“Ich habe keine Zeit, mich um einen alten Hund zu kümmern”, sagte der Mann. Und holte Bello nicht aus der Klinik ab.

**Tagebucheintrag, 15. November**

Kuno winselte nicht, als sein Herr zur Tür ging. Er legte nur die Schnauze auf die Pfoten und schloss die Augen, als hätte er längst gewusst, wie diese Fahrt enden würde.

An der Anmeldetafel löste Gerd den Karabiner der Leine. Seine Finger bewegten sich schnell. So nimmt man die Uhr vor dem Duschen ab: ohne Gedanken, ohne Pause.

„Ich habe keine Zeit, mich um einen alten Köter zu kümmern“, sagte er, ohne aufzublicken. „Die Hinterläufe sind hin. Na, schlaft ihn ein. Oder gebt ihn ins Tierheim.“

Die Brille an der Kette schwang, als ich den Kopf zu dem Hund drehte. Rotbraun. Groß. Graue Schnauze und ein eingerissenes linkes Ohr. Kuno lag zu Füßen seines Herrn, und sein Schwanz rührte sich nicht.

„Sind Sie sicher?“

Die Leine lag auf der Theke. Abgenutztes Leder, eine Metallschnalle mit feinen Kratzern.

„Sicher“, Gerd zuckte mit der Schulter. „Ich habe geheiratet. Meine Frau hat, na ja, Allergien. Neue Wohnung, frisch renoviert. Und er haart. Kurz gesagt, ich habe keine Zeit.“

Das Wort „Zeit“ sprach er etwas schneller als die anderen. Zwei Silben, wie eingeübt auf der Fahrt hierher.

Er hockte sich nicht hin. Er strich dem Hund nicht über den Nacken. Er sah nicht einmal nach unten. Drehte sich um, stieß die Glastür auf und ging. Der Geruch von Benzin und nassem November zog für einen Augenblick herein, dann fiel die Tür ins Schloss, und es wurde still.

Kuno hob den Kopf.

Sah zur Tür. Zu mir. Wieder zur Tür. Die Nüstern zuckten, als er den verblassenden Geruch einzog. Das Glas bewegte sich nicht. Die vertrauten Schuhe kamen nicht zurück.

Meine Knie knackten, als ich mich neben ihn hockte.

„Na, alter Junge. Mal sehen, was los ist.“

Unter der Handfläche war das Fell hart und warm. Es roch nach Hund, der jahrelang auf derselben Stelle im Flur geschlafen hatte, auf einer alten Decke. Nach Staub. Nach Zuhause.

Die Hinterläufe waren schlecht. Arthritis, geschwollene Gelenke. Der Hund stand mühsam auf, wankte, als trüge er einen unsichtbaren Sack auf dem Rücken. Aber er stand. Allein.

Ich tastete die Rippen ab, hob die Lefze, prüfte die Zähne. Das Herz schlug gleichmäßig, die Augen waren klar. Für sein Alter hielt sich der Kerl wacker: Er konnte laufen, fressen, die Nase in Knie bohren. Und warten an der Tür.

Warten an der Tür konnte er. Das war er gewohnt.

Am Halsband hing eine metallene Plakette, übersät mit feinen Kratzern. Ich hielt sie ins Licht. Zwei Telefonnummern. Eine mit „Gerd“ beschriftet. Die zweite, darunter, kleiner, fast verwischt: „Maren“.

Die erste Nummer antwortete nicht. Fünf Freizeichen, sechs, sieben. Teilnehmer nicht erreichbar.

Kuno lag auf dem Boden des Untersuchungszimmers, den Kopf zwischen den Pfoten. Die Neonröhre flackerte über ihm mit leisem Brummen, und der Schatten des rotbraunen Körpers erschien auf dem grauen Linoleum und verschwand wieder. Als wäre der Hund schon halb verschwunden.

Mein Finger schwebte über der zweiten Nummer. Dann drückte ich auf Anruf.

Abgenommen wurde beim dritten Freizeichen.

„Hallo?“

Die Stimme jung, leicht belegt, mit einer Pause vor dem Wort. So antworten Menschen, die keine Anrufe von Fremden erwarten, aber rangehen, weil sie Angst haben, etwas Wichtiges zu verpassen.

„Guten Tag. Tierklinik Zum treuen Hund. Mein Name ist Dr. Lukas Weber. Sind Sie Maren?“

Pause. Kurz, aber dicht, als wäre etwas auf den Grund gefallen.

„Ja. Was ist passiert?“

„Wir haben Ihren Hund hier. Kuno. Rotbraun, groß, linkes Ohr eingerissen. Ein Mann hat ihn gebracht. Gerd. Und ihn dagelassen.“

„Wie meinen Sie das?“

„Er weigerte sich, ihn mitzunehmen. Sagte, er habe keine Zeit.“

Am anderen Ende wurde es still. Ich hörte Atem und Straßenlärm. Irgendwo weit hinten hupte ein Bus. Dann kam ein Geräusch, wie wenn jemand die Hand auf den Mund presst.

„Lebt er noch?“, die Stimme wurde dünner, wie ein Faden, der gespannt wird.

„Er lebt. Arthritis in den Hinterläufen, aber der Zustand ist stabil. Er braucht eine Spritzenkur und jemanden, der bei ihm ist. Das ist kein Todesurteil.“

„Ich komme. Schicken Sie mir die Adresse. Ich komme sofort.“

Die Verbindung brach ab. Ich hielt den Hörer noch einen Moment in der Hand und lauschte der Stille. Dann sah ich Kuno an. Er rührte sich nicht. Nur der Schwanz zuckte einmal, kaum sichtbar, wie im Traum, wenn man etwas Schönes träumt und sich hinterher nicht erinnern kann, was es war.

Aus dem Nebenraum holte ich eine Schale mit Wasser. Stellte sie vor seine Schnauze. Kuno streckte sich, leckte einmal, zweimal, ein Tropfen blieb an den Schnurrhaaren hängen. Dann legte er den Kopf wieder hin.

Die alte Decke aus dem Schrank roch nach Mottenkugeln und fremden Katzen. Ich breitete sie in der Ecke des Zimmers aus, und der Hund zog sich selbst dorthin, langsam, die Hinterläufe nachschleifend. Beschnupperte den Stoff. Legte sich hin. Vergrub die Nase in einer Falte.

Draußen war es dunkel geworden. Die Novemberlaternen brannten schon vor fünf, und das nasse Licht legte sich als gelbe Flecken auf die Scheibe.

Zwei Stunden später öffnete sich die Glastür wieder. Die Jacke nass, kastanienbraune Haare klebten an der Stirn, die Turnschuhe dunkel von Pfützen. Maren blieb auf der Schwelle zum Behandlungszimmer stehen und trat nicht sofort ein.

In der Ecke auf der Decke lag Kuno. Den Kopf hob er nicht.

Sie machte einen Schritt. Dann einen zweiten, langsamer, als hätte sie Angst, ihn zu erschrecken. Hockte sich hin. Die Decke wurde dunkel von der nassen Jacke, und durch den Raum zog der Geruch von Regen und kaltem Asphalt.

Da öffnete der Hund die Augen.

Er sah sie lange an, als traute er ihr nicht. Die Nüstern blähten sich. Der Schwanz schlug gegen die Decke, einmal, zweimal, schneller. Kuno winselte leise und hell, ganz wie ein Welpe, und streckte die Schnauze nach ihr aus. Die Hinterläufe versagten, rutschten auf dem Stoff, und er zerrte mit den Vorderpfoten vorwärts, krallte auf das Linoleum, schlug mit den Nägeln.

Maren fasste ihn unter der Brust und zog ihn an sich. Eine heiße Zunge fuhr über ihre Wange, ihr Kinn, über die salzigen nassen Streifen, die sie nicht wegwischte.

Ich stand an der Tür. Schwieg. Nahm die Brille ab, putzte sie am Rand des Kittels, obwohl die Gläser sauber waren. Setzte sie wieder auf.

„Er ist dreizehn“, sagte Maren, ohne sich umzudrehen. Die Stimme dumpf, als hätte jemand etwas Warmes und Schweres auf ihre Kehle gelegt. „Papa hat ihn von einer Baustelle mitgenommen, als ich elf war. Damals haben ihm Streuner das Ohr zerrissen. Papa trug ihn in der Jacke nach Hause, wie ein Baby.“

Die rotbraune Schnauze schob sich in ihre Handfläche, so dass die Finger auseinandergingen.

„Und jetzt hat er plötzlich keine Zeit“, sagte Maren leise, ohne Wut. So spricht man über Dinge, die einen nicht mehr überraschen, sondern irgendwo unter den Rippen brennen.

Ihre Hände zitterten leicht. Sie ballte die Fäuste, rieb die Finger, als wollte sie sich wärmen, obwohl es im Zimmer warm war.

„Die Arthritis ist behandelbar“, sagte ich ruhig, ärztlich. „Eine Spritzenkur, spezielles Futter und Wärme. Er soll nicht zu lange allein sein. Er ist nicht hoffnungslos. Nur alt.“

Maren nickte. Stand auf. Wischte sich mit dem Ärmel der nassen Jacke übers Gesicht und sah mir direkt in die Augen, ohne den Blick abzuwenden.

„Ich nehme ihn mit.“

„Gibt es Bedingungen?“

Ihre Lippen zuckten. Es war kein Lächeln.

„Eine Einzimmerwohnung. Sechzehn Quadratmeter. Eine Katze. Arbeit von acht bis sechs. Und keinen einzigen Grund, ihn hierzulassen.“

Vom Haken neben der Tür nahm ich die Leine. Dieselbe, abgenutzt, mit der Schnalle voller Kratzer. Maren nahm sie, und ihre Finger schlossen sich um das alte Leder, als hielten sie eine Hand, nicht nur einen Riemen.

Der Karabiner klickte am Halsband. Kuno stand, schwankte, die Hinterläufe zitterten, aber der Schwanz wedelte hin und her. Das eingerissene linke Ohr zuckte.

„Komm, Kuno. Komm.“

Er trat vor. Langsam, uneben, kippte nach rechts. Erreichte die Schwelle und hielt an. Drehte sich um zu dem Zimmer, zu der Decke, zu der flackernden Lampe.

Dann sah er Maren an. Und ging mit ihr.

Am Ausgang hielt sie kurz an. Draußen nieselte es, roch nach nassem Asphalt und Herbstlaub. Kuno atmete schwer, Dampf kam aus seinem Maul, und der feine Regen setzte sich als silbriger Staub auf das rotbraune Fell.

Bis zu ihrem Auto waren es vielleicht hundert Meter. Für kranke Pfoten eine ganze Meile.

Maren hockte sich hin, fasste den Hund unter Brust und Hinterläufe. Schwer. Heiß. Zitterte am ganzen Leib. Sie richtete sich auf, drückte ihn an sich, und Kuno vergrub die Schnauze in ihrem Hals. Nasse, heiße Schnauze, die nach Hund roch und nach dem alten Zuhause, aus dem man ihn am Morgen für immer weggebracht hatte.

Die Jacke war durchweicht. Die Arme brannten unter der Last. Die Knie gaben nach auf dem glatten Asphalt. Aber sie blieb kein einziges Mal stehen.

Ich sah aus dem Fenster. Die Lampe hinter mir flackerte, erlosch, brannte wieder.

Auf der Theke lag die Karte. „Kuno, Mischling, 13 Jahre. Halter: Gerd.“ Das Wort „Gerd“ war durchgestrichen. Darunter, mit kleiner, deutlicher Schrift: „Maren“.

Eine Woche später kam ein Foto auf mein Handy. Kuno lag auf einer karierten Decke, und neben ihm saß eine gestreifte graue Katze und leckte das eingerissene rote Ohr. Die Schnauze des Hundes war ruhig. Die Augen geschlossen, der Schwanz lang ausgestreckt über den Stoff. So liegen Hunde, die nicht mehr an der Tür warten müssen.

Die Nachricht war kurz: „Keine Zeit. Wir haben sie gefunden.“

Die neue Leine, die Maren kaufte, war blau, mit weichem Griff.

Die alte blieb unbenutzt. Sie roch nach dem früheren Zuhause und nach einem Mann, dem keine Zeit mehr blieb.

Und ich? Ich habe gelernt, dass Zeit nicht fehlt. Sie wird nur schlecht verteilt.

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