Lena, wir nehmen nicht viel mit. Packe uns für die Fahrt deinen typischen Apfelkuchen und ein paar Gläser Marmelade – gähnte Günther lässig mit einem Lächeln im Gesicht.

Anneliese, wir nehmen nur wenig. Packdeinen Spezialkuchen und ein paar Gläser Himbeermarmelade für die Reise ein, schnurrte Günther lässig, ein halb verschlafenes Grinsen auf den Lippen.

Anneliese starrte den Besucher an, unfähig zu begreifen, wie dreist diese Bitte sein konnte. Wie konnte er es wagen, so unverhohlen zu verlangen?

In ihrem Kopf wirbelten Erinnerungen daran, wie sie den Kuchen bis zur Perfektion gebacken und das kleine Häuschen am Bodensee für die Ankunft von Günther und seiner Frau Sabine herzurichten versucht hatte.

Jetzt saß Günther, der in der gesamten Woche keinen einzigen Hammer gehoben hatte, im Schatten und verlangte ein Takeaway-Festmahl.

Sie warf einen Blick zu Jürgen, der scheinbar völlig unbeeindruckt davon war, wie sein Bruder sich benahm.

Günther, willst du nicht ein bisschen zurückhaltender sein?, fragte Anneliese, bemüht, die Ruhe zu bewahren.

Ach, lass das, Anneliese!, winkte er ab, ohne sich umzudrehen. Wir sind doch Familie, wir teilen doch alles. Und hier hast du ja einen ganzen Vorrat!

Ein wärmendes Zucken aus Ärger und Wut stieg in ihr Auf. Das kleine Haus, das vor drei Jahren am See gekauft worden war, war für sie und Jürgen ein wahres Refugium geworden.

Im Sommer kannte es keine faulen Tage: Frühes Aufstehen, Heuern, Beerensammeln, Hühner füttern, Vorräte für den Winter anlegen jede helfende Hand war Gold wert.

Darum klang Günthers Forderung wie ein Schlag ins Gesicht. Er sah oder wollte nicht sehen die ganze Mühe, die in diesem Ort steckte.

Für ihn war das Haus lediglich ein kostenloses Ferienresort, und Anneliese mit Jürgen das Personal

Alles begann vor drei Wochen, als Günther anrief und vorschlug: Wir kommen vorbei, helfen im Garten und genießen gleichzeitig die Natur. Diese Worte kamen völlig überraschend. Günther und Sabine waren Stadtmenschen bis ins Mark: Partys, Bars, Kino, Shopping am Wochenende.

Helfen?, hakte Anneliese skeptisch nach.

Doch Günther fuhr begeistert fort: Na klar! Wir sind doch Familie! Ihr bekommt Hilfe, wir frische Luft. Ich will endlich Himbeeren pflücken, ein Bad einrichten

Nachdem sie den Hörer aufgelegt hatte, saß Anneliese noch lange auf der Veranda und fuhr gedankenverloren mit den Fingern über den Stoff ihrer Schürze.

Sie kannte Günthers Art er versprach gern, erfüllte selten. Zweifel nagten in ihr, doch Jürgen, der die Neuigkeit vernahm, leuchtete auf: Vielleicht sammeln wir ja ein paar Beeren. Und dann hilft mir mein Bruder beim Zaun.

Die nächsten Tage vergingen im Wirbel von Aufgaben, als würde plötzlich der Präsident höchstpersönlich vorbeikommen. Sie wusch und bügelte Bettwäsche, bereitete frische Handtücher vor, fuhr in die Stadt, um Fisch, Fleisch für Grillspieße, Obst und Süßes zu besorgen damit sich die Gäste willkommen fühlten.

Vielleicht läuft alles glatt, murmelte Anneliese, während sie die Handtücher aufhängte. Ein bisschen Hilfe wäre schon ein Trost.

Als Günther und Sabine endlich ankamen, begrüßte Anneliese sie mit einem Lächeln, das ihre Zweifel verbarg. Die Verwandten wirkten entspannt, als kämen sie gerade vom Badesee zurück.

Da sind wir!, rief Günther fröhlich und breitete die Arme aus.

Anneliese zwang ein Lächeln hervor und lud sie zum Tisch ein. Auf der Terrasse warteten bereits Salate, warme Brötchen und ein kalter Kompott.

Die ersten halben Stunden verlebten sie plaudernd, tauschten Neuigkeiten aus, und dann skizzierte Jürgen behutsam den Plan für die kommenden Tage.

Morgen beginnen wir mit dem Mähen, danach sammeln wir Beeren. Viel zu tun, aber zusammen schaffen wir das.

Sabine nickte, doch in ihren Augen glimmte ein leichter Zweifel, als wäre das Wort Mähen aus einer anderen Welt.

Anneliese spürte diesen Blick und ein Vorbote kribbelte in ihrer Brust: Vielleicht würde die versprochene Hilfe kaum sichtbar werden.

Der erste Tag verströmte Feststimmung. Anneliese versuchte, nicht an das hohe Gras, die wild wuchernde Erdbeeren und die Eimer voller Äpfel im Schuppen zu denken.

Günther war voller Energie: erzählte lauthals Witze, knabberte an Körnern, prahlte damit, er sei müde vom Großstadtleben und froh, endlich in die Natur zu entfliehen.

Sabine posierte im neuen Sommerkleid vor dem Sonnenuntergang am See, knipste dutzende Fotos.

Jürgen lächelte er freute sich, dass sein Bruder endlich da war, und hoffte, die Arbeit würde jetzt schneller vorangehen.

Doch am nächsten Morgen änderte sich die Stimmung.

Anneliese erwachte im Morgengrauen vom Hahnenschrei, zog Gummistiefel an und trat hinaus. Tau glitzerte auf dem Gras, die Luft roch nach Heu. Die Hühner gackerten nach Futter.

Sie schaufelte Getreide, und ihr Blick wanderte zum Fenster des Gästezimmers: Stille, Vorhänge zugezogen.

Bis acht Uhr morgens hatte sie bereits die Vögel gefüttert, einen Eimer grüner Gurken geerntet und die Beete gegossen.

Jürgen trat mit einer Tasse Tee an sie heran: Günther und Sabine sind in die Stadt gefahren, sagen, es gibt dringende Angelegenheiten.

Anneliese nickte stumm, doch innerlich nagte ein unangenehmes Ziehen. Sie hoffte, die Mitarbeiter würden nach dem Frühstück doch noch mit anpacken.

Erst am Abend kehrten sie zurück, strahlend und zufrieden. Günther lud aus dem Koffer Tüten mit Chips, Sprudelwasser und ein wenig Schaum, als wäre er ein Held nach einer Schlacht.

Anneliese, das hier ist ja ein Spa!, rief er, ließ sich in den Liegestuhl auf der Veranda fallen. Alles erledigt sich von selbst!

Am folgenden Tag sammelte sich in Anneliese ein wachsender Ärger. Sie schnitt das Gras allein, zog schwere Eimer, wischte Böden, kochte das Mittagessen. Günther lag im Hängemattuch, scrollte träge durch sein Handy und klagte über Kopfschmerzen.

Ich glaube, ich habe mich erkältet. Heute lege ich mich hin.

Sabine dehnte sich auf einem Strandtuch am Wasser, machte Selfies, ihre SocialMediaBeiträge prangten mit den Hashtags #Landlust, #SchönesLeben, #Natururlaub.

Tag um Tag wurde Anneliese erschöpfter. Sie stand um fünf Uhr auf, ging erst nach Mitternacht ins Bett, spülte Geschirr, räumte nach den Gästen auf. Die Gäste boten nie Hilfe an sie glaubten, ihre bloße Anwesenheit wäre ein Geschenk.

Wir kommen doch zu euch als Gäste, staunte Sabine, als Anneliese sie bat, beim Abwasch zu helfen. Müssen Gäste denn arbeiten?

Von da an war ihr Lächeln permanent gespannt, jedes Gesuch der Besucher ein Stich ins Geduldsnervensystem. Langsam, aber unausweichlich, näherte sich das Ende der Gastfreundschaft.

Am fünften Tag konnte Anneliese das Aufbegehren nicht mehr zurückhalten. Der Ärger, der seit Ankunft der Gäste angestiegen war, hatte seinen Höhepunkt erreicht.

Den ganzen Tag hämmerte sie im Garten, rodet die Beete, zog Wasser aus Eimern, während vom Balkon Gelächter drang, wo Sabine, halb im Liegestuhl versunken, mit Freundinnen plauderte.

Als Jürgen erschöpft vom Feld zurückkehrte, sah Anneliese ihn streng an.

Ich halte das nicht mehr aus, sagte sie. Sie räumen nicht mal das Geschirr! Heute bat Günther, sein Hemd zu waschen, und Sabine meinte, das Frühstück sei einfach.

Jürgen nickte, und sie beschlossen, die Gäste am Abend zu einer Mitarbeit am nächsten Tag zu bewegen: Günther sollte endlich Jürgen beim Reparieren des Zauns helfen, Sabine das Jäten der Erdbeeren übernehmen.

Anneliese hoffte, dass die Gäste zumindest begreifen würden: Erholung ist schön, aber ein Hof versorgt sich nicht von selbst.

Günther, morgen müssen wir den Zaun reparieren, sagte Jürgen beim Abendessen. Hilfst du?

Natürlich, natürlich, winkte er ab, kaute an einer Grillspieß und starrte unbeirrt auf sein Handy.

Klar war, dass ihn das Tippen im Messenger mehr interessierte als das eigentliche Werk.

Am nächsten Morgen stand Jürgen früh auf. Die Luft war frisch, duftete nach Heu und Tau. Er holte Werkzeuge aus dem Schuppen, prüfte Bretter und Nägel, braute starken Tee für seinen Bruder, um den Tag freundlich zu beginnen.

Er klopfte an die Tür des Gästezimmers. Stille. Noch einmal, lauter. Nur das Summen der Klimaanlage drang zurück. Als er die Tür öffnete, war das Zimmer leer.

Auf dem Nachttisch lag ein Zettel:
Wir sind in der Stadt, kommen am Abend zurück! Grillen am Abend!

Am Abend kehrten Günther und Sabine zurück, beladen mit Fleisch, Schaum und Trockenfisch. Sie lachten, erzählten von schrecklichen Staus und der Hitze. Anneliese, völlig erschöpft, hielt sich mühsam am Geländer.

Wir hatten ja einen Plan für die Arbeit im Garten, sagte sie.

Ach ja, ja, murmelte Günther, schwankte mit einem Fleischpaket. Morgen helfen wir bestimmt! Versprochen.

Doch am siebten Morgen erklärte er: Wir müssen dringend los. Schade, dass wir nicht helfen konnten! Und mit einem Lächeln fuhr er fort: Anneliese, packdeinen Spezialkuchen und ein paar Gläser Himbeermarmelade für die Reise ein. Das ist doch herrlich!

Ein heißes Feuer aus Zorn loderte in Anneliese. Eine Woche harter Arbeit Morgengrauen im Garten, endloses Kochen, Waschen, Putzen und die Pflege undankbarer Gäste mündete in einen entschlossenen Nein.

Wir geben euch nichts, erwiderte sie mit bebender Stimme. Ihr habt in einer Woche keine Hand angehoben.

Günther erstarrte, sein Gesicht wurde rot, die Augen verengten sich.

So seid ihr!, schrie er, die Stimme zerbrach in ein Kreischen. Und wo bleibt die Gastfreundschaft? Wir kommen doch mit Herz!

Mit welchem Herz?, schnappte Anneliese zurück. Ihr seid hier, um zu faulenzen und in den Läden zu shoppen! Ich habe die ganze Arbeit allein erledigt!

Jürgen, der normalerweise Streit mied, trat neben seine Frau, legte ihr eine Hand auf die Schulter und sagte fest, aber ruhig zu seinem Bruder: Günther, du hast selbst Hilfe angeboten. Am Ende habt ihr nur gegessen, getrunken und über die Hitze gejammert.

Was laberst du, Jürgen!, brüllte Günther und stapfte nach vorne. Wir sind Familie! Und du verlangst Geld für das Essen! Schmach, Bruder!

Sabine, die am Geländer stand, seufzte laut, hob die Hände gen Himmel, als wolle sie ihre Verachtung demonstrieren, schloss die Lippen und ging zum Auto.

Sie setzte sich demonstrativ hinein, knallte die Tür zu. Sabine war empört, dass aus einem Familientreffen ein Aufruhr geworden war.

Los, Günther!, schrie sie vom Fahrzeug aus. Hier wird uns nicht geschätzt! Und die Familie heißt

Günther drehte sich zu Jürgen und Anneliese. Er wollte etwas sagen, schwang dann die Hand abweisend und eilte zum Wagen.

Er knallte den Kofferraum zu, setzte sich wütend ins Steuer.

Sein Gesicht verzog sich vor Zorn, in den Augen ein Mix aus Überraschung und Kränkung, als hätte die Welt plötzlich Ungerechtigkeit gezeigt.

Über die Schulter rief er: Haut euch doch mit euren Kuchen weg!, während er die Tür schloss. Wir kommen nie wieder!

Als das Auto um die Kurve verschwand, blieben Anneliese und Jürgen auf der Veranda zurück. Sie spürten Erleichterung und zugleich die Müdigkeit des emotionalen Aufruhrs.

Jürgen seufzte schwer, ließ sich auf die Stufe der Veranda sinken.

Erfahrung kostet, bringt aber Nutzen, sagte er, blickte verständnisvoll zu seiner Frau. Weitere Müßiggänger werden uns nicht mehr besuchen.

Anneliese nickte, erkannte den wahren Wert dieser Lektion.

Am Abend schlenderten sie über das Feld, schätzten die noch ausstehenden Arbeiten. Der Zaun wartete noch auf Reparatur, die Erdbeeren mussten noch ausgerissen, das Heu blieb ungemäht.

Sie gingen gemächlich den Weg entlang, lauschten dem abendlichen Flüstern des Gartens. Anneliese bemerkte, dass die Müdigkeit von harter Arbeit viel angenehmer war als die Erschöpfung durch fremde Dreistigkeit.

Zum Abschluss füllten sie die Badewanne, tranken Tee mit Himbeermarmelade genau die, nach der Günther so begierig gefragt hatte.

Sie schauten auf den See, und Anneliese spürte, dass ihr kleines Häuschen wieder ihr stilles Universum war.

Fortan empfangen wir nur noch Gäste, die mit Schaufeln und Sichel kommen, nicht mit Handys, sagte sie, und beide lachten, im Wissen, dass im Leben gegenseitige Hilfe und Respekt das Größte sind.

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