„Ich rufe Papa an“, sagte das Mädchen am ersten Pult und drückte das Telefon so vorsichtig an die Brust, als hielte sie nicht Plastik mit Display, sondern den letzten Faden, der nach Hause führte.
Im Klassenzimmer verstummte für ein paar Sekunden selbst das übliche Rascheln der Kinder. Die Zweitklässler erstarrten über ihren Heften, einer hörte auf, unterm Tisch mit dem Bein zu wippen, und am Fenster hob ein Junge mit einem roten Wuschelkopf den Kopf und sah vorsichtig zur Lehrerin. Barbara Wagner stand neben dem Pult, ihre Handfläche war geöffnet, die Stimme blieb gleichmäßig, nur unter dem Stoff des Ärmels zog es unangenehm oberhalb des Ellenbogens. Am Morgen hatte sie länger als sonst über ihrer Bluse gegrübelt und trotzdem die falsche gewählt: Der Ärmel war zu weit, und wenn sie die Hand zur Tafel hob, rutschte er runter.
„Sonja, die Regel gilt für alle“, sagte Barbara. „Im Unterricht liegt das Handy in meiner Schreibtischschublade. Nach der Stunde holst du es dir wieder.“
Das Mädchen widersprach nicht, fing nicht an zu schluchzen, tat nicht so, als hätte sie nichts verstanden. Sie sah nur auf den Bildschirm, auf dem die Nachricht schon erloschen war, und strich langsam mit dem Daumen über die blaue Hülle. Ihre hellen Haare waren zu zwei Zöpfen geflochten, wobei einer merklich tiefer saß als der andere. Barbara dachte, dass der Vater die Zöpfe wohl geflochten hatte, und bei dem Gedanken wurde etwas in ihr weicher.
„Papa hat geschrieben, dass er mich früher abholt“, sagte Sonja. „Ich wollte nur noch mal nachsehen, um wie viel Uhr.“
„Wenn nötig, rufen wir ihn vom Sekretariat aus an. Das erlaube ich“, antwortete Barbara. „Aber jetzt gib mir das Handy.“
Sonja hob den Blick. In diesem Blick lag keine kindliche Sturheit, bei der Lehrer gewöhnlich müde seufzen. Da war etwas anderes: eine vorsichtige Prüfung, ob man dem Erwachsenen anvertrauen konnte, was einem wichtig war. Barbara bemerkte solche Blicke sofort. Man konnte sie nicht mit Trotz verwechseln. So sahen Kinder aus, die schon wussten: Erwachsene sind verschieden, und nicht jede laute Stimme bedeutet Recht.
Das Mädchen legte das Handy in Barbaras Handfläche.
„Er kommt trotzdem“, sagte sie leise.
Barbara schloss das Handy in der oberen Schreibtischschublade ein und kehrte zur Tafel zurück. Die Mathestunde musste sie neu beginnen: Die Kinder hatten den Faden verloren, und sie selbst ertappte sich dabei, dass sie nicht auf die Beispiele starrte, sondern auf Sonja. Die saß aufrecht, hielt den Bleistift ordentlich, aber alle paar Minuten glitt ihr Blick zur runden Uhr über der Tür. Barbara hielt bis zur Pause durch, schrieb einen Entschuldigungszettel und schickte das Mädchen zum Sekretariat, um den Vater anzurufen.
Die Schulhausmeisterin Frau Niermann, die in zwanzig Jahren an der Schule alle möglichen Eltern gewöhnt war, kam nach dem Gespräch mit Sonjas Vater persönlich ins Direktorzimmer. Sie machte keinen Lärm, hetzte nicht, sagte nur etwas leise zu ihm, und der Direktor, ein korpulenter Mann mit ewigem Aktenordner unterm Arm, stand so schnell auf, dass der Ordner zu Boden fiel. Barbara erfuhr das erst später, denn währenddessen lief ihre Lesestunde, und sie versuchte, von Dieter am dritten Pult das Wort „Dampfer“ zu bekommen, ohne langes, gequältes Nachdenken.
Es klopfte an der Tür gegen Ende der zweiten Stunde. Nicht laut, aber so, dass die Klasse sofort wusste: Da sind Erwachsene. Der Direktor trat zuerst ein und strich sich über die dünnen Haare. Hinter ihm stand ein großer Mann in einem dunklen Mantel, ruhig, gefasst, mit dem Gesichtsausdruck, bei dem die Leute um ihn herum von selbst leiser sprechen. Er wirkte nicht wie die Eltern, die in die Schule stürmen, um zu beweisen, dass ihr Kind immer recht hat. Er machte sich nicht die Mühe, Eindruck zu schinden, und genau deshalb machte er Eindruck.
Sonja stand auf.
„Papa.“
Der Mann sah sie an, und für einen Augenblick erschien in seinem Gesicht das, weswegen Sonja wohl den ganzen Tag durchgehalten hatte. Er lächelte nicht breit, breitete nicht die Arme aus, aber sein Blick wurde weicher.
„Alles gut, mein Hase?“
„Ja. Nur Frau Wagner hat das Handy eingezogen.“
Er richtete den Blick auf die Lehrerin.
„Roderich Lang, Sofias Vater. Mir wurde gesagt, es gäbe eine Sache mit dem Handy.“
Der Name klang ruhig, aber der Direktor neben ihm schien kleiner zu werden. Diesen Namen kannten viele: Baufirma, Sponsoring für die Schule, Renovierung der Sporthalle, neue Computer. Man wusste auch, was man nicht direkt aussprach: Roderich Lang gehörte nicht zu den Leuten, mit denen man nachlässig reden konnte.
„Ihre Tochter hat im Unterricht das Handy hervorgeholt“, sagte Barbara. „Ich habe es bis zum Ende des Tages eingezogen. Als ich merkte, dass es ihr wichtig war, Sie zu erreichen, habe ich erlaubt, vom Sekretariat aus anzurufen.“
Sie sprach gleichmäßig, obwohl sie spürte, wie ein Zittern versuchte, in ihre Stimme zu kriechen. Vor dem Direktor, vor diesem Mann, vor zwanzig Kindergesichtern musste sie jetzt nicht nur die Regel verteidigen, sondern auch sich selbst. Roderich hörte zu, ohne zu unterbrechen. Dann nickte er.
„Sie haben richtig gehandelt.“
Der Direktor atmete geräuschvoll ein und tat sofort so, als wäre es ein Husten gewesen. Sonja runzelte die Stirn, aber ihr Vater kniete sich vor sie hin, sodass er auf Augenhöhe war.
„Im Klassenzimmer ist der Erwachsene die Lehrerin. Wenn Frau Wagner sagt, du sollst das Handy weglegen, dann legst du es weg. Ich komme, selbst wenn du die Nachricht nicht zehnmal überprüfst. Abgemacht?“
Sonja überlegte, wie immer zu ernst für ihr Alter, und nickte.
„Abgemacht.“
Roderich bat um das Handy, steckte es aber nicht in die eigene Tasche. Er gab es seiner Tochter zurück und sagte ihr, es in den Rucksack zu packen. An der Tür hielt er inne. Barbara hob die Hand, um eine Haarsträhne zurückzustreichen, und der Ärmel rutschte hinunter. Am Handgelenk, knapp über dem Bündchen, zeichnete sich ein dunkler Abdruck von fremden Fingern ab. Sie ließ schnell die Hand sinken, aber Roderich hatte es bereits gesehen. Er sagte nichts. Er sah sie nur so aufmerksam an, dass Barbara am liebsten zur Tafel, zur Kreide, zu den vertrauten Kinderheften zurückgewichen wäre, wo man Fehler wenigstens mit rotem Stift korrigieren konnte.
Nach dem Unterricht packte Sonja langsamer als alle anderen. Barbara führte die Kinder zum Schultor. Am Bordstein stand ein schwarzes Auto. Roderich öffnete seiner Tochter selbst die Tür, half ihr auf die Rückbank und wollte gerade um das Auto herumgehen, da ließ Sonja das Fenster herunter.
„Frau Wagner, bis morgen.“
„Bis morgen, Sonja.“
Das Auto fuhr los, und Barbara stand noch ein paar Minuten auf den Stufen. Nach Hause wollte sie nicht. Dort könnte Günter sein. Selbst wenn er nicht da war, wurde es nicht leichter: Dann musste sie auf seine Schritte warten, anhand des Knarrens der Treppe erraten, in welcher Stimmung er war, und vorher den Geldbeutel so verstecken, dass er ihn nicht beim ersten Mal fand.
Günter war ihr Stiefvater. Nachdem die Mutter gestorben war, blieb er der offizielle Vormund ihres kleinen Bruders Max. Max war zehn, vertrug laute Geräusche schlecht, aß nur von weißem Teller mit blauem Rand, mochte es nicht, wenn jemand seine Buntstifte anfasste, und konnte stundenlang Knöpfe nach Größe sortieren. Als die Mutter die Unterlagen aufsetzte, glaubte sie noch, Günter sei ein zuverlässiger Mensch, nur etwas grob. Barbara studierte damals, jobbte abends und merkte erst spät, dass die Grobheit nicht eine Ecke seines Charakters war, sondern seine Mitte.
Allein weggehen hätte sie können. Vielleicht. Aber Max hätte Günter nicht herausgegeben. Laut Papieren war er der Vormund, und Barbara die ältere Schwester mit einem schmalen Gehalt, einer Mietwohnung in Aussicht und einem Aktenordner voller Bescheinigungen, die erst noch zu einer Gerichtsentscheidung werden mussten. Die Anwältin verlangte einen Vorschuss, bei dem Barbara die Finger taub wurden. Sie hatte fast drei Jahre gespart, aber Günter zog das Geld jedes Mal ab, wenn er beim Kartenspiel verlor oder mit glasigen Augen und leeren Taschen nach Hause kam.
Am Abend kam er früher als sonst. Im Treppenhaus roch es nach nassen Lappen und alter Farbe, jener schwere Geruch stieg nach der Putzaktion immer aus dem ersten Stock auf, und Barbara wus schon daran, dass die Haustür unten lange offen gestanden hatte.
„Wo ist das Geld?“, fragte Günter, ohne die Schuhe auszuziehen.
Max saß auf dem Boden neben dem Sofa und baute aus Streichholzschachteln eine lange Reihe. Barbara stellte zwischen ihren Bruder und den Stiefvater einen Stuhl, als wäre es zufällig.
„Das Gehalt kommt am Freitag.“
„Das hast du mir schon gesagt.“
„Weil das Gehalt am Freitag kommt.“
Er trat näher. Barbara hob nicht die Stimme. Sie wusste längst: Lautstärke trieb ihn nur an. Günter schlug mit der flachen Hand auf den Tisch, die Schachteln von Max zitterten, und der Junge begann hastig Zahlen zu flüstern, verhaspelte sich und fing von vorn an. Barbara legte ihm die Hand auf die Schulter, sah aber den Stiefvater an.
„Nicht vor ihm.“
„Und vor wem?“, grinste Günter. „Vor deiner Direktorin? Vor den Nachbarn? Oder hast du dir einen Beschützer gesucht?“
Sie antwortete nicht. Nach solchen Abenden musste sie morgens die Kleidung nicht nach dem Wetter wählen, sondern nach den Spuren an den Armen. In der Schule lächelte sie die Kinder an, klebte Aufkleber in die Hefte, erklärte, wo das Dehnungs-h hinkommt, und spürte die ganze Zeit, dass sie in zwei verschiedenen Räumen lebte, zwischen denen es keine Tür gab.
Ein paar Tage später bemerkte sie ein Auto vor dem Haus. Dann ein weiteres vor der Schule. Die Männer darin sahen sie nicht an, stiegen nicht aus, sprachen sie nicht an. Sie waren einfach da. Am dritten Tag ging Barbara nach dem Unterricht selbst auf einen von ihnen zu. Ein Mann um die fünfzig, in einem grauen Mantel, hielt einen Kaffeebecher in der Hand und sah aus, als könnte er bis zum Winter hier stehen.
„Sind Sie von Herrn Lang?“
„Ja.“
„Sagen Sie ihm, das sieht merkwürdig aus.“
„Werde ich ausrichten“, sagte der Mann. „Aber solange Sie nicht bitten, die Wache abzuziehen, bleibe ich.“
„Wache? Ist das Ihr Ernst?“
„Absolut.“
Sie wollte wütend werden, aber statt Zorn stieg Müdigkeit in ihr hoch. Noch am selben Abend bekam sie einen Umschlag überreicht. Darin war eine Karte mit der Adresse eines kleinen Cafés in der Nähe der Schule und die Zeile: „Morgen nach dem Unterricht. Nur ein Gespräch.“
Barbara kam nicht, weil sie vertraute. Sie kam, weil sie nicht mehr wusste, wohin sie mit Max gehen sollte.
Roderich saß am hinteren Tisch. Vor ihm standen zwei Tassen Tee, unberührt. Er stand auf, als sie näher kam, streckte aber nicht die Hand aus, als hätte er im Voraus verstanden, dass sie zurückzucken könnte.
„Ich werde nicht so tun, als hätte ich Ihre Situation zufällig bemerkt“, sagte er, als sie sich setzte. „Sonja hat die Spuren an Ihrem Arm gesehen. Sie hat mich gebeten herauszufinden, ob man helfen kann.“
„Ihre Tochter sollte nicht über solche Dinge nachdenken müssen.“
„Stimmt. Aber sie tut es. Seitdem ihre Mutter nicht mehr da ist, schaut Sonja zu genau auf die Menschen.“
Barbara sah aus dem Fenster. Draußen zog eine Mutter ihrem Kind die Mütze zurecht, der Junge schüttelte den Kopf und lachte. Dieses einfache Stück Leben kam ihr plötzlich fast fremd vor.
„Ich brauche kein Mitleid“, sagte sie.
„Ich biete kein Mitleid an. Ich biete eine Anwältin an, die sich mit Vormundschaftsrecht auskennt, und vorübergehende Sicherheit für Sie und Ihren Bruder.“
„Wofür?“
„Dafür, dass Sie keine Angst vor meinem Namen hatten und mein Kind nicht gedemütigt haben, um die Ordnung in der Klasse zu wahren.“
Sie fuhr zu ihm herum.
„Das ist kein Gefallen. Das ist mein Job.“
„Eben deshalb will ich helfen.“
Er sprach ruhig, und das regte sie mehr auf, als wenn er gedrängt hätte. Barbara war gewohnt, dass Hilfe fast immer einen Haken hatte. Günter hatte der Mutter damals auch „geholfen“: Essen gebracht, den Wasserhahn repariert, zu Untersuchungen gefahren. Später stellte sich heraus, dass jede Hilfe in einem unsichtbaren Schuldenheft notiert war.
„Wenn ich zusage, werden Sie später sagen, ich sei Ihnen was schuldig.“
„Nein.“
„Das sagt jeder.“
„Dann stimmen Sie nicht gleich zu. Lassen Sie sich mit der Anwältin treffen. Hören Sie zu. Die Entscheidung bleibt bei Ihnen.“
Sie traf sich. Die Anwältin war eine ältere Dame, Nina Arndt, mit kurzem Haar und einer Mappe, in der sofort alles nach Rubriken sortiert war: Bescheinigungen, Urkunden, Aussagen der Nachbarn, Beurteilungen aus der Schule, medizinische Gutachten von Max. Ihr Vorname klang streng, wie die Inhaberin selbst: in Nina Arndt steckte keine Nachgiebigkeit. Frau Arndt versprach keine schnellen Siege, im Gegenteil, sie sprach trocken und direkt.
„Günter wird sich wehren“, sagte sie. „Nicht, weil er den Jungen braucht. Sondern weil er die Macht über Sie braucht und das Geld, das er durch diese Macht bekommt. Wir brauchen Beweise, Zeit und Ihre Standhaftigkeit.“
Barbara nickte.
Standhaftigkeit hatte sie. Manchmal kam es ihr vor, als wäre nichts anderes von ihr übrig geblieben.
Der Prozess war nicht einfach. Zuerst entschied das Gericht nicht sofort, forderte weitere Unterlagen an. Dann brachte Günter einen Nachbarn mit, der behauptete, Barbara selbst veranstalte zu Hause die Szenen. Dann tauchte in der Schule eine Kommission auf: Jemand hatte geschrieben, die Lehrerin verhalte sich instabil und könne nicht für die Kinder verantwortlich sein. Der Direktor nestelte nervös an seiner Krawatte, Barbara saß zwei Frauen mit Tablets gegenüber und antwortete so gleichmäßig, wie sie Roderich damals vor der Tafel geantwortet hatte.
Sonja kam nach dem Unterricht zu ihr und hielt ihr ein Bild hin. Darauf war die Schule, eine große Frau in einer blauen Bluse und ein kleines Mädchen daneben.
„Das sind Sie“, sagte Sonja. „Sie stehen an der Tür, damit alle nach Hause kommen.“
Barbara konnte nicht gleich antworten. Sie legte das Bild nur in die Schublade, neben das Klassenbuch, und dachte, dass Kinder einen Erwachsenen manchmal besser über Wasser hielten als die schönsten Worte.
Günter wurde in der Zeit wütender. Er kam bald mit Drohungen, bald mit der jammernden Bitte, „die Familie nicht in den Dreck zu ziehen“, bald mit Versprechungen, normal zu werden. Eines Abends schloss er Max im Zimmer ein, damit Barbara ihn nicht zum Therapeuten bringen konnte. Der Junge saß danach drei Stunden in der Ecke und sortierte Buntstifte in einer Linie, bis die Finger zitterten. Genau danach hörte Barbara auf zu zweifeln. Nicht, weil sie Angst bekam, nicht, weil sie sich ärgerte, sondern weil sie innerlich die alte Gewohnheit des Ertragens von sich abtrennte.
„Ich bringe die Klage zu Ende“, sagte sie Roderich am Telefon. „Auch wenn er Druck macht.“
„Gut.“
„Und ich unterschreibe den Vertrag mit Frau Arndt selbst. Für einen symbolischen Euro, aber ich unterschreibe.“
„Sie hat ihn schon vorbereitet.“
„Sie wissen immer alles vorher?“
„Nein. Ich hoffe nur, dass Menschen sich manchmal für sich selbst entscheiden.“
Die einstweilige Verfügung für Max kam nach einem Monat. Nicht endgültig, aber wichtig: Der Junge durfte bis zum Abschluss des Verfahrens bei Barbara leben. Günter stand damals vor dem Gerichtsgebäude und sah sie an, als würde er innerlich schon alles um sich herum zerbrechen. Neben ihm war Roderichs Mann, Stefan, derselbe im grauen Mantel. Er mischte sich nicht ein, sagte kein unnötiges Wort, öffnete Barbara nur die Autotür, in der Max saß, den Rucksack auf den Knien, den Blick auf einen Punkt gerichtet.
„Fahren wir nach Hause?“, fragte er.
Barbara setzte sich neben ihn.
„Ja. Nur in ein anderes.“
Roderich hatte ihnen eine kleine Wohnung in der Nähe der Schule besorgt. Barbara bestand auf einem Mietvertrag und einer Zahlung, die sie stemmen konnte. Er widersprach nicht. Das war unerwarteter als jede Großzügigkeit. Das neue Zuhause war ruhig: zwei Zimmer, eine Küche mit breitem Fensterbrett, ein alter Schrank im Flur und ein Fenster, von dem aus man den Spielplatz sah. Max lief zuerst mit einem Notizblock durch die Zimmer und schrieb auf, wo was lag. Am dritten Tag stellte er seine Buntstifte auf den Tisch und packte sie nicht zurück in den Rucksack. Für ihn bedeutete das mehr als alle Worte.
Sonja fing an, nach dem Unterricht mit ihrem Vater vorbeizukommen. Erst eine halbe Stunde, dann eine Stunde. Sie setzte sich an den Rand des Teppichs und baute mit Bauklötzen neben Max, ohne seine Reihe zu berühren. Einmal schob er ihr ein grünes Teil hin. Barbara stand am Herd und wagte nicht, sich umzudrehen, um diese kleine Welt nicht zu verscheuchen, die sich langsam und dafür ehrlich zusammenfügte.
Mit Roderich war es komplizierter. Er machte nicht auf die übliche Weise den Hof, überschüttete sie nicht mit Nachrichten, versuchte nicht, ihre Ruhe zu kaufen. Manchmal brachte er Sonja Bücher mit und blieb auf einen Tee. Manchmal reparierte er ein Regal, während Max daneben stand und darauf achtete, dass die Schrauben nach Größe geordnet lagen. Eines Abends, als die Kinder über einem Brettspiel stritten, sagte Roderich:
„Ich bin gewohnt, Dinge schnell zu regeln. Bei dir geht das nicht.“
„Weil ich kein Problem bin.“
Er sah sie an und lächelte leicht.
„Ja. Habe ich schon gemerkt.“
Günter verschwand nicht sofort. Er rief von fremden Nummern an, lauerte am alten Haus, versuchte über Bekannte die neue Adresse herauszufinden. Einmal kam er zur Schule, aber Stefan bemerkte ihn am Tor, bevor Barbara mit den Kindern herauskam. Danach war Günter ein paar Wochen weg. Barbara fing an, tiefer zu schlafen. Max hörte auf, vor dem Schlafengehen die Tür abzuschließen. Sonja sagte einmal beim Abendessen in ihrer Küche:
„Bei euch ist es schön. Ruhig, aber nicht leer.“
Barbara merkte sich den Satz.
Die endgültige Entscheidung über das Sorgerecht war für Montag angesetzt. Am Tag davor suchte Max selbst ein Hemd aus, packte selbst seinen Notizblock in den Rucksack und probierte lange einen Satz, den Frau Arndt ihm eingeschärft hatte, falls der Richter fragte, wo er sich wohler fühle. Am Morgen sagte er ihn leise, aber verständlich:
„Ich möchte bei Varvara – bei Barbara wohnen, weil sie weiß, wie man meine Tassen richtig hinstellt, und nicht böse wird, wenn ich lange nachdenke.“
Barbara saß neben ihm und hielt die Hände auf den Knien, um nicht zu verraten, wie sehr es in ihr bebte. Günter versuchte, von Familie zu reden, von Dankbarkeit, davon, dass Barbara „zu jung sei und das nicht packe“. Aber da waren Unterlagen, Beurteilungen, Gutachten, Aussagen. Da war Frau Arndt, die Günters Worte nicht im Saal herumwuchern ließ. An diesem Tag wurde Barbara das Sorgerecht übertragen.
Sie trat auf die Straße und konnte lange nicht den ersten freien Atemzug machen, als ob die Brust dem Blatt mit dem Siegel noch nicht traute. Max stand neben ihr und hielt ihren Ärmel.
„Jetzt holt er mich nicht mehr?“
„Nein“, sagte Barbara. „Jetzt nicht mehr.“
Günter hörte es. Er sagte nichts, lächelte nur kurz und hässlich. Stefan trat einen Schritt näher, und der Stiefvater ging die Treppe hinunter.
Am Abend kamen Roderich und Sonja. Sie veranstalteten kein Fest, klatschten nicht in die Hände. Barbara buk Pfannkuchen, Max stellte die Teller, Sonja brachte ein Bild: vier Menschen am Fenster und ein roter Bauklotz auf der Fensterbank. Roderich sah lange auf das Blatt, dann sagte er:
„Ein schönes Haus ist das geworden.“
„Das ist noch kein Haus“, verbesserte Max. „Das ist ein Plan.“
„Dann bauen wir nach Plan“, antwortete Roderich.
Die letzte Prüfung kam drei Wochen später, als alle schon zu glauben begannen, das Schlimmste sei hinter ihnen. An einem Samstagabend buk Barbara Pfannkuchen, Sonja las Max etwas vor, Roderich wollte in ein paar Minuten hochkommen – er hatte das Auto im Hof stehen lassen. Es klingelte an der Tür. Auf dem Bildschirm der Gegensprechanlage war ein Mann mit einem Paket. Barbara öffnete nicht sofort, aber das Paket verdeckte das Gesicht, und eine Stimme sagte: „Für Sonja Lang, vom Papa.“
Sie nahm die Kette ab.
Günter stürmte herein, die Tür knallte gegen die Wand. Das Paket fiel zu Boden. In seiner Hand hatte er ein Küchenmesser. Sein Gesicht war eingefallen, die Augen flackerten, die Jacke hing wie ein fremdes Kleidungsstück um seine Schultern.
„Hast du gedacht, der Wisch rettet dich?“, sagte er.
Barbara stand zwischen ihm und dem Zimmer, wo die Kinder waren. Sie schrie nicht. Die Kehle war wie zugeschnürt, aber die Gedanken waren klar: Sonja am Fenster, Max am Tisch, Roderich noch unten, Stefan vielleicht beim Auto.
„Sonja, mach die Tür zum Zimmer zu“, sagte sie, ohne sich umzudrehen. „Max, mach es wie Sonja.“
Günter trat auf sie zu.
„Du hast mir alles genommen.“
„Wir hatten dich nie“, antwortete Barbara. „Du hast uns nur festgehalten.“
Er holte aus. Die Haustür war noch nicht zugefallen, seit Roderich hereingekommen war, und deshalb hörte Barbara seine Schritte im letzten Moment. Roderich kam schnell in die Wohnung, aber ohne die elegante Geschicklichkeit, die man im Kino sieht. Er stellte sich einfach zwischen sie und fing den Schlag mit seiner Schulter ab, während er Barbara mit dem Arm zur Wand drückte. Das Messer streifte seine Seite. Nicht tief, wie der Arzt später sagte, aber genug, dass die Küche, die Kinder, die Pfannkuchen auf dem Herd und das ganze neue Leben für einen Moment zerbrechlich wurden wie Glas.
Stefan erschien sofort. Günter wurde im Flur überwältigt. Er versuchte zu reden, zu beschuldigen, zu versprechen, aber seine Worte hielten niemanden mehr. Barbara saß auf dem Boden neben Roderich und drückte ein Handtuch auf seine Seite.
„Sieh mich an“, wiederholte sie. „Nur mich an.“
„Die Kinder?“
„Hier. Heil.“
Max kam von selbst. In den Händen hielt er einen roten Bauklotz, denselben, den Sonja einmal bei ihm auf dem Tisch hatte liegen lassen. Er legte den Klotz vorsichtig in Roderichs Handfläche.
„Der ist für das Haus“, sagte er. „Damit es nicht auseinanderfällt.“
Roderich schloss die Finger um den Klotz und versuchte zu lächeln.
„Dann hält es bestimmt.“
Der Krankenwagen holte ihn schnell ab. Barbara fuhr mit, hielt seine Hand und ließ sie nicht los, selbst als der Sanitäter bat, Platz zu machen. Im Krankenhaus musste sie mehrere Stunden warten. Sonja schlief auf ihrem Schoß ein, Max saß neben Stefan und legte auf dem Tisch Servietten in einer geraden Linie aus. Als der Arzt herauskam und sagte, es bestehe keine Gefahr, weinte Barbara zum ersten Mal in dieser Zeit nicht aus Angst, sondern weil sie endlich ausatmen konnte.
Roderich erholte sich störrisch. Schon nach einer Woche versuchte er, am Telefon zu arbeiten, bis Barbara es ihm wegnahm und auf das oberste Regal legte. Sonja malte ihm Karten. Max überprüfte jedes Mal, ob der rote Bauklotz noch auf dem Nachttisch lag, und sagte einmal streng:
„Den darf man nicht wegräumen. Der ist jetzt tragend.“
Roderich nahm das ernst.
„Verstanden. Tragende Klötze bleiben liegen.“
Als Barbara zurück in die Klasse kam, empfingen die Kinder sie mit dem üblichen Lärm: Jemand hatte das Hausaufgabenheft vergessen, jemand die Wechselschuhe, jemand beteuerte, die Hausaufgaben seien von der Katze gefressen worden. Sonja saß am Fenster und lächelte nicht mehr vorsichtig, sondern ruhig. In der Pause trat sie an den Tisch und legte ein neues Bild vor Barbara hin. Darauf waren die Schule, daneben das Haus, und dazwischen hielten sich vier Figuren an den Händen, nicht zu eng, als ob jedem Platz zum Atmen blieb.
„Sind wir das?“, fragte Barbara.
„Das wird so“, antwortete Sonja. „Später.“
Am Abend holte Roderich seine Tochter ab. Er war noch blass, bewegte sich vorsichtig, aber in seinen Augen war die gewohnte Festigkeit zurückgekehrt. Max kam mit Barbara mit, weil alle zusammen in den Supermarkt mussten, um Mehl zu kaufen: Sonja hatte verkündet, Pfannkuchen seien jetzt ein Familiengericht, und man dürfe sie nicht ausfallen lassen.
Am Schultor blieb Roderich neben Barbara stehen.
„Kann ich heute einfach bei euch in der Küche sitzen? Ohne Gespräche über Gerichte, Leute vorm Haus und Unterlagen. Einfach nur Tee.“
Barbara sah Sonja an, die Max erklärte, warum der rote Stift wichtiger sei als der rosa, dann Roderich. In seiner Bitte lag weder Druck noch Triumph, noch der Wunsch, für alles Belohnung zu bekommen. Nur ein müder Mensch, der auch einen ruhigen Abend wollte.
„Kannst du“, sagte sie. „Aber die Tassen kommen streng an die Tischkante. Wir haben Regeln.“
„Ich kann Lehrern zuhören.“
Sie lächelte. Nicht für die Kinder, nicht aus Höflichkeit, nicht um Spuren der Vergangenheit zu verbergen. Einfach, weil ein Abend vor ihr lag: Mehl, Wasserkocher, Kinderstimmen, ein Bild am Kühlschrank und ein roter Bauklotz auf der Fensterbank. Die Angst war noch nicht ganz weg, sie kehrte manchmal zurück bei einem scharfen Geräusch, einem fremden Schritt, einem Traum kurz vor dem Morgen. Aber jetzt lebte neben ihr eine neue Gewohnheit – nicht vor jeder sich öffnenden Tür auf einen Schlag zu warten. Manchmal standen hinter der Tür die eigenen Leute.