„Was soll das alles auf dem Tisch sein?“, fragte Ingrid empört und spähte in den Topf.
Auf dem Herd köchelte langsam eine magere Gemüsesuppe. Daneben stand eine große Schale Haferbrei ohne Butter und ein Teller mit gekochtem Kohl.
In der Küchentür stand Friedrich, der Bruder ihres Mannes. Seine Frau Ingrid blickte verwirrt auf den Tisch, auf dem weder Braten noch Salate oder Kuchen zu sehen waren.
„Und wo bleibt das richtige Essen?“, platzte es aus Friedrich heraus, während er die bescheidenen Gerichte musterte.
Karin legte ruhig die Schöpfkelle vor die Gäste.
„Heute essen wir, was da ist.“
Die Gäste sahen sich an. Friedrich riss den Mund auf, schwieg aber. Ingrid zupfte nervös an ihrer Serviette. Sie ahnten noch nicht, dass dieses Mittagessen das letzte in einer langen Reihe ihrer unentgeltlichen Schlemmereien sein würde.
***
Karin und ihr Mann Andreas lebten in einer kleinen, aber gemütlichen Wohnung im dritten Stock einer typischen Plattenbausiedlung. Beide arbeiteten, beide kochten gern. Freitags blätterte Karin durch Kochblogs und plante das Wochenendmenü, während Andreas ihr bereitwillig am Herd half.
„Sollen wir am Wochenende gefüllte Paprika machen?“, schlug sie vor, und ihr Mann stimmte zu, schon in Vorfreude auf den Duft von geschmortem Fleisch in Tomatensoße.
Sie hatten Gäste gern – nicht die, die nach Fahrplan kamen, sondern jene, mit denen es schön war, am gedeckten Tisch zu sitzen und über Wichtiges zu reden.
Vor einigen Jahren hatte Andreas seinem Bruder beim Umzug geholfen. Kisten geschleppt, Möbel auseinandergenommen, auf einer Luftmatratze genächtigt. Danach kamen Friedrich und seine Frau Ingrid mit ihren zwei Kindern gelegentlich zu Besuch. Anfangs war alles nett: Friedrich brachte einen Kuchen mit, Ingrid Obst, die Kinder benahmen sich erträglich. Man saß beisammen, lachte, erinnerte sich an gemeinsame Bekannte.
Doch nach und nach änderte sich etwas Unmerkliches.
Die Kuchen blieben aus. Das Obst auch. Dafür wurden die Besuche häufiger.
Jetzt tauchten die Verwandten jedes Wochenende – samstags oder sonntags – gegen Mittag oder Abend auf. Sie kündigten sich längst nicht mehr an.
Ingrid schrieb vielleicht zehn Minuten vor dem Klingeln eine Nachricht:
„Wir sind zufällig in der Gegend. Kommen kurz vorbei, ist das okay?“
Manchmal kamen sie ganz ohne Vorwarnung.
Karin fiel ein seltsames Muster auf: Die Gäste erschienen genau dann, wenn der Duft von frischem Gebäck oder Braten durch die Wohnung zog. Als hätten sie eine Antenne.
Ingrid ging als Erste in die Küche.
„Oh, wie das duftet!“, rief sie und hob die Deckel der Töpfe. „Wir haben heute gar nichts gekocht.“
Friedrich ließ sich unterdessen am Tisch nieder und begann gemächlich Neuigkeiten zu erzählen, während die Kinder geschäftig den Kühlschrank öffneten und in den Fächern nach Süßem suchten.
Nach jedem solchen Besuch war der Kühlschrank merklich leerer, und Karin blieb nur das Abspülen eines Berges Geschirr und das Zusammenkehren der Krümel.
Besonders unangenehm war der Samstag vor dem runden Geburtstag von Karins Mutter.
Zwei Tage hatte Karin in der Küche verbracht. Sie hatte eine Ente mit Äpfeln gebraten, drei Salate zubereitet, einen Kirschkuchen gebacken. Die Lebensmittel hatten einiges gekostet – sie hatte eigens mehrere Wochen dafür gespart.
„Morgen ist der große Tag“, sagte sie am Vorabend zu Andreas und betrachtete zufrieden den Kühlschrank. „Alles fertig.“
Doch am Samstag, gegen zwölf, klingelte es an der Tür.
Vor der Tür standen Friedrich, Ingrid und die beiden Kinder.
„Wir waren zufällig in der Gegend!“, verkündete Ingrid freudig und zog bereits die Jacke aus.
Karin versuchte vorsichtig anzudeuten, dass das Essen für die Feier am nächsten Tag bestimmt war.
„Morgen hat meine Mutter Geburtstag, ich habe extra zwei Tage gekocht“, sagte sie in der Hoffnung, die Gäste würden es verstehen.
Ingrid winkte nur ab: „Ach, komm schon. Du kochst doch noch mal, du bist ja eine Meisterin.“
In wenigen Stunden vernichteten die Gäste fast die Hälfte der Festtagsvorräte. Die Kinder fielen über den Kuchen her. Von der Ente blieb die Hälfte übrig.
Als Karin am Abend den Kühlschrank öffnete, zog sich etwas in ihr zusammen. Es war keine Wut – eher eine stille, bittere Kränkung. Es tat ihr nicht um die Lebensmittel leid. Es tat ihr um ihre eigenen Hände leid, um zwei Tage Arbeit, um den Duft von heißem Teig am Morgen.
Zum ersten Mal dachte sie es klar und ohne Einschränkung: Die Verwandten kamen nicht um der Gesellschaft willen. Sie mochten es einfach, auf fremde Kosten gut zu essen.
Spät am Abend sprach Andreas als Erster davon.
„Mir fällt das schon lange auf“, sagte er leise und blickte auf den Tisch. „Ich wusste nur nicht, wie ich es nennen soll. Und mit meinem Bruder darüber zu reden, ist mir peinlich.“
Karin antwortete nicht. Doch beide verstanden, dass Schweigen keine Lösung mehr war.
Streiten oder sich erklären wollten die Eheleute nicht. Stattdessen ersannen sie etwas anderes.
„Machen wir ein Experiment“, schlug Karin am Mittwochabend vor. „Kochen wir am Wochenende nur das Allereinfachste. Mal sehen, was passiert.“
Andreas grinste: „Glaubst du, das bringt was?“
„Ja, das glaube ich.“
Am Freitag setzte Karin Haferbrei ohne Butter auf, kochte eine magere Gemüsesuppe, kochte Kohl und bereitete ungesüßtes Kompott zu. Sonst nichts. Alles andere – Fleisch, Käse, Wurst, Süßigkeiten – verstaute sie in der Gefriertruhe und in den oberen Fächern der Speisekammer.
Der Kühlschrank sah betont ärmlich aus.
Am Sonntag geschah alles nach dem gewohnten Muster.
Es klingelte gegen zwölf. Vor der Tür standen Friedrich, Ingrid und die Kinder. Ingrid lächelte bereits und zog die Luft ein – doch diesmal war kein Duft zu riechen.
Sie ging wie gewohnt in die Küche und spähte in den Topf. Das Lächeln erlosch ein wenig. Sie öffnete den Kühlschrank. Schloss ihn. Öffnete ihn wieder – als hoffte sie, beim nächsten Mal wäre etwas anderes da.
Am Tisch herrschte angespannte Stille. Die Kinder stocherten ratlos mit den Gabeln im Kohl. Friedrich löffelte ein paar Löffel Suppe und begann auf die Uhr zu sehen. Ingrid antwortete einsilbig und warf immer wieder Blicke zur Tür.
Karin schenkte Kompott ein und fragte ruhig: „Wie geht’s so? Wie läuft die Arbeit?“
„Geht so“, antwortete Friedrich knapp.
Nach vierzig Minuten machte sich die Familie plötzlich fertig zum Aufbruch.
„Na, wir müssen los“, sagte Ingrid und stand auf. „Wir haben noch zu tun.“
Als die Tür hinter den Gästen ins Schloss fiel, sagte Andreas leise: „Sie haben es wohl kapiert.“
In der darauffolgenden Woche wiederholte sich die Geschichte.
Karin kochte wieder das Allereinfachste. Buchweizenbrei, magere Borschtsch ohne Fleisch, gekochte Rote Bete. Friedrich kam mit seiner Familie, saß ohne rechten Appetit am Tisch und fuhr früher als sonst nach Hause.
Dann geschah es wieder und wieder.
Jeder neue Besuch wurde kürzer als der vorherige. Ingrids begeisterte Ausrufe über die Küchendüfte blieben aus. Die gewohnten Bitten, doch den Kuchen zum Tee zu holen oder ein Glas eingelegtes Gemüse zu öffnen, verschwanden.
„Bei euch ist heute wieder nicht viel los“, bemerkte Friedrich einmal, als er den Tisch überblickte.
„Ja, das kommt vor“, antwortete Karin gelassen und stellte ihm einen Teller hin.
Er schwieg.
Endgültig klar wurde alles an einem Donnerstag. Andreas ging auf den Flur, um sein Telefon zu holen, und hörte zufällig einen Bruchteil eines Gesprächs – sein Bruder stand am Fenster und sprach leise mit jemandem:
„Was soll man da schon machen? Die kochen jetzt ja gar nichts mehr Anständiges.“
Andreas kehrte leise in die Küche zurück und sagte Karin nichts davon, erst am Abend, nachdem die Gäste gegangen waren, erzählte er ihr den Satz.
Karin schwieg lange und blickte aus dem Fenster.
„Dann haben wir alles richtig verstanden“, sagte sie schließlich.
Mehr brauchten sie einander nicht zu erklären. Dieser kurze, zufällig belauschte Satz hatte alles an seinen Platz gerückt.
Einen Monat später hörten die Besuche praktisch auf. Friedrich und seine Familie verbrachten die Wochenenden bei anderen Verwandten – bei der Schwiegermutter, bei alten Freunden, bei jemandem aus der Nachbarschaft der alten Wohnung.
In Karins und Andreas’ Wohnung kehrte endlich Ruhe ein.
Die gewöhnliche, einfache, lange vergessene Ruhe an einem Samstagmorgen.
Sie konnten wieder gemeinsam Kaffee trinken, ohne auf die Türklingel zu lauschen. Filme sehen, ohne daran zu denken, dass gleich Gäste hereinplatzen. Die Leute einladen, die sie selbst sehen wollten.
„Wie schön“, sagte Karin eines Sonntags, als sie sich mit einem Buch aufs Sofa kuschelte. „Ich hatte schon vergessen, dass Wochenenden auch so sein können.“
Andreas lächelte und antwortete nicht.
Doch Anfang des nächsten Monats kam Friedrich dann doch – allein, ohne Ingrid und Kinder. Er setzte sich an den Küchentisch, nahm eine Tasse Tee. Zunächst redeten sie über Belangloses.
Aber Andreas ging nicht um den heißen Brei herum.
„Friedrich, wir freuen uns immer, dich zu sehen“, sagte er sachlich. „Aber jeden Sonntag ein kostenloses Restaurant zu machen, dazu sind wir nicht mehr bereit. Das ist ehrlich.“
Friedrich senkte den Blick auf die Tasse. Schwieg.
„Ich hab’s verstanden“, sagte er schließlich leise.
Sein Gesicht verriet, dass er zum ersten Mal wirklich von außen auf alles geblickt hatte.
Einige Monate später waren die Beziehungen zwischen den Verwandten ruhiger und wohl auch ehrlicher als zuvor.
Friedrich kam manchmal zu Besuch, doch nun rief er immer vorher an.
„Darf ich am Samstag kommen?“, fragte er einfach, ohne die alte Selbstverständlichkeit.
Oft brachte er Gebäck oder Lebensmittel für ein gemeinsames Abendessen mit. Einmal erschien er mit einem Stück Lachs und einer Flasche guten Weins.
„Hier, ich dachte, ich steuere was bei“, sagte er etwas verlegen und reichte Karin die Tüte.
Auch Ingrid hielt sich anders – sie ging nicht gleich in die Küche, öffnete nicht den Kühlschrank, spähte nicht in die Töpfe.
Und Karin lernte etwas Wichtiges, das sie vorher nicht hätte in Worte fassen können. Wenn Menschen sich an die Freundlichkeit anderer gewöhnt haben, muss man nicht unbedingt einen lauten Streit vom Zaun brechen oder sich zu Tränen kränken. Manchmal reicht es, einfach aufzuhören, ihnen die bequemen Bedingungen zu schaffen. Und dann fügt sich alles von selbst.