Mein Mann hat seine Mutter bei uns einziehen lassen. Ich habe einfach seine Sachen gepackt und die Tür geöffnet.

An jenem Abend sollte die Mutter kommen. Für immer. Markus hatte es bereits geregelt.

Maren hob den Kopf vom Laptop. Sie begriff nicht sofort, was er gesagt hatte. Sie fragte mit einem Blick nach – sah einfach ihren Mann an, der in der Küchentür stand und auf sein Handy starrte, als hätte er gerade etwas Belangloses mitgeteilt. Dass das Brot alle war. Dass Stau auf der A9 war.

„Was heißt ‚für immer‘?“

„Genau das.“ Er steckte das Telefon endlich ein. „Sie hat Gelenkschmerzen, allein ist es schwer. Wir nehmen sie zu uns.“

Maren klappte den Laptop zu. Langsam, behutsam – so, wie man etwas Zerbrechliches schließt, damit es nicht zerbricht. Sie arbeitete als Finanzanalystin im Homeoffice, und der Küchentisch war seit neun Uhr morgens ihr Arbeitsplatz. Es war halb sieben abends.

„Markus. Das haben wir nicht besprochen.“

„Was gibt es da zu besprechen?“ Er zuckte mit den Schultern – diese Geste, die sie längst hassen gelernt hatte. Leicht, lässig, als ob ihre Worte weniger wogen als Luft. „Sie ist meine Mutter. Soll ich sie etwa im Stich lassen?“

Maren stand auf. Ging zum Fenster, sah auf den Hof – dort jagten Kinder einem Ball hinterher, kreischten, fielen hin und sprangen wieder auf. Ein normaler Abend. Nur in ihrer Brust zog sich etwas zusammen und ließ nicht locker.

„Wir haben eine Zweizimmerwohnung“, sagte sie ruhig. „Wo soll sie wohnen?“

„Im Wohnzimmer. Das Sofa ist gut.“

„Das ist mein Arbeitszimmer, Markus.“

„Du arbeitest in der Küche. Was macht das für einen Unterschied?“

Sie drehte sich um. Sah ihn an – diesen Mann, mit dem sie sechs Jahre verheiratet war. Er stand am Kühlschrank, hatte ihn bereits geöffnet und sah mit einem geschäftigen Blick hinein, als sei das Gespräch beendet. Entscheidung getroffen, Punkt, man kann zu Abend essen.

So lief das bei ihnen mit Ursula. Die Mutter entschied – der Sohn führte aus. Maren war in diesem Schema bloß Dekoration. Bequem, funktional, leicht ersetzbar.

Ursula erschien um acht Uhr abends mit zwei Koffern und einer großen Tasche voller Töpfe. Maren verstand nicht, warum man Töpfe mitbringt, wenn man zu Leuten zieht, die bereits welche haben. Aber sie schwieg.

„Na, da bin ich!“ Die Schwiegermutter trat ein, wie man in die eigenen vier Wände nach langer Abwesenheit zurückkehrt. Sie sah sich um, zog die Lippen zusammen. „Markuschen, hier liegt Staub auf dem Regal. Siehst du? Genau hier.“

„Mama, du bist gerade erst reingekommen …“

„Ich sag’s ja nur.“ Sie zog den Mantel aus, warf ihn über die Garderobe, dass die Hälfte herunterrutschte, und ging, die Wohnung zu inspizieren. Maren stand im Flur und sah zu, wie diese Frau die Schlafzimmertür öffnete, ins Bad lugte, die Vorhänge im Wohnzimmer anfasste.

„Das Sofa ist hart“, verkündete Ursula, ohne Maren anzusehen. „Markus, habt ihr eine Ersatzmatratze?“

„Finden wir, Mama.“

„Und es ist kalt hier. Heizt die Heizung schlecht?“

„Sie heizt normal“, sagte Maren.

Die Schwiegermutter sah sie an – zum ersten Mal, seit sie die Schwelle übertreten hatte. Ein langer Blick, abschätzend, wie man auf dem Markt frische Ware mustert.

„Na, vielleicht ist dir das normal. Ich friere.“

Markus schleppte schon eine alte Decke aus der Kammer. Maren ging in die Küche. Setzte sich. Öffnete den Laptop, schloss ihn. Öffnete ihn wieder. Die Zahlen auf dem Bildschirm ergaben keinen Sinn.

Im Nebenzimmer erzählte Ursula ihrem Sohn, dass die Nachbarin Klara endlich das Wochenendhaus verkauft habe, und das sei gut so, und überhaupt, an Dingen zu hängen sei dumm, sie zum Beispiel gebe alles leicht her. Maren dachte, dass die Schwiegermutter in ihrem Leben noch nie etwas leicht hergegeben hatte. Jede einzelne Gefälligkeit behielt sie jahrelang im Gedächtnis und präsentierte sie mit Zinsen.

Die erste Woche glich einer langsamen Überschwemmung. Erst stieg das Wasser unmerklich – Knöchel, Knie. Man konnte noch so tun, als wäre nichts Besonderes.

Ursula arbeitete nicht – sie war in Rente und sehr stolz darauf. Den ganzen Tag verbrachte sie auf dem Sofa mit dem Handy, sah Videos in voller Lautstärke, rief manchmal ihre Freundinnen an und erzählte ausführlich, mit Nachdruck, fremde Schicksale nach. Geschirr spülte sie nicht. Krümel vom Tisch wischte sie nicht weg. Einmal fand Maren in der Spüle eine ungespülte Pfanne, in der – dem Geruch nach – am Vortag etwas gebraten worden war.

„Ursula, könnten Sie Ihr Geschirr selbst spülen?“

„Ich bin müde. Die Gelenke“, antwortete diese, ohne vom Handy aufzusehen.

„Sie waren gerade eine halbe Stunde einkaufen.“

„Das ist etwas anderes.“

Markus sagte am Abend zu Maren, sie könnte ruhig etwas sanfter sein. Die Mutter sei alt, krank, man müsse Verständnis haben. Maren hatte Verständnis – sie schwieg. Aber etwas in ihr notierte diesen Moment. Speicherte ihn, wie man eine wichtige Datei ablegt.

Drei Tage später stellte Ursula die Möbel im Wohnzimmer um. Einfach so, nahm den Sessel und schob ihn ans Fenster, den Couchtisch ans Sofa. Maren erfuhr davon, als sie ins Wohnzimmer ging, um ihren Kalender zu holen, und feststellte, dass alles anders stand.

„Warum haben Sie umgestellt?“

„So ist es bequemer. Ich brauche Licht zum Lesen.“

„Das ist ein gemeinsamer Raum.“

„Na und? Ich habe ja nichts weggeworfen.“ Die Schwiegermutter drehte sich nicht einmal um. „Markus ist nicht dagegen.“

Markus war natürlich nicht dagegen. Markus war nie dagegen, wenn es um seine Mutter ging. Er war in einer Familie aufgewachsen, in der Ursulas Wort Naturgesetz war – wie die Schwerkraft, wie der Wechsel der Jahreszeiten. Es anzufechten war sinnlos.

Maren stand mitten im umgestellten Wohnzimmer und dachte daran, dass sie vor einem halben Jahr mit Markus eine Dreizimmerwohnung in einem Neubau besichtigt hatten. Ihr hatte sie gefallen – hell, mit großer Küche, Blick auf den Park. Markus hatte gesagt, zu teuer, wir warten. Jetzt verstand sie: Er hatte es damals schon gewusst. Nur nicht gesagt.

Es war keine spontane Idee gewesen. Es war ein Plan.

Am zehnten Tag fand Ursula im Kühlschrank Marens Joghurt – teuer, extra bestellt, ohne Zucker, mit Probiotika, weil Maren auf ihre Ernährung achtete – und aß ihn. Einfach so, nahm und aß. Die leere Verpackung stellte sie zurück.

Maren öffnete morgens den Kühlschrank, sah die leere Verpackung, schloss ihn. Stand eine Sekunde. Öffnete ihn wieder – vielleicht hatte sie sich getäuscht. Nein. Leer.

„Ursula, haben Sie meinen Joghurt gegessen?“

„Welchen Joghurt?“ Die Schwiegermutter blickte unschuldig, fast überrascht. Das konnte sie – ein Gesicht machen, als würde man ihr zu Unrecht etwas vorwerfen.

„Den weißen, im kleinen Becher. Stand im zweiten Fach.“

„Ich dachte, der ist für alle da.“

„Bei uns ist nichts ‚für alle da‘ ohne zu fragen.“

„Ach, tu nicht so.“ Ursula winkte ab. „Ein Joghurt. Kein großer Verlust.“

Am Abend sagte Markus wieder, Maren rege sich über Kleinigkeiten auf. Die Mutter habe es nicht absichtlich getan. Man müsse sich ans Zusammenleben gewöhnen, das brauche Zeit. Maren sah ihn lange an und antwortete nichts.

Sie dachte bereits. Rechnete. Überlegte.

Damit war es nicht getan.

Das Parfüm stand seit einem Monat auf dem Schminktisch – französisch, in einem schweren Flakon, der an alten Bernstein erinnerte. Maren hatte es sich zum Geburtstag gekauft, lange ausgesucht, Proben im Laden gerochen, die Beschreibungen gelesen. Es war nicht nur ein Duft – es war eine kleine, persönliche Freude, von denen es in letzter Zeit immer weniger gab.

Eines Morgens war der Flakon nicht mehr auf dem Tisch.

Maren fand ihn auf dem Boden im Flur. Genauer gesagt, das, was davon übrig war – Scherben, bernsteinfarbene Pfützen auf dem Parkett, ein scharfer Geruch, der den ganzen Flur durchzog und lange nicht verflog.

Ursula saß auf dem Sofa mit dem Handy.

„Was ist mit meinem Parfüm passiert?“

„Hingefallen.“ Kurz, ohne Tonfall, wie jemand, dem die Sache völlig gleichgültig ist.

„Wie ist es in den Flur gekommen?“

„Ich hab’s mir angesehen. Der Flakon war glitschig, ist mir weggerutscht.“

Maren hockte sich hin, sammelte die Scherben in Zeitungspapier. Ihre Hände waren ruhig – sie wunderte sich selbst über diese Ruhe. In ihr zog sich etwas zusammen und pochte, aber außen keine einzige unnötige Bewegung.

„Sie nehmen meine Sachen ohne Erlaubnis.“

„Ich hab’s mir nur angesehen, nicht gestohlen.“ Ursula ließ endlich das Handy sinken, und in ihrem Blick lag dieser Ausdruck – leichte Gereiztheit, weil man sie mit Belanglosigkeiten störte. „Ach, eine Tragödie. Parfüm. Kaufen Sie sich neues.“

„Von Ihrem Geld?“

Die Schwiegermutter schwieg. Wandte sich ab zum Telefon.

Markus sagte am Abend, die Mutter habe es nicht absichtlich getan, man müsse wertvolle Sachen wegräumen. Maren notierte dieses Gespräch in derselben inneren Datei, die mit jedem Tag schwerer wurde.

Die Heißluftfritteuse hatte sie vor zwei Jahren gekauft – lange Bewertungen gelesen, Modelle verglichen, schließlich eine gute genommen, mit Timer und mehreren Programmen. Sie kochte fast jeden Tag darin: Hähnchenflügel, Gemüse, Fisch. Markus sagte, es sei das Beste, was sie je für die Küche angeschafft habe.

Am Freitag kam Maren aus dem Büro zurück – einmal pro Woche fuhr sie zu Meetings – und roch in der Küche den typischen Geruch von verbranntem Plastik. Die Fritteuse stand auf dem Tisch, der Deckel offen. Darin etwas Schwarzes, Unkenntliches.

„Was haben Sie darin gemacht?“

„Kartoffeln.“ Ursula stand am Herd, unabhängig. „Ich hab’s eingestellt und vergessen. Passiert mal.“

„Sie haben die höchste Stufe eingestellt?“

„Ich kenne mich nicht aus mit diesen neumodischen Geräten. Ich hab zu Hause einen normalen Herd.“

Maren nahm die Fritteuse, trug sie ins Bad, untersuchte sie. Die Heizspirale war durchgebrannt. Das Gehäuse an einer Seite geschmolzen. Nicht reparabel.

„Ursula, dieses Gerät hat hundertfünfzig Euro gekostet.“

„Und was wollen Sie jetzt von mir? Dass ich zahle?“ In der Stimme der Schwiegermutter klang etwas Neues – nicht nur Gereiztheit, sondern Schärferes. Fast eine Herausforderung. „Ich bin Rentnerin, krank. Ich habe so viel Geld nicht.“

„Ich will, dass Sie meine Sachen nicht anrühren.“

„Ich bin in meiner Familie!“ Ursula erhob die Stimme – zum ersten Mal so offen, und Maren spürte: Das ist das wahre Gesicht. Das, das die Schwiegmutter bisher zurückgehalten hatte. „Markus ist mein Sohn! Das ist seine Wohnung!“

„Es ist unsere Wohnung. Gemeinsames Eigentum, falls es Sie interessiert.“

Ursula verstummte. Wieder der unschuldige Ausdruck – einer gekränkten, unverstandenen, müden alten Frau. Sie schaltete um, blitzschnell, wie man den Fernsehkanal wechselt.

Markus, als er es erfuhr, erklärte Maren lange, die Mutter habe helfen wollen, sie sei nicht an die Technik gewöhnt, man hätte die Fritteuse wegräumen müssen. Maren hörte ihm zu, sah auf das vertraute Gesicht und dachte: Glaubt er das wirklich? Oder sagt er nur, was einfacher ist?

Sie wusste es nicht. Vielleicht war es beides.

Der Vorhang im Schlafzimmer war aus Leinen, graublau, mit einem feinen geometrischen Muster. Maren hatte ihn extra bestellt – passend zur Wandfarbe, zur Tagesdecke. Selbst aufgehängt, gerade, mit Ringen, die sanft über die Stange glitten.

Sie entdeckte den Riss am Samstagmorgen – lang, schräg, vom oberen Rand fast bis zur Mitte. Als hätte jemand kräftig und ruckartig daran gezogen.

Ursula frühstückte in der Küche – aß Brezeln, die sie mitgebracht hatte, trank Tee, sah auf ihr Handy. Auf die Frage nach dem Vorhang antwortete sie nicht sofort.

„Ich bin an die Gardinenstange gestoßen. Der Vorhang hat sich verhakt.“

„Warum waren Sie überhaupt in unserem Schlafzimmer?“

„Ich bin vorbeigegangen, hab reingeschaut. Darf man das nicht?“

„Es ist unser Schlafzimmer.“

„Ach, lauter Geheimnisse.“ Ursula winkte mit einer Brezel ab. „Ein Vorhang. Den nähen Sie wieder zu.“

Maren verließ die Küche. Ging ins Schlafzimmer, schloss die Tür, setzte sich aufs Bett. Sie sah den zerrissenen Vorhang an, der schief hing und zu viel Licht hereinließ.

Drei Wochen. In drei Wochen – Parfüm, Fritteuse, Vorhang. Und das nur das, was sofort auffiel. Wie viel Kleines, Unsichtbares war noch? Umgestelltes, Verschobenes, von fremden Händen ohne Erlaubnis Berührtes?

Maren holte ihr Handy hervor, öffnete die Notizen. Da stand bereits eine Liste – sie hatte sie in der zweiten Woche begonnen, selbst nicht wissend, warum. Einfach festgehalten. Datum, was passiert war, Markuss Reaktion. Methodisch wie ein Arbeitsbericht.

Sie fügte drei neue Zeilen hinzu.

Dann öffnete sie eine andere App – die Suchmaschine. Tippte ein: Mietpreis Einzimmerwohnung, Berlin-Neukölln. Sah die Zahlen. Schloss. Öffnete wieder.

Hinter der Tür schaltete Ursula das nächste Video in voller Lautstärke ein. Die Stimme aus dem Handy rief fröhlich über Rabatte in einem Möbelhaus. Markus lachte im Wohnzimmer mit seiner Mutter.

Maren saß im Schlafzimmer mit dem zerrissenen Vorhang und rechnete. Nicht Geld – obwohl das auch. Sie zählte die Tage. Sie zählte sich selbst.

Und etwas in ihr, das lange geschwiegen hatte, begann immer deutlicher zu sprechen.

Es geschah an einem Sonntag.

Maren fuhr morgens in ein Einkaufszentrum – sie brauchte neue Vorhänge fürs Schlafzimmer und wollte sie selbst aussuchen, in Ruhe, ohne fremde Kommentare. Im Einkaufszentrum war es hell und laut, es roch nach Kaffee und frischen Backwaren aus der benachbarten Bäckerei. Sie ging zwischen den Stoffregalen umher, fühlte die Materialien, betrachtete die Farben.

Neben ihr stand ein junges Paar – sie suchten gemeinsam aus, stritten leise, lachten. Die Frau sagte: „Die hier, guck mal, die sind perfekt.“ Der Mann runzelte die Stirn, gab dann nach, und beide lachten wieder.

Maren sah ihnen länger zu, als gut war. Dann nahm sie den gewünschten Stoff, ging zur Kasse.

In ihrer Tasche vibrierte das Telefon. Markus.

„Wann kommst du zurück?“

„In einer Stunde. Warum?“

„Mama möchte, dass du in den Supermarkt gehst. Sie braucht ihre Lieblingspralinen. Schreib dir den Namen auf.“

Maren blieb mitten im Gang stehen. Um sie herum gingen Leute, jemand stieß mit dem Einkaufswagen an sie, entschuldigte sich. Sie bewegte sich nicht.

„Markus“, sagte sie ganz ruhig. „Das werde ich nicht tun.“

„Maren, sie kann doch selbst nicht, die Gelenke …“

„Markus. Nein.“

Sie steckte das Telefon in die Tasche und ging zur Kasse. Bezahlte, trat auf die Straße. Stand einen Moment, hielt das Gesicht in die Sonne. Dann holte sie das Handy wieder hervor und öffnete die Notizen.

Die Liste war lang.

Zu Hause war sie um halb zwei. In der Wohnung roch es nach etwas Gebratenem – Ursula stand am Herd, rührte etwas um und telefonierte laut mit einer Freundin. Auf dem Tisch lagen Marens drei Schneidebretter verteilt, obwohl eine Pfanne gereicht hätte.

„Das sind meine Bretter“, sagte Maren, als sie die Küche betrat.

„Ich benutze sie nur“, warf die Schwiegermutter in die Leitung, wobei sie Maren meinte, obwohl sie mit der Freundin sprach. Dort lachte jemand.

Maren brachte die Vorhänge ins Schlafzimmer. Kam zurück in die Küche, stellte den Wasserkocher an. Markus saß im Wohnzimmer mit dem Laptop und tat, als ob er arbeitete, aber an den Geräuschen war klar: Er sah Fußball.

Ursula beendete das Gespräch, drehte sich zu Maren um.

„Ich habe mir überlegt. Das Sofa im Wohnzimmer ist zu klein. Wir sollten ein neues kaufen. Markus sagt, ihr könnt euch das leisten.“

„Hat Markus gesagt.“

„Ja. Bei IKEA gibt es gute. Ich habe auf dem Handy welche gesehen.“

Maren sah die Schwiegermutter an. Dieses Gesicht – selbstbewusst, daran gewöhnt, dass Wünsche erfüllt werden. Sie erinnerte sich an das Parfüm auf dem Boden. Die verbrannte Fritteuse. Den zerrissenen Vorhang. Die Liste auf dem Handy.

„Ursula“, sagte sie, „ich möchte, dass Sie etwas verstehen. Ich werde kein Sofa kaufen.“

„Wieso nicht?“

„Weil ich nicht dazu verpflichtet bin.“

Die Schwiegermutter öffnete den Mund, aber Maren ging bereits ins Wohnzimmer.

„Markus, wir müssen reden.“

Er klappte den Laptop zu – also doch Fußball, sie hatte recht – und sah sie mit dem Ausdruck eines Menschen an, der im Vorhinein müde von dem Gespräch ist.

„Maren, wenn es um das Sofa geht …“

„Es geht um alles.“ Sie setzte sich ihm gegenüber, legte die Hände auf die Knie. „Ich möchte, dass du mir ehrlich eine Frage beantwortest.“

„Na gut.“

„Hast du vor, irgendetwas zu ändern?“

Er schwieg. Lange – länger, als es für eine ehrliche Antwort nötig gewesen wäre. Dann sagte er:

„Mutter ist krank. Ich kann sie nicht vor die Tür setzen.“

„Ich verlange nicht, dass du sie vor die Tür setzt. Ich verlange, dass du mein Mann bist, nicht in erster Linie ihr Sohn.“

„Sie ist meine Mutter, Maren. Verstehst du, was das bedeutet?“

„Und ich bin deine Frau. Verstehst du, was das bedeutet?“

Er sah weg. Öffnete den Laptop wieder.

Das war es. Das war die Antwort.

Sie packte seine Sachen methodisch, ohne Eile, wie man etwas tut, das längst beschlossen ist. Nahm aus dem Schrank – Hemden, Jeans, Trainingsanzüge – und legte sie auf dem Bett in Stapeln. Dann holte sie aus der Kammer einen großen Koffer, denselben, mit dem sie vor drei Jahren nach Barcelona gefahren waren. Öffnete ihn, begann zu packen.

Markus erschien in der Schlafzimmertür, sah es und blieb stehen.

„Was machst du da?“

„Ich packe dich zusammen.“

„Wie meinst du das?“

„Ganz einfach.“ Sie nahm seine Jacke vom Bügel, legte sie sorgfältig zusammen. „Du willst mit deiner Mutter leben – dann lebe. Nur nicht hier.“

„Maren, ist das dein Ernst?“

„Völlig.“

Er stand und sah zu, wie sie seine Sachen in den Koffer legte. Sie beeilte sich nicht, warf nichts – sie packte ordentlich, wie sie es gelernt hatte. Irgendwann trat er einen Schritt vor, aber sie sah ihn so an, dass er stehen blieb.

„Das ist unsere Wohnung“, sagte er schließlich. „Ich gehe nirgendwo hin.“

„Dann geht sie. Entscheide dich.“

Im Nebenzimmer schaltete Ursula den Fernseher ein. Laut, wie immer. Eine Talkshow, in der alle durcheinander schrien.

Markus schwieg.

Maren schloss den Koffer, stellte ihn an die Wand. Nahm seinen Mantel vom Stuhl, legte ihn obendrauf. Dann ging sie an ihm vorbei in den Flur, zog sich die Schuhe an und öffnete die Wohnungstür.

Weit. Bis zum Anschlag.

„Markus“, rief sie aus dem Flur. „Die Tür ist offen.“

Er kam aus dem Schlafzimmer. Sah den Koffer vor ihren Füßen, die offene Tür, ihr Gesicht – ruhig, ohne Tränen, ohne Zittern in der Stimme. Das, schien es, erschreckte ihn am meisten.

Aus dem Wohnzimmer lugte Ursula hervor. Sie sah den Koffer, die offene Tür, Maren.

„Markuschen“, sagte sie mit einem Ton, wie man zu Kindern spricht: Hör nicht auf die anderen, komm zu mir.

Und er machte einen Schritt. In ihre Richtung.

Maren beobachtete diesen Schritt – klein, fast unsichtbar. Aber sehr aussagekräftig.

„Gut“, sagte sie leise. „Dann geht ihr beide.“

Markus drehte sich um – in seinen Augen blitzte etwas auf, das nach Angst aussah oder nach Einsicht, die zu spät kam.

„Maren …“

„Der Koffer steht im Flur. Den Rest kannst du an jedem Tag abholen, wenn ich nicht da bin.“ Sie zog das Handy hervor, ohne ihn anzusehen. „Ich rufe dich wegen der Papiere an.“

Ursula öffnete den Mund – und schloss ihn wieder. Irgendetwas in Marens Stimme, in ihrer Haltung, in der Art, wie sie an der offenen Tür stand, ließ keinen Raum für Verhandlungen. Die Schwiegermutter spürte, wo Druck wirkte und wo nicht. Hier wirkte er nicht.

Markus nahm den Koffer. Langsam, wie im Traum. Ursula zog den Mantel an – schweigend, mit zusammengepressten Lippen, mit der Miene einer tief beleidigten Person.

Sie gingen.

Maren schloss die Tür. Drehte den Schlüssel um. Stand eine Sekunde in der Stille des Flurs – einer wahren Stille, ohne Fernseher, ohne fremde Stimmen, ohne den Geruch fremden Essens.

Dann ging sie in die Küche, stellte den Wasserkocher an, öffnete den Laptop.

Vor dem Fenster lebte der normale Sonntag. Irgendwo schrien Kinder, Autos fuhren, jemand lachte im Treppenhaus des Nachbarhauses.

Maren goss sich Tee ein, umfasste die Tasse mit beiden Händen und sah aus dem Fenster.

Zum ersten Mal seit einem Monat war sie ruhig.

Es waren drei Wochen vergangen.

Maren hatte den Tisch aus dem Wohnzimmer wieder ans Fenster gestellt – dorthin, wo er vor all dem gestanden hatte. Neue Vorhänge hingen im Schlafzimmer. Sie hatte sich ein anderes Parfüm gekauft – heller, mit Noten von weißem Tee und Zedernholz. Es stand auf dem Schminktisch.

Markus schrieb einmal – kurz, ohne Großbuchstaben, wie Leute schreiben, denen es peinlich ist: Können wir reden? Sie antwortete nicht sofort. Dann schrieb sie: Über den Anwalt. Er schrieb nicht mehr.

Ursula rief einmal an. Begann mit Vorwürfen, ging zu Gelenkbeschwerden über, dann teilte sie mit, dass Maren die Familie zerstört habe und dafür bestraft werde. Maren hörte eine Minute zu, dann sagte sie: Ursula, rufen Sie mich nicht mehr an. Und legte auf.

Das Telefon blieb stumm.

An den Abenden arbeitete sie an ihrem Tisch am Fenster – in der Stille, mit einer Tasse Tee, mit leiser Musik. Manchmal blieb sie lange auf – nicht weil es nötig war, sondern weil sie es wollte. Weil es ihr Abend war, ihr Tisch, ihre Stille.

Am Freitag schrieb ein Kollege, Dieter, im Arbeitschat: Kennst du das gute Café am Kurfürstendamm? Gehst du da hin? Sie überlegte eine Sekunde und antwortete: Nein. Aber ich könnte es versuchen. Sie trafen sich am Samstag, saßen zwei Stunden, redeten über die Arbeit und über Städte, darüber, wo man gerne leben würde. Nichts Besonderes – und gerade deshalb war es leicht.

Sie kam in der Dämmerung nach Hause. Öffnete die Tür, ging in die Wohnung, machte Licht an.

Alles stand an seinem Platz.

An ihrem Platz.

Sie zog den Mantel aus, hängte ihn an den Haken – den rechten, weil es ihr so am besten passte, und nicht, weil jemand anders es für sie entschieden hatte. Ging in die Küche, öffnete den Kühlschrank. Da stand ein Joghurt – weiß, im kleinen Becher, im zweiten Fach.

Unberührt.

Maren nahm ihn, öffnete ihn, stellte sich ans Fenster. Draußen leuchteten nach und nach die Fenster der gegenüberliegenden Häuser auf, die Stadt schaltete in den Abendmodus, ruhig und gleichmäßig.

Sie aß den Joghurt ganz auf. Langsam, mit Genuss.

Und lächelte – einfach so, ohne Grund, oder mit allen Gründen auf einmal.

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