„Mutter kommt heute Abend. Für immer. Ich hab’s geregelt.“
Lena hob den Kopf vom Laptop. Sie begriff nicht sofort, was er gesagt hatte. Sie fragte mit einem Blick nach – sah einfach ihren Mann an, der in der Küchentür stand und auf sein Handy starrte, als hätte er gerade etwas Belangloses mitgeteilt. Dass das Brot alle war. Dass Stau auf der A 100 herrschte.
„Was heißt ‚für immer‘?“
„Genau das.“ Er steckte das Telefon endlich in die Hosentasche. „Sie hat Gelenkschmerzen. Allein geht es nicht mehr. Wir nehmen sie zu uns.“
Lena klappte den Laptop zu. Langsam, behutsam – so, wie man etwas Zerbrechliches schließt, damit es nicht zerbricht. Sie arbeitete als Finanzanalystin im Homeoffice, und der Küchentisch war seit neun Uhr morgens ihr Arbeitsplatz. Jetzt war es halb sieben abends.
„Anton. Das haben wir nicht besprochen.“
„Was gibt’s da zu besprechen?“ Er zuckte mit den Schultern – diese Geste, die sie längst hassen gelernt hatte. Leicht, achtlos, als wögen ihre Worte weniger als Luft. „Sie ist meine Mutter. Soll ich sie etwa im Stich lassen?“
Lena stand auf. Sie ging zum Fenster, sah in den Hof – dort jagten Kinder einem Ball hinterher, kreischten, fielen hin und sprangen wieder auf. Ein ganz normaler Abend. Nur in ihrer Brust zog sich etwas zusammen und ließ nicht locker.
„Wir haben eine Zweizimmerwohnung“, sagte sie ruhig. „Wo soll sie wohnen?“
„Im Wohnzimmer. Das Sofa ist gut.“
„Das ist mein Arbeitszimmer, Anton.“
„Du arbeitest doch in der Küche. Wo ist der Unterschied?“
Sie drehte sich um. Sah ihn an – diesen Mann, mit dem sie sechs Jahre verheiratet war. Er stand am Kühlschrank, hatte ihn schon aufgemacht und blickte geschäftig hinein, als wäre das Gespräch beendet. Entscheidung gefallen, Punkt, Zeit fürs Abendessen.
So lief es immer mit Renate Wagner. Die Mutter entschied – der Sohn führte aus. Lena war in diesem Schema bloß Dekoration. Praktisch, funktional, leicht ersetzbar.
Renate Wagner erschien um acht Uhr abends mit zwei Koffern und einer großen Tasche voller Töpfe. Lena verstand nicht, warum man Töpfe mitbrachte, wenn man zu Leuten zog, die bereits welche besaßen. Aber sie schwieg.
„Na, da bin ich!“ Die Schwiegermutter trat ein, wie man in die eigene Wohnung zurückkehrt. Sie sah sich um, verzog den Mund. „Anton, Schatz, da liegt Staub auf dem Regal. Siehst du? Hier.“
„Mama, du bist gerade erst gekommen…“
„Ich sag’s ja nur.“ Sie zog den Mantel aus, warf ihn über den Haken – die Hälfte rutschte herunter – und ging die Wohnung inspizieren. Lena stand im Flur und sah zu, wie diese Frau die Schlafzimmertür öffnete, ins Bad spähte, die Gardinen im Wohnzimmer anfasste.
„Das Sofa ist hart“, verkündete Renate Wagner, ohne Lena anzusehen. „Anton, habt ihr eine extra Matratze?“
„Finden wir was, Mama.“
„Und hier ist es kalt. Heizt die Heizung schlecht?“
„Sie heizt normal“, sagte Lena.
Die Schwiegermutter sah sie an – zum ersten Mal seit dem Überschreiten der Türschwelle. Ein langer, abschätzender Blick, wie man auf dem Markt welke Ware mustert.
„Na ja, dir mag’s reichen. Ich friere.“
Anton schleppte schon eine alte Decke aus der Abstellkammer. Lena ging in die Küche. Setzte sich. Klappte den Laptop auf, klappte ihn zu. Wieder auf. Die Zahlen auf dem Bildschirm ergaben keinen Sinn.
Im Nebenzimmer erzählte Renate Wagner ihrem Sohn, dass die Nachbarin Klara endlich den Schrebergarten verkauft habe, und das sei gut so, und überhaupt, an Besitz zu hängen sei dumm – sie zum Beispiel gebe alles leicht her. Lena dachte, dass die Schwiegmutter noch nie etwas leicht hergegeben hatte. Jede ihrer Gefälligkeiten merkte sie sich jahrelang und präsentierte sie mit Zinsen.
Die erste Woche glich einer langsamen Überschwemmung. Erst stieg das Wasser unbemerkt – Knöchel, Knie. Man konnte noch so tun, als sei nichts Besonderes.
Renate Wagner arbeitete nicht – sie war in Rente und sehr stolz darauf. Den ganzen Tag saß sie auf dem Sofa mit dem Handy, sah sich Videos in voller Lautstärke an, rief gelegentlich ihre Freundinnen an und erzählte ausführlich und mit Nachdruck die Schicksale anderer. Sie spülte ihr Geschirr nicht. Sie wischte keine Krümel vom Tisch. Einmal fand Lena in der Spüle eine ungewaschene Pfanne, in der, dem Geruch nach, schon gestern etwas gebraten worden war.
„Renate, könnten Sie bitte Ihr Geschirr selber spülen?“
„Ich bin müde. Die Gelenke“, antwortete sie, ohne vom Handy aufzublicken.
„Sie waren eben eine halbe Stunde im Supermarkt unterwegs.“
„Das ist etwas anderes.“
Am Abend sagte Anton zu Lena, sie könne ruhig etwas sanfter sein. Die Mutter sei alt, nicht gesund, man müsse Verständnis haben. Lena hatte Verständnis – sie schwieg. Aber innerlich merkte sie sich diesen Moment. Speicherte ihn, wie man eine wichtige Datei ablegt.
Drei Tage später stellte Renate Wagner die Möbel im Wohnzimmer um. Einfach so. Sie rückte den Sessel ans Fenster, den Couchtisch neben das Sofa. Lena erfuhr davon, als sie ins Wohnzimmer kam, um ihren Terminkalender zu holen, und feststellte, dass alles anders stand.
„Warum haben Sie umgestellt?“
„So ist es bequemer. Ich brauche Licht zum Lesen.“
„Das ist ein Gemeinschaftsraum.“
„Na und? Ich habe ja nichts weggeworfen.“ Die Schwiegermutter drehte sich nicht einmal um. „Anton hat nichts dagegen.“
Anton hatte natürlich nichts dagegen. Anton hatte nie etwas dagegen, wenn es um seine Mutter ging. Er war in einer Familie aufgewachsen, in der Renate Wagners Wort Naturgesetz war – wie die Schwerkraft, wie der Wechsel der Jahreszeiten. Es anzuzweifeln war sinnlos.
Lena stand mitten im umgestellten Wohnzimmer und dachte daran, dass sie vor einem halben Jahr mit Anton eine Dreizimmerwohnung in einem Neubau besichtigt hatten. Ihr hatte sie gefallen – hell, mit großer Küche, Blick auf den Park. Anton hatte gesagt, zu teuer, wir warten. Jetzt verstand sie, dass er damals schon gewusst hatte. Nur nicht gesagt.
Es war keine spontane Idee gewesen. Es war ein Plan.
Am zehnten Tag fand Renate Wagner im Kühlschrank Lenas Joghurt – teuer, speziell bestellt, ohne Zucker, mit Probiotika, weil Lena auf ihre Ernährung achtete – und aß ihn. Einfach so. Und stellte die leere Packung zurück.
Lena öffnete morgens den Kühlschrank, sah die leere Packung, machte ihn wieder zu. Stand einen Augenblick. Öffnete ihn erneut – vielleicht hatte sie sich getäuscht. Nein. Leer.
„Renate, haben Sie meinen Joghurt gegessen?“
„Welchen Joghurt?“ Die Schwiegermutter blickte unschuldig, fast verwundert. Das konnte sie – ein Gesicht machen, als würde man ihr zu Unrecht etwas vorwerfen.
„Den weißen, im kleinen Becher. Auf der zweiten Ablage.“
„Ich dachte, der ist für alle da.“
„Bei uns ist nichts ‚für alle‘, ohne vorher zu fragen.“
„Ach, tu nicht so.“ Renate Wagner winkte ab. „Ein Joghurt. Keine große Sache.“
Am Abend sagte Anton erneut, Lena würde an Kleinigkeiten herumnörgeln. Die Mutter habe es nicht absichtlich gemacht. Man müsse sich erst ans Zusammenleben gewöhnen, das brauche Zeit. Lena sah ihn lange an und antwortete nichts.
Sie dachte bereits. Rechnete. Zog Bilanz.
Damit hörten die Übergriffe der Schwiegermutter nicht auf.
Das Parfum stand seit einem Monat auf dem Schminktisch – französisch, in einem schweren Flakon aus altem Bernstein. Lena hatte es sich zum Geburtstag gekauft, lange ausgesucht, an Proben gerochen, Beschreibungen gelesen. Es war nicht bloß ein Duft – es war eine kleine, private Freude, und davon gab es in letzter Zeit immer weniger.
Eines Morgens war der Flakon verschwunden.
Lena fand ihn auf dem Boden im Flur. Genauer: das, was davon übrig war – Scherben, bernsteinfarbene Pfützen auf dem Parkett, ein scharfer Geruch, der den ganzen Flur durchdrang und lange nicht verflog.
Renate Wagner saß auf dem Sofa mit dem Handy.
„Was ist mit meinem Parfum passiert?“
„Runtergefallen.“ Kurz, ohne Betonung, wie jemand, dem die Sache völlig egal ist.
„Wie kam es in den Flur?“
„Ich wollte es mir ansehen. Der Flakon war glitschig, ist mir ausgerutscht.“
Lena kniete sich hin, sammelte die Scherben in Zeitungspapier. Ihre Hände waren ruhig – sie wunderte sich selbst über diese Ruhe. In ihr zog sich etwas zusammen und pulsierte, aber nach außen hin keine einzige überflüssige Bewegung.
„Sie haben meine Sachen ohne Erlaubnis genommen.“
„Angesehen, nicht gestohlen.“ Renate Wagner ließ endlich das Handy sinken, und in ihrem Blick lag jener Ausdruck – leichte Gereiztheit eines Menschen, den man mit Lappalien belästigt. „Ach, eine Tragödie. Parfum. Kauf dir neues.“
„Mit Ihrem Geld?“
Die Schwiegermutter schwieg. Drehte sich zum Handy um.
Anton sagte am Abend, die Mutter habe es nicht mit Absicht getan, man müsse wertvolle Sachen eben wegräumen. Lena notierte dieses Gespräch in derselben inneren Akte, die mit jedem Tag schwerer wurde.
Den Heißluftherd hatte sie vor zwei Jahren gekauft – lange Bewertungen gelesen, Modelle verglichen, schließlich einen guten, deutschen genommen, mit Timer und mehreren Programmen. Sie kochte fast täglich darin: Hähnchenflügel, Gemüse, Fisch. Anton sagte, das sei das Beste, was sie je für die Küche angeschafft habe.
Am Freitag kam Lena aus dem Büro zurück – einmal die Woche fuhr sie zu Meetings – und roch in der Küche den typischen Brandgeruch von verbranntem Plastik. Der Heißluftherd stand mit offenem Deckel auf dem Tisch. Darin lag etwas Schwarzes, Unkenntliches.
„Was haben Sie darin gemacht?“
„Kartoffeln.“ Renate Wagner stand am Herd mit unabhängiger Miene. „Ich hab’s reingestellt und vergessen. Passiert.“
„Haben Sie die höchste Stufe eingestellt?“
„Ich kenne mich mit diesen neumodischen Geräten nicht aus. Bei mir gab’s nur einen normalen Herd.“
Lena nahm den Heißluftherd, trug ihn ins Bad, untersuchte ihn. Die Heizspirale war durchgebrannt. Das Gehäuse war an einer Seite angeschmolzen. Nicht reparabel.
„Renate, dieses Gerät hat zweihundert Euro gekostet.“
„Und was willst du jetzt von mir? Dass ich zahle?“ In der Stimme der Schwiegermutter schwang ein neuer Ton mit – nicht bloß Gereiztheit, sondern etwas Schärferes. Fast eine Herausforderung. „Ich bin Rentnerin. Krank. Ich habe so viel Geld nicht.“
„Ich will, dass Sie meine Sachen nicht anfassen.“
„Ich bin in meiner Familie!“, rief Renate Wagner – zum ersten Mal so offen, und Lena spürte: Das war das wahre Gesicht. Das, das die Schwiegermutter bis dahin unter Verschluss gehalten hatte. „Anton ist mein Sohn! Das ist seine Wohnung!“
„Es ist unsere Wohnung. Gemeinsames Eigentum, falls es Sie interessiert.“
Renate Wagner verstummte. Wieder dieser unschuldige Gesichtsausdruck – die gekränkte, unverstandene, müde alte Frau. Sie konnte augenblicklich umschalten, wie man den Kanal wechselt.
Anton, als er es erfuhr, erklärte Lena lange, die Mutter habe doch nur helfen wollen, sie sei nicht an die Technik gewöhnt, man hätte den Heißluftherd besser wegräumen sollen. Lena hörte ihn an, sah in das vertraute Gesicht und dachte: Glaubt er das wirklich? Oder sagt er einfach das, was leichter ist?
Sie fand es nie heraus. Wahrscheinlich war es ein und dasselbe.
Die Gardine im Schlafzimmer war aus Leinen, graublau, mit einem feinen geometrischen Muster. Lena hatte sie extra bestellt – passend zu den Wänden, zur Tagesdecke. Sie hatte sie selbst aufgehängt, gerade, mit Ringen, die leise über die Stange glitten.
Den Riss entdeckte sie am Samstagmorgen – lang, schräg, vom oberen Rand fast bis zur Mitte. Als hätte jemand heftig und stark daran gerissen.
Renate Wagner frühstückte in der Küche – aß mitgebrachte Zwiebacke, trank Tee, starrte aufs Handy. Auf die Frage nach der Gardine antwortete sie nicht sofort.
„Ich bin gegen die Gardinenstange gestoßen. Die Gardine hat sich verfangen.“
„Warum waren Sie überhaupt in unserem Schlafzimmer?“
„Ich bin vorbeigekommen, hab reingeschaut. Darf ich etwa nicht?“
„Das ist unser Schlafzimmer.“
„Ach, so viele Geheimnisse.“ Renate Wagner wedelte mit einem Zwieback. „Eine Gardine. Nähen Sie sie wieder zu.“
Lena verließ die Küche. Sie ging ins Schlafzimmer, schloss die Tür, setzte sich aufs Bett. Betrachtete die zerrissene Gardine, die schief hing und zu viel Licht hereinließ.
Drei Wochen. In drei Wochen – das Parfum, der Heißluftherd, die Gardine. Und das war nur, was sofort auffiel. Wie viel Kleines, Unsichtbares war umgestellt, verschoben, von fremden Händen ohne Erlaubnis berührt worden?
Lena holte das Handy hervor, öffnete die Notizen. Da war bereits eine Liste – sie hatte sie in der zweiten Woche begonnen, selbst nicht wissend, warum. Einfach notiert. Datum, was passiert war, Antons Reaktion. Systematisch, wie ein Arbeitsbericht.
Sie fügte drei neue Zeilen hinzu.
Dann öffnete sie eine andere App – die Suchmaschine. Tippte ein: Mietpreis Einzimmerwohnung, Bezirk Friedrichshain. Sie sah die Zahlen. Schloss die App. Öffnete sie wieder.
Hinter der Tür hatte Renate Wagner wieder ein Video in voller Lautstärke gestartet. Eine Stimme aus dem Handy schrie fröhlich von Rabatten in einem Möbelhaus. Anton lachte im Wohnzimmer mit seiner Mutter.
Lena saß im Schlafzimmer mit der zerrissenen Gardine und rechnete. Nicht nur Geld – obwohl das auch. Sie zählte Tage. Sie zählte sich selbst.
Und etwas in ihr, das lange geschwiegen hatte, begann immer deutlicher zu sprechen.
Alles geschah an einem Sonntag.
Lena war morgens ins Einkaufszentrum gefahren – sie brauchte neue Gardinen fürs Schlafzimmer und wollte sie selbst aussuchen, in Ruhe, ohne fremde Kommentare. In der Mall war es hell und laut, es roch nach Kaffee und frischen Backwaren aus der benachbarten Bäckerei. Sie ging zwischen den Stoffregalen entlang, fühlte das Material, betrachtete die Farben.
Neben ihr stand ein junges Paar – sie wählten gemeinsam aus, stritten leise, lachten. Die Frau sagte: „Die hier, schau mal, die sind perfekt.“ Der Mann zog die Stirn kraus, gab dann nach, und beide lachten wieder.
Lena sah ihnen länger zu, als gut war. Dann nahm sie den gewünschten Stoff und ging zur Kasse.
In ihrer Tasche vibrierte das Handy. Anton.
„Wann kommst du zurück?“
„In einer Stunde. Warum?“
„Mama möchte, dass du in den Supermarkt gehst. Sie braucht ihre Lieblingspralinen. Schreib dir den Namen auf.“
Lena blieb mitten im Gang stehen. Um sie herum gingen Leute, jemand stieß mit dem Einkaufswagen gegen sie, entschuldigte sich. Sie rührte sich nicht.
„Anton“, sagte sie ganz ruhig. „Das werde ich nicht tun.“
„Lena, sie kann doch nicht selbst, die Gelenke…“
„Anton. Nein.“
Sie steckte das Handy in die Tasche und ging zur Kasse. Bezahlte, trat hinaus auf die Straße. Stand einen Moment, hielt das Gesicht in die Sonne. Dann holte sie das Handy wieder hervor und öffnete die Notizen.
Die Liste war lang.
Zu Hause war sie um halb zwei. In der Wohnung roch es nach etwas Gebratenem – Renate Wagner stand am Herd und rührte in einer Pfanne, während sie laut mit einer Freundin telefonierte. Auf dem Tisch lagen Lenas drei Schneidebretter – alle drei, obwohl für eine Pfanne eines gereicht hätte.
„Das sind meine Bretter“, sagte Lena, als sie in die Küche kam.
„Ich benutze sie“, warf die Schwiegermutter ins Telefon, womit sie Lena meinte, obwohl sie mit der Freundin sprach. Am anderen Ende lachte jemand.
Lena räumte die Gardinen ins Schlafzimmer. Kam zurück in die Küche, stellte den Wasserkocher an. Anton saß im Wohnzimmer mit dem Laptop und tat so, als arbeite er, aber an den Geräuschen war klar – er sah Fußball.
Renate Wagner beendete das Gespräch, drehte sich zu Lena um.
„Ich hab mir was überlegt. Das Sofa im Wohnzimmer ist zu klein. Wir müssten ein neues kaufen. Anton sagt, ihr könnt es euch leisten.“
„Anton sagt das?“
„Na ja. Im Ikea gibt es welche. Hab ich auf dem Handy gesehen.“
Lena sah die Schwiegermutter an. Dieses Gesicht – selbstsicher, daran gewöhnt, dass Wünsche erfüllt werden. Sie erinnerte sich an das Parfum auf dem Boden. An den verbrannten Heißluftherd. An die zerrissene Gardine. An die Liste im Handy.
„Renate“, sagte sie, „ich möchte, dass Sie eines verstehen. Ich werde kein Sofa kaufen.“
„Wieso nicht?“
„Weil ich nicht dazu verpflichtet bin.“
Die Schwiegermutter riss den Mund auf, aber Lena ging bereits ins Wohnzimmer.
„Anton, ich muss mit dir reden.“
Er klappte den Laptop zu – doch, Fußball, sie hatte es richtig erraten – und sah sie mit dem Gesichtsausdruck eines Menschen an, der einem Gespräch schon im Voraus müde ist.
„Lena, wenn es um das Sofa geht…“
„Es geht um alles.“ Sie setzte sich ihm gegenüber, legte die Hände auf die Knie. „Ich will, dass du mir ehrlich auf eine Frage antwortest.“
„Na klar.“
„Hast du vor, irgendetwas zu ändern?“
Er schwieg. Lang – länger, als es für eine ehrliche Antwort nötig wäre. Dann sagte er:
„Meine Mutter ist krank. Ich kann sie nicht vor die Tür setzen.“
„Ich verlange nicht, dass du sie vor die Tür setzt. Ich verlange, dass du in erster Linie mein Mann bist, nicht ihr Sohn.“
„Sie ist meine Mutter, Lena. Verstehst du, was das bedeutet?“
„Und ich bin deine Frau. Verstehst du, was das bedeutet?“
Er wandte den Blick ab. Klappte den Laptop wieder auf.
Das war’s. Das war die Antwort.
Sie packte seine Sachen methodisch, ohne Hast, wie man etwas tut, das lange entschieden ist. Sie nahm aus dem Schrank – Hemden, Jeans, Sportkleidung – und legte sie in Stapeln aufs Bett. Dann holte sie aus der Abstellkammer den großen Koffer, denselben, mit dem sie vor drei Jahren nach Mallorca gefahren waren. Sie öffnete ihn und begann einzuräumen.
Anton erschien in der Schlafzimmertür, sah es und erstarrte.
„Was machst du da?“
„Ich packe dich zusammen.“
„Wie meinst du das?“
„Ganz einfach.“ Sie nahm seine Jacke vom Bügel, legte sie sorgfältig zusammen. „Du willst mit deiner Mutter leben – dann leb mit ihr. Aber nicht hier.“
„Lena, meinst du das ernst?“
„Völlig.“
Er stand da und sah zu, wie sie seine Sachen in den Koffer legte. Sie beeilte sich nicht, warf nichts hinein – sie packte ordentlich, wie sie es konnte. In einem Moment trat er einen Schritt vor, aber sie sah ihn so an, dass er stehen blieb.
„Das ist unsere Wohnung“, sagte er schließlich. „Ich gehe nirgendwohin.“
„Dann geht sie. Entscheide dich.“
Im Nebenzimmer hatte Renate Wagner den Fernseher eingeschaltet. Laut, wie immer. Eine Talkshow, in der alle durcheinander schrien und sich unterbrachen.
Anton schwieg.
Lena schloss den Koffer, stellte ihn an die Wand. Nahm seine Jacke vom Stuhl, legte sie oben drauf. Dann ging sie an ihm vorbei in den Flur, zog die Schuhe an und öffnete die Wohnungstür.
Weit. Bis zum Anschlag.
„Anton“, rief sie aus dem Flur. „Ich habe die Tür geöffnet.“
Er kam aus dem Schlafzimmer. Sah den Koffer zu ihren Füßen, die offene Tür, ihr Gesicht – ruhig, ohne Tränen, ohne Zittern in der Stimme. Das, schien es, ängstigte ihn am meisten.
Aus dem Wohnzimmer lugte Renate Wagner hervor. Sie betrachtete den Koffer, die offene Tür, Lena.
„Anton, Schatz“, sagte sie in einem Ton, wie man zu Kindern spricht: hör nicht auf Fremde, komm zu mir.
Und er machte einen Schritt. In ihre Richtung.
Lena beobachtete diesen Schritt – klein, fast unscheinbar. Aber er sagte sehr viel.
„Gut“, sagte sie leise. „Dann geht ihr beide.“
Anton drehte sich um – in seinen Augen blitzte etwas auf, ähnlich wie Angst oder wie Einsicht, die zu spät kam.
„Lena…“
„Der Koffer steht im Flur. Den Rest kannst du an jedem Tag abholen, an dem ich nicht da bin.“ Sie zog das Handy hervor, ohne ihn anzusehen. „Ich melde mich wegen der Unterlagen.“
Renate Wagner öffnete den Mund – und schloss ihn wieder. Etwas in Lenas Stimme, in ihrer Haltung, darin, wie sie an der offenen Tür stand, ließ keinen Raum für Verhandlungen. Die Schwiegermutter spürte, wo Druck wirkte und wo nicht. Hier wirkte er nicht.
Anton nahm den Koffer. Langsam, wie im Traum. Renate Wagner zog ihren Mantel an – schweigend, mit zusammengepressten Lippen, mit der Miene einer zutiefst beleidigten Person.
Sie gingen hinaus.
Lena schloss die Tür. Drehte den Schlüssel um. Stand einen Augenblick in der Stille des Flurs – einer echten Stille, ohne Fernseher, ohne fremde Stimmen, ohne den Geruch fremden Essens.
Dann ging sie in die Küche, stellte den Wasserkocher an, klappte den Laptop auf.
Draußen lebte ein normaler Sonntag. Irgendwo schrien Kinder, Autos fuhren vorbei, jemand lachte im Treppenhaus des Nachbarhauses.
Lena schenkte sich Tee ein, umfasste die Tasse mit beiden Händen und blickte aus dem Fenster.
Zum ersten Mal seit einem Monat war ihr ruhig zumute.
Drei Wochen vergingen.
Lena räumte den Tisch aus dem Wohnzimmer zurück ans Fenster – dorthin, wo er vor alldem gestanden hatte. Hängte neue Gardinen im Schlafzimmer auf. Kaufte sich ein anderes Parfum – heller, mit Noten von weißem Tee und Zeder. Stellte es auf den Schminktisch.
Anton schrieb einmal – kurz, ohne Großbuchstaben, wie Menschen schreiben, denen es peinlich ist: Können wir reden? Sie antwortete nicht sofort. Dann schrieb sie: Über den Anwalt. Er schrieb nicht mehr.
Renate Wagner rief einmal an. Begann mit Vorwürfen, ging über zu Klagen über die Gelenke, teilte dann mit, Lena habe die Familie zerstört und dafür werde es Vergeltung geben. Lena hörte eine Minute zu, dann sagte sie: „Renate, rufen Sie mich nicht mehr an.“ Und legte auf.
Das Telefon blieb stumm.
Abends arbeitete sie an ihrem Schreibtisch am Fenster – in der Stille, mit einer Tasse Tee, mit leiser Musik im Hintergrund. Manchmal blieb sie lange auf – nicht weil es nötig war, sondern weil sie wollte. Weil es ihr Abend war, ihr Schreibtisch, ihre Stille.
Am Freitag schrieb ihr Kollege Felix in der Arbeitsgruppe: „Es gibt ein gutes Café am Hackeschen Markt, gehst du da hin?“ Sie überlegte einen Moment und antwortete: „Nein. Aber man könnte es mal probieren.“ Sie trafen sich am Samstag, saßen zwei Stunden, redeten über die Arbeit und über Städte, darüber, wo man gerne leben würde. Nichts Besonderes – und genau deshalb war es leicht.
Nach Hause kam sie in der Abenddämmerung. Sie öffnete die Tür, ging in die Wohnung, machte Licht.
Alles stand an seinem Platz.
Ihrem Platz.
Sie zog die Jacke aus, hängte sie an den Haken – den rechten, weil es ihr so passte, und nicht, weil jemand anders es für sie entschieden hatte. Sie ging in die Küche, öffnete den Kühlschrank. Da stand der Joghurt – weiß, im kleinen Becher, auf der zweiten Ablage.
Unberührt.
Lena nahm ihn, öffnete ihn, stellte sich ans Fenster. Hinter der Scheibe gingen in den Häusern gegenüber die Lichter an, die Stadt wechselte in den Abendmodus, still und gleichmäßig.
Sie aß den Joghurt bis zum Ende. Langsam, mit Genuss.
Und lächelte – einfach so, ohne Grund, oder mit allen Gründen auf einmal.