Der Koffer stand schon an der Tür, und auf dem Herd köchelte noch die Kartoffelsuppe mit Semmelknödeln. So wie er sie liebte.
Marlene wischte sich die trockenen Hände an einem Handtuch ab – mechanisch. Sie blickte auf den vertrauten Hinterkopf, auf das Muttermal hinter dem Ohr, das sie tausendmal geküsst hatte. Und erkannte ihn nicht.
– Du fährst auf Dienstreise?
– Nein, Marlene. Ich gehe.
Das Wort hing in der Küche wie Brandgeruch.
– Wohin?
– Zu einer anderen.
Das Handtuch fiel ihr aus den Händen.
– Klaus …
– Marlene, bitte keine Szenen. Wir wissen beide, dass das längst vorbei war. Ich habe mich nur getraut, du nicht.
– Vorbei? – Sie lachte. Nervös, erschreckend. – Morgen haben wir Jahrestag. Achtzehn Jahre.
– Eben. Achtzehn Jahre dieselbe Kartoffelsuppe.
Der Treffer saß genau unter dem Zwerchfell. Sie rang nach Luft.
– Ich habe mein Doktoratsstudium für dich aufgegeben. Ich hätte …
– Du hättest gar nichts. – Er lächelte. So lächelt man, wenn man Mitleid hat. – Restauratorin. Wer braucht das heute – Ikonen, Staub … Ich habe dir ein Leben gegeben, nebenbei. Die Wohnung. Das Auto. Jedes Jahr ans Meer.
– Du hast? …
– Wer denn sonst. Na gut. Die Wohnung läuft auf mich, aber ich bin kein Unmensch. Bleib noch einen Monat oder zwei. Dann regeln wir das.
Sie hielt sich an der Stuhllehne fest. Die Finger wurden weiß.
– Wer ist sie?
– Was macht das für einen Unterschied.
– Wer?
Er sah auf die Uhr.
– Gisela. Zweiunddreißig. Sie ist lebendig, Marlene. Verstehst du? Geht ins Theater, fährt Ski, lacht. Und du bist längst zur Haushälterin geworden. Hast es selbst nicht gemerkt.
Marlene schwieg. Ein Kloß saß in ihrem Hals.
Klaus hob den Koffer auf. An der Tür drehte er sich um – und in seinen Augen blitzte etwas auf. Kein Bedauern. Verdruss. Wie bei einem Besitzer, der seinen alten Hund im Tierheim abgibt.
– Mach dir keine Sorgen. Achtunddreißig ist kein Weltuntergang. Genieß die Freiheit, Marlene. Du hast sie verdient.
Die Tür schloss sich.
Die Kartoffelsuppe auf dem Herd kühlte weiter aus.
Die erste Woche weinte sie nicht. Sie ging durch die Wohnung wie durch ein Museum eines fremden Lebens. Seine Hemden. Seine Zahnbürste. Die halb ausgetrunkene Tasse auf dem Tisch.
Am achten Tag rief Ingrid an.
– Marlene, lebst du noch?
Und der Damm brach. Sie schluchzte ins Telefon, so sehr, dass die Nachbarin von unten hochkam – um zu fragen, ob alles in Ordnung sei.
– Ingrid … ich bin achtunddreißig. Ich bin ein Nichts. Achtzehn Jahre habe ich Suppe gekocht, ich weiß nicht einmal, wann ich zuletzt einen Pinsel in der Hand hatte …
– Und woran erinnerst du dich?
– Wie?
– Erinnerst du dich, warum du zur Restaurierung gegangen bist?
Marlene erstarrte. Ein Bild stieg vor ihr auf: der Saal der Alten Nationalgalerie, sie war neunzehn, sie stand vor der Muttergottesikone und weinte. Weil Menschen so etwas erschaffen konnten. Und so etwas bewahren.
– Ich erinnere mich.
– Dann geh und hol deine Farben aus dem Abstellraum. Ich weiß, dass sie dort sind. Ich habe sie vor fünf Jahren gesehen.
Die Farben fanden sich. In einem Schuhkarton, unter alten Gardinen. Ausgetrocknet, die Hälfte hoffnungslos. Aber die Pinsel – die Pinsel waren heil. Kolinskyhaar, einst vom Stipendium gekauft, unter Verzicht aufs Mittagessen.
Marlene setzte sich auf den Boden des Abstellraums und weinte. Aber jetzt anders. Leise.
Am nächsten Morgen meldete sie sich für einen Kurs an der Universität der Künste an. Bezahlt. Das Geld – die letzten Ersparnisse für den Urlaub, der jetzt nicht mehr nötig war.
Sie ging zum Friseur. Schnitt den Zopf ab, den Klaus ihr zwanzig Jahre lang zu berühren verboten hatte. Im Spiegel blickte ihr eine fremde Frau entgegen. Mit scharfen Wangenknochen, mit lebendigen, zornigen Augen.
– Na, hallo. Lange nicht gesehen.
Drei Monate Studium. Museen, Notizen. Nachts zeichnete sie – erst zaghaft, dann sicherer. Die Hände erinnerten sich. Die Hände hatten nicht vergessen.
Im Februar rief Ingrid an.
– Marlene, hör zu. Erinnerst du dich an Armin Albrecht, mit dem Micha arbeitet? Seine Großmutter ist gestorben, er hat ein Haus in Brandenburg geerbt. Alt. Und dort sind Ikonen, ein ganzes Regal. Wollte sie wegwerfen …
– Nicht anrühren! – Marlene sprang auf. – Er soll sie in Ruhe lassen!
– Dachte ich mir. Vielleicht siehst du sie dir an? Er zahlt.
– Ich sehe sie mir an. Morgen.
Die Ikonen waren in einem schrecklichen Zustand. Acht Stück – geschwärzt, mit abblätterndem Levkas, mit Rissen. Marlene beugte sich über sie – und ihr Herz schlug so heftig, dass sie es in den Ohren hörte.
– Armin Albrecht, – sagte sie heiser. – Diese hier … ich muss sie unter der Lampe begutachten, aber ich bin mir fast sicher. Siebzehntes Jahrhundert. Nördliche Schule. Sehr wertvoll.
Er zog ungläubig eine Braue hoch.
– Was ist sie wert?
– Restaurieren – kann ich nicht genau sagen. Aber später verkaufen – viel.
– Und du kannst sie restaurieren?
Marlene sah auf die Tafeln. Auf die Gesichter, die kaum unter dem Ruß hervortraten. Sie begriff: Das war die Chance. Die einzige.
– Ich kann.
Die Arbeit dauerte ein halbes Jahr. Sie mietete eine winzige Werkstatt am Stadtrand – der Geruch von Lösungsmitteln war in der Wohnung unerträglich. Aß Brot mit Butter. Nahm zwölf Kilo ab. Zweimal weinte sie vor Verzweiflung, als sie die Arbeit fast verdorben hätte. Einmal rief sie um vier Uhr morgens ihre Dozentin an – die heilige Frau kam eine Stunde später mit einer Thermoskanne.
Und dann war die erste Ikone da. Befreit. Strahlend.
Armin Albrecht schwieg lange.
– Marlene. Das ist ein Wunder.
– Es ist kein Wunder. Es ist Arbeit.
Er zahlte das Doppelte. Eine Woche später rief ein Bekannter von ihm an. Dann der Bekannte eines Bekannten. Dann ein Galerist von der Kurfürstendamm.
Mundpropaganda ist das schnellste Medium der Welt.
Ein Jahr verging. Dann noch eines.
Jetzt wohnte Marlene in einer anderen Wohnung – gemietet, aber ihre eigene. Mit hohen Decken. Eine Werkstatt am Tiergarten, Aufträge bis sechs Monate im Voraus. Arbeiten für zwei Klöster und eine Privatsammlung eines bekannten Unternehmers, dessen Name in Wirtschaftsblättern mit Ehrfurcht genannt wurde.
Er hieß Dietrich von Stein.
Er kam selbst in die Werkstatt. Schickte keine Kuriere. Saß auf einem Stuhl am Fenster und sah zu, wie sie arbeitete. Manchmal brachte er Kaffee mit. Manchmal nichts.
– Sie sind ein seltsamer Kunde, Herr von Stein.
– Ich bin ein seltsamer Mensch. Stört es Sie, wenn ich hier sitze?
– Nein.
Fünfundvierzig. Witwer. Kluge, müde Augen und Pianistenhände – obwohl er nicht Klavier spielte, sondern auf dem Markt der Fusionen.
Nichts war zwischen ihnen. Noch nicht. Aber Marlene ertappte sich manchmal dabei, dass sie auf seine Besuche wartete.
An jenem Abend wollte sie nirgendwo hingehen.
Aber Ingrid bestand darauf – Jubiläum einer Galerie an der Friedrichstraße, die ganze Berliner Szene, das dürfe sie nicht verpassen, ihre Kunden seien darunter, genug der Klausur in ihrer Zelle.
Marlene zog ein schwarzes Kleid an – schlicht, das erste Kleid einer guten Designerin ihres Lebens, vor einem Monat gekauft. Perlenohrringe – Geschenk eines dankbaren Kunden. Absätze, an die sie sich erst wieder gewöhnen musste.
Herr von Stein holte sie selbst ab, ohne Fahrer.
– Sie sehen heute …
– Was?
– Strahlend aus.
Sie lachte. Wirklich. Zum ersten Mal seit langer Zeit.
Im Saal summte das Gespräch, Champagner floss. Marlene blieb vor einem Gemälde von Lovis Corinth stehen – tat so, als betrachte sie es. Nur um Luft zu holen.
– Marlene? …
Sie drehte sich um.
Vor ihr stand Klaus.
Gealtert. Grau. Tränensäcke unter den Augen. Ein Glas in der Hand, und die Hand zitterte leicht. Neben ihm eine junge Frau, zierlich, mit unzufriedenem Gesicht. Sie hing an seinem Arm wie an einem Kleiderbügel und nölte:
– Klausi, lass uns gehen, es ist langweilig …
– Warte, Gisela.
Er sah Marlene an und erkannte sie nicht.
– Du? Bist du das?
– Hallo, Klaus.
– Du … wie hast du dich verändert.
– Die Zeit vergeht.
Gisela zerrte an seinem Ärmel.
– Wer ist das?
– Das … meine Ex-Frau.
Gisela musterte Marlene mit einem schnellen weiblichen Blick. Von den Schuhen bis zu den Ohrringen. Ihr Gesicht wurde etwas länger.
– Sehr erfreut. Ich bin an der Bar.
Und ging, mit klappernden Absätzen.
Sie waren allein. Mitten im Saal, in der Menge – aber allein.
– Was machst du hier?
– Ich arbeite. Ich bin Ikonenrestauratorin. Hier sind Kunden.
– Restauratorin? – Er blinzelte. – Ernsthaft?
– Ernsthaft.
– Marlene … – Er kam näher. Er roch nach Cognac. – Ich muss dir was sagen. Ich war ein Idiot.
Sie schwieg.
– Diese Gisela – ein Albtraum. Oberflächlich. Kann nicht mal ein Rührei braten. Ständig Clubs, Reisen, Restaurants. Ich bin müde, Marlene.
– Kann ich mir vorstellen.
– Ich lasse mich scheiden. Habe schon eingereicht. – Er packte ihre Hand. – Versuchen wir es noch einmal. Du hast mich doch geliebt. Immer geliebt.
Marlene blickte auf seine Finger. Fremd. Einst die vertrautesten – jetzt einfach fremd.
Sie löste ihre Hand sanft.
– Klaus. Weißt du noch, was du zum Abschied gesagt hast?
Er runzelte die Stirn.
– Du sagtest: Genieß die Freiheit.
– Marlene, ich wollte nicht …
– Warte. Ich will dir danken. Ohne Ironie.
Er blickte verständnislos.
– Du hast mir tatsächlich die Freiheit geschenkt. Ich konnte sie lange nicht auspacken – wie ein Geschenk, das man sich nicht zu öffnen traut. Aber dann habe ich es geöffnet. Darin war ich selbst. Diejenige, die ich vor achtzehn Jahren begraben hatte.
– Marlene …
– Also danke. Und – nein. Ich komme nicht zurück.
– Aber warum? Ich habe die Wohnung, Geld, ich kann für dich sorgen …
– Klaus. Ich sorge für mich selbst. Schon lange.
In diesem Moment trat Herr von Stein heran. Ruhig, leise, mit zwei Gläsern.
– Marlene, sind Sie bereit? Ein Sammler aus Hamburg wartet auf Ihre Bekanntschaft.
– Ja, Herr von Stein. Natürlich.
Er reichte ihr die Hand. Sie nahm sie.
Klaus stand und blickte hinterher. Auf ihren geraden Rücken. Wie respektvoll sich dieser Mann in teurem Anzug zu ihr beugte.
An der Bar redete Gisela auf ihn ein. Er hörte nichts.
Marlene drehte sich an der Tür für eine Sekunde um. Und – nein, nicht triumphierend. Winkte nur. Wie man einem Bekannten winkt, von dem man sich vor langer Zeit getrennt hat, ohne Groll.
Der Sammler entpuppte sich als schwerer, grauhaariger Mann mit kindlich blauen Augen. Bruno Naumann. Küsste altmodisch die Hand, mit Verbeugung, sagte „gnädige Frau“ – ohne Ironie.
– Herr von Stein hat Wunderdinge von Ihnen erzählt. Ich habe nicht geglaubt. Jetzt sehe ich – er hat nicht gelogen.
– Sie haben meine Arbeiten noch nicht gesehen.
– Doch. Vor drei Monaten. Die „Muttergottes der Zärtlichkeit“, achtzehntes Jahrhundert. Erinnern Sie sich?
Marlene erinnerte sich. Ein halbes Jahr hatte sie daran gearbeitet.
– Sie haben sie gekauft?
– Ja. Und ich will mehr. Ich habe etwas Delikates. Können wir sprechen?
Sie traten ans Fenster. Herr von Stein blieb an einer Säule – unaufdringlich, im Hintergrund, aber nah. Marlene spürte ihn im Rücken, und das gab ihr eine seltsame Wärme.
Aus dem Augenwinkel sah sie: Klaus stand immer noch vor dem Corinth-Gemälde. Allein. Gisela war weggefahren – offenbar mit Krach. Er blickte in ihre Richtung, aber Marlene drehte sich nicht mehr um.
– Ich habe eine Ikone, – sagte Bruno Naumann leise. – Nowgoroder Schule. Sechzehntes Jahrhundert. Das Problem ist, ihre Geschichte ist undurchsichtig.
Marlene wurde wachsam.
– Gestohlen?
– Nein, nein, keine Sorge. Ausgeführt in den Zwanzigern. Dann Paris, New York. Vor zwei Jahren habe ich sie legal auf einer Auktion gekauft. Aber ich will sie nach Hause bringen. Und im Originalzustand. Im neunzehnten Jahrhundert wurde sie stark übermalt. Unter den Schichten, davon bin ich überzeugt, liegt ein Meisterwerk.
– Warum wollen Sie das?
Bruno Naumann schwieg.
– Meine Großmutter stammte aus Nowgorod. 1924 sind wir ausgereist. Ihr Vater, ein Priester, wurde 1937 erschossen. Diese Ikone habe ich vierzig Jahre lang gesucht. Und jetzt habe ich sie gefunden.
Marlene brannten die Augen.
– Ich übernehme das.
Die Arbeit an der Nowgoroder Ikone sollte in einem Monat beginnen – nach den Dokumentenabstimmungen. Inzwischen ging das Leben seinen Gang.
Am Montagmorgen kam Marlene in die Werkstatt und fand einen Umschlag unter der Tür. Ohne Briefmarke. Ein Zettel mit bekannter, ungleichmäßiger Handschrift:
„Marlene, ich muss mit dir reden. Nicht telefonisch. Ich bin am Mittwoch um sieben vor deiner Werkstatt, im Café an der Ecke. Wenn du nicht kommst – verstehe ich. Aber ich bitte dich sehr. K.“
Sie saß lange da und starrte auf das Papier. Zerknüllte es. Glättete es. Zerknüllte es wieder.
Mittwoch um sieben kam sie.
Sie wusste selbst nicht, warum. Vielleicht wollte sie einen endgültigen Punkt setzen – nicht den schönen aus der Galerie, sondern den echten. Alltäglichen. Endgültigen.
Klaus wartete am Ecktisch. Vor ihm eine Tasse Tee, unberührt. Er stand auf, als sie kam, unbeholfen.
– Danke, dass du gekommen bist.
– Ich habe zwanzig Minuten.
– Schnell. – Er krallte sich in die Tasse. – Marlene, ohne Gisela, ohne Publikum … Ich habe damals in der Galerie nicht das Richtige gesagt. Genauer, nicht so.
– Wie denn?
Er hob den Blick. Marlene sah plötzlich: In seinen Augen schwamm echte Angst. Diese Art, die auftritt, wenn ein Mensch begreift, dass er etwas Unwiederbringliches getan hat.
– Ich habe so einen Mist gebaut, den ich bis heute nicht aufgeräumt bekomme.
– Ja.
– Was – ja?
– Ja, du hast Mist gebaut. – Sie sagte es ohne Wut. Wie eine Feststellung. – Warum hast du mich herbestellt?
Er schwieg. Zog aus der Tasche ein abgenutztes Samtkästchen. Marlene erkannte es sofort.
– Omas Ring, – sagte sie leise.
– Du erinnerst dich?
Der Ring seiner Großmutter, mit einem kleinen Smaragd. Vor achtzehn Jahren hatte Klaus ihn Marlene zur Verlobung geschenkt. Ein paar Jahre später bat er ihn zurück – „zur Aufbewahrung“, für die zukünftigen Kinder. Kinder gab es nicht. Der Ring blieb bei ihm.
– Ich will ihn dir zurückgeben. Er gehört dir. Von Rechts wegen.
– Nimm ihn einfach. Es ist kein Antrag. Ich habe alles verstanden damals in der Galerie. Ich habe gesehen, wie du mit diesem von Stein … – seine Stimme zitterte. – Liebst du ihn?
Marlene schwieg. Hörte ehrlich in sich hinein.
– Ich weiß es noch nicht. Aber ich könnte. Wenn die Zeit es zulässt.
Klaus nickte. Schwer.
– Ich freue mich. Wirklich. Er ist ein anständiger Kerl, ich habe Nachforschungen angestellt.
– Du hast Nachforschungen angestellt?
– Na klar. Achtzehn Jahre war ich dein Mann. Habe ich ein Recht darauf.
Marlene blickte ihn an und sah – zum ersten Mal vielleicht in ihrem ganzen Leben – nicht den Besitzer, nicht den Täter, nicht den Verräter. Nur einen müden, nicht mehr jungen Mann, der die wichtigste Partie verloren hatte. Und das jetzt begriff.
Es tat nicht mehr weh. Sondern tat menschlich leid.
– Klaus. Den Ring nehme ich nicht. Gib ihn … ach, ich weiß nicht. Deiner Nichte, Ludmilla hat eine Tochter, die heranwächst. Oder in eine Kirche.
– Nur eines will ich dir sagen. Und dann ist gut. Ja?
– Gut.
– Danke, dass du gegangen bist.
Er blickte verständnislos.
– Wärst du nicht gegangen, ich hätte bis sechzig Kartoffelsuppe gekocht. Und hätte dich leise, heimlich gehasst, ohne es mir selbst einzugestehen. Und mich selbst auch gehasst. Aber jetzt hasse ich nicht. Weder dich noch mich. Das ist selten.
Er schwieg. Eine Träne rollte langsam, schwer über seine Wange. Er wischte sie nicht weg.
– Bleib gesund, – sagte Marlene. – Und pass auf dich auf.
Sie stand auf. Zog den Mantel an. An der Tür drehte sie sich um – er saß mit gesenktem Kopf da. Die Schultern zuckten leicht.
Marlene trat auf die Straße. Der Wind schlug ihr ins Gesicht – kalt, nach Laub und ein wenig nach Rauch riechend.
Sie ging den Boulevard entlang und weinte. Leise, ohne Schluchzer. Nicht aus Kummer. Nicht aus Schadenfreude. Einfach – ein großes, qualvolles Kapitel schloss sich. Ohne Haken, ohne Splitter. Es ließ los.
Und nur tief innen, wie ein kleiner Splitter, saß etwas Unbestimmtes. Kein Mitleid. Ein Zweifel. Ob es nicht doch umsonst war? Ob achtzehn Jahre nicht doch etwas bedeuteten und sie richtig gehandelt hätte, noch eine Chance zu geben?
Marlene erreichte die U-Bahn. Blieb stehen. Stand zehn Sekunden da.
Und begriff: nein. Nicht umsonst.
Sie fuhr die Rolltreppe hinunter.
Die Nowgoroder Ikone erwies sich als komplizierter, als sie gedacht hatte. Drei Malerschichten. Die unterste – sechzehntes Jahrhundert, wie Bruno Naumann versprochen hatte. Dazwischen zwei weitere: achtzehntes und Ende des neunzehnten. Jede wurde Millimeter für Millimeter abgetragen.
Sie arbeitete fast ein Jahr.
In diesem Jahr änderte sich vieles.
Herr von Stein machte ihr im April einen Heiratsantrag. Nicht im Restaurant, nicht mit einem Ring – dafür war er zu klug. Sie saßen in ihrer kleinen Küche, tranken Tee.
– Marlene. Sollen wir nicht heiraten?
– Einfach so?
– Warum es kompliziert machen? Wir sind beide nicht mehr zwanzig. Wissen, was wir wollen.
– Und was wollen Sie, Herr von Stein?
– Sie. Für den Rest meines Lebens. Wenn Sie nicht bereit sind – warte ich. Ich bin geduldig.
– Geben Sie mir bis zum Herbst.
– Bis zum Herbst, also bis zum Herbst.
Er war nicht beleidigt. Er war wirklich geduldig.
Im Mai erzählte Ingrid: Klaus sei nach Brandenburg gezogen. Habe die Berliner Wohnung verkauft, ein Haus im Dorf gekauft. Mit Gisela habe er schnell und ohne Krach die Scheidung durchgezogen. Er habe jetzt eine Nachbarin. Witwe. Sie koche ihm Suppen. Leise.
Marlene lächelte, als sie es hörte. Soll er. Hauptsache, er ist ein wenig in Ruhe.
Und im August geschah das Wichtigste. Sie nahm die letzte Malschicht von der Nowgoroder Ikone ab.
Und darunter kam das Antlitz zum Vorschein.
Marlene stand nachts um zwei allein in der Werkstatt und blickte auf das Gesicht des Erlösers – still, streng, gemalt von der Hand eines unbekannten Meisters vor fünfhundert Jahren. Das Kriege, Revolutionen, Emigration, Ozean, Auktionen überstanden hatte. Und heimgekehrt war – zum Enkel jenes Priesters, der 1937 erschossen worden war.
Sie rief Bruno Naumann an. Weckte ihn.
– Bruno Naumann, verzeihen Sie … Sie hat sich geöffnet.
Es wurde still in der Leitung. Ganz still. Dann hörte sie den alten Mann weinen – weit weg, in seinem Haus auf dem Kirchenhügel.
– Gnädige Frau, – sagte er schließlich, und seine Stimme zitterte. – Ich komme sofort. Ich kann nicht bis morgen warten.
Er kam um sieben Uhr morgens, unrasiert, in einem zerknitterten Anzug, mit einer Schachtel Pralinen – die so albern und komisch wirkte, als ginge er in den Kindergarten.
Er betrat die Werkstatt. Sah die Ikone. Und fiel auf die Knie.
Marlene wandte sich ab. Ließ ihn allein. Mit ihr. Mit der Großmutter. Mit dem Urgroßvater. Mit der ganzen großen, schrecklichen, hellen Geschichte, die an einem Punkt zusammenlief – in ihrer Werkstatt am Tiergarten.
Im September heiratete Marlene.
Die Hochzeit war still. Etwa zwanzig Leute. Ingrid mit ihrem Mann. Die Dozentin von der Universität der Künste. Bruno Naumann, eigens aus Hamburg angereist. Ein paar Mönche aus dem Kloster, für das sie gearbeitet hatte – saßen in der Ecke, tranken schüchtern Saft.
Das Kleid war cremefarben, schlicht. Im Haar eine weiße Rose. Keinen Schleier trug sie. Zum zweiten Mal – unnötig.
Herr von Stein steckte ihr einen schmalen Ring aus Weißgold an. Ohne Steine. Er wusste, dass sie Glanz nicht mochte.
Marlene war zweiundvierzig.
Am Abend, als die Gäste gegangen waren, saßen sie auf dem Balkon der neuen Wohnung, tranken Wein. Schweigend.
– Dietrich. Ich habe erst jetzt eines begriffen.
– Was?
– Als Klaus ging, sagte er – genieß die Freiheit. Höhnisch. Aber es kam heraus, als hätte er mich gesegnet.
Herr von Stein nahm ihre Hand. Küsste ihre Handfläche. Antwortete nichts. Gut, wenn ein Mensch nicht auf jeden Satz mit etwas Schönem antwortet.
Marlene trank den Wein aus. Stellte das Glas ab.
Morgen ging es in die Werkstatt. Dort lag eine neue Arbeit – ganz unscheinbar, eine Ikone aus dem neunzehnten Jahrhundert aus einer Dorfkirche bei Rostock. Klein, schlicht, ohne Archivdokumente, ohne Legende. Nur eine Ikone, die der örtliche Pfarrer gebracht hatte, im Bus, in einem Segeltuchsack.
Marlene dachte mit Vergnügen daran.