Die Nachbarn lachten leise, als der Hausmeister Heinrich begann, eine streunende Katze am Eingang zu füttern. Sie legte sich jeden Tag vor dieselbe Tür. Niemand fragte sich, warum.
Heinrich fegte den Hof seit sechs Uhr morgens, wie immer. Der Besen kratzte über den nassen Asphalt, und dieses Geräusch war längst der Wecker für die ersten drei Stockwerke. Die Blätter rochen säuerlich modrig, obwohl der Kalender April anzeigte.
Die Katze saß auf der untersten Stufe des Treppenhauses.
Sie war dreifarbig und mager. Das Fell hing in Büscheln an den Flanken, die Rippen zeichneten sich selbst aus der Ferne ab. Sie blickte Heinrich mit grünen Augen an und öffnete lautlos das Maul, als würde sie miauen, aber jemand hatte die Lautstärke auf null gedreht.
Er hielt inne, lehnte den Besen an die Wand und hockte sich hin. Die Knie knackten in der Morgenkälte.
„Na, wo kommst du denn her?“
Die grünen Augen blinzelten. Das Maul öffnete und schloss sich erneut, ohne einen Laut.
Am nächsten Morgen saß sie wieder auf demselben Platz. Auch am Tag darauf. Heinrich brachte eine Aluschale aus der Wohnung und Reste vom gestrigen Hähnchen. Die Katze fraß langsam, die Ohren angelegt, als erwarte sie eine Falle. Nach dem Futter ging sie nicht weg.
Sie stieg die Stufen hinauf und legte sich vor die Tür von Wohnung Nummer zwölf. Genau zwölf, nicht dreizehn und nicht zehn.
Am dritten Tag fiel Heinrich diese Gewohnheit auf. Am fünften hörte er auf, es für Zufall zu halten.
Ingrid aus dem vierten Stock kam am Montag mit einem Müllbeutel nach draußen, blieb stehen und starrte auf die Schale an den Stufen.
„Heinrich, Sie haben ihr ja ein ganzes Restaurant aufgebaut?“
„Ich füttere sie“, zuckte er die Achseln und fegte weiter.
Ingrid ließ nicht locker.
„Ach ja, das fängt an. Flöhe, Dreck, überall Haare. Die Müllers im dritten Stock haben ein Kleinkind, haben Sie daran gedacht?“
Sie sprach laut und selbstbewusst, ihr süßliches Parfüm übertönte selbst den Geruch des nassen Asphalts. Rote Nägel blitzten auf, als sie den Beutel in die andere Hand nahm.
Klaus aus dem zweiten Stock rauchte am Vordach in ausgebeulten Trainingshosen. Grinste durch den Rauch.
„Heinrich, du bist ja ’n richtiger Katzenflüsterer. Vielleicht verrät sie dir noch die Lottozahlen?“
Heinrich schwieg. Dann sagte er leise, an niemanden direkt gerichtet: „Diese Katze ist nicht zufällig gekommen.“
Ingrid schnaubte. Klaus zog noch einmal, atmete langsam aus und blickte an ihm vorbei.
„Philosoph“, murmelte er und verschwand nach oben.
Der Besen scharrte weiter. Die Katze lag vor der Tür von Wohnung zwölf, die dünnen Pfoten untergeschlagen, den Blick unverwandt auf die Schwelle gerichtet. Stumm.
Helga Müller aus der Zwölften lebte allein. Sie war über siebzig, genau wusste es niemand, denn sie feierte keine Geburtstage und lud keine Gäste ein. Klein, dürr, immer mit einem blauen Kopftuch und einem abgetragenen grauen Mantel.
Früher ging sie jeden Morgen Brot holen. Heinrich sah, wie sie sich mit beiden Händen am Geländer festhielt und den Fuß vorsichtig auf die Stufe setzte, als prüfe sie das Eis. Sie kam mit einem Laib in der Tüte und Milch zurück. Manchmal nickte sie, manchmal ging sie wortlos vorbei.
Er versuchte sich zu erinnern, wann er sie zuletzt gesehen hatte. Vor zwei Tagen. Oder länger.
Seit dem Tod seiner Frau ertappte sich Heinrich oft dabei, wie er an fremden Türen lauschte. Vier Jahre dieser Gewohnheit.
Im zweiten Stock blieb er vor einer Tür stehen. Die Farbe blätterte unten bis aufs Holz ab. Hinter der Tür war es still.
Die Katze saß zu seinen Füßen und starrte die Tür an, ohne zu blinzeln.
Am Mittwoch traf er Ingrid auf der Treppe.
„Haben Sie Frau Müller in letzter Zeit gesehen?“
„Wen? Ach, die aus der Zwölften“, Ingrid strich sich die Haare glatt. „Nein. Die ist doch immer für sich, eine Einsiedlerin. Vielleicht ist sie verreist.“
„Sie hat keine Verwandten.“
„Na ja“, Ingrid zuckte mit den Schultern. „Dann kommt sie eben nicht raus. Es ist ja noch kalt.“
Draußen waren es vierzehn Grad. Heinrich widersprach nicht. Ingrids Absätze klapperten die Treppe hinunter, und der Parfümduft verflog im Treppenhaus, als wäre er nie da gewesen.
Er ging zurück zur Tür. Beugte sich vor, legte das Ohr an den Spalt. Nichts. Oder fast nichts.
Die Katze gab einen Laut von sich. Zum ersten Mal. Leise, heiser, als hätte die Kehle verlernt, wie das geht, es aber dennoch versuchte. Ein schwaches „Miau“, mehr wie ein Atemzug.
Heinrich hockte sich hin und strich ihr über den Rücken. Die Rippen zählten sich unter dem Fell wie die Speichen eines alten Zauns.
Die Katze ließ den Blick nicht vom Schlüsselloch.
Er klopfte morgens und abends und zwischendurch. Niemand öffnete.
Klaus rauchte auf dem Treppenabsatz und beobachtete ihn.
„Heinrich, echt jetzt. Mach dir keinen Kopf. Alte Leute wollen manchmal einfach ihre Ruhe. Meine Oma hat sich mal ’nen Monat eingeschlossen – sie hat nur ’ne Serie geguckt.“
„Frau Müller hat keinen Fernseher.“
Klaus verstummte, murmelte etwas Unverständliches und verschwand hinter seiner Tür.
Am nächsten Tag wischte Heinrich den Boden im Erdgeschoss, als von oben ein Geräusch herabfiel. Nicht miauen.
Der nasse Lappen fiel ihm aus der Hand und klatschte auf die Stufe.
Er rannte hoch, zwei Stufen auf einmal.
Die Katze stand vor der Tür von Wohnung zwölf.
In der Dreizehnter klickte das Schloss, eine Nachbarin lugte heraus.
„Was ist los?“
„Rufen Sie den Krankenwagen“, sagte Heinrich ruhig, ohne Pause. „Und die Feuerwehr. Die Tür muss auf.“
„Was? Das geht doch nicht einfach so –“
„Rufen Sie an. Sofort.“
Seine Hände waren nass vom Lappen. Er wischte sie an der Jacke ab, der Flicken am Ellbogen wurde nass.
Die Tür wurde zwanzig Minuten später geöffnet. Sie gab einen trockenen Knarz von sich, und schwere, stickige Luft strömte ins Treppenhaus. Heinrich trat als Erster ein.
Helga Müller lag auf dem Boden im Flur zwischen Küche und Wohnzimmer. Der linke Pantoffel stand genau an der Wand, als sei er absichtlich hingestellt worden. Daneben waren die Splitter eines Glases vertrocknet, und auf dem Linoleum hatte sich ein weißlicher Wasserfleck gebildet – das Wasser war längst verdunstet.
Das Telefon stand auf dem Nachttisch im Zimmer. Eineinhalb Meter von ihrer ausgestreckten Hand entfernt. Eineinhalb Meter waren zu weit gewesen.
Die Ärzte sagten später: Oberschenkelhalsbruch, Dehydrierung. Noch einen Tag, und sie hätten es nicht mehr geschafft.
Als sie auf der Trage die Treppe hinuntergetragen wurde, war Helga Müller bei Bewusstsein. Trockene Lippen, trübe Augen, graues Gesicht. Aber sie blickte nicht auf die Ärzte oder die Nachbarn am Geländer.
Sie sah die Katze, die wieder stumm auf der untersten Stufe saß. Das Maul leicht geöffnet. Kein Laut.
Ihre Finger auf der Decke bewegten sich fast unmerklich.
„Heinrich“, flüsterte sie. „Füttern Sie sie. Bitte.“
Seine Kehle schnürte sich zu, er nickte nur.
Die Türen des Krankenwagens schlugen zu, das Blaulicht färbte den Hof rot-blau und fuhr davon. Ingrid stand abseits, eine Hand vor den Mund gepresst. Klaus saß auf der Bank, die Ellbogen auf die Knie gestützt.
Am Morgen kam Heinrich um sechs in den Hof, wie immer.
Die Schale am Eingang war voll. Daneben stand eine zweite, grüne, aus Plastik, offenbar aus irgendeiner Küche. Darin war sauberes Wasser.
Er hob den Blick zu den dunklen Fenstern. Keins war erleuchtet. Aber im fünften Stock knarrte ein Fensterflügel.
Der Besen scharrte wie gewohnt über den Asphalt. Zehn Minuten später kam Ingrid heraus. Ohne Make-up, in einer Jacke über dem Nachthemd. Blieb auf den Stufen stehen und starrte auf die Katze, die aus der Schale fraß.
Stand da. Beugte sich hinunter und strich mit der Hand über das verfilzte Fell. Schnell, fast verstohlen.
Dann ging sie zu den Mülltonnen, ohne sich noch einmal umzudrehen.
Klaus kam später mit einer karierten Decke herunter, die er zusammengerollt hatte.
„Heinrich“, räusperte er sich. „Hier. Falls ihr nachts … na ja, kalt wird. Ist alt, aber ich hab sie gewaschen.“
Legte sie auf die Stufe und verschwand, ohne eine Antwort abzuwarten. Heinrich breitete die Decke auf der Stufe aus. Die Katze beschnupperte den Stoff, trat ein paarmal mit den Pfoten, rollte sich zusammen und schloss die Augen.
Im Hof roch es nach nassem Laub und noch etwas anderem.
Die Schale stand am Eingang, mit Futter. Und niemand lachte mehr.