Liebes Tagebuch,
heute Morgen hat mein Mann mich noch einmal Jutta genannt. Noch bevor ich das Wort richtig verarbeiten konnte, drückte er mich an sich, flüsterte mir ins Ohr:
Guten Morgen, Jutta.
Dann schnarchte er weiter, als würde er im Schlaf noch weiterträumen.
Ich öffnete die Augen, lag wie gelähmt da und wagte kaum eine Bewegung. Eine kalte Schauer durchlief mich was hatte das zu bedeuten? War alles in Ordnung, oder hatte etwas Grundlegendes gerutscht?
Hans, mein Mann, drehte sich im Schlaf und gähnte.
Liselotte, du bist ja so kalt, ich kann kaum schlafen. Alles gut bei dir? Es ist Sommer, und du fröstelst noch unter der Bettdecke. Ich mache gleich Tee.
Er stapfte, fast fröhlich summend, in die Küche. Ich blieb noch einen Moment liegen, dann stand ich mühsam auf, wankte zur Waschanlage. Meine Beine fühlten sich an wie Blei, im Kopf dröhnte ein weißes Rauschen. Vielleicht sollte ich doch einen Tee trinken.
Hans bat um Pfannkuchen. Ich schaute ihn finster an.
Du hast mich heute Morgen Jutta genannt.
Wie bitte, mein Schatz?
Hans, hör doch bitte nicht so dumm zu tun. Du hast mich heute Jutta genannt.
Du hast dich wohl getäuscht, Liebling. Jutta, Jutta das war nur ein Traum im Halbschlaf. Bist du deswegen so frostig und mürrisch? Ach, Frauen Sie machen sich das alles selbst. Ich gehe noch hungrig zur Arbeit.
Ich schlich durch das Haus, versuchte, mich zu sammeln, goss die Pflanzen, briet Pfannkuchen, zog mich hastig an und fuhr zu Hans Praxis. Vielleicht war es wirklich ein Missverständnis Jutta, Liselotte, das war nur ein Wortspiel.
In der Praxis erwartete mich eine neue Sekretärin. Ihr rotes, lockiges Haar fiel ihr wie ein Feuerwerk um die Schultern, ihr Auftreten war kühn.
Herr Dr. Hans Müller ist heute nicht im Haus. Ich kann Sie für nächste Woche eintragen.
Ich hätte lieber einen Termin bei ihm selbst, das ist wichtiger.
Entschuldigung? die Sekretärin zog die Augenbrauen hoch. Frau, wer sind Sie?
Gott sei dank, ich bin Liselotte Müller, die Ehefrau von Dr. Hans Müller.
Da ertönte plötzlich Hans Stimme aus dem Lautsprecher:
Jutta, bring mir bitte einen Kaffee.
Ich seufzte. Na gut, ich bringe ihn.
Hans grinste, als er den Kaffee sah. Hier, dein Kaffee. Und ein Pfannkuchen. Die Scheidungspapiere bekommst du per Post. Guten Appetit.
Liselotte, was zum Teufel geht hier vor? sein Ärger wuchs. Du bist seit morgens wie eine Hexe.
Ich warf ihm vor, dass seine neue Sekretärin eine rothaarige, leicht auffällige Frau ihm nicht gerade das Bild eines seriösen Zahnarztes gebe. Er erwiderte, dass er die Scheidung eine Woche auf dem Land verbringen wolle, bis ich mich beruhige.
Zu spät, Hans. Ich ertrage keinen Betrug mehr. Ich verlangte eine Erklärung. Er seufzte, trank den Kaffee und verzog das Gesicht.
Frau Varvara hat gekündigt. Ich habe Jutta wegen ihrer Empfehlung genommen.
Seit wann?
Vor einem Monat.
Warum hast du mir das nie gesagt? Wir haben doch immer alles geteilt.
Er gestand, dass Jutta die Arbeit übernahm und er sich nicht eingedenk war, dass das bei uns ein Problem werden könnte. Die Situation eskalierte, und ich sagte, ich würde gleich meine Sachen packen und ausziehen.
Wir stritten über die Wohnung, ich wollte bleiben, er wollte, dass ich das Haus meiner Eltern verlasse. Das alte Fachwerkhaus, das ich von meinen Eltern geerbt hatte, lag einsam im Wald, voller Erinnerungen und modrigem Geruch.
Meine Freundin Kerstin, die ebenfalls in der Stadt lebt, kam zu Besuch.
Du kannst hier nicht bleiben, Liselotte, das geht nicht. Verkaufe das Haus, nimm einen Kredit, zieh zurück in die Stadt.
Ich habe genug Geld gespart, fünf Jahre habe ich hier gelebt, während Hans seine Privatklinik aufgebaut hat.
Sie schlug vor, dass ich im Gästezimmer meiner Schwester bis zum Herbst wohnen könnte. Ich reagierte gereizt.
Die Luft roch nach frischem Gras, nach Kindheit. Kerstin meinte, das Feld müsse gemäht werden, ich könnte eine Firma beauftragen. Ich dachte daran, das Geld für den Umzug zu benutzen.
Am nächsten Tag wachte ich von einem lauten Schweinequiek geweckt. Ich dachte, das sei ein Echo aus meiner Kindheit, doch das Geräusch kam von draußen. Ein Nachbar klopfte an die Tür.
Entschuldigung, ich suche meinen Schweinehund Gert.
Er zeigte auf ein kleines, schwarzes Ferkel, das vorsichtig aus dem Gebüsch kam.
Er ist nicht meiner, er hat sich hier einfach eingenistet.
Ich war müde von den ständigen Dramen, vom bevorstehenden Scheidungsprozess, von den ständigen Anschuldigungen. Ich wollte nur ein bisschen Frieden.
Am Abend hörte ich ein kläffendes Geräusch. Ein kleiner Welpe stand zitternd vor meiner Tür. Der gleiche Nachbar, nun in Schlafanzug, kam heraus und sagte:
Der Welpe ist für Sie. Nennen Sie ihn Arno.
Ich nannte ihn Arno, weil ich den Namen nicht mit ihm teilen wollte.
Die nächsten Tage verbrachte ich damit, das alte Haus zu inspizieren. Die Wasserleitung war defekt, es gab keinen Stromanschluss, und die Toilette war nur ein Eimer. Kerstin half mir, das alte Stromkabel zu reparieren, und ich überlegte, das Haus zu renovieren, anstatt es zu verkaufen.
Einige Wochen später kam ein weiterer Mann, ein Bauunternehmer, der mir ein Grundstück in der Nähe anbieten wollte. Er wollte das alte Haus in ein modernes Einfamilienhaus umwandeln, doch ich wollte das Erbe meiner Eltern bewahren.
Ich schrieb einen Brief an Hans, in dem ich erklärte, dass ich die Scheidung nicht länger aufschieben kann. Ich habe beschlossen, das Haus zu behalten und es zu renovieren, auch wenn es bedeutet, dass ich alleine leben muss.
Ein Jahr später haben wir uns zwar getrennt, Hans hat seine Praxis weitergeführt, und ich habe das alte Haus in ein gemütliches Zuhause verwandelt. Ein Kater namens Felix zieht jetzt mit mir ein, und das Leben hat wieder ein wenig Farbe bekommen.
Ich schließe dieses Tagebuch mit dem Gedanken, dass jede Krise, so schmerzhaft sie auch sein mag, uns lehrt, wer wir wirklich sind.
Bis bald,
Liselotte.