Meine Schwiegermutter zwang mich, an meinem rechtmäßigen freien Tag Beete zu jäten. Doch diesmal lief alles anders als geplant.

– Du weißt doch, dass es für Mama schwer ist? – Olaf ließ die Autoschlüssel auf seiner Handfläche hüpfen, ohne mich auch nur anzusehen. – Sie hat die Setzlinge gezogen. Ist es denn zu viel verlangt, drei Tage zu helfen? Immer das Gleiche.

Ich stand am offenen Kofferraum und betrachtete die drei riesigen Taschen, die ich selbst gepackt hatte. In einer die Sachen der Kinder, in der zweiten warme Pullover für den Abend, in der dritten Bettwäsche – weil meine Schwiegermutter es ablehnte, uns ihre aus der Kommode zu geben.

Unsere fünfjährige Annika zappelte bereits auf der Rückbank und drückte ihren Plüschhasen an sich, während Tim, der gerade acht geworden war, trübselig in einem Comic blätterte. Vor mir lag ein weiteres Wochenende, das eine wohlverdiente Erholung nach einer vierzigstündigen Arbeitswoche in der Buchhaltung hätte sein sollen – stattdessen drohte es in freiwillige Zwangsarbeit auszuarten.

– Drei Tage helfen bedeutet, dass wir ankommen, Grillwürstchen braten und abends zwei Beete gießen, Olaf – meine Stimme klang ruhig. – Aber wenn ich von morgens bis abends krumm über den Erdbeeren stehe, während Anna Schmidt jeden Strauch inspiziert, dann nennt man das anders.

Mein Mann öffnete genervt die Fahrertür und setzte sich ans Steuer.

– Schon gut, fahren wir. Da sehen wir weiter. Vor Ort ist alles immer einfacher.

Ich nahm den Beifahrersitz, schnallte mich an und starrte auf die Straße. Der Wagen setzte sich in Bewegung und ließ unseren stillen Berliner Vorort hinter sich. Vor uns lagen zwei Stunden über die zerfurchte Brandenburger Landstraße, brütende Hitze und das Gefühl, schon wieder kampflos meine Position aufzugeben.

Neun Jahre Ehe hatten mich gelehrt, dass ein Streit mit Olaf über seine Eltern so sinnlos ist wie der Versuch, einen fahrenden Zug anzuhalten. Besser nachgeben, die zwei Tage durchstehen und dann drei Tage in der Stadtwohnung regenerieren. Aber diesmal sträubte sich etwas in mir, als wäre eine dünne Schnur bis zum Äußersten gespannt.

Die Fahrt zog sich endlos. Die Kinder wurden auf halber Strecke quengelig. Tim beschwerte sich über die stickige Luft, Annika ließ ihren Hasen zwischen die Sitze fallen und wimmerte leise. Olaf ärgerte sich, drehte das Radio lauter, wo irgendwelche alten Schlager liefen, und überholte immer wieder Lastwagen, wobei er schroff die Spur wechselte.

– Mussten wir wirklich so viel Gepäck mitnehmen? – warf er hin, einen flüchtigen Blick in den Rückspiegel werfend. – Mama sagte, sie hat alte Klamotten für den Garten. Warum schleppst du diese Taschen?

– Weil die alten Klamotten deiner Mutter fettige Kittel in Größe 54 sind, in denen ich mich unwohl fühle, – versuchte ich, ruhig zu bleiben. – Und die Kinder brauchen saubere Wechselsachen.

– Ach, hör auf. Immer suchst du Probleme, wo keine sind. Mama wartet, hat Sauerampferkuchen gebacken, und du kommst mit einer Miene daher, als ob du zur Hinrichtung geführt wirst.

Ich schwieg. Streiten wollte ich nicht, es hatte auch keinen Sinn. Olaf hielt die Fahrt ins Wochenendhaus seiner Eltern für das Beste, was uns an einem Wochenende passieren konnte. Für ihn war es eine Rückkehr in die Kindheit, wo er in alten Shorts herumlaufen, frische Milch vom Nachbarn trinken und für nichts Verantwortung übernehmen konnte.

Für mich war es eine endlose Prüfung auf den Titel der „idealen Schwiegertochter“, die ich jedes Mal aufs Neue bestand – egal, wie sehr ich mich anstrengte.

Als der Wagen auf die mit Kies bestreute Landstraße abbog, dröhnte die Federung dumpf. Vorbei zogen graue Zäune, Sanddorngebüsche und gleichförmige Lauben. Unser Wochenendhaus – genauer: das der Schwiegereltern – hob sich durch den grünen Zaun und das große Gewächshaus ab, das wie eine futuristische Kuppel aufragte.

Anna Schmidt stand bereits am Gartentor. Sie trug eine blaue Schürze mit Tupfen und hielt eine Gartenschere in der Hand. Daneben, auf einer niedrigen Bank unter dem Apfelbaum, saß ihr Mann Peter Schmidt und reparierte gemächlich ein altes Transistorradio.

– Endlich seid ihr da! – öffnete die Schwiegermutter das Tor, noch bevor Olaf den Motor abgestellt hatte. – Habt ihr den Stau überstanden? Los, ladet schnell aus, das Mittagessen wird kalt. Marlene, Kindchen, du siehst ganz blass aus. Ihr lasst euch in eurem Berlin völlig aushungern. Keine Sorge, hier haben wir frische Luft, da kommst du schnell wieder in Form.

Sie lächelte, aber ihr Blick glitt bereits prüfend über mein Strick-T-Shirt und die hellen Jeans. Ich kannte diesen Blick. Jetzt ging das Scannen los: wie teuer die Kleidung ist, warum sie so schmutzanfällig ist, wozu ich mich für den Garten geschminkt habe.

***

Das Mittagessen verlief unter Annas Diktat. Sie verteilte die Fleischklößchensuppe auf die Teller und gab nebenbei Anweisungen für den Abend. Olaf aß mit Appetit, schmatzte und pflichtete seiner Mutter bei.

– Olaf, du musst den Zaun bei den Himbeeren abstützen, sonst kippt er um, – tupfte sich die Schwiegermutter sorgfältig die Lippen mit einer Serviette ab. – Und Marlene und ich kümmern uns um die Beete. Das Unkraut schießt nach den Regenfällen wie verrückt. Wenn wir heute nicht jäten, kommen wir morgen nicht mehr an den Zwiebeln vorbei.

– Mama, ich hatte eigentlich vor, mit den Kindern an den See zu gehen, – wagte Olaf zaghaft zu widersprechen, während er sich den zweiten Kuchen nahm. – Bei dieser Hitze sollen sie doch mal schwimmen.

– Der See läuft nicht weg, – unterbrach Anna Schmidt. – Das Wasser ist noch kalt, du erkältest die Kinder. Ihr habt Zeit. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen. Marlene, bist du fertig? Bring die Teller in die Spüle, dann gehen wir. Ich habe dir das Werkzeug bereitgestellt.

Ich sah meinen Mann an, in der Hoffnung auf Unterstützung. Aber Olaf studierte eifrig das Muster auf seiner Teetasse. So machte er es immer – er tauchte ab und ließ mich mit seiner Mutter allein fertigwerden.

Schon nach einer halben Stunde kniete ich zwischen den langen Zwiebelreihen. Die Sonne brannte erbarmungslos, der Kopf glühte sogar durch die Kappe. Die Erde war trocken, klumpig, das Unkraut hielt sich verbissen fest und riss an der Wurzel ab. Daneben, auf einem Plastikstuhl, hatte es sich Anna Schmidt bequem gemacht. Sie jätete nicht selbst – die Ärzte hatten ihr Bücken wegen des Blutdrucks verboten –, aber sie übernahm die sanfte Führung.

– Nimm tiefer, Marlene, tiefer. Die Wurzel muss mit Fleisch heraus, du zupfst nur an den Spitzen. In drei Tagen ist alles wieder zugewuchert. Und beeil dich nicht, mach es ordentlich. Wir bauen doch für uns an, für die Enkel. Willst du nicht, dass die Kinder ihre Vitamine ohne Chemie bekommen?

Ich zog schweigend eine große Löwenzahnstaude aus. Erde klebte unter den Fingernägeln. Meine frische Maniküre, am Donnerstagabend für viel Geld gemacht, hatte nach den ersten zehn Minuten aufgehört zu existieren. In meiner Brust kochte langsam die Wut hoch. Nicht auf die Schwiegermutter – sie war schon immer so, sie war nicht zu ändern. Auf meinen Mann. Auf mich. Darauf, dass ich schon wieder hier in diesem Staub saß, fremden Willen erfüllte, während meine eigenen Wochenendpläne in die Brüche gingen.

– Mama, kann ich bitte Wasser? – Annika kam zum Beet gelaufen, rotwangig von der Hitze. Sie hatte versucht, mit dem Nachbarshund zu spielen, aber der döste faul im Schatten des Hauses und ließ sich nicht locken.

– Hol dir im Haus, auf dem Tisch steht ein Krug, – sagte ich und wischte mir mit dem Handrücken den Schweiß von der Stirn.

– Nicht ins Haus rennen, den Dreck hereintragen, – mischte sich Anna Schmidt ein. – Olaf! Hol deiner Tochter Wasser aus dem Brunnen. Und Marlene auch, siehst du, ihr Gesicht ist schon puterrot.

Olaf, der gerade träge ein Brett am Zaun befestigte, legte den Hammer weg und ging zum Brunnen. Seine Bewegung war so gemächlich, dass ich am liebsten die Hacke nach ihm geworfen hätte.

Am Samstagabend tat mir der Rücken weh. Die Muskeln schrien vor ungewohnter Belastung, die Handflächen brannten. Wir waren zu den Möhrenbeeten übergegangen, die eine filigrane Jätarbeit erforderten – die zarten Keime waren leicht mit Unkraut zu verwechseln.

– Wer jätet denn so, Herr im Himmel, – erhob sich Anna Schmidt von ihrem Stühlchen und kam näher, um das Ergebnis meiner Arbeit zu begutachten. – Du hast die halben Möhren ausgerissen, Marlene! Sieh mal, hier ist eine Lücke, und da auch. Ich habe dich doch gebeten, aufmerksamer zu sein. Hast du etwa mit den Gedanken woanders?

Ich erstarrte, in den Händen ein weiteres Büschel Gras. In mir klickte etwas. Ruhig, dachte ich, einfach ruhig. Es ist nur ein älterer Mensch. Sie glaubt, sie hilft.

– Anna Schmidt, ich gebe mir Mühe, es genau zu machen. Die Keime sind sehr fein, man sieht sie schlecht.

– Wenn du sie schlecht siehst, musst du eine Brille aufsetzen, – schnappte die Schwiegermutter. – Mein Olaf hat diese Möhren als Kind immer tadellos gejätet. Und du, eine erwachsene Frau, schaffst nicht mal das Einfachste. Von euch modernen Mädchen hat man im Haushalt nichts. Ihr könnt nur Geld für eure Schönheitssalons ausgeben.

Von hinten kam Olaf. Er war gerade vom Baumarkt zurückgekommen, wo er mit seinem Vater Bretter geholt hatte. In der Hand hielt er ein Eis. Eines. Er aß es bereits auf und leckte die weißen Tropfen von den Fingern. Für die Kinder hatte er Lollis mitgebracht. An mich hatte natürlich niemand gedacht.

– Mama, was regst du dich auf? – sagte er träge und setzte sich auf die Treppe. – Marlene macht es doch ordentlich. Sie ist nur nicht daran gewöhnt.

– Eben! – fiel Anna Schmidt begeistert ein, von der Unterstützung ihres Sohnes beflügelt. – Und daran muss man sie gewöhnen. Sonst kommt sie an, setzt sich mit einem Buch auf den Liegestuhl und denkt, sie sei im Hotel. Aber hier muss man schuften. Wir, dein Vater und ich, halten dieses Grundstück seit dreißig Jahren, jeden Quadratmeter haben wir mit eigenen Händen bearbeitet. Und ihr fällt es schwer, den Rücken zu krümmen.

Ich erhob mich langsam von den Knien. Klopfte die Erde von der Hose. Ein stechender Schmerz durchfuhr meinen Rücken, aber ich verzog keine Miene. Ich sah die Schwiegermutter an – ihr Gesicht mit echter Empörung. Ich sah Olaf an – er saß auf der Stufe, löffelte den Waffelbecher aus und starrte auf sein Handy, völlig abwesend. Für ihn war dieses Gespräch vertrauter Hintergrundlärm.

– Ich bin fertig, – sagte ich leise.

– Was heißt fertig? – die Schwiegermutter schlug die Hände über dem Kopf zusammen. – Und wer macht die anderen drei Beete? Der Regen ist für die Nacht angesagt, morgen wuchert alles zu!

– Das machen Sie, Anna Schmidt. Oder Ihr Sohn. Aber ich erscheine nicht mehr auf diesen Beeten. Niemals.

Ich drehte mich um und ging zum Haus. Die Schritte fielen schwer, die Beine waren wie Blei, aber in mir wuchs ein seltsames, ungewohntes Gefühl der Befreiung. Als hätte ich lange einen schweren, fremden Koffer ohne Henkel getragen und plötzlich einfach die Finger geöffnet.

Im Haus ging ich sofort in das Zimmer, in dem wir übernachteten. Ich zog die Taschen unterm Bett hervor und begann, die Sachen einzupacken. Kinder-T-Shirts, kurze Hosen, Bettwäsche – alles flog ohne Ordnung in die Beutel.

In der Tür erschien Olaf. Sein Gesicht war verwirrt, fast erschrocken.

– Marlene, was machst du da? Mama trinkt jetzt Baldrian. Warum hast du sie angeschrien? Sie ist ein älterer Mensch, sie hat ein Herz.

– Deine Mama ist voller Kraft, Olaf, – ich zog den Reißverschluss der ersten Tasche zu. – Sie wird diesen Garten umgraben und uns alle überleben. Aber mein Rücken fällt ab. Pack die Kinder. Wir fahren.

– Wohin fahren? Samstagabend! Die Staus auf der Stadteinfahrt sind horrend. Bist du verrückt? Wegen ein paar Möhren machst du so ein Theater?

– Ich mache kein Theater. Ich fahre nach Hause. Wenn du willst, bleib hier bei deiner Mutter und den Möhren. Das Auto gehört mir, die Schlüssel habe ich. Die Kinder nehme ich mit.

Olaf versuchte, mir den Weg zu versperren, stellte sich in den Türrahmen.

– Du fährst nirgendwo hin. Hör auf mit der Hysterie. Beruhige dich, jetzt essen wir zu Abend, trinken Tee, und alles wird gut. Mama kühlt schon ab, sie ist versöhnlich.

Ich sah Olaf an. Ruhig, ohne die Panik, die mich sonst bei unseren Streits überkam. Und ich erinnerte mich an die Worte meiner Freundin Lena: „Er wird niemals auf deiner Seite stehen.“ Für ihn stand ich immer an zweiter Stelle: Mama ist die Wichtigste, und ich muss ertragen und funktionieren.

– Geh aus dem Weg, Olaf.

Ich nahm die beiden schweren Taschen und ging in den Flur. Die Kinder saßen auf dem Sofa im Wohnzimmer, still, spürend, dass etwas Außergewöhnliches geschah.

– Tim, Annika, zieht eure Schuhe an. Wir fahren nach Hause, nach Berlin.

– Juhu! – Tim sprang vom Sofa, ohne seine Freude zu verbergen. Das Wochenendleben unter der ständigen Aufsicht der Oma, die verbot, auf dem Rasen zu rennen und Beeren ohne Erlaubnis zu pflücken, war ihm ebenfalls gründlich verleidet.

Anna Schmidt stand auf der Veranda, die Lippen zusammengepresst. Peter Schmidt hinter ihr rauchte schweigend und blickte in Richtung der Bäume. Niemand hielt uns zurück, niemand bat uns zu bleiben.

Olaf folgte mir bis zum Auto. Er versuchte immer noch, mich aufzuhalten.

– Du machst einen großen Fehler, Marlene, – sagte er leise, während ich das Gepäck in den Kofferraum lud. – Mama wird das nicht vergessen. Du ruinierst die Beziehung wegen einer Kleinigkeit.

– Weißt du was, Olaf? Dir sind meine Gefühle egal, – ich schloss den Kofferraum und drehte mich zu ihm um. – Ich fahre nie wieder ins Wochenendhaus deiner Eltern. Das ist endgültig. Wenn du sie besuchen willst, tu das – jedes Wochenende, wenn du magst. Die Kinder kannst du mitnehmen, falls sie selbst wollen. Aber ohne mich. Mir reicht es.

Ich setzte mich ans Steuer, startete den Motor. Olaf stand am Zaun, die Hände in den Taschen. Er sah aus wie ein verunsicherter Junge, dem man das gewohnte Spielzeug weggenommen hatte. Er stieg nicht ein. Er blieb im Garten, neben seiner Mutter, die ihm von der Veranda aus schon etwas zurief und heftig gestikulierte.

Wir fuhren durch das Tor. Im Rückspiegel sah ich, wie die Gestalt meines Mannes zusammen mit dem grünen Zaun und dem riesigen Gewächshaus kleiner wurde. In der Brust zog es ein wenig, im Wissen, dass dieser Abend alles verändert hatte.

Unsere Ehe würde nicht morgen zerbrechen, wir würden irgendwie weitermachen. Aber die frühere Marlene, die bereit war, jede Demütigung zu ertragen für den Scheinfrieden in der Familie, gab es nicht mehr.

Ich gab Gas, und der Wagen rollte über die Kiesstraße, fort von dem fremden Garten, in dem ich viel zu lange nach fremden Regeln gelebt hatte.

– Mama, fahren wir nie wieder zu Oma? – fragte Annika leise von der Rückbank, und riss mich aus meinen Gedanken.

Ich sah in den Rückspiegel. Die Tochter drückte ihren Hasen an sich, und Tim wartete gespannt auf meine Antwort.

– Zu Oma und Opa könnt ihr mit Papa fahren, wenn ihr wollt, – ich schaltete den Gang hoch und lenkte den Wagen auf die geteerte Landstraße. – Aber ich habe für die Wochenenden jetzt andere Pläne.

Vor mir tauchten die Lichter einer Tankstelle auf. Ich fuhr hinein, um den Kindern Saft zu kaufen und in Ruhe einen Kaffee zu trinken. Vor mir lagen noch hundert Kilometer bis nach Hause – und ich würde sie ohne überflüssige Eile zurücklegen.

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