Papa, hast du etwa eine Katze adoptiert? fragte meine Tochter Lieselotte, die am Wochenende zu Besuch kam, während ich mit gerunzelter Stirn aus dem Küchenfenster blickte. Da war er wieder, der rotbraune Kater, der sich seit drei Tagen unaufhörlich auf meinen Beetchen einrichtete.
Zuerst hatte er die Tomaten zerfleddert, gestern lag er auf den Gurken, und heute machte er es sich einfach zwischen den jungen Kohlköpfen bequem.
Du solltest zu deinen Besitzern gehen, knurrte ich, indem ich mit dem Zeigefinger gegen das Fensterglas pochte.
Der Kater hob den Kopf, sah mich mit gelben Augen an und blieb unverwandt sitzen ganz dreist.
Ich zog meine Gummistiefel an, trat hinaus in den Garten. Der Kater lief nicht weg, sondern trottete ein paar Schritte hin, setzte sich an den Zaun. Dünn, abgehackt, ein abgerissenes Ohr und ein Schwanz, der in Büscheln aus Stoppeln endete.
Na, du Bettler? beugte ich mich zu den Kohlköpfen, sah die Schäden. Du hast wohl zu viel getrunken, und jetzt nehmen dich ja niemand mehr heim?
Ein leises, klägliches Miauen kam von ihm. Und plötzlich wurde mir klar: Das Tier ist hungrig. Es war ganz mager, die Augen funkelten.
Wo sind deine Besitzer? fragte ich, während ich mich auf die Fersen setzte.
Der Kater kam näher, strich sich an meinem Stiefel. Leise schnurrte er, als würde er danken, dass ich ihn nicht wegschickte.
Opa, warum lebt denn hier eine Katze im Garten? fragte mein Enkel Stefan, der gerade zum Ferienhaus kam.
Das ist wohl die Katze einer Nachbarin. Ich weiß nicht, ob sie verloren oder ausgesperrt wurde. antwortete ich.
Wer war denn ihr Besitzer?
Ein Seufzer ging durch mich. Ich kannte die Geschichte. Es war die Witwe Gertrud Müller aus dem angrenzenden Reihenhaus. Sie war vor einem Monat verstorben, und ihre Verwandten kamen nur zur Beerdigung. Das Haus wurde abgeschlossen, das Inventar geräumt und der Kater wurde vergessen.
Sie gehörte meiner Nachbarin Anni. Sie ist ebenfalls nicht mehr unter uns.
Und der Kater?
Er blieb allein zurück.
Stefan sah den roten Halunke mit Mitleid an:
Opa, sollen wir ihn nicht zu uns holen?
Auf keinen Fall! wischte ich ab. Ich habe noch keinen Platz für eine Katze. Ich habe kaum etwas zu essen, und jetzt soll ich noch noch ein Tier versorgen?
Doch am Abend, als Stefan wieder in die Stadt fuhr, stellte ich dem Kater eine Schale mit Resten einer Gemüsesuppe vor das Gartenhaus und trat zurück. Vorsichtig schlich er heran, fraß hastig und gierig.
Na gut, murmelte ich, einmal darf es sein
Einmal entwickelte sich zu täglich. Am Morgen ging ich zum Beet, und der Kater wartete bereits vor dem Tor, still und geduldig, ohne zu maunzen oder zu betteln er wartete einfach.
Zuerst fütterte ich ihn mit Essensresten, dann kochte ich eigens Brei und kaufte günstige Dosenfutter. Ich sagte mir: nur vorübergehend, bis er neue Besitzer findet.
Rudi, komm her, rief ich. Rudi, wie hat dich Frau Gertrud genannt?
Der Kater reagierte auf jede Anrede, solange man ihn nannte.
Nach und nach gewöhnte sich Rudi ein. Tagsüber lagerte er in der Sonne im Garten, abends kam er zum Gartenhaus, schlief im alten Hundehaus, das vom letzten Hund übrig geblieben war.
Nur vorübergehend, wiederholte ich. Ganz vorübergehend.
Wochen vergingen, und er ging nirgends hin. Ich merkte, dass ich mich an sein rothaariges Gesicht am Tor, sein leises Schnurren am Abend und die warme Brust, die ab und zu auf meinem Schoß landete, gewöhnt hatte.
Papa, hast du etwa eine Katze aufgenommen? wiederholte Lieselotte erstaunt.
Ich habe sie nicht aufgenommen. Sie kam von selbst. Sie war die Katze einer Nachbarin, die verstorben ist
Warum fütterst du sie dann? Du könntest sie doch irgendwo unterbringen.
Wer braucht denn einen alten Kater? strich ich Rudi hinter dem Ohr. Lass ihn leben.
Das ist doch ein unnötiger Aufwand. Futter, Tierarzt, das alles kostet Du hast doch schon nur eine kleine Rente.
Das reicht, sagte ich knapp.
Lieselotte schüttelte den Kopf. In den letzten Jahren war ich seltsam geworden redete mit den Pflanzen, nahm plötzlich eine streunende Katze auf
Vielleicht ziehst du mit in die Stadt? Zu uns? schlug sie wiederholt vor. Warum sitzt du hier allein?
Nicht allein. Rudi ist ja da.
Opa, im Ernst
Ich meine es ernst. Uns geht es gut hier. Wir haben den Garten, und wir haben den Kater.
Liselottes Stimme wurde leiser. Der Verlust meiner Frau hatte mich verschlossen und zurückgezogen.
Im Herbst wurde Rudi schwach. Er hörte auf zu fressen, lag im Hundehaus und atmete kaum noch. Ich setzte mich neben ihn, ganz besorgt.
Was ist los, mein Freund? fragte ich. Bist du krank?
Der Kater öffnete die Augen, gab ein schwaches Miauen von sich. Ich fuhr ihn zum Tierarzt im nahegelegenen Gesundheitszentrum. Die Behandlung kostete fast meine ganze Rente, aber ich bereute es nicht.
Sie haben einen netten Kater, sagte der junge Tierarzt. Schlau, sanft, nur das Alter macht ihn verwundbar, das Immunsystem schwach.
Wird er überleben?
Bei guter Pflege kann er noch einige Jahre haben. Man muss nur gut auf ihn achten und die Medikamente geben.
Zuhause richtete ich auf der Veranda ein kleines Kinderbett für Rudi ein, legte alte Decken aus, stellte Futternäpfe und Wasser bereit. Jeden Tag gab ich ihm Tabletten, maß seine Temperatur.
Werde wieder gesund, flüsterte ich. Ohne dich ist es langweilig hier.
Wahrheit war es. In den Monaten wurde er nicht nur ein Haustier, sondern ein Freund das einzige Lebewesen, das sich freute, mich zu sehen, das mir Gesellschaft leistete.
Opa, ist Rudi wieder gesund? fragte Stefan, der zu den Winterferien gekommen war.
Ja, siehst du? Er schläft jetzt in seinem Körbchen.
Der Kater lag zusammengerollt auf einem warmen Kissen, sein Fell glänzte, die Augen waren klar. Gesund.
Wird er immer hier bleiben?
Wohin soll er sonst? streichelte ich ihn. Wir gehören zusammen. Er gibt mir Gesellschaft, ich gebe ihm ein Zuhause.
Opa, warst du nicht einsam? Mit Rudi?
Ich dachte nach. Ohne meine Frau wirkte das Haus leer und still. Ich kochte Suppen für mich allein, sah fern, schlief in einem leeren Zimmer.
Ja, meine Kleine, es war sehr einsam. Sehr einsam.
Und jetzt?
Jetzt nicht mehr. Rudi kommt, wenn ich vom Beet zurückkomme, schnurrt, während ich das Abendessen vorbereite. Er liegt auf meinem Schoß, wenn ich fernsehe. Es ist gut geworden.
Stefan nickte. Auch er liebte Tiere und verstand, wie sie einsame Herzen wärmen können.
Opa, was sagt Mama dazu?
Mama war dagegen. Sie meinte, das sei ein unnötiger Aufwand, ein unnötiger Ärger.
Und du?
Ich denke, es ist nicht unnötig. Rudi schenkt mir Freude. Und Freude ist kein Luxus.
Im Frühjahr kam die Nichte der verstorbenen Gertrud, eine junge Frau mit Kind, zu Besuch.
Opa, entschuldigen Sie die Störung, sagte sie. Ich bin Stefanie, die Nichte von Gertrud. Ich habe gehört, dass Ihre Katze noch lebt?
Mein Herz schlug schneller. Würde Rudi jetzt weggehen?
Er lebt, erwiderte ich vorsichtig. Und was soll das heißen?
Ich wollte nur nachfragen Nach der Beerdigung haben wir die Katze vergessen. Jetzt ist uns das unangenehm, wir würden ihn gern zu uns holen.
Verstehe, murmelte ich, während ein Kloß in meiner Brust wuchs.
Sie sind sicher müde von ihm? Der Aufwand
Nein, ich bin nicht müde. Er ist ein schöner Kater.
Stefanie blickte in den Garten, wo Rudi in der Sonne lag.
Oh, wie hat er sich verändert! Früher war er so mager, krank. Jetzt ein richtiges Schönheitsstück!
Ich habe ihn behandelt, gut gefüttert.
Vielen Dank! Wir holen ihn natürlich mit, und übernehmen alle Kosten
Ich schwieg. Rechtlich gehörte die Katze nicht mir. Gertrud war gestorben, ihre Verwandten hatten ein Anrecht. Aber Rudi war in den letzten Monaten ein Teil meines Lebens geworden.
Darf ich ihn kurz ansehen? fragte Stefanie.
Wir gingen zu ihm. Rudi hob den Kopf, schaute aufmerksam die Fremden an, dann kam er zu mir, schmiegte sich an meine Beine.
Seltsam, staunte Stefanie. Er erkennt mich nicht. Ich war oft bei Tante Anni
Die Zeit hat ihn vergessen, erklärte ich. Vielleicht.
Doch ich verstand, dass es nicht nur Vergessen war. Der Kater hatte einen neuen Besitzer gewählt den, der ihn fütterte, heilte und liebte.
Vielleicht bleibt er doch bei Ihnen? schlug Stefanie plötzlich vor. Ich sehe, er hat sich an Sie gewöhnt. Und Sie haben ihn ins Herz geschlossen
Wie bitte? fragte ich verwirrt.
Ganz einfach. Wir leben in einer Wohnung, unser Kind ist klein. Der alte Kater ist an die Freiheit gewöhnt. Warum sollten wir ihn mitnehmen und stressen?
Aber er ist doch Ihr
Er war Ihrer Tante. Jetzt ist er Ihr. Ihr habt ihn zweimal gerettet erst vor dem Verhungern, dann von der Krankheit. Er gehört also zu Ihnen.
Ich konnte es kaum fassen.
Ernsthaft? Darf ich ihn behalten?
Natürlich! Nur, wenn Sie etwas brauchen Medikamente, Futter dann geben Sie Bescheid. Wir helfen gern.
Nachdem Stefanie gegangen war, saß ich lange auf dem Gartenhaus und streichelte Rudi.
Du bleibst, mein Freund? flüsterte ich. Für immer.
Er schnurrte zufrieden und schloss die Augen.
Am Abend klingelte Lieselotte.
Papa, wie gehts? Lebt deine Katze noch?
Lebt und ist offiziell mein. Die anderen Besitzer kamen, haben zugestimmt, dass ich ihn behalte.
Das ist schön. Wenn er sich schon eingewöhnt hat
Weißt du, Lieselotte, ich habe etwas erkannt.
Was denn?
Ein einsamer Mensch und eine einsame Katze retten einander. Ich habe ihn vor dem Verhungern gerettet, er hat mich vor der Einsamkeit bewahrt.
Papa, philosophier nicht zu viel
Ich philosophiere nicht, ich sage die Wahrheit. Jetzt habe ich einen Sinn morgens aufstehen, Futter zubereiten, Medikamente geben. Und die Freude, dass jemand neben mir schnurrt, wenn ich nach Hause komme.
Lieselotte schwieg. Vielleicht verstand sie endlich, warum ich die Katze so sehr brauchte.
Papa, ziehst du jetzt wirklich nicht zu uns in die Stadt?
Nein, das tue ich nicht. Hier habe ich alles Haus, Garten, Rudi. Warum sollte ich das städtische Getümmel brauchen?
Na gut, dann bleibst du.
Ich bleibe. Wir bleiben.
Ein weiteres Jahr verging. Peter Hartmann und Rudi führen ein ruhiges Leben. Morgens gibt es Frühstück und einen Spaziergang durch den Garten, tagsüber die Hausarbeiten, der Kater schläft im Schatten, abends gibt es das Abendessen und den Fernseher, der Kater liegt auf meinem Schoß.
Die Nachbarn haben sich daran gewöhnt, dass wir zusammen zu sehen sind.
Peter Hartmann, Ihr Kater ist ja richtig zahm geworden!
Er gehört zu mir, wir gehören zusammen.
Und das stimmt. Sie haben einander gerettet ein alter, alleinstehender Mann und eine alte, nicht mehr gewünschte Katze. Sie fanden in einander das, was ihnen fehlte Verständnis, Wärme und einen Sinn des Daseins.
Was braucht man noch zum Glücklichsein?
Rudi schnurrt auf meinem Schoß, und ich denke: Gut, dass ich den hungrigen Streuner nicht weggeschickt habe. Gut, dass ich Mitleid gezeigt habe
Manche Entscheidungen im Leben entstehen nicht aus Köpfchen, sondern aus dem Herzen. Und sie erweisen sich oft als die richtigen.