—Leg die Schlüssel auf den Tisch. Sofort. — Lotte stand im Türrahmen ihrer eigenen Wohnung, die Arme verschränkt. Ihr Körper zitterte vor Wut.
Im Flur, umgeben von drei riesigen karierten Taschen, stand Helga. Die ehemalige Schwiegermutter. In der Hand hielt sie den Zweitschlüssel, den Lotte vor drei Jahren, als sie noch mit Helgas Sohn Klaus verheiratet war, unvorsichtigerweise „für den Notfall” übergeben hatte.
— Denk nicht dran, Lotte. — Helga antwortete gelassen, zog die Schuhe aus und stellte sie ordentlich auf das Schuhregal. — Ich habe jedes Recht, hier zu sein. Mein Sohn hat die besten Jahre seines Lebens in diese Wohnung gesteckt. Außerdem lebst du nach der Scheidung viel zu gut. Die Gerechtigkeit muss wiederhergestellt werden.
— Welche Gerechtigkeit? — Lotte machte einen Schritt nach vorn, spürte die Wut in sich hochkochen. — Klaus hat nicht einen Cent für diesen Kredit gezahlt! Wir sind seit zwei Jahren geschieden. Die Wohnung wurde mit dem Geld meiner Eltern gekauft, noch vor unserer Ehe. Er hatte nur einen Anteil eingetragen, den er selbst als Ausgleich für den Unterhalt aufgegeben hat. Ihr habt hier nichts zu sagen.
— Rechtlich vielleicht. — Die Schwiegermutter strich sich vor dem Flurspiegel die Haare glatt und musterte Lottes Gesicht kritisch. — Aber nach meinem Gewissen ist Klaus am Ende. Er wohnt in einem Zimmer zur Untermiete, schlägt sich mit Gelegenheitsjobs durch. Und du? Sieh dich an. Renoviert, neues Auto, die Tochter in einer privaten Kita. Woher kommt das Geld, Lotte? Sicher hast du deinem Exmann nicht alles nachgezahlt. Deshalb bin ich hier. Ich werde mit der Enkelin helfen und die Ausgaben kontrollieren.
— Die Enkelin ist sechs. Du hast sie zuletzt an ihrem dritten Geburtstag gesehen! — Lotte zog das Handy aus der Tasche. — Ich rufe jetzt die Polizei. Du bist ohne Erlaubnis in fremdem Wohnraum.
— Ruf nur an, ruf an. — Helga lachte leise, ging selbstbewusst ins Wohnzimmer und ließ sich aufs Sofa fallen. — Ich sage der Polizei, dass ich auf Einladung ihres Vaters zu meiner Enkeltochter gekommen bin. Klaus wird das bestätigen. Ein Skandal vor der ganzen Nachbarschaft? Gern. Du hast doch so viel auf deine tugendhafte Fassade gegeben, die Chefin in ihrer Firma.
Lotte ließ das Handy sinken. Die Schwiegermutter traf einen wunden Punkt – sie wollte sich nicht mit einer streitsüchtigen alten Frau vor den Nachbarn und schon gar nicht vor der sechsjährigen Lena anlegen, die gerade bei einer Freundin war. Sie musste subtiler vorgehen, aber die Nerven lagen blank.
— Du hast genau dreißig Minuten, um deine Taschen zu packen und zu verschwinden, — sagte Lotte betont langsam. — Oder ich lasse noch heute die Schlösser austauschen. Der Handwerker kommt in einer halben Stunde.
— Wird er nicht. — Helga zog eine gehäkelte Serviette aus der Tasche und breitete sie auf dem Couchtisch aus. — Ich habe bereits mit eurem Hausverwalter gesprochen. Ich sagte, ich sei deine Mutter, zu Besuch gekommen, und du wolltest die Schlösser wechseln, weil du vorübergehend den Verstand verloren hast. Er hat mir zugestimmt. Also bleib sitzen, Lotte. Wir haben ein langes Gespräch vor uns.
Lotte ging ins Wohnzimmer und setzte sich in den Sessel gegenüber der Schwiegermutter. Die Hände zitterten noch, aber in ihrem Kopf begann sich ein Plan zu formen. Mit dieser Frau war gütlich nicht zu reden; sie verstand nur die Sprache der Macht und des Vorteils.
— Was willst du wirklich, Helga? — fragte Lotte direkt. — Ich glaube nicht, dass du mit drei Koffern aus deiner Kleinstadt angereist bist, nur um eine mythische Gerechtigkeit herzustellen.
— Ich will, dass mein Sohn wie ein Mensch lebt, — schnitt Helga das Wort ab. — Du hast ihm alles genommen.
— Er hat alles selbst verspielt! — schrie Lotte, verlor die Beherrschung. — Du weißt genau, warum wir uns scheiden ließen. Er hat meinen Goldschmuck aus dem Haus getragen, den Computer versetzt und das ganze Kindergeld vom Konto geholt!
— Ach, übertreib nicht, — winkte die alte Frau ab. — Er war jung, ist ausgerutscht. Du hättest deinen Mann stützen sollen, statt dich scheiden zu lassen und Unterhalt zu fordern. Wegen deiner Unterhaltsforderung nimmt ihn keine normale Firma mehr; gleich wird die Hälfte gepfändet.
— Er ist zweiunddreißig – was heißt jung? — Lotte lachte bitter. — Und den Unterhalt zahlt er seit einem halben Jahr nicht mehr, er schuldet über zweihunderttausend Euro. Wovon redest du überhaupt?
— Eben deshalb bin ich hier. — Helga beugte sich vor. — Machen wir einen Deal. Du schreibst die Hälfte dieser Wohnung auf Klaus um. Oder du verkaufst sie, kaufst dir eine kleinere und gibst ihm die Differenz für seine eigene Bleibe. Und du ziehst den Unterhaltsantrag zurück. Dafür reise ich ab und lasse dich in Ruhe.
Lotte starrte die ehemalige Schwiegermutter an und traute ihren Ohren nicht. Die Frechheit dieser Frau kannte keine Grenzen.
— Bist du verrückt? — fragte Lotte leise. — Ich soll einen Anteil an der Wohnung an jemanden abtreten, der sein eigenes Kind bestohlen hat?
— Sonst mache ich dir das Leben zur Hölle, — drohte Helga. — Ich ziehe ins kleine Zimmer. Wohne hier, bringe die Enkelin in den Kindergarten, erzähle ihr, was für eine egoistische Mutter sie hat. Ich rufe das Jugendamt an, sage, du vernachlässigst das Kind, arbeitest rund um die Uhr. Mal sehen, wie du dann singst.
In diesem Moment hörte man im Flur das Geräusch der Tür. Es war Lottes Freundin Franziska, die Lena nach Hause brachte.
— Mama! — Die kleine Lena stürmte ins Zimmer, blieb aber stehen, als sie die fremde alte Frau sah. — Wer ist das?
— Das ist deine Oma Helga, mein Schatz, — säuselte Helga mit honigsüßer Stimme und breitete die Arme aus. — Ich bin zu Besuch gekommen.
Lena drückte sich ängstlich an ihre Mutter. Franziska, die die karierten Taschen im Flur bemerkte und die Lage erfasste, trat schnell zu Lotte.
— Lotte, was ist hier los? — flüsterte die Freundin. — Wer ist das?
— Die Ex-Schwiegermutter, — flüsterte Lotte zurück. — Sie ist gekommen, um mich zu enteignen. Sie will die Wohnung.
Franziska runzelte die Stirn und wandte sich an Helga.
— Frau, sind Sie bei Verstand? Verschwinden Sie, bevor ich die Polizei rufe.
— Und wer bist du, dass du mir Befehle gibst? — fuhr Helga sie an. — Eine Freundin? Dann halt den Mund. Das sind Familienangelegenheiten.
— Lena, geh bitte in dein Zimmer und spiele, — bat Lotte ihre Tochter. Das Mädchen gehorchte und verschwand.
Lotte wandte sich an Franziska:
— Franzi, pass bitte auf sie auf. Wir müssen unter vier Augen reden.
Franziska nickte und ging ins Kinderzimmer, schloss die Tür hinter sich.
— Also Erpressung? — Lotte stand auf und trat ans Fenster. — Glaubst du, ich habe Angst vor dem Jugendamt oder deinen Skandalen?
— Du wirst Angst haben, — sagte Helga selbstbewusst. — Du bist eine anständige Dame, legst Wert auf deinen Ruf. Probleme bei der Arbeit kannst du nicht brauchen. Ich bin Rentnerin, habe nichts zu verlieren. Ich werde dir überallhin folgen.
— Gut, — sagte Lotte plötzlich ruhig. — Dann machen wir es so. Da du gekommen bist, um zu helfen und die Gerechtigkeit wiederherzustellen, fangen wir gleich an. Klaus schuldet mir ein halbes Jahr Unterhalt. Das sind zweihundertvierzigtausend Euro. Plus die Rückstände der Nebenkosten, die aus der Zeit stammen, als er hier wohnte und nicht zahlte – nochmal sechzigtausend. Macht dreihunderttausend. Zahl.
Helga war für einen Moment verdutzt, fasste sich aber schnell wieder.
— Ich habe so viel Geld nicht. Ich bin Rentnerin.
— Und ich habe keine überzählige Wohnung, — konterte Lotte. — Wenn du schon die Interessen deines Sohnes vertrittst, zahl für ihn. Oder dachtest du, du könntest hier aufkreuzen, dich auf meine Kosten durchfuttern und mir die Bedingungen diktieren?
— Ich werde im Haushalt helfen! — rief Helga. — Kochen, putzen!
— Ich brauche keine Köchin. — Lotte ging zu den Taschen im Flur und stieß mit dem Fuß gegen eine. — Nimm dein Zeug und geh. Freiwillig.
— Nein! — Helga sprang vom Sofa auf und eilte zu Lotte. — Ich gehe nicht! Du musst teilen! Mein Sohn leidet deinetwegen!
— Meinetwegen? — Lotte drehte sich schroff um, ihre Augen verengten sich. — Ihr Sohn leidet wegen seiner eigenen Faulheit und Dummheit. Und wegen Ihnen, weil Sie ihm zeitlebens den Hintern gepudert und jede seiner widerlichen Taten gerechtfertigt haben. Er ist ein erwachsener Mann, und Sie gehen für ihn Wohnungen enteignen. Ist Ihnen das nicht peinlich?
— Wag es nicht, so über meinen Sohn zu reden! — Die Alte holte aus, um Lotte eine Ohrfeige zu geben.
Lotte fing ihre Hand in der Luft auf. Ihr Griff war eisern.
— Wenn Sie noch einmal die Hand gegen mich erheben, in meinem eigenen Haus, erstatte ich Anzeige wegen Körperverletzung, — sagte Lotte leise und drohend. — Und jetzt hören Sie mir genau zu, Helga.
Sie ließ die Hand der Schwiegermutter los. Die alte Frau atmete schwer, in ihren Augen zeigte sich zum ersten Mal leichte Angst.
— Sie nehmen jetzt Ihre Taschen und gehen, — fuhr Lotte fort. — Wenn Sie in fünf Minuten noch hier sind, rufe ich meinen Anwalt an. Wir haben die Situation mit Klaus’ Schulden bereits besprochen. Er besitzt einen Anteil an Ihrem Wochenendhaus im Spreewald, den Sie auf ihn überschrieben haben. Ich werde diesen Anteil wegen der Unterhaltsschulden pfänden lassen. Zwangsversteigerung. Wollen Sie, dass fremde Leute in Ihr Ferienhaus einziehen?
Helga erbleichte.
— Das tust du nicht. Klaus hat gesagt, du würdest dich nicht auf Gerichtsverfahren einlassen.
— Klaus ist ein Idiot, — schnitt Lotte ab. — Er beurteilte mich nach der Lotte, die nachts ins Kissen weinte, während er das Familienbudget verspielte. Die Lotte gibt es seit zwei Jahren nicht mehr. Vor Ihnen steht eine Frau, die ihr Kind allein versorgt, eine Vertriebsabteilung leitet und mit Geld umgehen kann. Wenn Sie nicht gehen, reicht mein Anwalt morgen früh die Pfändung von Klaus’ Vermögen ein. Und sein einziges Vermögen ist sein Anteil an Ihrem Haus und Ihrem Wochenendgrundstück.
Helga erstarrte. Die Logik von Lottes Worten drang sofort zu ihr durch. Die Erpressung mit der Wohnung war gescheitert, und die Aussicht, das eigene Wochenendhaus durch die Schulden des Sohnes zu verlieren, war mehr als real.
— Du Schlange, Lotte, — zischte Helga, aber ihre Stimme hatte den alten Trotz verloren.
— Wie ich bin. — Lotte öffnete die Wohnungstür. — Die Zeit läuft. Fünf Minuten.
Helga wirbelte im Flur herum. Ihr ganzer Kampfgeist war verpufft. Sie begann hastig, die Schuhe anzuziehen, verhedderte sich in den Schnürsenkeln.
— Klaus wird erfahren, was für eine Bestie du bist, — murmelte sie, griff nach der ersten Tasche. — Er wird dir das Kind wegnehmen.
— Soll er’s versuchen, — sagte Lotte gleichgültig. — Mit seinen Einkünften und Schulden. Ihm würde man nicht mal eine Katze anvertrauen.
Helga zerrte zwei Taschen auf den Treppenabsatz. Die dritte Tasche schob Lotte selbst mit dem Fuß hinter die Tür.
— Die Schlüssel, — Lotte streckte die Hand aus.
Helga warf ihr das Schlüsselbund wütend vor die Füße. Es schepperte über die Fliesen. Lotte hob es ruhig auf.
— Und kommen Sie nie wieder her. Nie. Lena werden Sie nicht sehen, bis Klaus jeden Cent seiner Schulden bezahlt hat. Wenn Sie am Kindergarten lauern – ich stelle einen Wachdienst ein und verklage Sie wegen Nachstellung. Haben Sie mich verstanden?
Helga antwortete nicht. Sie keuchte schwer, versuchte, alle drei riesigen Taschen auf einmal zu fassen. Die Aufzugtür öffnete sich, und sie stieg hinein, vor sich hin schimpfend.
Lotte schlug die Tür zu, drehte den Schlüssel zweimal um. Ihre Knie gaben nach, sie lehnte sich mit dem Rücken gegen die Tür und rutschte langsam zu Boden. Das Herz hämmerte wild.
Aus dem Kinderzimmer kam Franziska, hinter ihr lugte Lena hervor.
— Weg? — fragte Franziska und hockte sich vor Lotte.
— Weg, — Lotte atmete aus und lächelte. — Sie kommt nicht wieder. Sie hatte Angst um ihr Wochenendhaus.
— Mama, warum hat die Oma so geschrien? — fragte Lena, trat näher und schlang die Arme um den Hals ihrer Mutter.
Lotte drückte die Tochter an sich, vergrub das Gesicht in ihren weichen Haaren. Die ganze Wut und Anspannung verflogen, nur ein Gefühl der Erleichterung und des absoluten Sieges blieb.
— Alles gut, mein Schatz, — sagte Lotte leise, stand auf. — Oma hat sich nur in der Adresse geirrt. Sie wird uns nie wieder stören. Komm, wir trinken Tee mit dem Kuchen, den Franzi mitgebracht hat.
Franziska zwinkerte Lotte zu und ging in die Küche. Das Leben kehrte in sein normales, ruhiges Bett zurück, und keine Gespenster der Vergangenheit konnten es je wieder zerstören.