Früher FrühlingAls die ersten Knospen die kahlen Äste küssten, erwachte das Dorf aus seinem Winterschlaf.

Liselotte, ein vierjähriges Mädchen mit funkelnden Augen, betrachtete neugierig den Neuen, der erst kürzlich in ihren Hof gezogen war. Es war ein grauer Rentner, der auf einer Parkbank saß. In seiner Hand hielt er einen Stock, den er wie ein Zauberstab aus einem Märchen umklammerte.

Opa, bist du einZauberer? fragte Liselotte mutig.

Der alte Mann schüttelte den Kopf. Ein leichtes Bedauern huschte über ihr Gesicht.

Dann warum der Stab? hakte das Mädchen nach.

Er hilft mir beim Gehen, macht die Schritte leichter, erklärte er und stellte sich ihr vor: Ich heiße Oskar Friedrich.

Also bist du sehr alt? wollte Liselotte weiter wissen.

Nach deinem Urteil vielleicht, nach meinem nicht ganz. Mein Bein tut noch weh, es war neulich gebrochen, ich bin unglücklich gefallen. Deshalb benutze ich den Stock.

In diesem Moment kam Erna Schneider, die Großmutter von Liselotte, und nahm das Mädchen bei der Hand, um zum Stadtpark zu gehen. Erna grüßte den neuen Nachbarn, der ihr freundlich zulächelte. Doch die eigentliche Freundschaft des 62jährigen Oskar entwickelte sich rasch zu Liselotte. Während Erna ihre Einkäufe erledigte, schlich das Kind früh in den Hof und berichtete ihrem großen Freund alles: das Wetter, was Oma zum Mittagessen gekocht hatte und wofür ihre Spielkameradin sich letzte Woche geärgert hatte.

Oskar reichte Liselotte immer wieder eine zarte Schokoladentafel. Jedes Mal dankte das Mädchen, brach die Tafel exakt zur Hälfte und verstaute die andere Hälfte sorgfältig im Ärmel ihrer Jacke.

Warum isst du nicht alles? Gefällt dir nicht? fragte Oskar leicht spöttisch.

Sie ist lecker, aber meine Oma soll auch ein Stück haben, erklärte Liselotte.

Das Herz des Rentners schmolz. Beim nächsten Mal brachte er zwei Tafeln. Wieder schnitt das Mädchen die Hälfte ab und steckte die andere Hälfte weg.

Und jetzt, wem bewahrst du das auf? fragte Oskar erstaunt über die Sparsamkeit des Kindes.

Vielleicht für Mama und Papa. Sie können sich auch selbst etwas kaufen, freuen sich aber, wenn wir teilen, erklärte Liselotte.

Verstehe. Eure Familie ist also sehr eng verbunden, bemerkte Oskar. Du hast ein gutes Herz, Kind.

Und meine Oma auch, weil sie jeden liebt, wollte Liselotte sagen, doch Erna trat aus dem Treppenhaus und ergriff die Hand ihrer Enkelin.

Ach, Oskar Friedrich, vielen Dank für die Leckereien, aber weder ich noch Liselotte sollten zu viel Süßes essen. Bitte verzeih

Was soll ich denn tun? Ich will euch nicht enttäuschen. Was könnt ihr denn annehmen? fragte er entschlossen.

Wir haben alles zu Hause. Nein, bitte, ich will euch etwas schenken, lächelte Erna.

Ich will nicht einfach nur geben, ich baue hier Nachbarschaft auf und das zeige ich gern, sagte Oskar.

Dann gehen wir zu Nüssen über. Wir essen sie nur zu Hause, mit sauberen Händen, okay? schlug Erna vor, während sie sowohl Liselotte als auch Oskar ansah.

Liselotte nickte eifrig, und beim nächsten Treffen fand Erna in Liselottes Tasche ein paar Walnüsse und Haselnüsse.

Ach du meine Güte, du kleine Eichhörnchen! Nüsse sind heute ein teurer Genuss, und Oskar braucht Medizin, sie ist hinkend, siehst du?

Er ist nicht wirklich alt und nicht hinkend. Sein Bein wird besser, verteidigte Liselotte ihren Freund, und er möchte bis zum Winter wieder Skifahren.

Skifahren im Winter?, zweifelte Erna. Na, dann hast du ja Glück.

Kannst du mir Skier kaufen, bitte? Dann fahren Oskar und ich zusammen. Er hat versprochen, mir das Skifahren beizubringen, flehte Liselotte.

Während sie im Park spazierten, sah Erna Oskar, der schon ohne Stock die Allee entlangschritt.

Opa, ich gehe mit dir!, rief Liselotte, während sie dem Rentner im flotten Schritt folgte.

Warte doch bitte auch auf mich!, rief Erna hinter ihr her.

Zu dritt gingen sie weiter; Erna genoss das rhythmische Gehen, Liselotte verwandelte es in ein fröhliches Spiel. Ihre Energie war ansteckend: Sie hüpfte, tanzte auf dem Weg, kletterte auf die Bank, begrüßte Oma und Oskar, und dann marschierte sie weiter, kommandierend:

Eins, zwei, drei, vier! Festere Schritte, Blick nach vorn!

Nach dem Spaziergang setzten sich Erna und Oskar auf die Bank im Hof, während Liselotte mit Freundinnen spielte und stets ein paar Nüsse von Oskar bekam, bevor sie Abschied nahm.

Ihr verwöhnt sie zu sehr, gestand Erna verlegen. Lassen wir die Tradition lieber bis zu Festtagen.

Oskar erzählte Erna, dass er seit fünf Jahren Witwer sei und gerade erst beschlossen habe, seine Dreizimmerwohnung zu teilen in eine Einzimmerwohnung für sich und eine Zweizimmerwohnung für die Familie seines Sohnes.

Ich bin nicht der geselligste Mensch, aber Nachbarn brauch ich, besonders wenn es um kleine Dinge geht, sagte er nachdenklich.

Zwei Tage später klopfte es an Oskars Tür. Dort standen Liselotte und Erna mit einem Tablett voller Apfelkuchen.

Wir möchten dich einladen, sagte Erna.

Habt ihr einen Teekessel?, fragte Liselotte neugierig.

Selbstverständlich, hier kommt die Freude!, rief Oskar, als er die Tür weit aufstieß.

Der Tee duftete nach Wärme und Gemütlichkeit. Liselotte staunte über Oskars Bücherregal und seine Gemälde, während Erna das Strahlen ihrer Enkelin beobachtete und Oskars geduldige Erklärungen zu jedem Bild genoss.

Meine Enkel sind weit weg, studieren schon. Ich vermisse sie, bemerkte Oskar, und deine Oma ist noch jung!

Erdrückte Liselotte bekam einen Bleistift und ein Blatt Papier.

Ich bin erst zwei Jahre im Ruhestand, Langeweile kommt nicht infrage, wies Erna auf die Enkelin, und meine Tochter erwartet das zweite Kind. Glücklich sind wir, dass wir in benachbarten Häusern wohnen und so viel zusammen erleben können.

Den ganzen Sommer über trafen sich die Nachbarn häufig. Im Winter hielt Erna ihr Versprechen und kaufte Liselotte ein Paar schlittige Kinderskier. Zu dritt trainierten sie auf der präparierten Pistenstrecke im Stadtpark, die jedes Jahr neu gefräst wird.

Oskar und Erna wurden unzertrennlich, gingen fast ausschließlich zusammen spazieren. Liselotte, die nicht in den Kindergarten ging, verbrachte die meisten Stunden bei ihrer Oma. So trafen sie sich täglich, bis Oskar eines Tages in die Hauptstadt Berlin fuhr, um Verwandte zu besuchen.

Liselotte vermisste ihn schmerzlich und fragte immer wieder ihre Oma, wann er zurückkehre.

Er bleibt länger, hat gesagt, er bleibt einen Monat, weil er hier einen Gastauftritt hat. Wir passen auf seine Wohnung auf, weil er unser Freund ist, erklärte Erna. Erna und Liselotte freuten sich über Oskars Besuch, sein Lächeln und seine Hilfsbereitschaft er reparierte Steckdosen, ersetzte Glühbirnen in der Kronleuchter und vieles mehr.

Nach nur einer Woche spürten Erna und Liselotte die Lücke. Sie standen vor der leeren Bank, wo Oskar sonst wartete, und sahen sich besorgt an.

Am achten Tag verließ Erna das Treppenhaus eilig, um Liselotte zu holen, und sah Oskar an seinem gewohnten Platz stehen.

Guten Tag, lieber Nachbar, staunte Erna, wir haben dich nicht so früh erwartet! Du hattest doch gesagt, du bleibst länger!

Ach, winkte Oskar, die Großstadt war zu laut. Alle meine Kinder sind beschäftigt, ich wollte nicht den ganzen Tag warten. Ich dachte, ich komme zurück, weil ich euch vermisst habe ihr seid mir wie Familie geworden.

Opa, hast du deinen Enkeln noch Süßigkeiten mitgebracht? fragte Liselotte.

Die Erwachsenen lachten.

Nein, Liebes, Süßes ist nicht gut für sie. Sie sind erwachsen geworden, ich habe ihnen Geld geschenkt, damit sie studieren können, gestand Oskar.

Schön, dass du so schnell zurückgekommen bist, dein Herz ist noch da, lächelte Erna.

Liselotte umarmte Oskar, und er war sichtlich gerührt.

Wir haben heute viele Pfannkuchen mit verschiedenen Füllungen. Sie sind fast wie Kuchen, zart und leicht. Lass uns Tee trinken, und du erzählst uns, wie Berlin ist, rief Erna.

Was ist denn Berlin?, fragte Oskar lachend. Die schöne Hauptstadt ist voller Leben. Ich habe dir ein paar Geschenke mitgebracht, die du nicht erraten würdest

Er nahm Erna und Liselotte bei den Händen und führte sie nach Hause, gerade als der erste Frühlingsregen einsetzte. Das Unwetter kam überraschend früh.

Warum ist es heute so warm? fragte Oskar und blickte zu Erna.

Weil der Frühling naht!, rief Liselotte, bald ist der Frauentag, Oma wird das Festmahl vorbereiten und dich, Opa, ebenfalls einladen.

Ach, ich liebe euch, meine lieben Nachbarn, sagte Oskar, während er die Treppe hinaufstieg.

Nach den Pfannkuchen wurden Geschenke verteilt: Liselotte erhielt eine leuchtende hölzerne Matroschka, Erna eine silberne Brosche. Das Trio machte sich wieder auf den Weg, entlang der vertrauten, von Oskar liebevoll abgetretenen Strecke im Park. Der Schnee war grau und schwammig geworden, die Wege tauchten auf wie ein Schwamm, der das Wasser aufsaugte. Liselotte hüpft über die trockenden Platten, froh über die milde Luft:

Oma, Opa, fangt mich! Eins, zwei, drei, vier! Festere Schritte, schau nach vorn!Sie schlenderten gemeinsam die nassen Planken entlang, während das leise Trommeln des Regens im Takt ihrer Schritte verklingtein leiser, beruhigender Rhythmus, der die Erinnerung an den ersten gemeinsamen Schneetag weckt. Oskar zog aus seiner Jacke ein kleines, handgeschnitztes Kästchen hervor, öffnete es sachte und enthüllte darin ein filigranes, silbernes Schlüsselchen, das er einst für seine Tochter gemacht hatte. Dies soll euch die Tür zu allen kleinen Wundern öffnen, sagte er leise, und reichte es zuerst Erna, dann Liselotte, deren Augen vor Staunen funkelten.

Ein Regenbogen spannte sich plötzlich über den Himmel, als die Sonne durch die Wolken brach, und die drei standen still, die Hände fest ineinander verschlungen. In diesem Moment verspürten sie alle, dass das wahre Geschenk nicht aus Schokolade, Nüssen oder Stoffen bestand, sondern aus dem stillen Versprechen, immer füreinander da zu sein ein Versprechen, das sich in jedem Schritt, den sie künftig gemeinsam wagen würden, widerspiegeln würde. Und so gingen sie weiter, das Licht des Regenbogens tanzte auf ihren Gesichtern, während das Viertel um sie herum leise flüsterte: Freundschaft, die wächst wie ein Baum, trägt ihre Früchte über jede Jahreszeit hinweg.

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