**3. Januar**
Ich sah ihn um halb acht heute Morgen. Nein, eigentlich sah ich ihn – aber der Reihe nach.
Gerhard stand am Fahrstuhl und hielt einen Kater. Drückte ihn an die Brust, beide Arme drum. Der Kater war grau, auf einer Seite schäbig, und er roch nach Keller, so sehr, dass ich einen Schritt zurücktrat.
– Um Himmels willen, sagte ich. – Was ist denn das?
Gerhard antwortete nicht. Er redete selten mit den Nachbarn. Drückte den Fahrstuhlknopf und starrte auf die Anzeige.
– Wo hast du den denn ausgegraben? fragte ich nicht, sondern stellte fest. – Der ist ja ganz dreckig. Willst du den etwa mit nach Hause nehmen?
– Ich habe fünf Monate nach ihm gesucht.
Der Fahrstuhl kam. Gerhard stieg ein. Drückte die Vier.
Ich blieb im Treppenhaus stehen und sah zu, wie sich die Türen schlossen. Aber sein Gesicht – es war so fröhlich. Er ließ den Kater nicht aus den Augen, und als der sich bewegte, rückte er ganz sanft die Pfoten zurecht.
Später erzählte ich der Nachbarin aus der Fünften, dass er seltsam aussah.
Warum – das erfuhr ich erst später.
Die Zettel tauchten im September auf. Klein, auf normalem Papier, mit einem Foto. Ein Kater. Grau, gestreift, die Schnurrhaare auf einer Seite kürzer als auf der anderen. Darunter stand knapp: „Entlaufen“ – und eine Telefonnummer.
Gerhard klebte sie selbst. Früh morgens, vor der Arbeit, mit einer Rolle Klebeband und einem Stapel Zettel. Er ging an Laternenpfählen vorbei, an Anschlagbrettern, an den Wänden beim Supermarkt. Die Finger wurden kalt, das Klebeband haftete schlecht in der Kälte, er musste länger draufdrücken.
Felix – so hieß der Kater – war Ende August verschwunden. Einfach nicht nach Hause gekommen. Das Küchenfenster war offen gewesen.
Zuhause stand neben der Heizung ein Napf. Gerhard hatte ihn nicht weggeräumt.
Die Anrufe kamen die ersten zwei Wochen. Leute meldeten graue Kater. Gestreifte Kater. Einen Roten, den sie auch gleich anboten. Gerhard fuhr zu jedem Anruf. Sah hin, schüttelte den Kopf, bedankte sich. Fuhr zurück.
In der dritten Woche rief eine Frau aus der Baumeisterstraße an, sie habe einen ähnlichen bei den Garagen gesehen. Gerhard fuhr abends hin, nach der Arbeit, schon im Dunkeln. Lief zwischen den Garagen mit der Taschenlampe des Handys, leuchtete unter Türen, rief. Keiner kam. Nur ein fremder Kater, schwarz, sah ihn unter dem Tor an und verschwand wieder im Dunkeln.
Im Oktober fing er an, ein Heft zu führen. Notierte Adressen, wohin er gefahren war. Namen der Anrufer. Daten. Manchmal kurze Vermerke – „grau, aber jünger“, „falsche Farbe“, „Besitzer gefunden“. Die Seiten wurden mehr. Gerhard blätterte abends im Heft, las nicht, blätterte nur.
Ein Kollege, Klaus, fragte einmal, was mit ihm los sei.
– Nichts, sagte Gerhard.
– Eben, sagte Klaus und fragte nicht mehr.
Der November war nass, es wurde früh dunkel. Gerhard erweiterte das Suchgebiet. Ging durch Höfe im nächsten Viertel, im übernächsten. Betrat fremde Treppenhäuser, sah auf Fensterbänke, unter Treppen. Fragte manchmal Leute im Hof. Die meisten schüttelten den Kopf, ohne stehen zu bleiben. Eine alte Frau am dritten Eingang sagte, sie habe einen Ähnlichen im September am Trafohäuschen gesehen, aber genau wisse sie es nicht.
Gerhard bedankte sich. Ging zum Trafohäuschen. Stand da. Keiner. Natürlich.
Ich traf ihn mal im Treppenhaus und sagte, es sei jetzt genug, fünf Monate, er solle sich einen anderen nehmen. Ich meinte es nicht böse.
– Keinen anderen, sagte Gerhard.
– Na, wie du meinst, sagte ich.
Er nickte und ging zur Treppe. Ich sah ihm nach und dachte, wie manche Menschen sich so kaputtmachen wegen einer Katze.
Im Dezember kamen fast keine Anrufe mehr. Die Zettel wurden nass, vergilbt, lösten sich hier und da. Gerhard klebte neue. Druckte neue, ging morgens mit der Klebebandrolle los. Er hatte gelernt, die Rolle unter den Arm zu klemmen und mit einer Hand abzurollen, während die andere den Zettel festhielt.
Am dritten Januar hörte ich ein Geräusch. Leise. Kaum zu hören. Irgendwo hinter der Kellertür unter dem ersten Hauseingang. Ich blieb stehen. Lauschte. Das Geräusch wiederholte sich nicht.
Ich stand eine Minute. Dann ging ich zum Hauswart, Herrn Schmidt, und bat um den Schlüssel. Herr Schmidt suchte lange, fand den falschen, dann den richtigen. Fragte, was ich im Keller verloren hätte. Ich sagte es. Er sah mich an, wie man einen ansieht, dem man besser nicht widerspricht, und gab mir den Schlüssel.
Die Tür ließ sich schwer öffnen, es roch nach nassem Beton, altem Holz und noch etwas. Ich schaltete die Taschenlampe ein und trat ein.
Der Keller war lang und niedrig. Ich ging langsam, leuchtete unter Rohre, hinter alte Kisten, an der Wand entlang. Der Lichtkegel fing ein rostiges Fahrrad ohne Rad ein, einen Stapel Bretter, eine weggeworfene Campingliege mit durchhängender Seite. Es roch muffig und nach Kalk. Irgendwo tropfte es, selten und gleichmäßig, wie eine Uhr.
– Felix, sagte ich. Leise. Nicht gerufen, eher geprüft, wie man die Dunkelheit prüft, bevor man hineingeht.
Keine Antwort.
Ich ging weiter, an einem Verteilerkasten vorbei, an alten Heizkörpern, die an der Wand standen. Der Lichtkegel bewegte sich langsam. Ich hatte es nicht eilig. In fünf Monaten hatte ich gelernt, keine Eile zu haben, wo Eile sinnlos war.
– Felix.
Wieder Stille. Nur das Tropfen. Nur das Rauschen der warmen Rohre über mir, staubbedeckt.
Ich kam zur hinteren Wand. Leuchtete in die Ecke. Da standen Kisten, drei oder vier, aufeinander gestapelt, und zwischen ihnen und der Wand war ein dunkler Spalt, schmal wie ein Schlitz. Ich ging in die Hocke. Leuchtete hinein.
Zwei Augen fingen das Licht.
Ich bewegte mich nicht. Sah nur. Mein Herz machte etwas Seltsames – nicht laut, aber spürbar, wie wenn es einen Schritt auslässt und dann nachholt.
– Felix, sagte ich. Ganz leise.
Die Augen verschwanden nicht. Aber der Kater kam nicht heraus. Saß im Spalt zwischen Kisten und Wand und sah ins Taschenlampenlicht. Ich ließ den Strahl etwas zur Seite gleiten, um ihn nicht zu blenden. Dann setzte ich mich auf den Boden. Direkt auf den Beton, ohne an die Kleidung zu denken, ohne an irgendwas zu denken. Ich setzte mich einfach. Und wartete.
Ich weiß nicht, wie viel Zeit verging. Es war kalt. Der Beton zog die Wärme durch die Jacke, schnell und gleichmäßig. Ich bewegte mich nicht. Hielt die Taschenlampe zur Seite, damit es im Spalt nicht ganz dunkel war, aber auch nicht ins Gesicht. Manchmal sprach ich leise. Nicht rief, nicht überredete. Nur sprach, wie man spricht, wenn die Stimme einfach da sein soll.
– Kalt ist es hier bei dir, sagte ich. – Fünf Monate. Ich hätte nicht gedacht, dass du hier bist.
Aus dem Spalt kam kein Laut.
– Ich bin überall gewesen. Zur Baumeisterstraße gefahren, nachts. Da sind Garagen, kennst du nicht. Das ganze Heft vollgeschrieben.
Irgendwo tropfte es in der Dunkelheit. Die Rohre rauschten.
– Zu Hause steht dein Napf. Ich hab ihn nicht weggeräumt.
Ich hörte ein Rascheln, bevor ich die Bewegung sah. Der Kater kam langsam aus dem Spalt. Nicht direkt auf mich zu, erst zur Seite, an den Kisten entlang, schnupperte, blieb stehen. Ich bewegte mich nicht. Sah ihn an. Er war dünn. Eine Seite schäbig, das Fell war nicht nachgewachsen. Auf einer Seite des Gesichts die Schnurrhaare kürzer. Auf der linken.
Er war es.
Der Kater machte noch einen Schritt. Dann noch einen. Dann kam er an mein Bein und drückte den Kopf gegen mein Knie. Einmal. Wie zur Probe. Und blieb stehen.
Ich hob die Hand nicht sofort. Saß erst einfach da. Dann legte ich langsam, behutsam, die Handfläche auf seinen Kopf. Felix zog sich nicht zurück. Er kniff nur die Augen zu, und darin lag etwas so Einfaches, dass es mir die Kehle zuschnürte.
Ich weinte nicht. Ich saß nur auf dem kalten Beton des Kellers in meinem eigenen Haus und hielt die Hand auf dem Kopf eines Katers, nach dem ich fünf Monate gesucht hatte. Und der Kater stand neben mir und schwieg. Er war nie ein großer Redner gewesen.
Aufstehen fiel schwerer als Hinsetzen. Die Beine waren eingeschlafen, und ich stand langsam auf und hielt mich an den Kisten fest. Felix trat einen Schritt zurück und beobachtete. Ich richtete mich auf, stand einen Augenblick. Ich hatte gelesen, dass Katzen in zwei Wochen verwildern können. Und hier waren es fünf Monate. Dann ging ich wieder in die Hocke und nahm den Kater auf den Arm.
Er wehrte sich nicht. Er war leicht, viel leichter als früher. Ich drückte ihn an die Brust und spürte unter der Handfläche sein kleines, schnelles Herz.
Wir gingen denselben Weg zurück zum Ausgang. An der Campingliege vorbei, am rostigen Fahrrad, am Verteilerkasten. Die Taschenlampe hielt ich in einer Hand, mit der anderen drückte ich den Kater fest. Felix bewegte sich nicht. Nur einmal trat er mit den Pfoten, um sich bequemer zu machen, und dann wurde er wieder still.
An der Tür blieb ich stehen. Dann stieß ich die Tür auf und trat hinaus.
Draußen war Morgen. Grau, Januar, keine Sonne. Der Schnee lag alt und zusammengesackt, mit schwarzen Spuren entlang des Wegs. Ich blinzelte gegen das Licht.
Ich stand da, an der Tür, und hielt Felix.
Da sah mich Frau Müller.
Zu Hause war es warm. Ich zog die Schuhe aus, ohne den Kater loszulassen. Dann setzte ich ihn vorsichtig auf den Boden, so vorsichtig, wie man etwas Zerbrechliches abstellt. Felix ließ sofort die Nase sinken und ging an der Wand entlang. Langsam, mit Pausen. Beschnupperte die Fußleiste, die Ecke, das Tischbein. Prüfte.
Ich stand und sah zu.
Er kam bis zur Küche. Blieb an der Schwelle stehen, bewegte ein Ohr. Dann ging er hinein. Ich folgte ihm.
Der Napf stand neben der Heizung, wo er immer stand. Leer, sauber, am Rand ein bisschen staubig. Felix ging hin, beschnupperte ihn. Stand eine Sekunde darüber. Dann trat er zurück und setzte sich neben die Heizung, drückte die Seite gegen das warme Eisen.
Ich öffnete den Kühlschrank. Da war noch etwas gekochtes Hähnchen. Ich löste ein Stück ab und legte es in den Napf. Die Hände gehorchten nicht sofort, die Finger waren noch kalt.
Felix aß langsam. Nicht gierig wie ein Hungriger, sondern vorsichtig. Ich saß neben ihm auf dem Boden, den Rücken an der Wand. Sah zu.
Danach ging Felix durch die ganze Wohnung. Prüfte jede Ecke, jedes Zimmer, jedes Fensterbrett. Dann kam er ins Wohnzimmer, sprang aufs Sofa und rollte sich dort zusammen, wo er früher immer geschlafen hatte. Links vom Kissen, an der Armlehne.
Ich ließ ihn nicht aus den Augen.
Fünf Monate hatte ich gesucht, an Laternen gefroren, zu fremden Anrufen fahren müssen, mit der Taschenlampe zwischen Garagen gelaufen. Und Felix hatte im Keller unter dem ersten Hauseingang gesessen. Zwanzig Meter von der Tür entfernt. Wovon hatte er sich ernährt? Wahrscheinlich von Mäusen. Wie lange hätte er noch durchgehalten, wenn ich sein leises „Miau“ nicht gehört hätte – durch einen glücklichen Zufall?
Ich hätte lange darüber nachdenken können. Aber ich tat es nicht.
Ich machte das Licht im Flur aus, ging ins Wohnzimmer und setzte mich neben den Kater aufs Sofa. Felix öffnete ein Auge, sah mich an und schloss es wieder. Draußen wurde es dunkel.
Alle waren zu Hause.