Liesl verstand nie, warum ihre Eltern sie nicht lieben konnten. Ihr Vater schimpfte ständig, und ihre Mutter erledigte die Pflegepflichten wie ein mechanischer Roboter ihr lag einzig das Wohl des Mannes am Herzen.
Die Großmutter väterlicherseits, Grete Weber, erklärte: ihr Vater arbeite den ganzen Tag, die Mutter müsse verdienen, damit Liesl nichts brauche. Und da wären noch die Hausarbeiten
Die Wahrheit kam ans Licht, als Liesl acht Jahre alt war und zufällig das Gezanke ihrer Eltern mitanhörte.
Ursula, du hast die Suppe wieder zu salzig! brüllte der Vater. Du schaffst nichts richtig!
Heinz, was soll das? Ich habe doch alles versucht es war normal protestierte die Mutter.
Bei dir ist immer alles normal! Und du hast nicht einmal einen Sohn bekommen! Männer lachen über mich ein Schwächling!
Heinz war ein harter Fernfahrer, fuhr seinen eigenen LKW über weite Strecken und hatte schon einiges gesehen. Trotzdem dröhnte in seiner Stimme ein verbitterter Vorwurf an die Frau, weil sie die Tochter nicht wie einen Sohn behandeln würde, und Liesl wurde unbehaglich.
Jetzt verstand sie, warum ihre Eltern sie zur Großmutter schickten, sobald ihr Vater vom nächsten Lauf zurückkehrte er konnte den fehlenden Sohn nicht ertragen.
Bei Grete fühlte sich Liesl geborgen. Sie lernten zusammen, kochten, nähte ein paar Kleidungsstücke Trotzdem schmerzte sie das Verhalten der Eltern.
Kurz darauf kündigten Heinz und Ursula plötzlich an, in die Großstadt zu ziehen.
Wir stecken hier fest, wir wollen etwas Neues, vielleicht bekommen wir ja dort einen Sohn, sagte Ursula, während Heinz zustimmend nickte.
Das Problem: Sie wollten Liesl nicht mitnehmen.
Du wohnst bei deiner Großmutter, dann holen wir dich später, murmelte die Mutter, die Augen gesenkt.
Ich will gar nicht mit euch fahren bei Oma ist es besser, beharrte Liesl, ihr Herz jedoch pochte vor Wut.
Doch nichts änderte sich: Sie blieb bei ihrer geliebten Großmutter, bei Freunden und Lehrern. Und die Eltern konnten ihr Leben führen, wie sie wollten Liesl würde nicht mehr um sie kämpfen.
Kurz bevor Liesl zehn wurde, bekam das Paar endlich den lang ersehnten Sohn ihren Bruder Felix.
Heinz verkündete das feierlich per VideoAnruf. In all den Jahren hatten die Eltern Liesl nie besucht; die Mutter beschränkte sich auf Telefonate, der Vater ließ Grüße zukommen.
Hin und wieder übertrugen sie Grete kleine Geldbeträge, doch größtenteils lebte die Enkelin von ihr.
Ein Jahr später bestand die Mutter plötzlich darauf, dass Liesl zu ihnen ziehen solle. Sie kam persönlich vorbei.
Na, mein Sonnenkind, jetzt wohnen wir alle zusammen. Endlich lernst du deinen kleinen Bruder kennen, zwitscherte sie.
Ich will nicht weg, knurrte Liesl. Bei Oma ist es gut.
Schreist nicht, Kind! Du bist erwachsen, du musst deiner Mutter helfen.
Ursula, halt dich zurück!, mischte sich Grete ein. Wenn du Liesl zu einer kostenlosen Nanny machen willst, lass ich das nicht zu!
Das ist meine Tochter, wir regeln das selbst!, fauchte die Mutter.
Grete ließ sich nicht beirren: Wenn ihr die Tantelei weiterführt, melde ich das Jugendamt das wird euch die elterlichen Rechte kosten!
Ein Wortgefecht entbrannte, doch Liesl hörte kaum hin; Grete hatte sie eilig zum Markt geschickt. Einen Tag später fuhr die Mutter wieder ab.
Zehn weitere Jahre vergingen ohne ein einziges Wiedersehen. Liesl schloss die Schule, dann die Berufsschule ab und dank eines alten Freundes der Großmutter, Heinz Friedrich, bekam sie eine Anstellung als Buchhalterin in einer kleinen Firma.
Sie verliebte sich in den Fahrer Volker, und das Paar plante zu heiraten doch die Hochzeit musste verschoben werden, weil Grete verstarb.
Vater und Mutter kamen gemeinsam zur Beerdigung. Felix blieb bei einer Bekannten; er sollte nicht an diesem traurigen Tag teilnehmen.
Liesl fühlte kaum etwas die Liebe zu ihrer Großmutter war so stark, dass der Verlust sie fast umwarf.
Am Grabtisch hörte sie den alten Streit des Vaters kaum noch.
Tja die Wohnung ist leer, sagte Heinz nachdenklich und blickte sich um.
Klaus, tadelte die Mutter. Jetzt nicht.
Was sollen wir tun? Wir müssen die Sache sofort regeln. Wir müssen weg Felix ist allein.
Heinz fragte: Kennt ihr einen Makler, der das Haus verkaufen kann?
Was willst du verkaufen, Klaus?, hakte Friedrich nach.
Das Haus. Felix braucht ein Eigenheim Das Geld reicht nicht für ein neues in der Stadt, aber für die Anzahlung, erklärte Heinz. Wir zahlen die Hypothek bis Felix 18 ist.
Liesl starrte teilnahmslos aus dem Fenster, ohne ein Wort beizutragen.
Willst du deine leibliche Tochter einfach verjagen?, fragte Friedrich. Wo soll sie wohnen?
Sie ist erwachsen!, brüllte der Vater. Sie soll heiraten, ihr Mann muss für sie sorgen!
Na gut, erwiderte Friedrich, ein Freund der Großmutter. Natascha, du hattest Recht Aber das Testament ist rechtlich gültig, die Wohnung gehört ausschließlich Liesl.
Heinz schwieg.
Du hast die Großmutter also schon bearbeitet?, warf er Liesl böse zu. Wir werden das Testament anfechten.
Und das hat Natascha vorher schon gesehen, sagte Friedrich kühl. Liesl, ich gebe dir nichts.
Heinz musste einen Anwalt konsultieren, um zu begreifen, dass das Gesetz auf Seiten seiner Tochter stand. Die Kosten wären hoch, das Ergebnis unsicher.
Liesl, hast du ein Gewissen?, drohte er. Du heiratest, dein Mann sorgt, Felix braucht ein Zuhause gib das Erbe her!
Nie, schnitt Liesl ab.
Wir zahlen dir 100000Euro für die Anzahlung, bot er. Nimm die Hypothek.
Ich will nicht, und ich rede nicht mit dir!, schrie sie.
Wenn du dich nicht zurückziehst, rufe ich die Polizei. Dann werdet ihr rausgeworfen, drohte er.
Liesl wollte Gretes Willen erfüllen und blieb standhaft, weil sie nie ohne ein Dach über dem Kopf leben wollte. Der Vater mied die Polizei, zog lieber den Rechtsweg.
So fuhren er und die Mutter zurück, vier Jahre lang ohne ein Wort von sich.
In der Zwischenzeit hatten Liesl und Volker geheiratet, bekamen eine Tochter namens Natascha. Das Geld reichte gerade, doch sie lebten glücklich.
Eines Tages klingelte das Telefon: Die Stimme ihrer Mutter dröhnte wütend.
Du bist schuld! Durch dich ist Klaus gestorben!
Braucht ihr Hilfe bei den Beerdigungskosten?, flüsterte Liesl.
Sie fühlte Mitleid mit Heinz, doch er war ihr nur ein Fremder geworden.
Nichts von mir! Durch dich ist Felix Waise! Leb jetzt mit deiner Schuld!, schrie die Mutter.
Liesl, du hast doch nichts getan, sagte Volker, der das Gespräch mit angehört hatte. Du hast dich doch nicht einmischt.
Vielleicht hätte ich, murmelte die Mutter, Tränen im Blick.
Ein Jahr später tauchte die Mutter erneut auf, ohne Vorwarnung. Ihre Lippen waren fest zusammengepresst, die Augen kalt, und sie stellte neue Forderungen:
Felix braucht Geld, er geht bald aufs College. Du musst uns helfen, damit er nicht pleite geht.
Liesl erwiderte: Ich bin nicht schuld, das weißt du. Du wirst hier nichts gewinnen.
Siehst du, wie stark Gretes Erziehung war, schnitt die Mutter zu. Sie konnte dich nie ertragen, genauso wie dich.
Wenn du noch ein Wort über meine Großmutter sagst, wirfe ich dich raus! Ich habe kein Geld, und selbst wenn, würde ich es nicht geben, warnte Liesl.
Ach, spart euch den Ärger! Ich sehe, wie ihr lebt, spottete die Mutter. Sie berichtete, dass das Paar gerade erst nach zwei Jahren Renovierung die neue Küche und das neue Sofa gekauft hatte größtenteils auf Kredit, fast abbezahlt.
Liesl schwieg, weil sie nicht länger rechtfertigen wollte.
Du hättest wenigstens nach deiner Enkelin fragen können, knurrte die Mutter.
Beide Eltern sind da, also ist alles gut, lachte sie. Uns geht es nur schlecht!
Ihr bekommt doch Rente wegen des Verlusts des Ernährers, und ihr arbeitet ja noch, fuhr sie fort. Lebe von dem, was ihr habt. Felix soll zur Berufsschule.
Was? Klaus wollte doch, dass sein Sohn studiert!, protestierte die Mutter.
Genug! Ich gebe dir kein Geld. Gespräch beendet, schloss sie.
Ein kurzer Stich von alter Wut schnitt Liesl ihre Eltern hatten nie überhaupt über ihre Zukunft nachgedacht.
In Ordnung, sagte die Mutter und ging zur Tür. Willst du nicht freundlich sein, dann wird es härter.
Am Abend erzählte Liesl Volker von dem Besuch.
Und was soll sie jetzt erfinden?, fragte er. Wie soll sie uns Geld abknöpfen, wenn wir keins haben?
Keine Ahnung, zuckte Liesl die Schultern. Aber ich bin sicher, sie hat einen Plan. Sie käme nicht einfach so ohne Grund.
Der Plan der Mutter wurde klar, als Liesl die Vorladung zur Gerichtsverhandlung erhielt.
Bist du verrückt?, fragte sie die Mutter. Was hast du vor, im Gericht zu machen?
Ich will dich zwingen, meinem Bruder zu helfen. Es gibt ein Gesetz! Du hast Zeit, deine Meinung zu ändern, bevor du dich blamierst, sagte Ursula.
Du willst dich im Gericht blamieren?, flüsterte Liesl und legte auf.
Im Gerichtssaal stellte Ursula eine TräneRevue auf, erzählte, wie sie ihr Kind verloren habe, wie ihr Mann gestorben sei und sie nun um Geld kämpfen müsse.
Der Richter zeigte Mitleid, doch die Wahrheit kam von Liesl, die ruhig und fest die wahre Geschichte ihrer Familie schilderte.
Entscheidend war jedoch der Nachweis, dass Felix Rente und Ursulas Einkommen die Armutsgrenze nicht unterschritten das Gericht wies die Klage von Ursula ab.
Ursula verließ den Saal mit einem harten Blick, ohne Abschied. Liesl war sich sicher, dass sie nie wieder mit neuen Forderungen zurückkehren würde.
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