— Gehst du? Dann geh doch! — brummte Richard und konnte kaum glauben, dass seine Frau, Lisa, tatsächlich gehen wollte. Er hatte immer geglaubt, sie würde nie weggehen. Wer wollte sie auch schon, besonders bei ihrer Figur und ihrem Alter?
— Gehst du? Dann geh doch! — wiederholte Richard, als Lisa endlich sagte, dass sie gehen würde. Nach achtzehn Jahren Ehe war sie für ihn nichts anderes als eine Art Dienstmädchen. Er befahl, sie gehorchte. Er kritisierte, sie ertrug. Vielleicht waren sie früher einmal glücklich gewesen, aber das Leben war längst zu einem Überlebenskampf geworden, und in seinen Augen war Lisa schuld, dass sie sich nicht verbessert hatte.
— Schau dich mal an! Du bist ja richtig aufgebläht! Bald passt du nicht mehr durch die Tür! — ein weiterer Vorwurf.
— Ich kann nichts dagegen tun, entschuldigte sich Lisa. Ich habe einen langsamen Stoffwechsel…
— Lügnerin! Früher warst du in Ordnung, und jetzt? Was ist mit dir passiert? — verzog Richard das Gesicht. Er war selbst kein Beispiel für Gesundheit, aber er bemerkte nur die Fehler bei ihr.
Lisa versuchte, ihm zu gefallen, aber egal, was sie tat, Richard fand immer etwas, worüber er sich beschweren konnte. Er setzte sie emotional unter Druck, und sie schwieg, aus Angst, ohne ihn nicht zurechtzukommen.
— Du musst ihn verlassen, sagte ihre Nachbarin Lilly. Was wartest du noch? Er wird dich bis ans Ende deines Lebens aussaugen!
— Aber wohin soll ich gehen, Lilly? — seufzte Lisa traurig. Wir haben eine Tochter, wie soll sie ohne ihren Vater groß werden? Und überhaupt, wer würde mich wollen?
— Bist du verrückt? Du bist doch nicht alt! — widersprach Lilly, aber Lisa hörte nicht zu. Sie hatte sich daran gewöhnt. So lebten alle. Schmerz, Müdigkeit, Tränen — sie würde alles ertragen. Vielleicht würde sich alles ändern, wenn die Tochter erwachsen war…
Die Zeit verging. Die Probleme häuften sich, aber Lisa lebte irgendwie weiter. Sie glaubte nicht an Wunder. Selbst als sie eines Tages in der Küche ohnmächtig zusammenbrach, hoffte sie immer noch, dass sich alles von selbst regeln würde.
Ihre Tochter, die den Vorfall bemerkte, rief den Krankenwagen. Der junge, etwas unaufmerksame Arzt machte fast keinen Fehler bei der Diagnose.
— Sie haben sich gehen lassen, Frau, sagte er zu Lisa. Zu viel Gewicht, chronische Müdigkeit, Stress, falsche Ernährung. Das sind alles Folgen.
— Das sehe ich anders! — erklärte Richard. Nur ich bin müde, und sie macht nichts! Sie sitzt den ganzen Tag zu Hause und faulenzt.
Der Arzt verschrieb schweigend ein Rezept und ging. Lisa, die sich ein wenig ausgeruht hatte, kehrte zu den Haushaltsaufgaben zurück. Aber als sie, müde und krank, auf die Rückseite des Rezepts schaute und die Notiz las: „Du bist eine wunderschöne Frau. Und dein Mann… ein Tyrann. Lauf weg von ihm, du verdienst besseres“, wurde ihr plötzlich alles klar. Ihr Spiegelbild sah aus wie das einer Fremden: eine Frau, die sich selbst verloren hatte, ihr Leben vernachlässigt hatte.
Aber dann erinnerte sie sich an die junge Lisa — das Mädchen, das neugierig auf das Leben war. Sie konnte es nicht länger ertragen. Lisa packte ihre Sachen und sagte Richard, dass sie gehen würde.
— Geh doch! — Richard konnte nicht glauben, dass sie wirklich ging. Er dachte, sie würde nie gehen. Aber sie ging. Zu Lilly.
— Lilly, darf ich eine Woche bei dir bleiben? — fragte Lisa. Lilly stimmte freudig zu.
Das Leben bei Lilly war ganz anders. Kein Druck, keine ständige Kritik. Lilly half Lisa, einen Neuanfang zu wagen — Aufgaben zu teilen und vor allem sie dazu zu bewegen, nach draußen zu gehen, spazieren zu gehen. Es war ein Neuanfang. Lisa begann, ihre Form zurückzugewinnen, und fand sogar einen Job als Briefträgerin.
Jeden Morgen und Abend spürte Lisa, wie sich ihre Welt erweiterte. Sie begann, im Park zu spazieren, lernte, sich um sich selbst zu kümmern und meldete sich sogar im Schwimmbad an, wo sie zunächst schüchtern war, aber schließlich bequem wurde.
Und am wichtigsten: Ihr Selbstvertrauen wuchs. Sie lernte wieder, das Leben zu genießen und verstand, dass sie glücklich sein konnte.
Eines Tages kam Lillys Friseurin Olga vorbei. Sie schlug vor, Lisas Look zu ändern, und Lisa stimmte zu. Ein neuer Stil, eine neue Einstellung zu sich selbst — Lisa begann, sich wie eine völlig andere Frau zu fühlen.
Bald verlor sie sogar etwas Gewicht, aber noch wichtiger: Sie hörte auf, Angst zu haben. Eines Tages entschied sie, dass es an der Zeit war, mit ihrem Mann zu sprechen.
Richard hatte sich längst daran gewöhnt, ohne sie zu leben. Er wusste nicht, wie er ohne sie zurechtkommen sollte. Aber als sie zu ihm kam, konnte er seinen Augen nicht trauen.
— Gehst du? Bist du verrückt? — Sein Erstaunen war echt, aber sie hatte nicht vor, zurückzukehren.
— Du hattest recht: Dir geht es ohne mich besser. Und mir auch. Morgen kommt der Makler, wir verkaufen die Wohnung, sagte sie bestimmt.
Nachdem die Wohnung verkauft war, stimmte Richard zu, in eine Einzimmerwohnung am Stadtrand zu ziehen. Es fiel ihm schwer zuzugeben, dass sie ohne ihn zurechtgekommen war, dass sie stark und selbstbewusst geworden war. Aber er wollte nicht zurück.
Und dann, mehrere Monate später, als ihre Tochter in ihr eigenes Leben aufbrach, erkannte Richard plötzlich, dass er allein war. Lisa war sein Leben gewesen, seine Stütze, aber jetzt war er in Einsamkeit zurückgeblieben. Und er wusste nicht, was er nun tun sollte.