Irena hätte nie gedacht, dass ihr Sohn sie nach Hause bringt.

Kerstin hätte nie gedacht, dass ihr Sohn sie nach Hause holen würde.

Wer hätte gedacht, dass Kerstin, einst eine erfolgreiche Ingenieurin und respektierte Mutter zweier Kinder, eines Tages in einem Seniorenheim aufwachen würde.

Sie hatte ein spannendes und ereignisreiches Leben, und wie alle Mütter war sie ständig zwischen Familie und Beruf hin- und hergerissen. Viele ihrer Kollegen fragten sich, wie sie es schaffte, diese beiden Verpflichtungen so gut unter einen Hut zu bekommen. Niemand ahnte, wie schwer es ihr wirklich fiel, alles unter einen Hut zu bringen.

Kerstin war immer lächelnd und voller Energie, die sie erst an der Schwelle ihres Hauses verließ. Ihr Mann war gestorben, als die Kinder noch klein waren, und es war besonders schwer für sie, alles alleine zu schaffen.

Auch wenn sie ihr Bestes gab, schien sie bei der Erziehung ihrer Kinder, insbesondere ihrer Tochter, etwas übersehen zu haben.

Sie war stets eine freundliche und liebevolle Mutter, doch leider gelang es ihr nicht, diesen Charakterzug auf ihre Katrin zu übertragen.

Trotz all ihrer guten Taten der Vergangenheit war die Zeit nicht gnädig mit ihr. Kerstin hätte nie gedacht, dass sie eines Tages für ihre Kinder überflüssig werden würde.

Ihre ältere Tochter Katrin hatte die Mutter seit vielen Jahren nicht mehr gesehen. Eines Tages zog sie nach Holland und blieb dort. Sie hatte selten Kontakt zu der Frau, für die jedes Jahr ein Leidensweg ohne ihre Tochter war.

Der Mutter kamen immer mehr Falten, und ihre Augen wurden stumpf. Sie fand keinen Lebensfreude und sagte sich, dass Katrin ihre eigene Familie und Probleme habe und sich nicht mit ihrer betagten Mutter belasten wolle.

Ihr Sohn Markus war vor einigen Jahren zum Studium in eine andere Stadt gezogen und hatte dort eine Familie gegründet, doch er nahm sich immer Zeit, anzurufen. Allerdings kam er selten vorbei, weil er viel arbeitete, was Kerstin durchaus verstand.

Kerstin schaute aus dem Fenster der Einrichtung und bemerkte, wie ihre Augen in der Fensterscheibe glänzten, das Spiegelbild ihrer tränengefüllten Augen.

Draußen rauschten sanft die Bäume, und der Regen klopfte weich mit seinen Tropfen an den Rahmen. Auf dem Gehweg spazierten Menschen mit einer bunten Auswahl an Regenschirmen. Dort blühte das Leben.

Ihre Geburtstage rückten näher. Kerstin schloss einen Moment die Augen, und ein leichtes Lächeln umspielte ihre Lippen. Sie erinnerte sich an vergangene Jahre und ihre Kinder. An jene Zeit, in der sie jeden Tag genoss und beobachtete, wie sie spielten, wuchsen und zu ihr liefen, um auf ihrem Schoß zu sitzen.

Einmal zu einer Feier in ihrem Zuhause waren viele Gäste gekommen, Verwandte, Freunde und vor allem ihre Kinder. Nun saß sie alleine da, lächelnd, aber ergeben, eine arme Frau.

Plötzlich ertönte ein Klopfen:

– Herein! – stammelte Kerstin.

In den Raum trippelten ein paar ältere Damen herein, angeführt von ihrer Mitbewohnerin Helga.

– Alles Gute, liebe Kerstin, vor allem Gesundheit! – sagten sie im Chor zum Geräusch des ununterbrochenen Regens.

– Das hätte ich nicht erwartet – flüsterte Kerstin verwirrt.

– Ihr hättet mich wenigstens warnen können, ihr Frechdachse!

– Was wäre das für eine Überraschung – sagte eine der älteren Damen und reichte ihr ein Paket, das verführerisch duftete.

Die Jubilarin erhob sich vom Stuhl und sagte:

– Kommt herein, macht es euch bequem, ich bin sehr angenehm überrascht.

Das Fest war gelungen, sie kochten guten Tee, aßen ein Stück Kuchen und unterhielten sich lange, bevor sie sich in ihre Zimmer zurückzogen.

– Mutti, Mutti! Alles Gute – ertönte es entfernt.

Sie lächelte und sah in ihrem Traum ihren Sohn. Doch es war nicht der Junge, den sie erinnerte, es war ein anständiger, erwachsener Mann.

– Mutti, wach auf! – hörte sie klarere Worte. Sie öffnete plötzlich die Augen und sprang erschrocken auf.

– Mein Sohn? Das ist kein Traum, oder?

Ihr Atem beschleunigte sich, und ihre Wangen waren plötzlich feucht von Tränen.

– Es ist kein Traum, ich bin hier, Mama. Ich wollte dich überraschen, ich konnte dich an deinem Geburtstag nicht alleine lassen.

– Ich wusste nicht, dass du hier bist, ich dachte, alles wäre bei dir in Ordnung. Ich bin nach Hause gefahren, und die Nachbarn haben mir gesagt, wo du bist. Ich hatte keine Ahnung, dass meine Schwester dir so einen Platz verschafft hat und mich nicht einmal informiert hat. Ich fürchte mich zu fragen, wie es dir hier geht.

– Mir geht es gut, mein Sohn – antwortete Kerstin mit mühsam verborgenem Kummer.

– Mach dich bereit, wir haben nicht viel Zeit, unser Zug fährt bald.

– Zug? – Kerstin war verdutzt.

– Ja, Liebste, wir fahren nach Hause.

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