Es war das erste Mal, dass die Nachbarstochter Anna bei uns blieb, und ich wusste noch nicht, dass sie von ihrer Oma großgezogen wurde. Äußerlich sah sie aus wie ein ganz normales Mädchen. Beide Eltern waren Künstler und kümmerten sich nicht groß um ihr einziges Kind, sondern überließen es der Großmutter. Ihre Wohnung vermieteten sie und reisten selbst durch Asien, wo sie an Stränden lagen und exotische vedische Landschaften mit Tempeln und Dschungeln malten.
Als Anna dann zu uns kam, schaute sie mich mit ihren blauen Augen lieb an und schüttelte vorwurfsvoll den Kopf. Sie stellte meine wirr herumstehenden Schuhe ordentlich paarweise nebeneinander.
„So macht man das bei ordentlichen Menschen“, erklärte sie geduldig auf meinen verdutzten Blick hin, „damit der Kopf nicht weh tut.“
Meine Frau hatte sich an diesem Tag entschieden, einkaufen zu gehen und ließ mich bis abends bei den Mädchen. „Erst sollen sie spielen“, instruierte sie mich genau, „dann geh mit ihnen für eine Stunde in den Hof, anschließend füttere sie. Werden sie müde, sollen sie schlafen.“
Um ehrlich zu sein, wurde ich betrübt. Den ganzen Tag auf zwei Kinder aufzupassen, kam mir wie Schwerstarbeit vor, aber es führte kein Weg dran vorbei. Unsere Sophie, die mit ihrem am Vortag geschenkten “Baby Born” spielte, freute sich über den Gast nicht besonders. Durch die harten Spielzeugkonkurrenzen im Kindergarten war sie misstrauisch und auf der Hut. Die Vorstellung, die Fremde könnte gleich auf ihren neuen Schatz Anspruch erheben, schien ihr gar nicht abwegig.
Doch Anna handelte ganz anders. Sie setzte sich ruhig hin und beobachtete Sophie zehn Minuten lang, bevor sie sich lautlos von hinten näherte: „Meine Liebe,“ flüsterte sie sanft, während sie sie liebevoll umarmte, „darf ich auch spielen?… Hier, ich hab’ dir ein Brötchen mitgebracht,“ und zog eine Tüte hervor. Die Vorbereitungen meiner Tochter, ihr Hab und Gut bis zum letzten Tropfen Blut zu verteidigen, wurden durch die überraschende Geste durchkreuzt und sie ließ Anna den “Baby Born” widerstandslos überreichen. Noch dazu, obwohl sonst nie warmes Gebäck essend, kaute sie gehorsam das Kohlbrötchen und schaute zu, wie dem Püppchen die Nägel geschnitten und es ins Bett gebracht wurde.
Der “Baby Born” war vor dem Schlafengehen etwas quengelig und weinte sogar ein wenig, woraufhin Anna treffend meinte: „Je mehr es weint, desto weniger nässt es sich ein.“ Als die Puppe in beider Meinung nach eingeschlafen war, legte ich ihnen eine Teletubbies-DVD ein, die unserer Gastfreundin besonders gefiel.
„Richtig süß, wie Engelchen“, meinte Anna entzückt und stopfte dabei unserer Sophie ein weiteres Brötchen in die Hände: „Iss nur, bei dir sieht man ja schon fast die Knochen…“ Als sowohl die Brötchen als auch die Zeichentrickfilme zu Ende waren, machten wir uns für die Runde im Freien bereit. Doch auch hier übernahm Anna die Vorbereitung souverän allein. Nachdem sie sich und Sophie fertiggemacht hatte, sagte sie: „Mit Gott!“ und wir gingen in den Hof. Dort übernahm Anna ohne Mühe die Kontrolle über den gesamten Spielplatz, sodass weder ich noch die anderen Eltern eine Chance hatten, auf die Kinder aufzupassen.
„Junge, Jun-ge, warum rennst du wie ein kopfloses Huhn?“, rief sie ab und zu aus der Sandkiste. „Was hast du gesagt? Ich stopf dir jetzt Sand in den Mund! Ruhe, Mädchen – die Polizei kommt! Hey, runter vom Baum, du Frechdachs!“
Die Mädchen versammelten sich erwartungsgemäß um den neuen „Baby Born“, aber Anna verscheuchte resolut all Sophies Spielplatzfreundinnen. „Schaut euch die an“, sagte sie entschieden zu ihr, „falsche Freundinnen… sie wollen nichts als nehmen… Meine Oma kennt solche auch, die bringen bis heute keine Marmeladengläser zurück…“
Beim Mittag überzeugte Anna Sophie, dass der Brei ihr sonst hinterherlaufen würde, und brachte sie so dazu, zwei volle Teller ungeliebten Griesbreis zu essen. Ich war erstaunt, da ich es gewohnt war, um wenigstens einen Löffel zu betteln.
Im Großen und Ganzen fand meine Frau bei ihrer Rückkehr am Abend völlige Harmonie vor. Ich, keineswegs durch die Kinder erschöpft, ging meinen Aufgaben nach, während die Mädchen alte Strumpfhosen mit der Glühbirne stopften, die sie von mir geliehen hatten.
Als meine Frau Anna nach Hause brachte, erlaubte Sophie ihr sogar, den “Baby Born” für die Nacht mitzunehmen, und Anna ging zufrieden davon: „Danke, ihr seid wirklich gute Menschen, wir werden ihm mit Oma ein Schlafmärchen vorlesen und flüstern.“ Sie zog ihre Schuhe an, schaute uns an der Tür noch einmal an und sagte mit Gefühl: „Was für gute Menschen!“