Alles ist vorbei, Liselotte, zwischen uns!rief Michael mit zitternder Stimme. Ich will eine echte Familie, Kinder. Das kannst du mir nicht geben. Ich habe lange gewartet, mich geduldet. Ich brauche einen Sohn. Ich habe die Scheidung eingereicht! Du hast drei Tage, um deine Sachen zu packen. Ruf mich, wenn du gehst. Ich wohne jetzt bei meiner Mutter. Beeil dich, ich muss die Wohnung für das Kind und seine Mutter vorbereiten. Und vergiss nicht: Meine zukünftige Frau erwartet ein Kind! Drei Tage hast du!
Liselotte schwieg. Was hätte sie sagen können?
Ein Kind blieb ihr verwehrt. Michael hatte bereits fünf Jahre darauf gewartet, drei erfolglose Versuche hinter sich. Die zahlreichen Ärztinnen, die Liselotte aufgesucht hatte, erklärten, sie sei gesund. Warum ging jedes Mal alles schief?
Liselotte führte stets einen gesunden Lebensstil.
Dieses Mal wurde ihr bei der Arbeit schlecht, der Rettungswagen kam sofort, doch das Geschehen überschlug sich im Handumdrehen
Die Tür knallte hinter Michael zu, und Liselotte sank kraftlos auf das Sofa. Die Kraft, noch etwas zusammenzupacken, fehlte ihr völlig. Und wohin mit den Sachen? Während ihrer Schulzeit und bis zur Heirat lebte sie bei ihrer Tante. Die Tante ist längst verstorben, ihr Haus vom Sohn verkauft. Zurück ins Dorf zur Großmutter? Eine Mietwohnung suchen? Was tun mit dem Job?
Zahlreiche Fragen drängten sich auf, und sie mussten schnell geklärt werden
Früh am Morgen öffnete sich die Tür, und die Schwiegermutter trat ein.
Schläfst du noch? Das ist gut so. Ich bin gekommen, um zu prüfen, dass du nichts Unnötiges mitnimmst.
Die alten Unterhosen deines Sohnes brauche ich nicht. Meine werden wir abrechnen?
Du bist aber gar nicht mehr die höfliche, stille Frau, die du einst warst. Schon beim ersten Mal sagte ich Michael, du wirst kein Kind bekommen.
Kommt ihr nur, um das zu sagen? Bleibt besser still und beobachtet mich.
Wo lagst du das Geschirr hin?
Das ist meins. Es stammt von meiner Tante, ein Andenken an sie.
Jetzt wird es hier leer ohne das Stück!
Das kümmert mich nicht. Ihr werdet doch Enkel haben.
Nimm nur, was dir gehört!
Mein Notebook! Die Kaffeemaschine, die Mikrowelle das haben mir Kollegen geschenkt. Mein Auto habe ich noch vor der Hochzeit gekauft. Euer Sohn hat sein eigenes.
Du hast alles, nur keine Kinder!
Das ist nicht eure Angelegenheit. Mit mir ist alles in Ordnung, wie Gott es wollte.
Ich sehe, du bedauerst es nicht! Vielleicht hast du alles bewusst so gemacht?
Ihr redet Unsinn. Schon das Denken darüber fällt mir schwer.
Liselotte blickte durch die leere Wohnung kein Pinsel, keine Kosmetik, keine Hausschuhe mehr. Es schien, als hätte sie etwas Wichtiges vergessen. Die Schwiegermutter störte ihre Konzentration.
Sie erinnerte sich: Es fehlte die alte Katzenstatuette. In ihr verborgen war ein kleines Geheimnis, das niemand kannte, nicht einmal ihr Mann. Im Inneren der Katze steckten ein Paar Ohrringe und ein Ring. Sie waren nicht besonders wertvoll, aber als Andenken an die Großmutter unbezahlbar. Michael hielt das für Ramsch. Hatte er sie weggeworfen? Alles Unnütze sammelte er auf dem Balkon. Liselotte öffnete die Tür
Was hast du hier vergessen? Pack deine Sachen und geh!, ertönte erneut die Stimme der Schwiegermutter. Verabschiede dich von der Wohnung! Du hast nichts, was dir zukünftig Glück bringt.
Endlich war die Katze wiedergefunden, alles war am richtigen Ort. Jetzt konnte sie hinaus.
Hier die Schlüssel, auf Wiedersehen. Ich hoffe, ich sehe euch nie wieder.
Liselotte fuhr ins Büro. Sie war noch krankgeschrieben, bat aber um Urlaub.
Wir fühlen mit dir, aber wir schaffen das nicht ohne dich. Drei Wochen reichen? Bleib bitte erreichbar, ohne deine Beratung würden wir die Hälfte der Projekte verlieren.
In Ordnung. Ich kann mich zurückziehen. Danke.
Brauchst du Hilfe?
Nein.
Ich veranlasse deine Urlaubs- und Bonuszahlung.
Danke, das kommt gerade recht.
Sie suchte keine neue Wohnung, sie fuhr zurück ins Dorf. Niemand erwartete sie dort; die Großmutter war vor drei Jahren gestorben, ihre Mutter hatte sie nie gekannt sie war während der Geburt verstorben.
Und nun konnte Liselotte selbst kein Kind bekommen
Eine Stunde fuhr sie, bis das Haus in Sicht kam: ein Apfelbaum, Tulpen am Vorgarten. Das letzte Mal im Herbst standen Michael und sie dort, grillten, ruhten sich aus.
Sie fuhr mit dem Auto in die Einfahrt, der Garagenschlüssel lag im Haus. Sie öffnete die Tür und trat ein. Stille. Auf dem Tisch standen schmutzige Tassen und Teller. Warum hatte sie beim letzten Mal nicht alles aufräumen können?
Nein, sie hatte aufgeräumt! Doch hier war jemand!
Zwei Kaffeetassen, Teller, Saftpackungen, Flaschen von Michaels Lieblingssekt das passte nicht zur Jahreszeit.
Also war Michael im Haus, mit wem?
Es war egal, das zählte nicht mehr
Der Hausschlüssel war nur bei Liselotte, der Mann hatte wohl ein Duplikat. Zeit, die Schlösser zu wechseln.
Ein neues Leben, Aufräumen, dann ein heißes Bad. Liselotte wollte jeden Schmutz, jede Vergangenheit von sich abspülen.
Als sie gerade gehen wollte, klopfte es an der Tür, dann ans Fenster.
Wer ist da?
Ist alles in Ordnung bei Ihnen?
Ja, staunte die Frau.
Entschuldigung.
Liselotte trat hinaus, ein fremder Mann stand vor dem Haus.
Entschuldigung, ich habe Sie wohl erschreckt. Ich bin Ihr Nachbar, habe den ganzen Tag Sie beobachtet. Ich sah, dass das Feuer aus dem Ofen ging und dachte, Ihnen könnte etwas passieren
Danke, alles gut.
Sind Sie verwandt mit Michael? Er war neulich hier mit seiner Frau Ihre Schwester?
Nein, ich war seine fast ehemalige Ehefrau. Noch im Trennungsprozess.
Ist das Haus Ihr Eigentum?
Ja, meins.
Ich bin Ihr vorübergehender Nachbar. Durch familiäre Umstände hier. Ein Freund ließ mich wohnen. Die Scheidung ist ebenfalls im Gange, morgen bin ich frei. Wenn alles gut läuft, verlasse ich das Haus. Brauchen Sie Hilfe? Ich heiße Jürgen.
Ich bin Liselotte. Können Sie das Schloss wechseln?
Natürlich. Sagen Sie, wann, und ich erledige es.
So schnell wie möglich. Morgen kaufe ich ein neues.
Ich schau mal nach und kaufe es, damit Sie nicht falsches mitnehmen und ich nicht in die Stadt fahren muss.
Zwei Wochen später. Noch eine Woche Urlaub, dann zurück in die Stadt. Liselotte wollte keine neue Bleibe suchen. Michael rief nicht mehr an, nur eine Nachricht über das Scheidungsdatum kam das war besser. Sie wollte ihn nicht mehr sehen.
Am Samstag stand Liselotte früh auf, Jürgen lud sie zu einem Spaziergang an den See ein. Neue Beziehungen standen nicht auf ihrem Plan, doch ein Spaziergang verlangte nichts. Sie verbrachten einen schönen Tag und kehrten zum Mittag zurück. Vor Liselottes Haus stand Michaels Auto. Er war gerade angekommen. Die Tür öffnete sich, Michael stieg aus und half einer schwangeren Frau aus dem Fahrzeug.
Liselotte und Jürgen standen am Tor. Michael versuchte, die Tür zum Haus zu öffnen, doch
Was soll das?, fragten sie. Warum treten wir in ein fremdes Haus ein?
Michael erstarrte.
Das ist unser Haus!, rief die schwangere Frau.
Wer hat das gesagt?, protestierte Michael. Das ist mein Haus, bitte verlasst das Grundstück.
Michael, was sagt sie? Wer ist das? Deine Ex? Du stellst sie bloß!, schrie die Schwangere.
Liselotte und Jürgen lachten. Michael setzte die Frau stillschweigend ins Auto und fuhr davon.
Er wird ein fröhliches Leben führen, dachte Liselotte.
Doch er bekommt ein Kind. Ich habe es nicht geschafft drei Fehlversuche. Verzeih mir.
Vier Jahre nach der Scheidung. Zufällig traf Liselotte ihre ehemalige Schwiegermutter im Supermarkt.
Liselotte, ich habe dich lange beobachtet. Bist du schwanger?
Liselotte streichelte ihren großen Bauch.
Ja. Michael hat ein schwaches Enkelkind, das Problem liegt in der väterlichen Linie. Seine Frau ist gegangen, das Kind blieb zurück. Und du willst allein ein Kind bekommen?
Nein, nicht allein. Ich habe eine Familie. Ich habe Zeit, man wartet auf mich.
Wie geht es ihm? Verzeih mir alles
Geduld für euch
Die ehemalige Schwiegermutter sah Liselotte gehen, begleitet von Jürgen, der eine Hand hielt, die andere Hand hielt ein kleines Mädchen, das fast wie die Mutter selbst aussah.
So endet die Erinnerung an ein Leben, das in Trennungen, Hoffnungen und unerwarteten Begegnungen verwoben war.