Unwiederkehrlich: Weder am Abend, noch am Morgen, noch nach einer Woche, als nur noch ein Schatten von Trosch blieb.

Es kehrte niemand zurück. Weder am Abend noch am nächsten Morgen. Auch nach einer Woche, als von Trosch nur noch ein Schatten übrig war… Am Anfang hatte er sich natürlich gewehrt. Er jaulte, spürte, wie das raue Seil sich in seinen Hals schnitt. Doch er ertrug es. Und als es unerträglich wurde… erkannte er endlich…

Trosch war außerhalb der Stadt ausgesetzt worden. In den Wald gebracht, mit einem Meter Schnur an einen Baum gebunden und zurückgelassen… Anfangs verstand er nichts, konnte sich nicht richtig fürchten. Dachte, es sei ein Spiel. Warum auch nicht? Er bellte ein paar Mal in die leere, rauschende Baumkronen, wedelte träge mit dem Schwanz und machte sich bereit zu warten. Treu. So, wie es nur Hunde können.

Aber niemand kehrte zurück. Weder am Abend noch am nächsten Morgen. Auch nach einer Woche, als von Trosch nur noch ein Schatten übrig war. Anfangs hatte er sich natürlich gewehrt. Er jaulte, spürte, wie das raue Seil sich blutig in seinen Hals schnitt. Versuchte an der Eichenrinde zu kauen, Gras zu fressen… Trinken wollte er auch sehr. Doch er ertrug es. Wie konnte er es nicht ertragen, wenn der Herr es befohlen hatte, wie konnte er gegen seinen eigenen Herrn sein?

Und als es völlig unerträglich wurde, als man sich fast an den Rippenstäben, die hervorstanden, schneiden konnte… Da erkannte er es endlich. Wollte sogar heulen, doch seine Zunge war völlig trocken und klebte am Gaumen. Selbst wenn er wollte – er konnte das Maul nicht öffnen. Und er hatte keine Kraft mehr. Zu nichts. Selbst das Atmen fiel schwer, was bedeutete…

Ende? Einsam, ruhmlos… Qualvoll. Und nur ein Gedanke im beginnenden trüben Bewusstsein – wofür? Wie konnte man das tun? Verraten? Zurücklassen. Langsam sterben lassen…? Schließlich starb er…

Er hatte das Zeitgefühl völlig verloren. Gestern, heute, morgen… War es nicht egal, wenn jeder Tag dem vorherigen glich. Und das Seil, das sich in seinen Hals gebohrt hatte und hässliche, vermutlich bereits eiternde Narben hinterlassen hatte, reizte nicht mehr. War nicht mehr zu spüren.

Aber die stümpfen Zähne, die an der rauen Rinde gekaut hatten, schmerzten noch immer quälend. Wie die blutigen Pfoten, die den unebenen eineinhalbmeter großen Kreis um die alte Eiche, an die er gebunden war, umgepflügt hatten, schmerzten.

Dieses erdige Stück Land, einst mit Gras übersät, wurde zu seinem persönlichen Inferno. Nicht hinauskommen, nicht entkommen. Nicht mit der Pfote über die gezeichneten, gekratzten Ränder hinausgelangen. Käfig. Ein Käfig, erfüllt vom Gesang der Vögel.

Schließlich würde alles enden. Er wusste es. Er spürte es. Und mit einer Art ergebenen Entschluss schloss er die tränenden Augen. Fiel in Ohnmacht, wedelte mit der letzten Kraft ein wenig mit der Schwanzspitze, und…

– Komm schon, mein Guter, komm schon! Wach auf! Ich sehe, du atmest, du atmest ja! Alles andere ist unwichtig! Atme, Hauptsache atmen, mein Guter! Andreas! Andreas, halt so fest, genau so… Los, los… Noch ein bisschen! Komm schon!

Trosch bebte. Auf seine trockene Zunge fielen die ersten Tropfen Feuchtigkeit. Sie liefen in einem dünnen, kühlen Rinnsal die Kehle hinunter und ließen sich wie ein Steinschlag im leeren Magen nieder, der sich noch einmal schmerzhaft zusammenzog.

– Ein kluger Kerl! Was für ein kluger Kerl du bist! Noch ein bisschen mehr! So ist es richtig! – ein weiterer Schluck Wasser, und Trosch zwingt sich mühsam, die Augenlider zu öffnen.

Zwei. Da knieten zwei Menschen neben ihm. Ein junger Mann und eine junge Frau. Die Frau erwartet ein Kind. Ihr runder Bauch spannt die Knöpfe des ohnehin eng anliegenden Pullovers fast ab. Jung, nervös, ganz wie…

Nein. Trosch will nicht daran denken. Weder an die dumme Angst in den Augen der jungen, schwangeren Besitzerin. Noch an den ängstlichen Blick des Besitzers und das Flüstern in der Dunkelheit: „Was, wenn er beißt?“…

Es gibt schon genug Schmerz. Und er hört einfach zu. Hört den lieblichen, eindringlichen Stimmen zu, klammert sich an sie wie an einen rettenden Strohhalm.

Vielleicht braucht es das Leben doch zu etwas. Sonst würde er nicht so sehr daran festhalten…

*****

-Thor! Zu mir, Junge! – Natascha, seine neue Besitzerin, winkt einladend mit der Hand.

Und er rennt mit aller Kraft zu ihr quer durch den hellen Park, vergisst dabei nicht, den angespitzten, fast durchgebrochenen Stock mitzubringen. Zu ihren Füßen spielt das kleine Mädchen Sonja auf dem grünen Gras, das nach Sommer und den nahegelegenen blühenden Linden duftet.

– Tho! – plappert sie freudig und umschlingt den muskulösen Hals des über ihr thronenden Hundes mit ihren kleinen, pummeligen Armen.

Und lacht hell und schenkt ihm den nächsten feuchten, nach Vanilleeis schmeckenden Kuss auf die ohnehin schon nasse Nase. Er erträgt es natürlich.

Obwohl, warum sich selbst anlügen – ihm gefällt es! Wahnsinnig, bis zum Hundejubel, gefällt es ihm. Gefällt ihm seine neue Familie: die nervöse, emotionale, aber gutherzige und ehrliche Natascha und der strenge, felsenartige, aber immer gerechte Andreas.

Thor erinnert sich, wie er ihn aus dem Wald getragen hat. Wie er ihn vorsichtig auf die Rückbank des Autos legte, seine geschundene Schnauze auf den Schoß seiner daneben sitzenden Frau legte…

Es gefällt ihm, das einjährige, vor kurzem noch laufen gelernt habende Mädchen, das munter Sonja ist, die sich an seiner Kohleschwarzen Seite hochzieht.

Es gefällt ihm das Haus, in dem er seinen eigenen Platz hat, der nach ihm riecht und an dem ständig Sonja neben ihm einschläft.

Es gefällt ihm das Leben. Sein neues Leben, das nach dem Waldalbtraum begann, ein Leben, an das er nie wagte zu träumen, als Andreas und die damals noch schwangere Natascha ihn im Wald durch einen Zufall fanden, als sie sich entschieden hatten, an der Landstraße eine Pause zu machen.

– Sonja, Thor ist unser Hund, kein Pony, – lacht Andreas, als er sieht, wie die keuchende Tochter fast auf den neben Natascha liegenden Hund geklettert ist.

Und als er der Tochter-Spinner in die Augen schaut, schnappt er sich seine Tochter, um schon nach wenigen Minuten mit der ganzen Familie, inklusive eines neben ihnen hüpfenden „Thor“, den Park zu verlassen.

Und er hat keine Zeit zu begreifen, als der Hund blitzartig wegsprintet und in wenigen Sekunden den noch verbleibenden Raum zum Parkausgang überwindet. Und dort…

Am Rande der Fahrbahn – ein Kind. Ein Mädchen. Sonjas Altersgenossin. Rosa Schleife, weicher Rucksäckchen-Elefant, glänzende Sandalen und… das zunehmende Quietschen eines bremsenden Kleinwagens!

Ein panischer Schrei der unaufmerksamen Mutter… Ein rennender Vater, der die Arme ausstreckt und versteht, dass er nicht rechtzeitig da sein wird… Erstarrte Passanten… Und der dunkle, fast schwarze Schatten eines Hundes, der in der Sekunde vor der Katastrophe auftauchte.

Am Nacken. Mit einem Ruck. Herausgezogen. Geschafft! Und die Leute weinen. Sie umarmen das Kind, tasten es ab. Die Worte strömen wie Regentropfen aus dem löchrigen Himmel… Viel… Unklar…

Und die Erkenntnis. Dumpf, schmerzhaft:

-Trosch! – schrieen sie fast gleichzeitig, hoben die Blicke von der verängstigten, weinenden, aber lebenden und unverletzten Tochter, – Trosch…

Aber er schaut nicht zurück. Er steht da, drückt seine Stirn gegen die Beine des herbeigeeilten Andreas. Zittert. Spürt, wie Natascha und Sonja, die gefolgt sind, ihn von der Seite umarmen… und atmet. Lebend. Geliebt. Ihr Tor.

Und auf die anderen, die einige Meter entfernt erstarrt waren, schaut er nicht, obwohl er sie nie vergessen hat. Warum auch? Er gehört nun Andreas und Natascha und der kleinen Sonja, die ihn auf die nasse Nase küsst, er ist treu. Bis zur Schwanzspitze treu!

In jener anderen, jener Familie war er unnötig. Unbeliebt. Verraten.

Leave a Reply

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: