„Mama, ich habe uns eine Oma gefunden, sie hat draußen geweint!“ – sagte mein Sohn. Damals wusste ich noch nicht, wie sehr diese Frau unser Leben verändern würde…

MAMA, ICH HABE UNS EINE OMA GEFUNDEN, SIE HAT DRAUSSEN GEWEINT! rief mein Sohn. Damals konnte ich noch nicht ahnen, wie sehr diese Frau unser Leben verändern würde…

Dem sechsjährigen Jonas war die Sohle seines einzigen Herbststiefels abgegangen. Schlurfend kam er von der Grundschule nach Hause, seinen Fuß so schleifend, dass der lose Schuh nicht ganz abfiel. Die Schuhe, die seine Mutter gerade letzten Monat gekauft hatte, waren schon wieder kaputt, und Jonas war traurig. Er wusste, wie hart seine Mutter arbeitete, immer zwei Schichten, so erschöpft, dass sie abends im Anzug auf dem Sofa einschlief. Schimpfen würde sie nicht, sie war eine gute Mutter, aber Jonas machte sich selbst Vorwürfe er hätte besser aufpassen müssen!

An der Bushaltestelle setzte er sich auf eine Bank. Er drückte angestrengt den Fuß auf die Strebe, als er plötzlich ein leises Schluchzen hörte. Am Rand der Bank saß eine ältere Dame mit akkurat gekämmtem Haar und einem gepflegten Mantel. Daneben stand eine große, kariert gemusterte Tasche. Die Frau sah einfach geradeaus, mit rot geweinten Augen, und zitterte leicht, obwohl es draußen gar nicht so kalt war.

Jonas vergaß seinen Schuh. Er rückte näher, tippte die Frau behutsam am Ärmel an und fragte leise:
Ist bei Ihnen auch der Schuh kaputt? fragte er voller Mitgefühl.

Die Frau zuckte zusammen, blickte auf den strubbeligen Jungen und lächelte bitter:
Nein, mein Kleiner. Mir ist das Leben kaputt gegangen. Einfach so, mitten an den Nähten.

Sie hieß Gertrud Schneider, war achtundsechzig Jahre alt. Ihr ganzes Leben hatte sie als Krankenschwester gearbeitet und ihren einzigen Sohn, Markus, großgezogen. Als Markus heiratete, hatte sie die Schwiegertochter wie die eigene Tochter aufgenommen. Vor einem Monat kam ihr Sohn: Mama, verkauf doch deine Zwei-Zimmer-Wohnung, leg unser Erspartes dazu, dann kaufen wir draußen vor der Stadt ein Haus! Wir leben alle zusammen, du kannst im Garten arbeiten, frische Luft genießen. Gertrud war selig vor Freude, hatte sie doch schon immer von einer großen, harmonischen Familie geträumt.

Die Wohnung war rasch verkauft, das Geld füllte Markus Konto. Heute früh setzten sie sie mit all ihren Sachen ins Auto, fuhren hinaus an den Rand von München, zu einer Straßenbahnhaltestelle. Die Schwiegertochter sagte mit frostiger Stimme: Warten Sie hier eine Stunde, wir holen noch Unterlagen und kommen dann zurück. Sie fuhren fort. Gertrud wartete sechs Stunden. Das Handy des Sohnes blieb aus. Da erst verstand sie: Keiner kommt mehr zurück. Ihr eigener Sohn hatte sie auf die Straße gesetzt und alles genommen, was sie hatte.

Wie… kommt denn keiner mehr zurück? staunte Jonas. Sie sind doch kein alter Sessel, den man einfach draußen lässt! Kommen Sie doch zu uns! Wir haben zwar nur ein Zimmer, aber meine Mama nimmt Sie bestimmt auf. Meine Mama ist nett, nur oft traurig. Mein Papa… der kommt manchmal vorbei. Er wohnt nicht bei uns, aber wenn er betrunken ist, kommt er, schreit und nimmt Mamas Euros mit. Dann weint Mama. Kommen Sie, ich rede mit ihr!

Gertrud wollte zuerst ablehnen, doch wirklich wohin sollte sie sonst? In ihrem Alter draußen zu schlafen, war ein Todesurteil. Also folgte sie Jonas, der weiterhin über seinen kaputten Schuh humpelte.

Zu Hause öffnete Jonas Mama, schlank und erschöpft, dunkle Schatten unter den Augen. Sie hieß Annegret und schnappte hörbar nach Luft, als sie die Geschichte hörte:
Himmel, wie kann man so mit seiner eigenen Mutter umgehen? Sie schüttelte traurig den Kopf und stellte schon den Wasserkessel hin. Bleiben Sie doch bei uns, Frau Schneider.

Gertrud blieb. Mit ihrer Ankunft wurde das enge, karg möblierte Apartment plötzlich lebendig. Wenn Annegret von der Arbeit kam, duftete es nach frischem Apfelkuchen, auf dem Herd stand dampfende Suppe, der Boden glänzte und Jonas machte brav seine Hausaufgaben. Die kaputten Schuhe brachte Gertrud zum Schuster und bezahlte die Reparatur von der Rente, die sie zum Glück noch auf ihr Konto hatte überweisen können kurz bevor ihr Sohn sie betrogen hatte.

Annegret lächelte nach Jahren erstmals wieder. Sie nahm ein bisschen zu, schreckte nicht mehr bei jedem Geräusch zusammen sogar ein neues Kleid leistete sie sich. Aus drei Einzelnen wurden sie langsam eine Familie.

Eines Abends klopfte es jedoch heftig an der Tür. Annegret wurde leichenblass. Es war ihr Exmann, Rainer. Ohne zu zögern, trat er ein, der Türgriff knallte gegen die Wand und er brüllte lallend:
Na los, gib das Geld her! Ich weiß, du hast Vorschuss bekommen!

Bevor Annegret ein Wort sagen konnte, trat Gertrud aus der kleinen Küche eine schwere gusseiserne Pfanne in der Hand.
Und jetzt raus hier, Schmarotzer! rief sie schneidend und kalt. Wenn du nochmal kommst, prügle ich dir alle Dummheiten aus dem Kopf. Und dann gehe ich zur Polizei. Ich bin alt, habe nichts zu verlieren! Der Polizist wohnt gleich nebenan, wir kennen uns schon!

Rainer starrte fassungslos. Dass jemand so mit ihm sprach, war er nicht gewohnt. Die entschlossene Frau rückte angriffslustig näher, mit der schweren Pfanne drohend. Er stolperte, fiel über die Schwelle und kugelte rückwärts ins Treppenhaus.

Gertrud schloss die Tür, drehte ruhig den Schlüssel um und lächelte sanft zu einer stummen Annegret.
So, und jetzt trinken wir Tee und essen Apfelkuchen.

Jonas sah bewundernd zu seiner neuen Großmutter auf.
Mama flüsterte er, am Ärmel zupfend , ich hab sie gut gefunden, oder? Jetzt kann uns keiner mehr weh tun!

Annegret nahm ihren Sohn in den Arm und begann zu weinen diesmal zum ersten Mal vor lauter Glück.

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