.
Die Ungewissheit wurde unerträglich. Mittags wählte sie erneut seine Nummer. Stefan hob sofort ab, als hätte er auf den Anruf gewartet.
– Gertrud, ich weiß, dass du nicht einfach so anrufst – kam er ihr zuvor. Seine Stimme klang unendlich müde und schuldbewusst. Dieser Ton machte alles noch schlimmer – die letzten Illusionen zerrannen. – Renate war schon bei dir, oder? Ich hab’s geahnt. Die hat eine lose Zunge, das ganze Dorf weiß Bescheid…
– Ich habe es gehört, Stefan – sagte Gertrud leise, aber erstaunlich gefasst, obwohl es in ihr bebte. – Also stimmt es? Du hast sie von der Klinik abgeholt? Die Junge? Und das Baby… deins?
– Gertrud, um Gottes willen, was redest du da! – In Stefans Stimme lag Verzweiflung. – Es ist ganz anders, als man dir eingeredet hat! Bitte, ich flehe dich an, tu nichts Unüberlegtes. Ich fahre jetzt nach Hause. Wir sind schon unterwegs. In einer Stunde bin ich da. Ich erkläre dir alles. Bitte, warte auf mich.
– Wer ist „wir“, Stefan? – fragte sie, aber in der Leitung waren nur noch kurze Freizeichen.
Diese eine Stunde Wartezeit wurde zur längsten ihres Lebens. Sie verriegelte die Tür, zog die Vorhänge zu. Sie hatte das Gefühl, wenn sie nach draußen ginge, würden alle Nachbarn mit Fingern auf sie zeigen. Das ganze Dorf schien an den Fenstern zu kleben und das Drama zu beobachten. Gertrud fühlte sich schutzlos vor den fremden Blicken.
Als am Gartentor der vertraute Motor des Renault aufheulte, zuckte Gertrud zusammen. Der Atem stockte. Sie ging zum Fenster und schob den Vorhang einen Spalt zur Seite. Stefan stellte den Motor ab, stieg aus. Er sah furchtbar aus: eingefallen, unrasiert, die Jacke offen. Er ging um den Wagen herum und öffnete die Beifahrertür.
Langsam, vorsichtig stieg ein junges Mädchen aus. Gertrud musterte sie: ganz jung, blass wie ein Porzellanpüppchen, die blonden Haare zu einem nachlässigen Knoten gebunden. Sie hielt ein Bündel in einer warmen Decke an die Brust gedrückt und sah sich ängstlich um, als erwarte sie einen Angriff.
Gertrud schluckte bitter. Für einen Moment wollte sie hinausstürzen, einen Skandal machen, beide aus dem Hof jagen. Aber etwas an dem Mädchen – eine Verletzlichkeit und tiefe Trauer in den Augen – ließ sie innehalten.
Die Tür zum Flur knarrte. Stefan trat zuerst ein, hinter ihm schüchtern das Mädchen mit dem Bündel.
– Gertrud… – sagte Stefan leise und sah seine Frau mit einem flehenden, schmerzerfüllten Blick an. – Bitte, hör mich an. Fäll kein vorschnelles Urteil.
Gertrud stand schweigend da, die Arme verschränkt, und mühte sich, ihr Gesicht zu wahren, nicht zu zeigen, wie sehr sie zitterte.
– Darf ich vorstellen, Gertrud… Das ist Alena. Und das… das ist der kleine Sohn von Anton. Von Anton Kowalski, meinem Großneffen zweiten Grades, erinnerst du dich? Der damals auf der Bohrinsel im Norden gearbeitet hat…
Gertrud runzelte kurz die Stirn. In ihrer Erinnerung tauchte das Gesicht eines fröhlichen jungen Kerls auf, eines Waisenkindes namens Anton, der ein paar Mal zu Besuch gekommen war und den Stefan sehr mochte, fast wie einen eigenen Sohn.
– Anton? Was hat der damit… – begann Gertrud, da fiel ihr Blick auf Alena. Das Mädchen begann lautlos zu weinen, dicke Tränen rollten über die blassen Wangen und fielen direkt auf den Umschlag mit dem Säugling.
– Anton ist tot, Gertrud – sagte Stefan dumpf, und seine Stimme zitterte selbst. – Vor zwei Monaten. Ein Unfall auf der Bohrinsel, eine Platte hat ihn erdrückt. Alena war damals im siebten Monat. Sie hatten noch nicht geheiratet, immer aufgeschoben, wollten es kurz vor der Geburt tun. Von Verwandten hat sie niemanden, sie ist selbst im Heim aufgewachsen.
– Als Anton starb, haben seine Kollegen ihr geholfen, sie in die Stadt gebracht, eine vorläufige Wohnung gemietet. Vor drei Tagen bekam sie Wehen. Sie rief mich von Antons altem Handy an, weinte, wusste nicht wohin, kein Geld, der Vermieter wollte sie rauswerfen, weil sie nicht zahlen konnte… Was sollte ich machen, Gertrud? Wie hätte ich Antons Andenken verraten können? Er war selbst ein Waisenkind, und nun sein Sohn… auch ohne Vater.
Stefan trat näher zu seiner Frau.
– Ich bin ein Idiot, Gertrud. Ich hatte Angst, dir sofort die Wahrheit zu sagen. Dachte, du würdest eifersüchtig werden, nicht verstehen, warum ich einem fremden Mädel helfe, warum ich diese Rosen gekauft habe – um ihr wenigstens ein bisschen Freude zu machen, damit sie sich nicht ganz verlassen fühlt auf dieser Kliniktreppe, wo alle von ihren Männern abgeholt werden… Ich habe es dir verschwiegen, mich im Lager gedrückt, ihr bei den Papieren geholfen, die Beihilfen zu beantragen. Vergib mir. Aber ich konnte Antons Sohn nicht am Bahnhof zurücklassen. Das ging nicht.
Gertrud hörte ihrem Mann zu, und mit jedem Wort zerbröselte und schmolz die Eispanzerung, die ihr Herz in den letzten vierundzwanzig Stunden umgeben hatte. Mein Gott, wie dumm sie gewesen war. Was für eine idiotische Klatschtante diese Renate war. Ihr Mann hatte sie nicht betrogen. Ihr Stefan war immer noch derselbe edle, reine, ehrliche Mensch, den sie einst geheiratet hatte. Er war einfach nicht an fremdem Leid vorbeigegangen.
Sie sah Alena an. Das Mädchen stand da, halb tot vor Müdigkeit und Angst, drückte das quietschende Bündel an sich und blickte Gertrud an wie eine strenge Richterin, von deren Entscheidung ihr Leben abhing.
– Ach du lieber Himmel… – hauchte Gertrud, und sie spürte, wie ihr selbst die Tränen der Erleichterung und des Mitleids aus den Augen schossen. – Warum steht ihr denn da auf der Schwelle? Zieht die Schuhe aus, Alena, komm herein. Stefan, hol ihre Taschen. Und ich hier… hab mir solche Gedanken gemacht. Alte Närrin.
Sie lief zu dem Mädchen, nahm ihr behutsam das Bündel mit dem Kleinen aus den zitternden Armen. Das Baby darin regte sich, schürzte die winzigen Lippen. Gertruds Mutterherz schmolz endgültig.
– Kommt ins Wohnzimmer, dort ist ein weiches Sofa. Ich setze gleich Wasser auf, ich füttere dich, du bist bestimmt hungrig direkt aus dem Krankenhaus… Stefan, schnell, hol den Heizlüfter ins Zimmer, das Kind braucht Wärme!
Im Haus begann ein ganz anderes, ungewohntes Leben. Die ersten Tage tappte Alena wie auf einem Minenfeld: sie wagte kaum, sich irgendwo hinzusetzen, versuchte dauernd zu helfen, griff nach Lappen und Geschirr, trotz der Schwäche nach der Geburt. Sie entschuldigte sich ständig und sah Gertrud mit scheuer Dankbarkeit an.
Doch Gertrud nahm alles selbst in die Hand. Wie eine erfahrene Mutter umsorgte sie die junge Frau und den Kleinen, den sie nach dem Vater Anton genannt hatten.
– Also, Alena, setz dich hin und wag es nicht, den Eimer zu nehmen! – sagte Gertrud streng, aber mit einem Lächeln, und nahm ihr den Mopp ab. – Du musst dich erholen, das Kleine stillen. Deine Aufgabe ist jetzt Ruhe und für den Sohn sorgen. Mit dem Haushalt werden Stefan und ich schon fertig. Wir haben genug Platz, das Haus ist groß, Gott sei Dank. Bleibt, solange ihr wollt, niemand jagt euch weg.
Nach und nach schmolz das Eis aus Misstrauen und Angst in Alenas Seele. Sie erkannte, dass ihr hier niemand den Bissen Brot vorwerfen würde. Auf den blassen Wangen erschien eine gesunde Röte, sie lächelte öfter, und ihre großen grauen Augen glichen nicht mehr dem Blick eines gehetzten Tieres.
Das Haus, das Gertrud nach dem Auszug der erwachsenen Tochter leer vorgekommen war, füllte sich plötzlich mit lebendigen Geräuschen: leisem Gurren des Säuglings, Rauschen der Waschmaschine und langen abendlichen Gesprächen.
Alena entpuppte sich als ungewöhnlich feinfühliges und liebes Mädchen. Abends, wenn der kleine Anton eingeschlafen war, saßen sie mit Gertrud in der Küche bei einem traditionellen Kräutertee. Alena erzählte von ihrem einfachen Leben im Heim, wie sie Anton kennengelernt hatte, wie er ihr ein richtiges Zuhause versprach.
– Er hatte Onkel Stefan so gern – sagte Alena leise und blickte in die Flamme des Gasherds. – Er sagte immer, wenn er groß ist und auf eigenen Beinen steht, baut er ein Haus wie eures, und seine Familie wird genauso fest zusammenhängen. Ich habe bis zuletzt nicht geglaubt, dass es solche Menschen auf der Welt gibt wie euch. Ich dachte, Onkel Stefan bringt mich hierher, und Sie werfen mich raus… Und Sie hätten jedes Recht dazu. Wer bin ich schon für Sie? Eine Fremde.
– Du dummes Kind, Alena. Wie könnte Antons Sohn uns fremd sein? Und du bist jetzt auch nicht mehr fremd. Das Leben, weißt du, es ist kompliziert. Manchmal wirbelt es einen so durcheinander, dass man nicht weiß, wo man hinfällt. Die Hauptsache ist, in der dunkelsten Stunde begegnet einem ein Mensch, der die Hand ausstreckt.
Ein Monat verging. Der kleine Anton hatte ordentlich Pausbacken bekommen und plapperte schon fröhlich, zur Freude von Stefan, der nach der Arbeit als Erstes zum Kinderbettchen lief – Hände waschen und mit dem Kleinen schmusen. Stefan schien um zehn Jahre verjüngt: die alte Tatkraft kehrte in seine Augen zurück, er fühlte sich wieder als Oberhaupt einer großen, auf ihn angewiesenen Familie.
An einem Wochenende, als Alena mit dem Kinderwagen durch die ruhige Dorfstraße spazierte, ging Gertrud in die Garage zu ihrem Mann. Stefan sortierte Werkzeug und summte leise vor sich hin.
– Stefan, ich muss mit dir reden – sagte Gertrud sanft und setzte sich auf einen sauberen Hocker an der Werkbank.
Sofort legte Stefan die Schraubenschlüssel beiseite und sah seine Frau mit leichter Besorgnis an. Instinktiv erwartete er immer noch, dass diese Geschichte ihr Leid zufügen könnte.
– Was ist, Gertrud? Hat Alena dich geärgert? Oder dem Kleinen geht’s nicht gut?
– Nein… mit euch ist alles in Ordnung – lächelte Gertrud. – Ich habe mir Gedanken gemacht. Alena will ja in die Stadt, sobald der Kleine drei Monate alt ist. Ein Zimmer suchen, Arbeit finden, das Kind in die Krippe geben… Aber wohin soll sie gehen? Ganz allein, ohne Hilfe, in fremden Ecken?
Stefan seufzte schwer und senkte den Kopf.
– Darüber habe ich auch schon nachgedacht, Gertrud. Mir ist nicht wohl dabei. Aber ich kann ihr nicht befehlen, bei uns zu bleiben. Sie ist jung, sie wird sich schämen, ewig auf der Tasche von Fremden zu liegen.
– Dann machen wir, dass sie sich nicht schämt – sagte Gertrud entschlossen. – Was hältst du davon, wenn wir ihr den alten Gästeflügel ausbauen? Eine schöne, warme Wohnung mit eigener Küche und eigenem Eingang. Lass sie nebenan wohnen. Das ist eine Stütze für uns im Alter – der Enkel wächst nebenan auf –, und sie hat ein festes Dach über dem Kopf. Wir können jederzeit mal nach dem Kleinen sehen, während sie zur Arbeit oder zur Schule geht. Was meinst du dazu, Vater?
Stefan stockte. Er sah seine Frau mit einer solchen Hingabe und grenzenlosen Liebe an, dass Gertrud wieder, wie in jungen Jahren, ein süßes Ziehen in der Brust spürte.
– Gertrud… Du bist ein Goldstück. Ich habe mich nicht getraut, das anzusprechen, aus Angst, du würdest sagen, ich häng dir eine Last an. Danke, mein Schatz.
– Ach, Last – lachte Gertrud und stupste ihn leicht in die Schulter. – Das ist ein Glück, Stefan. Wenn im Haus Kinderlachen erklingt, das ist das Leben. Geh zu Alena, sag es ihr selbst, freu das Mädchen, sonst hat sie sich bestimmt schon die Augen ausgeweint beim Gedanken an den Umzug.
Am Abend versammelte sich die ganze Familie um den großen runden Tisch auf der Veranda. Eine gestärkte weiße Tischdecke, der große Samowar in der Mitte, ein Berg duftender Pasteten mit Kohl und Beeren, die Gertrud und Alena den ganzen Nachmittag über zusammen gebacken hatten.
Ein leichter, kühler Wind bewegte die Spitzenvorhänge und trug den süßen Duft der blühenden Apfelbäume aus dem Garten herein. Die Sonne senkte sich langsam zum Horizont und färbte den Himmel in zarte Purpur- und Goldtöne.
Stefan hielt vorsichtig den stillen kleinen Anton auf dem Arm, der lustig Blasen blies und mit seinen winzigen Fingerchen nach dem Finger des Großvaters griff. Alena saß daneben, ihr Gesicht strahlte stilles, unbekümmertes Glück aus – Stefan hatte ihr bereits von ihrem Entschluss wegen des Gästeflügels erzählt, und das Mädchen konnte ihr Glück noch immer nicht fassen.
Gertrud sah aus dem Küchenfenster, während sie den Aufguss in die große Porzellankanne goss. Auf ihrem Gesicht, das noch die Spuren der vergangenen Aufregung trug, blühte ein sanftes, tiefes Lächeln.
„Na also“, flüsterte sie leise. „Und ich habe in Panik gemacht, das Leben begraben wollen. Das Leben ist weiser als wir. Erst schlägt es einem mit dem Hammer auf den Kopf, prüft, ob man bricht, und dann schenkt es einem ein Geschenk, von dem man nicht zu träumen wagte. Die Hauptsache ist, menschlich zu bleiben, nicht zu verbittern.“
Sie ließ den Blick auf ein altes Hochzeitsfoto im Rahmen auf der Anrichte schweifen. Darauf waren sie und Stefan – ganz jung, fröhlich, sahen einander mit verrückter Verliebtheit an. Gertrud lächelte dem Bild zu und dachte: „Alles ist gut bei uns, mein Stefan. Wir haben alles richtig gemacht. Du bist ein Goldmann, und unsere Familie – schau, wie groß sie geworden ist.“
Sie trug die Kanne auf die Veranda und stellte sie in die Tischmitte.
– Also, meine liebe Familie – sagte Gertrud und hob ihre Tasse mit dem duftenden Tee. – Lasst uns auf unser Haus trinken. Dass es darin immer warm bleibt, dass keine bösen Zungen und kein Klatsch das zerstören können, was wir aufbauen. Auf dich, Alena, und auf den kleinen Anton. Wachs heran zur Freude von Oma und Opa!
– Danke, Tante Gertrud, Onkel Stefan – sagte Alena mit Tränen in den Augen, aber heller Stimme, und drückte fest Gertruds Hand. – Ich werde euch nie enttäuschen. Wir sind jetzt für immer zusammen.
Stefan nickte stumm, seine Augen glänzten in den Strahlen der untergehenden Sonne, und der kleine Anton auf seinem Arm nieste plötzlich laut, sodass alle gemeinsam und fröhlich auflachten. Über der Veranda lag der warme Sommerabend, und in Gertruds Innerem breitete sich ein stilles, unerschütterliches Glück aus.