Klara briet Frikadellen, als ihr Mann ins Küchenzimmer stolperte.
Klara, wir müssen reden, erklärte Hans entschlossen.
Nur zu, warf die Frau über den Pfannenwender.
Setz dich doch, hör mir normal zu, klang in Hans Stimme ein Hauch von Ungeduld.
Ich muss ja doch die Frikadellen im Auge behalten, erwiderte die Ehefrau.
Was wolltest du mir sagen?
Ich, stockte Hans, suchte nach den richtigen Worten.
Ich habe eine andere Frau kennengelernt Ich gehe von dir weg!
Ich gratuliere dir. Und freue mich für dich, sagte Klara ganz gelassen.
Im Sinne von Glückwünsche? Oder du freust dich wirklich für mich? Hans sah verwirrt zu seiner Frau. Doch er hatte nicht mit Klaras Reaktion gerechnet.
Ehrlich, sagte ihre Nachbarin, die für einen Moment den Mund hielt, als wolle sie nichts Unpassendes sagen. Ich verstehe immer noch nicht, wie du dir das einfallen lassen konntest. Das geht ja völlig über alle Grenzen, Klara!
Grenzen von was? Gut oder Böse?
Na ja, das ist so wie wenn man etwas ansieht.
Hier gibts nichts zu übersehen, grinste Klara. Das Ergebnis ist entscheidend. Und meines ist fantastisch: Ich habe bekommen, was ich wollte!
Trotzdem, brummte die Nachbarin, werden die negativen Folgen sicher nicht ausbleiben
Und hör jetzt nicht jammern! Wenn sie kommen, entscheiden wir dann. Im Moment bin ich im Glücksmodus und genieße meinen kleinen Sieg. Also verpfluche nicht meinen Feiertag!
Die Nachbarin zuckte beleidigt mit den Schultern und wandte sich ab, als wolle sie das Fensterpanorama besonders bewundern.
***
Alles begann an jenem Abend, als Hans nach der Arbeit heimkam und versuchte, seine Verlegenheit zu verbergen:
Wir müssen reden
Klara zog die Schultern zusammen. Sie hatte lange darauf gewartet, dass Hans endlich den Mut fasste. Und nun ging es los.
Nur zu, sagte sie, während sie die Frikadellen wendete.
Setz dich doch, hör mir normal zu, murmelte Hans, oder soll ich mit dem Rücken reden?
Sitzt du nie, mein Lieber, antwortete Klara ruhig, jetzt lässt Felix (unser Sohn) alles über mich erzählen und dann gehts los: Mama, das, Mama, das Also lass uns keine Zeit verlieren. Was hast du zu sagen?
Ich, begann Hans stockend, ich habe eine andere Frau
Und? sagte Klara, ohne sich vom Braten abzuwenden, was dann?
Schalt sofort den Herd ab!, schrie Hans, kaum noch die Fassung haltend. Hörst du, was ich sage?! Ich liebe eine andere Frau!
Ich höre, drehte sich Klara endlich zu ihm, ich gratuliere dir.
Was?! Hans Überraschung war grenzenlos. Er hatte mit allem gerechnet, nur nicht mit dieser Gleichgültigkeit.
Leiser bitte, du erschreckst die Kinder, sagte Klara, immer noch ruhig und scheinbar völlig unbeeindruckt.
Wusstest du das? schnaufte Hans.
Nein, nicht wirklich, kratzte Klara sich am Kopf. Aber ich hatte ein Gespür.
Ein Gespür?
Natürlich. Und hättest du gedacht, ich käme später von der Arbeit nach Hause, liege den ganzen Tag am Handy und verstaue es ständig in der Tasche? Ich würde sogar in ein anderes Zimmer flüchten und mir eine alberne Ausrede einfallen lassen. Jeder Mensch fühlt irgendwann, ob er noch geliebt wird oder nicht
Warum hast du dann geschwiegen, als du es geahnt hast? fragte Hans, etwas beruhigter.
Nun, funkelte Klara schelmisch, du hast mir das Angebot gemacht, die Familie zu zerstören das war ja auch dein Job.
Warum das?
Wie sonst? Wenn du nur ein bisschen Spaß haben willst, würdest du deine Abenteuer weiter verbergen. Sobald das Gespräch beginnt, hast du ja schon eine Entscheidung getroffen. Also leg los, sag alles
Hans blickte seine Frau an, erkannte sie kaum wieder. So viel Standhaftigkeit, Ruhe, Selbstachtung. Er dachte an ein paar Tränen, doch klang das nicht nach seiner Vorstellung.
Kurz gesagt, ich habe einen Vorschlag
Spannend, setzte Klara sich auf den Hocker und musterte Hans scharf.
Wir haben ein Hausdarlehen Du würdest es kaum noch aus den Alimente bezahlen können
Reden wir überhaupt noch über die Scheidung?, fragte Klara, ihre Stimme klang metallisch, doch Hans bemerkte das nicht.
Was gibts da zu besprechen?, sagte er lässig. Natürlich verzeihst du mir das nicht.
Na ja, lächelte Klara, du kennst mich ja als den abgebrühten Typ.
Also, fuhr Hans unbeirrt fort, es wäre besser, wenn du in deine Einzimmerwohnung ziehst und ich hier bleibe.
Und die Kinder?
Die Kinder? Die kommen natürlich mit dir, antwortete er.
Also lebe ich mit zwei Kindern auf achtzehn Quadratmetern, während du mit deiner neuen Liebe in unserer Dreizimmerwohnung wohnst?
Genau. Du kannst die Hypothek nicht mehr zahlen, das ist klar. Ich habe sie bisher allein bezahlt, erklärte Hans selbstsicher.
Verstanden, sagte Klara und stand auf. Ich muss erst darüber nachdenken.
Sie trat auf den Balkon.
Na dann, viel Spaß, stichelte Hans ihr nach, während er überlegte: Sie wird schon darüber nachdenken. Ach, diese Frauen.
Während Klara auf dem Balkon stand, legte Hans sich ein Paar Frikadellen, etwas warmes Püree aus dem Multikocher und stürzte sich auf das Essen.
Er schaffte es nicht, alles zu essen.
Einverstanden, erklärte Klara, als sie zurück in die Küche kam, aber zu einer Bedingung.
Welche Bedingung denn?, grinste Hans freundlich.
Du bleibst in dieser Wohnung mit deiner Leidenschaft und unserem Sohn. Meine Tochter ziehe ich mit mir.
Was?!, Hans Gesicht verzog sich, die Augen nach oben gerichtet. Du willst die Kinder teilen?!
Ja. Was ist daran schlimm?, erwiderte Klara ruhig. Die Kinder sind unser gemeinsames Eigentum, die Verantwortung gleich verteilt. Der Sohn, den du dir so sehr wünschst, bleibt bei dir, die Tochter bei mir. Das ist fair.
Bist du ganz normal? Wie kann man Kinder teilen? Sie sind doch keine Möbel!
Natürlich, blieb Klara unbeirrt. Ich muss sie mein ganzes Leben lang tragen, du darfst dich zurücklehnen. So geht das nicht.
Ich zahle Unterhalt! Und helfe, so gut ich kann
Genau. Du zahlst mir, ich dir. Wir haben die Kinder zusammen bekommen und ziehen sie zusammen groß. Du willst den Sohn? Nimm die ältere Tochter, mit ihr ist es einfacher. Sieh, ich bin bereit, dir entgegenzukommen.
Nein, ich wusste, du bist komisch, aber das ist zu viel!, schrie Hans. Willst du mit mir um die Kinder streiten?!
Erfinde nichts, Hans. Du bist es nicht wert, dass ich mich mit dir abrede. Ich will nur Gerechtigkeit. Du bekommst die Dreizimmerwohnung mit Hypothek und den Sohn, ich die Einzimmerwohnung und die Tochter. Und wir regeln gegenseitige Unterhaltszahlungen. Nur so trennen wir uns einvernehmlich. Sonst kämpfe ich weiter. Ich gebe keinen Zentimeter nach.
Hans ging.
Er beriet sich mit seiner Freundin, seiner Mutter und seiner Schwester. Alle beruhigten ihn, behaupteten, Klara bluffe. Keine vernünftige Mutter würde ein Kind für ein paar Quadratmeter hergeben. Also könne er beruhigt zustimmen. Drei Tage später würde Klara das Kind holen.
Was seine andere Frau betraf sie hieß Sabine die war begeistert. DreiZimmerwohnung im Zentrum! Ein Traum! Zusätzlich bekam sie noch einen vierjährigen Jungen, den Sabine völlig übersehen hatte.
Kurz darauf sagte Hans zu Klara, er sei mit ihren Bedingungen einverstanden.
Perfekt, rief Klara zurück und bestand darauf, dass Hans am nächsten Tag die Scheidung einreichen solle.
Warum ich?, versuchte er zu widersprechen.
Weil du Mann bist. Und weil es dir leichter fällt, das alles zu bezahlen.
Hans fand das Argument logisch und reichte die Scheidung ein.
***
Drei Monate vergingen, bis Hans in Sabines Wohnung gezogen war. Klara bereitete den Umzug vor und beantwortete geduldig alle Vorwürfe von Verwandten und Bekannten.
Hans verbreitete überall, dass Klara die Kinder wegen der Wohnung teile und ihm den Sohn überlasse.
Wie kannst du das?, schrie jemand.
Welche Mutter bist du denn?
Kein Schamgefühl, keine Gewissen!
Kinder zu teilen? Du hast kein Herz!
All das hörte Klara, doch sie ließ sich nicht beirren. Manchmal antwortete sie, manchmal schwieg sie, manchmal ging sie einfach weg, um nicht zu hören.
Sogar die zwölfjährige Tochter Lena warf ihr vor:
Ich dachte, du liebst uns
Klara ignorierte die Vorwürfe und wartete geduldig auf die Scheidung.
Schließlich kam der Termin.
Möchten Sie den Sohn beim Vater lassen? fragte die Richterin.
Ja, sagte Klara gelassen. Die Verantwortung ist bei uns beide gleich. Der Vater ist sogar einverstanden.
Hans nickte.
Damit war alles geregelt so, wie Klara es vorgeschlagen hatte.
Hans atmete erleichtert aus
Nur war das erst der Anfang.
***
Klara packte alles zusammen: ihre Sachen, die von Lena, das Nötigste. Und sie schrieb Hans eine kleine Checkliste:
Was Felix mag, was er nicht mag, welcher Kindergarten, wie die Erzieherin heißt, welche Lebensmittel er nicht verträgt, welche Serien er schaut, wo die nächste Poliklinik liegt usw.
Hans blätterte darüber, schnaufte und meinte:
Was soll das? Wir kriegen das schon hin, oder, Felix? und schwang den Jungen in die Luft.
Felix kicherte vor Freude.
Na dann, los gehts, unterbrach Klara das Spiel, ruft mich einfach an.
Kaum waren sie mit Lena weg, rief Hans Sabine an:
Alles klar, der Weg ist frei! Komm vorbei!
Am selben Abend postete Sabine in den sozialen Medien: Neuer Lebensabschnitt! und fügte ein Bild ein, wo sie und Hans über dem Kinderbett ihres kleinen Sohnes beugten.
***
Danach kam für Hans ein echter Albtraum, für Klara ein geduldiger Test.
Die Realität war weit entfernt von den Träumen.
Felix hatte am nächsten Tag einen Wutanfall, weil er Mama rufen wollte, weigerte sich, das zu essen, was Sabine zubereitet hatte, und wollte gar nicht bei ihr bleiben.
Der morgendliche KindergartenDropoff brachte Hans an den Rand der Verzweiflung: Felix wollte sich nicht anziehen, wimmerte, weinte und wehrte sich, als die Erzieherin ihn in die Gruppe bringen wollte. Hans kam ständig zu spät zur Arbeit.
Dann wurde Felix krank. Hans wusste nicht, wie er damit umgehen sollte. Die Pflege des Sohnes war schwieriger, als er gedacht hatte.
Der Kindergarten erforderte abends noch die Betreuung. Hans musste früher gehen, das Management bemerkte es.
Sabine fuhr plötzlich geschäftlich weg, verschwand dann komplett und schickte nur eine SMS: Ich will mein Leben nicht um deines Kindes drehen.
Hans Mutter wollte nicht helfen, verwies auf ihre eigene Gesundheit.
Klara kam streng nur einmal pro Woche für zwei Stunden. Nach ihrem Weggang weinte Felix heftig.
Das Hausdarlehen war bezahlt, aber Hans hatte nicht damit gerechnet, dass die Unterhaltskosten so hoch werden. Er vergaß das Wochenende. Reizbarkeit und Erschöpfung setzten ein. Er ertappte sich dabei, wie er nicht mehr mit seinem Sohn zusammen sein wollte.
Etwa nach drei Monaten griff Hans zum Telefon:
Klara, wir müssen reden. Dringend.
Klara kam.
Was ist los?, fragte sie mit leichtem Mitgefühl, während sie den erschöpften Hans ansah.
Bitte hol ihn zurück, ich schaffe das nicht mehr.
Was ist passiert?
Ich bin müde, Sabine hat mich verlassen.
Verstehe, klang Klara fast lächelnd, nur
Klara, bitte keine nur.
Wie meinst du?
Zieht zu uns, wir wohnen alle zusammen, und ich gehe.
Und du stellst mir dann Vorwürfe?
Keine Vorwürfe, Klara. Wir tragen das Haus auf dich um.
Ist das wirklich so schwer, einen vierjährigen Jungen zu versorgen?, grinste Klara, du hast doch selbst gesagt, ich mache nichts.
Entschuldigung. Ich dachte nicht Also, bist du einverstanden?
Unter der Bedingung, dass alles rechtlich geklärt ist.
Hans sah sie lange an.
Ich wusste nicht, dass du so geschäftstüchtig bist.
Lehrkräfte waren immer schön, kontert Klara.
***
Hans hielt sein Wort. Das Haus wurde auf Klara umgeschrieben. Sie zahlte die Hypothek. Der Unterhalt floss für beide Kinder. An den meisten Wochenenden besuchte er sie, brachte sogar einen Blumenstrauß mit ein kleines Dankeschön dafür, dass sie ihm ein Dach über dem Kopf verschafft hatte und nur die Nebenkosten zahlte.
Jetzt trauern alle Freundinnen und Verwandten über Hans und halten Klara für böse, weil sie angeblich den kleinen Sohn nicht verschont hat. Doch Klara genießt ihren Sieg und bereut nichts. Und an keinen negativen Folgen glaubt sie.