Eines Tages sehe ich meine zufriedene Schwester im Supermarkt, sie läuft Arm in Arm mit einem respektablen Mann, beide tragen Eheringe.
Klara hat eine Zwillingsschwester namens Anneliese. Seit ihrer Geburt sind sie unzertrennlich. Sie spielen gemeinsam, tauschen Geheimnisse aus und bekommen zusammen auch mal Ärger. Wenn es brenzlig wird, stehen sie füreinander ein. Sie haben oft die gleichen Kleider getragen. Auch später, als sie erwachsen werden und ihre Kleidung selbst wählen könnten, gefällt beiden der Zwillingslook sie sind stolz auf ihre besondere Verbindung.
Die Familie lebt bescheiden in Frankfurt, der Vater ist Handwerker, die Mutter arbeitet halbtags im Büro. Das Einkommen reicht gerade so. Als Klara zum Studium nach Heidelberg geht, möchte Anneliese ebenfalls studieren. Aber die Eltern können die Studiengebühren nur für eine Tochter zahlen, und das ist eben Klara. Anneliese ist enttäuscht, ihre Eltern ebenso. Anneliese schämt sich, dass sie vom knappen Haushaltsgeld abhängig ist und es für sie eigentlich nicht mehr reicht. Sie hat das Gefühl, sie müsse sich ständig rechtfertigen, was sie innerlich zerreißt. Ihren Wunsch, selbst für das Studium zu arbeiten, kann sie nie richtig umsetzen.
Eines Abends sitzt die Familie beim Abendbrot. Die Großmutter der Zwillinge gönnt sich zu viel Riesling und verliert ihre Zurückhaltung. Sie erzählt, dass die Eltern damals, als sie die Zwillinge bekommen haben, kurz darüber nachgedacht hätten, Anneliese wegzugeben aus Sorge, es finanziell nicht zu schaffen. Das jüngere der beiden Mädchen war also Anneliese.
Diese Offenbarung trifft Anneliese schockierend, sie fühlt sich als das weniger geliebte Kind. Alle Versuche, sie zu beruhigen, helfen nichts. Sie wird trotzig und beschließt, sich an den Eltern zu rächen: Sie holt ihre Unterlagen von der Uni ab sie beendet ihr Studium.
Ab jetzt gibt Anneliese an allem der Schwester die Schuld. Sie ist überzeugt, ohne Klara wäre sie zuhause das geliebte Einzelkind, um das sich alle kümmern. Die bisher so enge Beziehung der Schwestern zerbricht, von nun an lebt jede ihr eigenes Leben.
Klara heiratet, bekommt einen Sohn und baut sich eine Familie auf. Die Schwestern begegnen sich viele Jahre nicht. Ein einziges Mal sehen sie sich im Elternhaus doch Anneliese ist nicht fröhlich, sondern fängt sofort an, Klara zu kritisieren und macht herabsetzende Bemerkungen über ihr Aussehen.
Das nächste Treffen geschieht zufällig im Einkaufszentrum in der Frankfurter Innenstadt. Anneliese steht elegant gekleidet neben einem eindrucksvollen Herrn, offensichtlich ein reicher Geschäftsmann. Klara nimmt an, das sei Annelieses Ehemann.
Klara begrüßt sie herzlich, aber Anneliese tritt zurück, als würde sie Klara gar nicht kennen. Klara ist irritiert. Anneliese verlässt wortlos das Center und steigt in einen luxuriösen Mercedes.
Einige Zeit später treffen sich alle erneut bei den Eltern. Anneliese greift Klara an und wirft ihr vor, sie sähe ungepflegt und langweilig aus, das schade dem Ansehen der Familie.
Da ist durchaus etwas Wahres dran: Klara trägt ihre lockigen Haare ganz natürlich, verwendet selten Make-up und zieht gewöhnliche Kleidung vor. Anneliese hingegen ist stets geschminkt, ihre Frisur sitzt, sie trägt Kontaktlinsen und gönnt sich regelmäßig Beauty-Behandlungen.
Klara ist tief verletzt von den Worten ihrer Schwester. Sie findet nicht, dass sie ihr in irgendetwas nachsteht sie hat schließlich selbst eine Familie gegründet, einen Mann, ein Kind. Sie beschwert sich bei der Mutter über Anneliese, erzählt ihr alles, was sich in den Jahren aufgestaut hat. Sie versteht nicht, wie Anneliese, ihre einst allerbeste Freundin, sich so entfremden konnte. Woher kommt dieser Hass?
Die Mutter bittet Klara nur darum, nicht nachtragend zu sein, Anneliese ihr Glück zu lassen und sich möglichst zurückzuhalten, um niemandes Leben zu beeinträchtigen.
Seitdem kann Klara ihre Eltern nur noch besuchen, wenn sie vorher anruft oder eingeladen wird bloß nicht der Schwester in die Quere kommen. So hat ein unbedachtes Wort das Leben der ganzen Familie für immer verändert.