Olivia lehnte sich erschöpft in ihrem Stuhl zurück. Ihr Kopf dröhnte, und ihr Rücken schmerzte so sehr, dass sie nicht sagen konnte, was ihr mehr zu schaffen machte. Ein leises Klopfen erklang an der Bürotür.
— Frau Olsen, darf ich reinkommen?
Olivia blickte auf und zog überrascht die Augenbrauen hoch.
— Emma? Warum bist du noch hier?
Die junge Frau lächelte verlegen.
— Ich konnte Sie doch nicht einfach allein lassen. Was, wenn Sie noch einen Kaffee brauchen?
Olivia lächelte zurück.
— Das ist lieb von dir. Aber du hättest nicht so lange bleiben müssen. Geh nach Hause und ruh dich aus.
Emma seufzte.
— Zu Hause wartet niemand auf mich. Hier bei der Arbeit ist es besser.
Olivia hatte Emma zufällig kennengelernt, unter Umständen, bei denen die meisten Menschen wohl einfach weitergegangen wären. An jenem Abend war Olivias Auto am Stadtrand liegengeblieben. Ihr Handy war leer, ein Schneesturm tobte, und die nächste Tankstelle oder ein Laden waren mindestens einen Kilometer entfernt. Olivia war ausgestiegen, um ein Taxi zu rufen, als sie eine Gestalt bemerkte, die langsam am Straßenrand entlangging.
Emma lief wie auf Autopilot, ohne etwas um sich herum wahrzunehmen. Olivia konnte sie nicht ignorieren. Sie rief ihr zu, aber Emma reagierte nicht. Also ging Olivia auf sie zu, nahm sie bei der Hand und zog sie förmlich ins Auto. Zumindest war es dort warm.
— Was ist los? Geht es Ihnen nicht gut?
Anstatt zu antworten, begann Emma zu weinen. Zwischen den Schluchzern erzählte sie, dass ihr Freund sie rausgeworfen hatte, nachdem er sie dazu gebracht hatte, ihre Wohnung auf ihn zu überschreiben. Mittellos und völlig erschöpft war sie einfach losgelaufen, ohne zu wissen, wohin.
— Wie kann man nur so leichtgläubig sein? — seufzte Olivia, auch wenn sie schon wusste, dass sie das Mädchen nicht allein lassen konnte. Plötzlich sprang der Motor des Autos an, und Olivia fuhr mit Emma zu sich nach Hause. Dort wurden sie von Olivias Vater, Andreas, empfangen, der die durchgefrorene Besucherin sofort an den Tisch bat und eine warme Mahlzeit zubereitete.
So blieb Emma bei Olivia. Schon bald half Olivia ihr, die Wohnung zurückzubekommen, Entschädigung vor Gericht zu erwirken und bot ihr schließlich eine Stelle als Sekretärin an. Emma fand sich schnell in ihrer neuen Rolle zurecht und wurde nicht nur eine zuverlässige Mitarbeiterin, sondern auch eine wichtige Stütze für Olivia.
Einige Monate später, kurz vor Neujahr, bat Olivia Emma, bei der Suche nach einer Pflegekraft für ihren Vater zu helfen. Unter den Kandidatinnen fiel Olivia eine Frau auf, die nervös ein selbstgemachtes Armband drehte. Plötzlich erinnerte sie sich, wo sie dieses Armband schon einmal gesehen hatte – auf einem alten Foto, das Emma aufbewahrte.
Als Emma an diesem Abend nach Hause kam, erkannte sie in der Frau ihre ältere Schwester Daniela, nach der sie sich immer gesehnt hatte, die sie aber aus Angst nie gesucht hatte. Tränen, Erinnerungen und die Freude über die unerwartete Wiedervereinigung erfüllten das Haus mit Wärme. Andreas, der das Glück der beiden Frauen sah, schien selbst wie verjüngt und machte sich begeistert daran, beim Abendessen zu helfen.
Olivia beobachtete das Geschehen und fühlte zum ersten Mal seit Jahren echte Freude. Alles fügte sich endlich zusammen. Das Leben brachte das Lächeln zurück zu denen, die es wirklich verdient hatten.