Erstmal so lassenDoch eines Tages würde sich zeigen, dass dieses vorläufige Behalten seine eigenen Folgen hatte.

„Mama, kannst du mir bitte Geld geben? Heike hat Geburtstag, neunzehn Jahre alt. Sie will den Tag nur mit mir verbringen. Wir fahren zu zweit in die Stadt, setzen uns ins Café. Ich kauf ihr ein Geschenk, bestelle was zu essen, machen einen Spaziergang und dann fahren wir wieder zurück ins Dorf“, sagte Matthias zu seiner Mutter.

Helga Müller lächelte: „Na gut, mein Junge. Diesmal lädt Heike wohl keine Freundinnen ein. Vielleicht ist das sogar besser, so zu zweit feiert ihr in Ruhe.“

Der Sohn verheimlicht seiner Mutter nichts, er erzählt oft, mit wem er sich getroffen hat und wo er war. Gerade sind Sommerferien, er besucht die Bauhandwerksschule, nächstes Jahr macht er seinen Abschluss. Heike stammt aus demselben Dorf, ist ein Jahr jünger als Matthias. Helga Müller mag sie eigentlich ganz gern – das Mädchen raucht nicht, studiert zwar nach der Schule nicht weiter, arbeitet aber als Verkäuferin im örtlichen Laden.

Helga Müller holte ein paar Scheine aus dem Portemonnaie und reichte sie ihrem Sohn: „Hier, nimm. Aber übertreib es nicht mit dem Luxus. Und kommt früh zurück, bei Dunkelheit muss man nicht durchs Dorf laufen.“

Matthias drückte seiner Mutter einen Kuss auf die Wange, steckte das Geld in die Jeanstasche und zog seine Turnschuhe an. Im Dorfbus war es stickig, aber er fuhr bei offenem Fenster, der Wind wehte durch seine hellen Haare. Heike saß neben ihm in einem leichten Kleid mit Tupfen, den kleinen Rucksack auf dem Rücken.

„Alles Gute zum Geburtstag, du strahlst ja richtig“, sagte er, als sie an der Haltestelle zustieg.

„Danke“, lächelte Heike und rückte den Rucksackriemen zurecht. „Stell dir vor, ich hab zum ersten Mal in meinem Leben beschlossen, dass ich nicht mit einer ganzen Meute feiern will, sondern … na ja, einfach nur mit dir. Nicht laut, nicht besoffen. Einfach, damit ich mich dran erinnere.“

Als sie aus dem Bus stiegen, nahm er ihre Hand, und sie gingen die Hauptstraße entlang, vorbei an Schaufenstern, an einem Springbrunnen, dessen Spritzer auf dem heißen Asphalt verdunsteten. Matthias kaufte ihr einen Strauß roter Rosen. Sie sagte, sie liebe Rosen, und bedankte sich.

Im Café war es gemütlich, leise Musik spielte, es roch nach Vanille und Kaffee. Sie bestellten etwas zu essen, zum Nachtisch brachte der Kellner eine kleine Torte mit einer einzigen Kerze. Als er das Licht anzündete, schloss Heike die Augen, wünschte sich etwas und pustete die Flamme aus.

„Verraten?“, fragte Matthias.

„Darf man nicht“, sagte sie mit einem schelmischen Zwinkern. „Aber wenn es in Erfüllung geht, sag ich’s dir.“

Am Abend bummelten sie über die Uferpromenade, aßen Eis, lachten und fotografierten sich vor dem Sonnenuntergang. Gegen halb elf stiegen sie in den letzten Linienbus zurück ins Dorf.

Zu Hause brannte Licht. Helga Müller hatte, wie versprochen, auf dem Tisch unter einem Küchentuch warme Apfeltäschchen bereitgestellt und frischen Tee aufgebrüht. Als sie Schritte hörte, kam sie in den Flur – Matthias kam mit Heike herein.

„Na, Geburtstagskind, hat sich dein Wunsch erfüllt?“, fragte sie und umarmte Heike.

„Noch nicht“, lächelte die. „Aber heute war wohl der schönste Tag, an den ich mich noch lange erinnern werde.“

Matthias stand daneben, zerzaust, glücklich, sah seine Mutter und das Mädchen an, das er liebte, und fühlte, dass er in diesem Moment alles hatte. Nicht zu viel, nicht zu wenig. Genau so viel, wie man zum Glücklichsein braucht.

Der Abend nach Heikes Geburtstag zog sich weit nach Mitternacht hin. Helga Müller war ins Schlafzimmer gegangen, im Wohnzimmer lief leise Musik, und Matthias und Heike saßen auf dem Boden, auf dem Couchtisch die Reste der Apfeltäschchen und ein paar Bonbons. Sie redeten über dies und das: über die Schule, über die Arbeit im Laden, darüber, dass Matthias im Herbst vielleicht ein Praktikum in der Kreisstadt machen würde.

„Die Täschchen sind kalt geworden“, sagte Helga Müller, als sie in der Tür stehen blieb. „Soll ich sie warm machen?“

„Nein, Mama, wir sind satt“, antwortete Matthias und sah auf. „Leg du dich hin, morgen musst du ja arbeiten. Ich bring Heike noch nach Hause.“

Helga Müller nickte, aber sie ging nicht sofort. Sie setzte sich auf die Kante des Sessels, sah Heike an und sagte plötzlich: „Weißt du, als Matthias etwa zehn war, hat er mal fünf Kinder mit nach Hause gebracht. Es goss wie aus Kübeln, alle waren nass, dreckig, mit Stöcken bewaffnet wie Räuber. Ich kam von der Arbeit, und hier … Lärm, Chaos, das ganze Haus voller Kinder.“

Heike sah sie fragend an.

„Ich habe ihnen allen Kakao mit Milch gemacht, Omas selbstgemachte Marmelade rausgeholt. Ich selbst setzte mich in die Ecke mit einem Buch und hörte zu. Sie stritten so lustig darüber, wer Piratenkönig wird, und Matthias – du hättest ihn sehen sollen“, die Mutter lächelte, „er setzte alle auf ihre Plätze, sagte jedem, welche Tasse seine ist, und ließ niemanden außen vor. Da wusste ich: Wenn mein Junge von klein auf Freundschaft lernt, dann wird er auch lieben können.“

Matthias kratzte sich verlegen am Hinterkopf, und Heike legte seine Hand auf ihr Knie und sagte leise: „Meine Mutter hat immer gesagt, im Haus muss Stille herrschen. Ich habe nie Freundinnen mitgebracht. Nicht mal aus der Schule habe ich mich getraut, Mädchen einzuladen. Darum … als Matthias sagte, bei euch sei alles erlaubt, hab ich’s zuerst nicht geglaubt.“

Helga Müller stand auf, trat zu Heike und legte ihr die Hand auf die Schulter: „Stimmt. Wenn du magst, komm morgen zum Tee. Ich backe morgens wieder Krautstrudel.“

Heike hielt es nicht aus, sie fiel ihr um den Hals, vergrub das Gesicht an ihrer Schulter und flüsterte: „Danke.“

Matthias sah die beiden an und schwieg, aber in seiner Brust war es warm und ruhig, wie an jenem verregneten Abend seiner Kindheit, als die Mutter Kakao an die Piraten verteilte. Als Matthias Heike nach Hause brachte, schlief Helga Müller bereits.

Zurückgekehrt ging Matthias in sein Zimmer, konnte aber lange nicht einschlafen. Er sah den Mond vorm Fenster und dachte darüber nach, wie seltsam das Leben spielt: Man wird älter, und alles kommt zurück zu dem, was man als Kind gelernt hat. Wenn die Mutter damals fremde Kinder ins Haus ließ, damit er keine Angst vor Menschen hat, dann hatte er jetzt Heike in sein Herz gelassen, um keine Angst vor der Liebe zu haben.

Er wusste, dass er Heike morgen wiedersehen würde, übermorgen auch, und jeden Tag, solange Ferien sind. Und dann wird man weitersehen. Hauptsache, sie haben einander, und Mama ist da, und niemand hat Angst.

Ein paar Tage später lud Helga Müller Heike selbst zum Mittagessen ein. Sie deckte den Tisch, stellte Kirschknödel hin, und als das Mädchen zögernd über die Schwelle trat, sagte sie: „Komm rein, Tochter. Setz dich. Bei uns ist es einfach: Was da ist, wird gegessen. Ich weiß, dass deine Mutter keine Gäste erlaubt hat, aber jetzt bist du kein Gast mehr, sondern gehörst dazu. Und merk dir: Unser Haus ist immer auch deins.“

Etwa eine Woche war seit jenem denkwürdigen Geburtstag vergangen. Der Sommer war heiß und staubig, und das Dorf lebte seinen gewohnten Trott: Gärten gießen, abends auf den Bänken sitzen. Helga Müller kam gerade mit Einkäufen aus dem Laden, als sie an der Kreuzung auf Karin traf, Heikes ältere Schwester. Karin schob einen Kinderwagen, in dem friedlich ihr halbes Jahr alter Sohn vor sich hin schnarchte.

„Guten Tag, Tante Helga“, rief Karin. „Lange nicht gesehen. Wie geht’s?“

„Gott sei Dank, wir leben so vor uns hin“, antwortete Helga und zog die Einkaufstüte zurecht. „Und bei dir? Der Kleine ist ja schon gewachsen.“

„Wächst, ja“, lächelte Karin. „Ach, anstrengend, aber natürlich auch ein Glück. Ich hab übrigens von Heike gehört, wie sie mit Matthias Geburtstag gefeiert hat. Sie hat ganz begeistert erzählt!“

Helga Müllers Gesicht strahlte: „Na, wie auch nicht? Es ist schließlich die Freundin meines Sohnes, da lasse ich ihn doch fahren. Er ist ein ernster Junge, macht keine Faxen. Geschenk ausgesucht, Abendessen bestellt – kurzum, er hat alles getan, damit sie sich dran erinnert.“

„Ja, Matthias ist wirklich ein Prachtkerl“, stimmte Karin zu. „Ein netter, wohlerzogener junger Mann. Nicht wie manche hier, die nur in ihren Handys hängen und kein freundliches Wort rauskriegen.“

Sie plauderten noch ein bisschen über das Wetter, über die Preise, über die bald beginnende Heuernte. Karin wollte den Kinderwagen schon weiterschieben, da zögerte sie, und dann sagte sie wie beiläufig: „Eigentlich ist Ihr Matthias schon ein toller Typ. Das hab ich auch zu Heike gesagt. Aber wissen Sie, was sie mir da geantwortet hat … Also, das bleibt unter uns. Sie meinte, er sei nicht so ganz ihr Fall, aber er täte es, solange kein anderer da ist. Lieber mit ihm als allein, hat sie gesagt. Verzeihen Sie, Tante Helga, vielleicht rede ich zu viel, aber Sie sind ja eine von uns, Sie verstehen das schon.“

Karin zuckte mit den Schultern, lächelte entschuldigend und schob den Wagen weiter, während Helga Müller mit offenem Mund mitten auf der Straße stehen blieb. Die Lebensmittel in der Tüte schienen plötzlich schwer zu sein, die Sonne zu grell.

„Na so was“, schoss es ihr durch den Kopf. „Also hält sie ihn nur als Reserve … Und Matthias steckt sein ganzes Herz rein, schenkt ihr was, feiert ihren Geburtstag, und sie … wie ein Gegenstand, den man ins Regal stellt, bis was Besseres kommt.“

Helga Müller kam verstimmt nach Hause. Sie setzte schweigend den Wasserkocher auf, schüttete Mehl in eine Dose, aber alles fiel ihr aus den Händen. Am liebsten hätte sie es ihrem Sohn sofort erzählt, doch sie hielt sich zurück. Matthias war erwachsen, er musste selbst klarkommen. Aber das Mutterherz schmerzte.

Zwei Tage vergingen. Matthias war mürrisch, antwortete einsilbig, und selbst Mamas geliebte Apfeltäschchen konnten seine Laune nicht heben. Helga Müller hielt es nicht mehr aus und fragte abends, als er auf der Veranda saß und in den Himmel starrte, vorsichtig: „Mein Junge, ist alles in Ordnung mit Heike?“

Matthias schwieg eine Weile, dann presste er durch die Zähne: „Alles, Mama. Alles vorbei. Gestern hab ich mich mit den Jungs getroffen, die haben gehört … naja, Heike erzählt überall rum, dass ich ihr nicht so wichtig sei, sie sei nur mit mir zusammen, bis sie jemanden ‚Besseren‘ findet. Und mir hat sie ins Gesicht gesagt, sie liebt mich, ich sei ihr Einziger …“

Seine Stimme brach. Helga Müller setzte sich neben ihn, legte ihm die Hand auf die Schulter: „Dann hättest du dich, mein Junge, nicht in so ein Mädchen verlieben sollen. Sie hat wohl nicht verstanden, was echt ist. Sei nicht böse, aber eine Mutter sieht, wer mit guten Absichten kommt und wer nur so daherguckt.“

„Ich hab sie gestern selbst angerufen“, fuhr Matthias fort. „Hab gesagt, ich weiß Bescheid. Erst redete sie, das sei nicht wahr, die Freunde hätten alles durcheinandergebracht. Und dann, Mama, ist sie ausgeflippt und hat gesagt: ‚Na und, wenn ich das gedacht hab? Was hast du erwartet? Ich bin jung, ich muss mir was aussuchen. Du bist nicht der Hübscheste und nicht der Reichste, aber ich bin ja noch mit dir …‘“

Helga Müller japste und drückte ihren Sohn an sich: „Mein Gott … Verzeih ihr, mein Junge, trag ihr nichts nach. Das Leben wird alles von allein richten.“

„Ja, Mama. Ich will kein Notnagel sein. Soll sie ihren ‚Besseren‘ suchen.“

Matthias sprach nicht mehr von Heike. Und als sie am nächsten Tag in den Hof gerannt kam und ihn rief: „Matthias, entschuldige, ich hab das nicht so gemeint“ – da hörte er sie an, ging dann ins Haus.

Helga Müller sah aus dem Fenster, schüttelte den Kopf und sagte leise: „Zu spät, Mädchen. Du hast gesagt, was du dachtest. Jetzt leb damit.“

Heike stand noch eine Weile, dann ging sie. Und kam nie wieder. Der Sommer verging wie gewohnt. Ende Juli reiste Matthias in die Stadt, bei einer Baufirma musste er ein Praktikum auf der Baustelle machen. Er fuhr gern: Er brauchte Ablenkung, einen Tapetenwechsel. Und dort, auf der Baustelle, traf er Frieda.

Frieda arbeitete im selben Büro als Disponentin. Klein, mit blonden hübschen Locken, sprach sie leise, aber bestimmt. Sie lachte wie ein Glöckchen und fragte nie, wie viel Geld er habe oder wo er gestern war. Sie interessierte sich für ihn: Wie war der Tag gelaufen, müde? Was hat er geträumt? Matthias sah sie an und traute seinem Glück kaum.

Ein halbes Jahr später machte er ihr einen Heiratsantrag. Frieda zögerte nicht einmal: Sie sagte „Ja“ mit so aufrichtiger Freude, dass Matthias das Herz schneller schlug.

„Ich hab keine Sekunde bereut, zugestimmt zu haben“, flüsterte sie ihm später im Standesamt zu, als er ihr den Ring ansteckte.

Helga Müller weinte auf der Hochzeit fast vor Glück. Neben ihr saßen ihre alten Freundinnen und Nachbarn, und alle sagten wie aus einem Mund: „Ein schönes Paar! Und die Braut so zart, so leise, man sieht gleich, sie hat ein gutes Herz.“

Zwei Jahre später kam Stefan zur Welt, ein kräftiger, blauäugiger Knirps, der sofort Omas Liebling wurde. Matthias und Frieda kamen jedes Wochenende ins Dorf. Stefan rannte durch den Garten, pflückte Blumen für die Oma, und abends saß er auf ihrem Schoß und hörte Märchen.

Einmal, im tiefen Herbst, saß Helga Müller in der Küche, und Matthias half ihr beim Kartoffelschälen. Vor dem Fenster nieselte Regen, am Tisch saß Frieda mit Stefan auf dem Arm.

„Mama“, sagte Matthias plötzlich, „erinnerst du dich an die Geschichte mit Heike?“

„Ja, mein Junge“, seufzte sie.

„Ich bin froh, dass es so gekommen ist. Wenn sie mich nicht betrogen hätte, hätte ich Frieda nie kennengelernt. Und Stefan hätten wir nicht“, er sah seine Frau und seinen Sohn an, und seine Augen leuchteten.

Helga Müller lächelte, wischte sich die Hände am Küchenhandtuch ab und strich dem Enkel über den Kopf: „Also ist alles, was geschieht, zum Besten. Du hast selbst gesagt: kein Notnagel willst du sein. Jetzt bist du für Frieda und deinen Sohn der Wichtigste. Und das, mein Junge, ist das Wichtigste überhaupt.“

Frieda fragte nichts, sie kannte die Geschichte und war eifersüchtig auf die Vergangenheit. Sie nahm einfach die Hand ihres Mannes und sagte leise: „Das Glück liebt die Ruhe, Matthias. Und wir werden es nicht verschütten.“

Helga Müller betrachtete ihre Familie, so wie sie war: ohne überflüssige Geheimnisse, ohne Notpläne, nur die Liebe, die nicht mit Worten lebt, sondern mit Taten. Und sie wusste, jetzt wird alles gut. Für immer.

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