— Diese Katze kam nicht zufällig, — sagte der Hausmeister überzeugt. Die Nachbarn lachten — zu Unrecht.

Die Nachbarn lachen, als der Hausmeister Gerd Weber beginnt, eine streunende Katze am Hauseingang zu füttern. Sie legt sich jeden Tag vor dieselbe Tür. Niemand fragt sich, warum.

Gerd fegt den Hof seit sechs Uhr morgens, wie immer. Der Besen schabt über den nassen Asphalt, und dieses Geräusch ist längst der Wecker für die ersten drei Stockwerke. Die Blätter riechen säuerlich-modrig, obwohl im Kalender April steht.

Die Katze sitzt auf der untersten Stufe des Treppenhauses.

Dreifarbig, mager. Das Fell verfilzt an den Flanken, die Rippen zeichnen sich selbst aus der Ferne ab. Sie sieht Gerd mit grünen Augen an und öffnet lautlos das Maul, als würde sie miauen, aber jemand hat die Lautstärke auf null gedreht.

Er hält inne, lehnt den Besen an die Wand. Hockt sich hin, spürt die Knie knirschen in der Morgenkälte.

„Na, wo kommst du her?“

Die grünen Augen blinzeln. Das Maul öffnet und schließt sich wieder – kein Laut.

Am nächsten Morgen sitzt sie am selben Platz. Auch am übernächsten. Gerd bringt von zu Hause eine Aluminium-Untertasse und Reste vom gestrigen Hähnchen. Die Katze frisst langsam, die Ohren angelegt, als erwarte sie eine Falle. Nach dem Futter geht sie nicht weg.

Sie steigt die Stufen hinauf und legt sich vor die Tür von Wohnung Nummer zwölf. Genau zwölf, nicht dreizehn und nicht zehn.

Am dritten Tag fällt Gerd diese Gewohnheit auf. Am fünften hört er auf, es für Zufall zu halten.

Ulrike aus dem vierten Stock kommt am Montag mit einem Müllbeutel heraus und bleibt stehen, starrt auf die Untertasse an der Stufe.

„Gerd Weber, Sie machen ihr hier ja ein ganzes Restaurant auf?“

„Ich füttere sie“, zuckt er mit den Schultern und fegt weiter.

Ulrike lässt nicht locker.

„Na prima. Flöhe, Dreck, überall Haare. Die Müllers im dritten Stock haben ein Kleinkind – haben Sie daran gedacht?“

Sie spricht laut, selbstbewusst, und ihr süßes Parfüm überdeckt sogar den Geruch des nassen Asphalts. Rote Fingernägel blitzen auf, als sie den Beutel in die andere Hand nimmt.

Toni aus dem zweiten Stock raucht am Vordach in einer ausgeleierten Jogginghose. Grinst durch den Rauch.

„Weber, du bist ja der Katzenflüsterer. Sagt sie dir vielleicht auch die Lottozahlen?“

Gerd schweigt. Dann sagt er leise, an niemanden direkt gerichtet:

„Diese Katze ist nicht zufällig gekommen.“

Ulrike schnaubt. Toni zieht an der Zigarette und atmet langsam aus, den Blick irgendwo in der Ferne.

„Philosoph“, murmelt er und verschwindet nach oben.

Der Besen schabt weiter. Die Katze liegt vor der Tür von Wohnung zwölf, die dünnen Pfoten untergeschlagen, und lässt den Blick nicht von der Schwelle. Stumm.

Hildegard Werner aus der Zwölf lebt allein. Sie ist über siebzig, genau weiß das keiner, denn sie feiert keine Geburtstage und lädt keine Gäste ein. Klein, hager, immer ein blaues Kopftuch und ein alter grauer Mantel.

Früher ging sie jeden Morgen runter, um Brot zu holen. Gerd sieht noch, wie sie sich mit beiden Händen am Geländer festhält und den Fuß vorsichtig auf die Stufe setzt, als prüfe sie das Eis. Sie kommt zurück mit einem Brot in der Tüte und Milch. Manchmal nickt sie, manchmal geht sie wortlos vorbei.

Er versucht sich zu erinnern, wann er sie zuletzt gesehen hat. Vor zwei Tagen. Oder länger.

Seit dem Tod seiner Frau ertappt sich Gerd oft dabei, wie er auf fremde Türen horcht. Vier Jahre dieser Gewohnheit.

Im zweiten Stock bleibt er vor der Tür stehen. Die Farbe unten blättert bis aufs Holz ab. Hinter der Tür ist es still.

Die Katze sitzt zu seinen Füßen und starrt auf die Tür, ohne zu blinzeln.

Am Mittwoch trifft er Ulrike auf der Treppe.

„Haben Sie Frau Werner in letzter Zeit gesehen?“

„Wen? Ach, die aus der Zwölf“, Ulrike streicht sich die Haare zurück. „Nein. Die ist doch immer so eine Einsiedlerin. Vielleicht ist sie verreist.“

„Sie hat keine Verwandten.“

„Na dann“, Ulrike zuckt mit den Achseln. „Geht sie halt nicht raus. Es ist ja noch kalt.“

Draußen sind es vierzehn Grad. Gerd widerspricht nicht. Ulrikes Absätze klappern die Treppe hinunter, und ihr Parfüm verfliegt im Treppenhaus, als wäre es nie da gewesen.

Er kehrt zur Tür zurück. Beugt sich runter, legt das Ohr an den Spalt. Nichts. Oder fast nichts.

Die Katze gibt einen Laut von sich. Zum ersten Mal überhaupt. Leise, heiser, als hätte die Kehle vergessen, wie das geht, und versucht es trotzdem. Ein schwaches „Miau“, mehr wie ein Ausatmen.

Gerd hockt sich hin und streicht mit der Hand über ihren Rücken. Die Rippen unter dem Fell zählen sich einzeln ab wie die Sprossen eines alten Zauns.

Die Katze wendet den Blick nicht vom Schlüsselloch.

Er klopft morgens und abends und zwischendurch. Niemand öffnet.

Toni raucht auf dem Treppenabsatz und beobachtet.

„Weber, ehrlich. Mach dir keinen Kopf. Alte Leute wollen manchmal einfach ihre Ruhe. Meine Oma hat sich mal einen Monat eingeschlossen – stellte sich raus, sie hat eine Serie geguckt.“

„Frau Werner hat keinen Fernseher.“

Toni verstummt, murmelt etwas Unverständliches und verschwindet hinter seiner Tür.

Am nächsten Tag wischt Gerd die Böden im Erdgeschoss, als von oben ein Geräusch herunterbricht. Kein Miauen.

Der nasse Lappen fällt ihm aus den Fingern und klatscht auf die Stufe.

Er rennt hoch, zwei Stufen auf einmal.

Die Katze steht vor der Tür von Wohnung zwölf.

In der Dreizehn klickt das Schloss, eine Nachbarin schaut heraus.

„Was ist los?“

„Rufen Sie den Rettungswagen“, sagt Gerd ohne Pause, fest. „Und die Feuerwehr. Die Tür muss aufgebrochen werden.“

„Wieso, man kann doch nicht einfach…“

„Rufen Sie an. Sofort.“

Seine Hände sind nass vom Lappen. Er wischt sie an der Jacke ab, der Flicken am Ärmel wird nass.

Die Tür wird nach zwanzig Minuten geöffnet. Sie schwingt mit trockenem Knarren auf, und schwere, stickige Luft strömt ins Treppenhaus. Gerd tritt zuerst ein.

Hildegard Werner liegt auf dem Boden im Flur zwischen Küche und Wohnzimmer. Der linke Pantoffel steht aufrecht an der Wand, als hätte ihn jemand absichtlich hingestellt. Daneben sind die Scherben eines Glases eingetrocknet, und auf dem Linoleum bleibt ein weißlicher Fleck von Wasser, das längst verdunstet ist.

Das Telefon steht auf dem Tisch im Wohnzimmer. Eineinhalb Meter von der ausgestreckten Hand entfernt. Eineinhalb Meter waren zu viel.

Die Ärzte werden später sagen: Oberschenkelhalsbruch, Dehydrierung. Noch vierundzwanzig Stunden, und sie hätten es nicht geschafft.

Als sie auf der Trage nach unten getragen wird, ist Hildegard Werner bei Bewusstsein. Aufgesprungene Lippen, trübe Augen, graues Gesicht. Doch sie blickt nicht zu den Ärzten und nicht zu den Nachbarn am Geländer.

Sie sieht die Katze an, die wieder stumm auf der untersten Stufe sitzt. Das Maul halb offen. Kein Laut.

Ihre Finger auf der Decke bewegen sich, kaum sichtbar.

„Gerd“, flüstert sie. „Füttern Sie sie. Bitte.“

Seine Kehle schnürt sich so zusammen, dass er nur nicken kann.

Die Türen des Rettungswagens schlagen zu, das Blaulicht färbt den Hof rot-blau und fährt davon. Ulrike steht abseits, die Hand auf den Mund gepresst. Toni sitzt auf der Bank, die Ellbogen auf den Knien.

Am Morgen geht Gerd um sechs in den Hof, wie immer.

Die Untertasse am Hauseingang ist voll. Daneben steht eine zweite Schale, grün, aus Plastik, eindeutig aus irgendeiner Küche. Darin ist sauberes Wasser.

Er hebt den Blick zu den dunklen Fenstern. Keines ist erleuchtet. Aber im fünften Stock quietscht ein Fensterflügel.

Der Besen schabt wie gewohnt über den Asphalt. Zehn Minuten später kommt Ulrike heraus. Ohne Make-up, in einer Jacke über dem Nachthemd. Sie bleibt auf den Stufen stehen und starrt auf die Katze, die aus der Schale frisst.

Sie steht da. Beugt sich runter und streicht mit der Hand über den verfilzten Rücken. Schnell, fast heimlich.

Dann geht sie zu den Mülltonnen, ohne sich einmal umzudrehen.

Toni kommt später mit einer karierten Decke, zusammengerollt.

„Weber“, räuspert er sich. „Hier. Falls sie nachts… na, kalt wird. Ist alt, aber ich hab sie gewaschen.“

Er legt sie auf die Stufe und geht, ohne eine Antwort abzuwarten. Gerd breitet die Decke auf der Stufe aus. Die Katze beschnuppert den Stoff, tritt mit den Pfoten darauf, rollt sich zusammen und schließt die Augen.

Im Hof riecht es nach nassem Laub und noch etwas anderem.

Die Untertasse steht am Hauseingang, mit Futter. Und niemand lacht mehr.

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