Das Telefon verstummt. Hildegard steht mitten in der Küche und drückt es mit beiden Händen an die Brust. Tante Gertrud hat genau vier Minuten geredet – eine trockene, sachliche Stimme, ohne eine einzige Träne.
Klaus sitzt auf dem Sofa. Der Fernseher murmelt leise im Hintergrund. Er dreht sich nicht einmal um, als Hildegard in der Türöffnung erscheint.
– Klaus. Tante Gertrud hat angerufen. Meine Mutter ist vor einer Stunde gestorben.
Er nickt. Fährt mit dem Finger über den Bildschirm seines Handys – scrollt durch irgendwas, egal was.
– Mhm. Schade.
– Ich muss fahren. Sofort. Zwei Stunden Fahrt. Gib mir die Autoschlüssel.
Klaus legt das Handy weg. Nicht, weil er betroffen ist – sondern weil er das Wort „Auto“ gehört hat. Er sieht zu ihr auf, mit einem Ausdruck leichter Verärgerung, als hätte sie gebeten, einen Schrank zu verschieben.
– Nein. Ich brauche das Auto. Meine Mutter hat mich gebeten, sie zu Tante Roswitha zu fahren. Ich habe es letzte Woche versprochen.
Hildegard bewegt sich nicht. Das Licht aus der Küche fällt auf ihren Rücken, ihr Gesicht bleibt im Schatten.
– Hast du gehört, was ich gesagt habe?
– Gehört schon. Aber sie ist jetzt tot. Warum die Eile? Morgen nimmst du den Bus, kommst hin. Meine Mutter lebt noch. Sie wartet. Ich habe es versprochen.
Eine Sekunde. Zwei. Drei.
– Das ist dein Ernst?
– Völlig. Meine Mutter lasse ich nicht hängen.
Hildegard geht ins Wohnzimmer. Stellt sich direkt vor den Fernseher – so, dass Klaus ihr nicht ausweichen kann. Er muss den Blick heben.
– Ich frage dich ein einziges Mal. Ein einziges. Denk darüber nach, was du gerade gesagt hast. Und antworte neu.
– Hildegard, mach keine Szene. Ich habe es erklärt. Meine Mutter wartet, ich habe es versprochen. Bei deiner Beerdigung passiert über Nacht nichts.
– Meiner Beerdigung, wiederholt sie langsam.
– Na, der Beerdigung. Du weißt, was ich meine. Du fährst morgen. Die organisieren das auch ohne dich, da ist die Tante, die Nachbarn.
Hildegard beugt sich ein Stück näher.
– Weißt du, dass das das letzte Mal ist, dass ich dich um etwas bitte? Nicht das zweite, nicht das dritte. Das letzte.
– Ach, Hildegard. Du machst immer aus einer Mücke einen Elefanten. Ein Tag! Einen einzigen Tag wartest du. Da bricht nichts zusammen. Meine Mutter hat gebeten – ich fahre. Punkt.
– Meine Mutter ist gestorben, Klaus. Und deine fährt zu Besuch, um Kuchen zu essen.
– Verdreh mir nicht die Worte. Sie hat sich lange darauf gefreut, Roswitha erwartet sie. Ich habe es versprochen. Willst du, dass ich mein Wort breche?
– Ich will, dass du dich daran erinnerst, mit wem du zusammenlebst. Und was dieser Tag für mich bedeutet.
– Ich erinnere mich. Aber Ordnung muss sein. Die Lebenden sind wichtiger.
Hildegard richtet sich auf. Sie sieht ihn an, als würde sie sein Gesicht einprägen. Nicht mit Hass. Mit etwas Endgültigem.
– Gut, sagt sie.
Dieses „Gut“ klingt ruhig. Ohne Groll. Ohne Erschütterung. Ohne Zittern. Klaus schenkt ihm keine Beachtung – er greift bereits nach der Fernbedienung.
*
Hildegard geht in den Flur. Sie öffnet die oberste Kommodenschublade – die, die Klaus in sieben Jahren nie geöffnet hat. Sie holt einen dicken Schnellhefter heraus: ihren eigenen Reisepass, die Eigentumsurkunde für die Wohnung, den Fahrzeugschein für das Auto, die Bankunterlagen. Alles auf ihren Namen. Sie packt es in ihre Tasche.
Sie nimmt beide Autoschlüssel vom Haken. Zieht ihre Jacke an. Schuhe.
– Wohin willst du?, ruft Klaus aus dem Wohnzimmer.
– Fahren. Mich von meiner Mutter verabschieden.
– Womit? Ich habe dir gesagt, ich brauche das Auto!
Hildegard öffnet die Wohnungstür. Klaus steht bereits im Flur – barfuß, die Fernbedienung in der Hand, mit einem lächerlichen Ausdruck gekränkter Besitzerwürde.
– Das Auto ist auf mich zugelassen. War es immer. Die Wohnung auch. Wenn ich zurückkomme, ist das Schloss ausgetauscht. Deine Sachen lege ich vor die Tür. Hol sie selbst oder ich bringe sie zum Sperrmüll.
– Was redest du da?
– Ich rede nicht. Ich sage dir etwas. Deutlich und ein einziges Mal.
– Hildegard, stopp. Stopp! Du kannst nicht einfach…
– Klaus. Meine Mutter ist gestorben. Und du hast mir erklärt, dass du das Auto dringender brauchst – um deine Mutter zum Kaffeetrinken zu ihrer Schwester zu fahren. Das ist alles, was ich hören musste. Zwischen uns ist nichts mehr. Pack deine Sachen.
Die Tür fällt ins Schloss. Der Riegel schnappt ein. Unten knallt die Haustür. Nach einer Minute sieht er vom Fenster aus, wie sie sich hinters Steuer setzt – ruhig, ohne Hektik, ohne einen Blick zurück. Sie startet den Motor. Fährt aus dem Hof. Sieht nicht einmal hoch.
Klaus steht mitten im Flur. Er wählt ihre Nummer – es klingelt, niemand geht ran. Er schreibt eine Nachricht: „Gib das Auto zurück. Bist du verrückt?“ Gelesen. Stille. Noch eine: „Hör auf zu spinnen. Meine Mutter wartet, ich muss los.“ Gelesen. Stille.
Zwanzig Minuten später ruft seine Mutter an.
– Klaus, wann holst du mich ab? Roswitha hat schon den Tisch gedeckt.
– Es gibt ein Problem, Mama. Hildegard hat das Auto genommen.
– Wie genommen? Das ist doch euer Auto!
– Formell… es läuft auf sie.
– Na und? Du bist der Mann! Sag ihr, sie soll es zurückbringen!
– Sie geht nicht ans Telefon. Ich ruf dich zurück.
Er setzt sich aufs Sofa. Geht durch die Wohnung. Alles sieht gleich aus – Möbel, Vorhänge, Regale. Aber Hildegard hat aus diesem Haus die Dokumente, die Schlüssel und sich selbst entfernt. Drei Dinge, auf denen alles beruhte.
Das Telefon klingelt. Hildegard. Er schnappt sich das Handy.
– Hildegard! Endlich. Hör zu, lass uns ohne…
– Halt die Klappe, sagt sie. Leise und kurz wie ein Schnitt. – Ich sage es dir ein einziges Mal. Die Wohnung gehört mir. Meine Großmutter hat sie mir vererbt, die Papiere lauten auf meinen Namen, das weißt du genau. Das Auto habe ich vor der Ehe gekauft. Das Geld auf dem Konto ist meins, in sieben Jahren hast du keinen Cent zurückgelegt. Im Mantel deiner Jacke liegen zwei Fünfziger – das reicht für ein Taxi zu deiner Mutter. Knapp, aber es reicht.
– Hildegard, warte…
– Das Schloss lasse ich heute austauschen, die Nachbarin Inge lässt den Schlosser rein. Deine Sachen packe ich zusammen. Sie stehen vor der Tür. Zwei Tage. Dann bringe ich sie zum Sperrmüll.
– Das kannst du nicht…
– Doch. Jedes Blatt. Jede Unterschrift. Alles gehört mir. Und du hast es in sieben Jahren nicht geschafft, dir selbst einen Wasserkocher auf deinen Namen anzumelden.
– Das ist gemein!
– Gemein ist, seiner Frau zu sagen, sie solle nicht zur Beerdigung ihrer Mutter fahren, weil du das Auto brauchst, um deine zum Kuchen zu kutschieren. Das ist gemein. Ich nehme nur, was mir gehört.
Stille in der Leitung. Vier Sekunden.
– Hildegard, ich bin übers Ziel hinausgeschossen. Idiot, hab was Falsches gesagt. Reden wir normal, wenn du zurück bist.
– Zu dir komme ich nicht zurück. Wir sind fertig. Ruf nicht wieder an.
Freizeichen.
Klaus sitzt mit dem Handy in der Hand. Er wählt noch einmal – der Teilnehmer ist nicht erreichbar. Noch einmal – dasselbe. Sie hat seine Nummer blockiert.
Er greift in den Mantel. Zwei zerknitterte Fünfziger. Fünfzig und fünfzig. Sie hat auch das berechnet – genau genug für ein Taxi zu Tante Roswitha und zurück. Keinen Cent mehr.
Das Konto ist leer – er hat nachgesehen. Auf den anderen Konten – null. Er hat sich nie dafür interessiert. Das, was Hildegard ihm gab, reichte ihm. Die Wohnung – ihre. Das Auto – ihres. Das Geld – ihres. Er hat sieben Jahre in einem fremden Haus gewohnt und nie darüber nachgedacht.
Seine Mutter wartet unten am Bürgersteig. Eine kleine Gestalt im grünen Mantel, mit einer Tüte voller Mitbringsel für die Schwester. Das Taxi hält, sie steigt ein, mustert den Innenraum.
– Taxi? Im Ernst? Wo ist das Auto?
– Bei Hildegard.
– Dann hol es zurück!
– Sie ist damit weggefahren. Für immer.
Seine Mutter schweigt. Stiert auf die Rückenlehne des Vordersitzes.
– Was heißt für immer?
– Genau das. Sie ist gegangen. Hat gesagt, ich soll meine Sachen in zwei Tagen abholen. Das Schloss wechselt sie heute.
– Weswegen?
– Weil ich gesagt habe, sie solle nicht zur Beerdigung fahren. Ich hätte das Auto dringender gebraucht.
Seine Mutter dreht sich zu ihm. In ihren Augen – keine Reue. Ratlosigkeit. Sie versteht nicht, wie die Bitte, sie zur Schwester zu fahren, eine Katastrophe auslösen konnte.
– Mann, Klaus, das war echt dumm.
– Ich habe nicht gedacht, dass sie so…
– Hättest du denken müssen! Dass die Frau ihre Mutter verliert und du ihr sagst „warte mal“? Warst du eigentlich bei Sinnen?
– Du hast doch selbst gesagt, ich soll dich fahren!
– Ich habe gesagt, du sollst mich fahren. Ich habe nicht gesagt, du sollst deine Frau von der Beerdigung abhalten! Das hast du dir selbst ausgedacht!
Das Taxi fährt durch die Stadt. Der Taxameter tickt. Klaus sieht auf die Zahlen – sie steigen und beißen von seinem letzten Geld ab. Als der Wagen vor Roswithas Haus hält, stehen fünfunddreißig Euro auf dem Zähler. Rückweg – noch einmal so viel. Bleiben fünfunddreißig Euro. Fürs Essen. Vielleicht. Für einen Tag.
Seine Mutter steigt aus. Sie dreht sich um. Die Tüte mit Mitbringseln zerknittert in ihren Händen.
– Und wo willst du jetzt hin?
– Zu dir. Wenn du mich lässt.
– Ich habe ein Zimmer und eine Küche, Klaus. Ein Klappbett im Abstellraum.
– Dann eben Klappbett.
Sie schüttelt den Kopf. Geht zum Hauseingang. Die Tür fällt hinter ihr zu.
Klaus bleibt auf dem Bürgersteig stehen. In der Tasche – fünfunddreißig Euro in Münzen und zerknitterten Scheinen. Auf dem Konto – Leere. Hinter ihm – eine Stadt, in der er keinen einzigen Quadratmeter mehr besitzt.
Er holt das Handy raus. Wählt Hildegards Nummer. Es klingelt. Dann die mechanische Stimme: „Der Teilnehmer ist nicht erreichbar.“ Er steckt das Handy weg. Sieht auf seine Hände – leer. Wie alles andere.
Hildegard steht derweil in der Mitte des Zimmers ihrer Mutter. Tante Gertrud rechts, die Nachbarn hinten. Sie tut, was sie tun muss. Sie verabschiedet sich. Denn für sie verdienen die Toten nicht weniger Respekt als die Lebenden. Und auf jeden Fall mehr als ein Ehemann, der in sieben Jahren nicht begriffen hat, neben wem er lebte.