— Morgen kommen meine Arbeiter, um die Rohre zu tauschen, sie reißen alles bis auf den Beton raus. Also quartiere ich mich bei euch ein. Zehn Tage, höchstens einen Monat, verkündete Inge, während sie einen Koffer in der Größe einer kleinen Betonmischmaschine in meinen Flur rollte. — Das Gästezimmer ist doch frei, oder?
Mein Mann Siegfried stand knapp hinter seiner Schwester und studierte eifrig das Muster der Tapete. Er sah aus wie eine hochspirituelle Motte, die versehentlich in einen Schrank geflogen war und sich jetzt mit aller Kraft als Kleiderbügel tarnte. Man hatte mich vor vollendete Tatsachen gestellt, meine gewohnte Ordnung war mit dem Bulldozer plattgemacht worden, und mein Mann tat nicht einmal so, als hätten wir das besprochen.
— Siegfried? — ich zog eine Augenbraue hoch und sah meinen Gatten an.
— Natascha, das ist doch höhere Gewalt, — stammelte er und senkte den Blick. — Familie ist Familie. Sie kann ja nicht auf der Straße leben.
Inge zog bereits ihre Stiefel aus und schmiss meine Schuhe selbstbewusst in die Ecke.
Man sagt, mein Zuhause sei meine Burg. Nur in der Ehe stellt sich oft ein verblüffendes Paradoxon ein: Während du oben auf den Mauern mit kochendem Pech stehst, um die Familie zu schützen, öffnet dein Mann unten heimlich das Tor und verkauft den Verwandten Eintrittskarten für eine Besichtigungstour durch dein Territorium.
Ich machte keine Szene im Flur. Schließlich sind geplatzte Rohre wirklich ein Unglück. Aber schon am zweiten Tag nahm das Unglück die Form einer dreisten häuslichen Besetzung an.
Inge okkupierte das Bad, als bereite sie sich auf eine Belagerung vor: Die Ränder des Waschbeckens waren mit einer Batterie von Fläschchen bestückt, die an Barrikaden der Französischen Revolution erinnerten. Mein teures Gesichtsserum schmolz mit erschreckender Geschwindigkeit dahin.
Am dritten Tag kam ich von der Arbeit nach Hause und fand in der Küche eine Filiale eines Studentenwohnheims vor. Inge saß mit zwei Freundinnen am Tisch. Der Tisch glich Pompeji nach dem Ausbruch: überall Krümel, schmutzige Teller, Soßenflecken. Mein teurer gereifter Käse, für einen besonderen Anlass gekauft, war gnadenlos in schiefe Scheiben geschnitten worden.
— Ach, Natascha, hallo! — winkte meine Schwägerin ab. — Hör mal, wir haben das Geschirr im Spülbecken gelassen, wirf es in die Maschine, wir haben es eilig.
Sie flatterte davon. Ich sah auf den Berg aus fettigem Plastik und Keramik. Ich fluchte nicht. Ich sammelte einfach das ganze schmutzige Geschirr in eine Plastikschüssel und stellte sie sorgfältig mitten auf das gemachte Bett im Gästezimmer.
Am Abend, als das empörte Kreischen der zurückgekehrten Inge ertönte, kam Siegfried mit großen Augen zu mir gerannt:
— Natascha, warum so scharf? Sie ist doch Gast! Halt durch, bald sind die Rohre repariert.
Ich schwieg. Mich für den Wunsch, keine kostenlose Bedienung zu sein, zu rechtfertigen, war nicht in meinem Plan.
Und am fünften Tag rief meine Schwiegermutter an. Gertrud – eine Frau, so gerade wie eine Schiene und mit einem ebenso schweren Charakter. Aber sie hat einen riesigen Pluspunkt: Sie kann Lügen und Schmarotzer nicht ausstehen.
— Natascha, hallo. Sitzt meine Mieterin dir schon auf dem Kopf? — begann Gertrud ohne Vorrede.
— Wir halten die Stellung, Gertrud. Die Rohre werden gewechselt, so ist das.
Im Hörer entstand ein schweres, ungutes Schweigen.
— Welche Rohre, Natascha? Gestern hat Inge sich verplappert, als sie mir mit der Miete angegeben hat. Sie hat ihre Wohnung für einen Monat an Bauarbeiter vermietet. Wollte sich was dazuverdienen und bei euch umsonst wohnen.
Ich ließ mich langsam auf einen Stuhl sinken.
— Und Siegfried? — fragte ich nur.
— Und Siegfried wusste es, — schnitt Gertrud ab. Ihre Stimme wurde metallisch. — Und dann hat Siegfried mich angerufen und gebeten, mich nicht einzumischen. Er sagte: „Natascha wird meckern und sich schon dran gewöhnen, sie kocht doch sowieso für alle, ein Teller Suppe mehr oder weniger.“ Er bat mich zu schweigen, damit du kein Theater machst. Bedien sie nicht, Natascha. Er hat dich zur Fremden im eigenen Haus gemacht. Sie sollen lernen, dass eine Ehefrau keine Haushaltsauflage zum Herd ist.
Als das Gespräch endete, hatte ich weder Tränen noch Lust, Teller zu zerschlagen. Innen war eine kristallklare, kalte Leere. Mein Mann hatte so getan, als bemerke er nicht, wie man mich ausnutzte. Na gut. Dann würde ich so tun, als hätte ich keinen Mann.
Nach der Arbeit ging ich in den Supermarkt. Ich kaufte genau ein Lachssteak. Eine Avocado. Eine Portion Salat.
Zu Hause kochte ich in Ruhe das Abendessen, spülte eine Pfanne, eine Gabel und setzte mich an den Tisch. Bald knallte die Wohnungstür. In die Küche polterte Siegfried, gefolgt von Inge.
— Mmm, das riecht aber gut! — sagte mein Mann und rieb sich die Hände. — Und was gibt’s für uns zu essen?
Ich tupfte mir gemächlich die Lippen mit einer Serviette ab.
— Keine Ahnung, Siegfried. Was du für deine Schwester gekauft und gekocht hast, das esst ihr.
Siegfried erstarrte. Inge schnaubte empört:
— Wie bitte? Du hast nicht für uns mitgekocht? Das ist ja wohl sehr ungastlich!
Ich richtete meinen Blick auf die Schwägerin.
— Gäste, Inge, werden von den Gastgebern eingeladen. Leute, die sich unter Vorspiegelung falscher Tatsachen in einem fremden Haus einnisten, um ihre eigene Wohnung zu vermieten und auf Kosten anderer zu leben, heißen anders.
Inge erbleichte und keuchte laut, während Siegfried tiefrot anlief.
— Natascha… was fängst du jetzt an? — versuchte er seinen üblichen Vogelstrauß-Modus einzuschalten.
— Ich höre auf, — antwortete ich ruhig. — Du hast entschieden, dass du keine Frau hast, mit der du reden musst, bevor du das Haus in ein Wohltätigkeitsasyl verwandelst. Gut. Ich respektiere deine Wahl. Dann hast du jetzt eine Schwester, die du selbst fütterst, für die du selbst wäschst und der du selbst das Klopapier kaufst. Mein Geld wird für euch nicht mehr ausgegeben.
Großzügigkeit auf Kosten anderer sieht immer schön aus, bis die Rechnung selbst auf dem Tisch liegt. Den ganzen Abend beobachtete ich mit einem leichten Lächeln, wie mein Mann fluchend am Herd mit einem gefrorenen Hähnchen kämpfte. Es glich der Schlacht des Heiligen Georg mit einem eisglatten Drachen, wobei der Drache eindeutig die Oberhand hatte.
Am nächsten Tag beschwerte sich Inge bei ihrer Mutter. Siegfried, der den eigenständigen Haushalt nicht mehr ertrug, versuchte ebenfalls, Gertrud als Schiedsrichterin einzuschalten. Er rief sie auf Lautsprecher an, direkt vor mir, und erwartete Unterstützung.
— Mama, sag du es ihr! Das ist doch verrückt, wir wohnen im selben Haus und sie versteckt das Essen vor uns! — jammerte der siebenundvierzigjährige Junge.
Gertruds Stimme dröhnte aus dem Lautsprecher, dass die Gläser im Schrank zitterten:
— Sohn! Du hast deiner Schwester Komfort mit fremden Händen versprochen. Da sind deine Hände. Geh und schaff ihn. Natascha ist weder deine Köchin noch deine Hausangestellte. Und du, Inge, zahlst entweder deinem Bruder den Hotelpreis oder du ziehst aus.
Inges vorteilhaftes Schema krachte ohrenbetäubend zusammen. Selbst Essen kaufen und sich selbst zu versorgen war ihr zu teuer und mühsam. Ihre Mieter konnte sie vertraglich nicht rauswerfen, also mietete sie sich ein kleines Apartment auf Tagesbasis. Am Ende verschlang fast der gesamte Gewinn aus der Vermietung ihrer eigenen Wohnung die Kosten für fremde Unterkunft und Essen. Das Schema schloss sich nicht nur – es fraß sich selbst auf.
Schon am nächsten Morgen, wütend mit dem Rollen der Betonmischer-Koffer ratternd, verließ die Schwägerin unsere Wohnung.
Als die Tür hinter ihr zufiel, atmete Siegfried erleichtert auf. Er kam zu mir, legte entspannt die Hand auf meine Schulter und lächelte:
— Na endlich, Gott sei Dank, weg ist sie. Frieden? Was gibt’s heute zum Abendessen?
Ich nahm seine Hand vorsichtig mit zwei Fingern von meiner Schulter.
— Zum Abendessen gibt es das, was du dir selbst kochst, — sagte ich mit gleichmütiger Stimme, zog ein vorbereitetes Blatt aus meiner Tasche und legte es vor ihn hin. — Hier sind die Lebensmittel, die ihr benutzt habt, der Wert des ruinierten Serums und dein Anteil an den zusätzlichen Haushaltskosten. Ich werde nicht jeden Liter Wasser nachrechnen. Mir geht es nicht um den Cent. Sondern darum, dass du meine Arbeit und mein Geld ohne mein Einverständnis versprochen hast.
Siegfried wich zurück, sein Gesicht wurde lang.
— Natascha… ist das dein Ernst? Sie ist doch weg! Wir sind doch eine Familie!
— Familie, Siegfried, bedeutet, dass man aufeinander aufpasst, nicht dass man den Komfort seiner Frau verkauft, um als guter Bruder dazustehen, — ich spitzte jedes Wort. — Solange du mir diesen Betrag nicht von deiner Karte überwiesen hast und solange du nicht durch Taten beweist, dass du ein Partner sein kannst, leben wir wie Mitbewohner. Getrennte Kassen. Auch die Fächer im Kühlschrank sind getrennt.
— Du spinnst wohl! — platzte er heraus, als ihm klar wurde, dass es kein Zurück in die gemütliche Verantwortungslosigkeit gab. — Das ist doch absurd! Wegen so einer Lappalie!
Ich sah ihn direkt in die Augen. Ruhig, ohne Wut, ohne Groll. Nur mit der kalten Erkenntnis neuer Regeln.
— Du hast so getan, als sei nichts, als man mich ausnutzen wollte. Und ich habe einfach aufgehört, in dir einen Ehemann zu sehen. Gewöhn dich dran. Mitbewohner streiten sich nicht, Siegfried. Mitbewohner stellen nur die Rechnung.
Ich drehte mich um und ging in mein Zimmer, ließ ihn mitten in der Küche stehen. Er starrte auf das Blatt mit den Zahlen, und an seinen hängenden Schultern sah man: Endlich hatte es bei ihm klick gemacht.
Die Überweisung kam noch am selben Abend. Aber Siegfried wurde dadurch nicht automatisch wieder zum Ehemann. Die nächsten Wochen wohnte er im Gästezimmer, kaufte selbst ein, kochte und räumte hinter sich auf. Und bevor er jemanden auch nur für fünf Minuten hereinbat, fragte er mich. Zum ersten Mal nicht aus Höflichkeit, sondern weil er endlich verstanden hatte: Die Zustimmung der Frau ist keine dekorative Unterschrift unter eine bereits getroffene Entscheidung.
Die Rolle des Ehemanns kann man nicht nur durch Untreue verlieren. Manchmal reicht schon das Schweigen.