Anna hat ihrem Ehemann niemals vertrautAls sie schließlich das versteckte Tagebuch fand, erkannte sie, dass ihr Mann seit Jahren ein Doppelleben führte.

Heike hatte ihrem Mann nie ganz vertraut. Deshalb musste sie sich immer allein auf ihre eigenen Fähigkeiten verlassen so war es in ihrem Familienleben geraten.

Wolfgang, ihr Ehemann, war hübsch wie ein frisch erblühter Mohn und stets das Herz jeder Gesellschaft. Er trank nur in Maßen, rauchte nicht, und für Fußball, Angeln oder Jagd hatte er keinerlei Lust. Kurz gesagt: ein Junge, der wenigstens das Herz am rechten Fleck hat.

Durch diese positiven Eigenschaften vermutete Heike, dass Wolfgang außerhalb des heimischen Hauses Trost suchte. Solche Männer findet man nicht jeden Tag. Und die Jägerinnen würden sich schon finden

Einziger Trost für Heike waren die unerschütterliche Zuneigung, die Wolfgang seinem Sohn entgegenbrachte. An dem kleinen Stefan hing Wolfgang wie ein Lamm am Weibchen. Seine ganze Freizeit widmete er dem Jungen, weshalb Heike glaubte, dass diese väterliche Leidenschaft ausreichen würde, um die Familie zusammenzuhalten.

In der Schule wurde Heike wegen ihrer feuerroten Haare und den Sommersprossen, die wie Sternenstaub über ihr Gesicht verstreut waren, spöttisch Hänschen genannt. Ihre Mutter, eine wahre Schönheit, hatte ihr seit Kindertagen eingeredet:

Heike, du bist für mich das hässliche Entlein. Entschuldige den Vergleich, doch die bittere Wahrheit musst du akzeptieren. Wer sonst würde dir die Wahrheit ins Gesicht sagen? Nur deine eigene Mutter. Keiner wird dich heiraten, also musst du dich künftig nur auf dich selbst verlassen. Lern fleißig, mach nach der Schule Karriere, und wenn dir irgendwann ein guter Mann begegnet, sei nicht wählerisch werd seine gehorsame Ehefrau.

Dieses Mahnwort prägte Heike ein Leben lang.

Nach dem Abitur, das sie mit einer Goldmedaille abschloss, ging Heike an die Universität. Dort lernte sie Wolfgang kennen. Sie verstand nicht, warum ein so begehrenswerter junger Mann plötzlich Interesse an ihr zeigte. Wolfgang gestand ihr später, sie sei die einzige Frau, zu der er den Mut gefunden habe, zu gehen. Heike trug nie Makeup, war nicht auffällig gekleidet und konnte nicht mit Männern flirten. Sobald ihr klar wurde, dass dieser angesehene Bursche ernsthaft um sie buhlte, ergriff sie die Initiative sie wollte das Geschenk des Schicksals nicht versäumen.

Heike schlug Wolfgang vor, sie zu heiraten. Der junge Mann war zunächst verblüfft über das unverhohlene Angebot, doch Heike versprach, eine sanfte, gehorsame und treue Frau zu sein. Die Liebe wird mit der Zeit kommen, überzeugte sie ihn. Nach einigem Zögern stimmte er zu, sein Leben mit dieser unscheinbaren, aber temperamentvollen Frau zu verbinden. Die Zustimmung kam auch von Wolfgangs Mutter, Klara.

Als Wolfgang das erste Mal seine zukünftige Schwiegermutter, Klara, in ihr Haus brachte, musterte sie Heike mit einem missbilligenden, fast herablassenden Blick. Heike gefiel ihr überhaupt nicht.

Der Sohn ist ja ein Traum schöner als die Sonne, heller als der Mond. Jede Frau würde ihn heiraten! Und dann diese SommersprossenMischung.

Der erste Aufeinandertreffen war alles andere als ideal.

Heike spürte jedoch Klaras Missfallen. Tief im Inneren wusste sie, dass ein schöner Mann das Familienglück gefährden könnte. Trotzdem wollte sie diese Chance nicht verstreichen lassen. Sie ging ohne Wolfgang zu Klara und bot ihr Tee an. Dieses Mal wirkte Heike sogar sympathisch.

Ich gewöhne mich daran, dachte Klara überrascht. Heike versprach, Wolfgangs Sohn treu und gehorsam zu lieben ein Argument, das Klaras Vorbehalte gegenüber der zukünftigen Schwiegertochter überwand.

Klara war eine alleinstehende Frau; ihr Mann hatte sie und den Sohn längst für eine neue Liebe verlassen. Ein Jahr später kehrte er jedoch, erschöpft und zerrissen, zurück. Die Familie des untreuen Mannes hatte ihn nicht aufgenommen. Diese Zeit war schwer, und Klara fragte sich immer wieder, ob sie den Verräter verzeihen sollte oder nicht.

Alleine einen Sohn zu erziehen, war ein harter Kampf. Deshalb beschloss Klara, Wolfgangs Wahl zu unterstützen. Sie begriff, dass Heike alles tun würde, um zu Wolfgang zu gelangen sogar über holprige Wege. Und das war alles, was eine Mutter für das Glück ihres Sohnes brauchte. Sie segnete die Ehe.

Ein Jahr später wurde ihr Sohn Stefan geboren. Er war eine exakte Kopie seines Vaters, zu seiner großen Freude. Wolfgang schwebte um den Kleinen wie ein besessener Falter; Stefan wurde zum Mittelpunkt seines Lebens.

Doch die Liebe zu seiner Frau ließ nicht aufblühen. Heike erwiderte Wolfgang ebenfalls nicht leidenschaftlich. Ihr Alltag war ruhig: Heike wusch und bügelte seine Hemden, kochte, küsste ihn zum Abschied. Wolfgang gab ihr sein ganzes Gehalt, schenkte Blumen zum Geburtstag und küsste sie morgens. Alles wirkte mehr nach Ritual als nach echter Zuneigung.

Das Paar wartete auf echte eheliche Gefühle, von denen sie aus Büchern und Freundeskreisen gehört hatten. Nach fünf Jahren fand Wolfgang das, wonach er gesucht hatte jedoch nicht in seiner eigenen Familie.

Eine Frau von himmlischer Schönheit, namens Brigitte, eroberte sein Herz. Sie war wie ein Engel, verführerisch und unwirklich. Wolfgang konnte ihren Zauber nicht widerstehen. Brigitte erwiderte seine Gefühle. Halbes Jahr lang trafen sie sich in Cafés, auf Bänken, in Wohnungen von Freunden. Das geheime Spiel zermürbte Wolfgang. Er log immer häufiger vor Heike. Stefan sah seinen Vater oft verärgert, nicht mehr freundlich.

Brigitte stellte eine Bedingung: Entweder du bleibst bei mir, oder wir bleiben nur Freunde. Ich will keine alte Witwe sein.

Wolfgang stand vor einem Dilemma. Er wollte Brigitte nicht verlieren, doch sein Sohn war ihm ebenso lieb. Heike schien plötzlich ganz aus dem Bild zu verschwinden. Stefan war fünf, als Wolfgang seine Sachen packte und das Haus verließ.

Heike erinnerte sich immer wieder an die Worte ihrer Mutter. Was einst schmerzlich war, wurde nun zu einer leisen Kraft. Sie erkannte, dass sie den Abgang ihres Mannes überleben würde, ohne in den Fluss zu springen oder drei Bäche zu durchweinen die Impfung ihrer Mutter hatte ihr Halt gegeben.

Der Abschied zerriss ein Stück ihres Herzens, das tief in ihr verweilte. Doch das Glück ist wie ein freier Vogel, er setzt sich, wo er will.

Am Abschied sagte Heike zu Wolfgang:

Denk daran, die Tür steht dir immer offen. Komm nicht zu lange. Stefan liebt dich sehr. Lass ihn nicht leiden.

Wolfgang wanderte noch ein halbes Jahr zwischen Sohn und Brigitte hinundher. Heike bewahrte die Zahnbürste ihres Mannes in einem kleinen Glas im Bad. Jedes Mal, wenn Wolfgang zu Stefan ging und sich die Hände wusch, blickte die Bürste ihn mit leerem Blick an ein stummes Mahnmal. Eines Tages steckte Wolfgang die Bürste in seine Tasche und fluchte: Ich werfe sie weg, damit sie mich nicht quält.

Doch beim nächsten Besuch lag eine neue Bürste im Glas. Auf der Küche wartete stets seine Lieblingstasse mit heißem Kaffee, im Flur standen die Hausschuhe, die geduldig auf ihren Herrn warteten. All diese kleinen Dinge nagten an Wolfgangs Seele. Er wollte schnell mit Stefan spielen und das Haus verlassen. Keine Erklärung konnte er sich selbst geben, warum er die Familie verließ. Eine unerklärliche, unbezähmbare Kraft zog ihn zu Brigitte.

Tag für Tag stellte er sich dieselben Fragen: Wie soll ich meinen Lieben nicht wehtun? Wer kann mir den Ausweg zeigen? Keine Antwort kam.

Vielleicht hätte er Heike am Tor aufhalten können, sie die Verführerin verfluchen und damit Wolfgang aus der Patsche ziehen können. Doch Heike blieb still. Immer wenn Wolfgang das Haus verließ, sagte sie leise: Komm zurück, Wolfgang. Vergiss uns nicht.

Bei Brigitte kehrte er erschöpft zurück. Sie mochte die ständige Aufregung rund um Stefan nicht. Sie warf ihm vor: Wenn ich dich verlasse, dann wegen deines Sohnes. Du kümmerst dich mehr um ihn als um mich. So vergingen Jahre.

Freundinnen flüsterten Heike zu:

Gott, heirate endlich jemanden! Was wartest du? Stephan braucht einen Vater nicht nur zu Festen, sondern jeden Tag! Und du bist noch jung! Vergiss Wolfgang! Ein Dorn im Rosenbusch, der die Lerche nicht zum Nest führt. Er wird Brigitte nicht verlassen.

Heike hörte die Predigten, seufzte und schwieg. Mit der Zeit hörten die Freundinnen auf, sie zu drängen. Alle akzeptierten, dass sie allein war.

Die Zeit verging gnadenlos. Wolfgang besuchte Stefan nicht mehr. Vater und erwachsener Sohn trafen sich nur noch an neutralen Orten. Stefan beendete die Schule. Heike erkannte, dass ihr Mann nie zurückkehren würde zwölf Jahre waren vergangen.

Sie setzte einen Schlussstrich und beschloss, nicht länger zu warten. Noch voller Kraft, entschied sie, ein zweites Kind zu bekommen. Sie nahm ein Ticket und flog in die sonnigen Gefilde des Mittelmeers, wo sie einen kurzen, unverbindlichen Sommerflirt erlebte eine flüchtige Romanze ohne Verpflichtungen.

Neun Monate später kam Sams Schwester, Mara, zur Welt. Heikes Freundinnen waren überrascht von ihrem entschlossenen Schritt. Sie warteten am Kreißsaal, um das Baby zu begrüßen.

Heike trat müde, aber glücklich hervor, ein kleines Bündel mit rosa Schleifen in den Händen.

Hallo, Mädels! Bitte verwöhnt meine kleine Mara! lächelte sie.

Eine Freundin spöttelte:

Und wie soll ich sie nennen, nach dem Vater?

Erst muss er erst erwachsen werden!, schnappte Heike zurück.

Kein Spott konnte die Freude an Mara trüben. Heikes Leben drehte sich nun einzig um die Erziehung ihrer Tochter.

Stefan war ihr erster, unersetzlicher Helfer. Er liebte seine kleine Schwester. Fragen nach ihrem leiblichen Vater stellte er nicht denn Heike war einfach nur glücklich.

Als Mara drei Jahre alt war, kam sie in den Kindergarten. Dort lernten die Kinder, dass es neben Müttern auch Väter gibt. Mara wollte ihren Bruder Stefan plötzlich Papa nennen ein witziges, aber bittersüßes Verlangen.

Eines Abends klingelte es an Heikes Tür. Mara rannte zur Tür und rief: Das ist mein Papa!

Heike sah durch das Türspion und erkannte Wolfgang! Sie öffnete die Tür weit.

Darf ich reinkommen, Heike? sagte er, zögernd, mit schweren Schritten.

Komm herein, wenn du willst, antwortete Heike, überrascht, aber gelassen.

Wolfgang stellte zwei prall gefüllte Taschen beiseite und ließ den Rucksack fallen. Mara stürzte zu dem fremden Mann, umarmte ihn:

Mama, das ist doch mein Papa, oder?

Heike, Tränen in den Augen, nickte:

Ja, Mara, das ist dein Vater.

Wolfgang nahm das kleine Mädchen auf den Arm, küsste ihre sommersprossige Nase und strich ihr goldiges Haar:

Hallo, mein kleiner Rotschopf!

Dann drückte er Heikes Hand, küsste sie leidenschaftlich:

Danke, Heike, dass du mir vergibst. Kann ich auf die Knie gehen?

Heike griff fest um seinen Unterarm und ließ ihn nicht niederknien.

Willkommen zurück, mein bitterer Honig. Du warst siebzehn Jahre fort, aber ich trage keinen Groll. Wer die Vergangenheit beschwert, verliert das Jetzt. Wir brauchen dich, das weißt du.

Stefan stand daneben, die Augen weit offen vor Erstaunen, und lächelte.

Wochen später, nach dem Sturm, rief Heike ihre neugierige Freundin an und sagte:

Du wolltest den Vornamen meiner Tochter wissen? Sie heißt Maria Wolfgang­sen.

—Und so fanden Heike und Wolfgang endlich Frieden in den leisen Momenten ihres gemeinsamen Lebens.

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