ZWEI OMA’S WOHNEN IN EINEM HÄUSCHEN…

Ich erzähle Ihnen die Geschichte von zwei alten Frauen, die seit vielen Jahren zusammen in einem kleinen Fachwerkhaus am Rand des Schwarzwalds leben.Liselotte Müller ist 86Jahre alt, Heidemarie Schmidt 84. Sie sind nicht verwandt, doch vor etwa fünfzehn Jahren beschlossen sie, ihr Dasein zu teilen, weil das Alleinsein ihnen mehr zu schaffen macht als ein Gespräch.

Sie wohnen bei Heidemarie, weil ihr Haus stabiler gebaut ist; Liselottes einst stattlicher Bauernhof wurde wegen der kalten Saison zu Brennholz gerodet. Fünf lange Winter haben sie mit dem Holz vorgehaltener Stube durchgewärmt, und nie fehlte ihnen das Notwendige. Früher hielten sie ein kleines Vieh und Hühnergehege, doch mit den Jahren wurde die Pflege immer mühsamer das Gemüsefeld blieb ein zweites Jahr unbepflanzt, und das Feuer im Ofen zu erhalten, wurde zu einer Belastung.

Einmal in der Woche kommt ihr Enkel Sebastian, von den Nachbarn Sepp genannt, ein 35jähriger Mann aus München. Auf seinem Motorrad trägt er einen großen Sack voll Brot, Brezeln, Tee und Zucker das ist ihr Hauptfutter, gelegentlich kochen sie noch Kartoffeln auf dem Petroleumkocher. Wenn Sepp ankommt, laufen beiden die Tränen über die Wangen.

Wenn ihr weiter weint, fahre ich nicht mehr zu euch, protestiert er.
Schon gut, wir hören damit auf, beruhigen sie ihn. Schnell entlädt er die Vorräte, holt Wasser aus dem tiefen Brunnen, schiebt Holz in den Ofen, sodass sie nur noch ein Streichholz anzünden müssen, und fragt dann stets: Wünscht ihr noch etwas? Nächste Woche bin ich wieder. Dann flitzt er, wie ein erschrecktes Reh, zur Motorhaube, startet und verschwindet.

In den kurzen Sommernächten schlafen sie kaum; sie liegen still beieinander.

Schläfst du nicht, Heidemarie? flüstert Liselotte.
Nein, ich habe seit dem Abend kein Auge zugemacht, antwortet Heidemarie.
Ich auch nichtWoran denkst du?
An alles.
Ich an das Licht dort obenWas dort ist, weiß keiner.
Und nie wird es jemand erfahren, sagt Heidemarie.

Ihre Körper werden schwächer, doch der Verstand arbeitet noch klar, manchmal sogar schärfer als in der Jugend, weil die Ferne besser überblickt wird, obwohl das Gedächtnis gelegentlich Lücken zeigt. Eines Nachts steht Liselotte auf und will sich anziehen.

Wohin willst du? ruft Heidemarie.
Nach Hause.
Dein Haus ist doch hier!
Nein, ich will nach Hause, stammelt Liselotte, schüttelt den Kopf, greift nach der Tür, dreht um, legt die Kleider ab und legt sich wieder ins Bett.

Heidemarie sagt nichts, erkennt aber, dass Liselotte einen kurzen geistigen Zusammenbruch erlitten hat, aus dem sie jedoch schnell wieder hervorkommt. Sie lassen sich nicht von lähmender Tristesse übermannen; Heidemarie bleibt trotz allem lebensfroh.

Hör zu, mein dummer Verstand, beginnt sie, die Welt ist nicht ohne gütige Menschen. Sepp kommt uns, bringt das Essen, wir haben Holz. Wir wohnen in unserem Haus, im Warmen und im Licht. Der Staat zahlt uns Rente. Was fehlt uns noch?
Du hast die Stimme, du hast einen Enkel. Ich habe niemanden, erwidert Liselotte. Wenn meine Glieder versagen, führt das zum Pflegeheim.
Ich lasse dich nicht im Stich! Solange ich lebe, bleibst du bei mir. Und wenn wir im Heim sind, sind dort auch Menschen.

Liselotte lächelt, Heidemarie strahlt vor Heiterkeit und Liebe.

Beide Frauen reden oft über ihr Leben. Sie sind Zeitgenossinnen, haben fast alles zusammen erlebt. Ihre Kinder waren zur Kriegzeit alt genug. Liselotte hatte vier Söhne, Heidemarie zwei. Liselotte verlor ihren Mann, der sich beim Dreschen den Bauch verletzt hatte und an einer Blinddarmentzündung starb. Einer nach dem anderen erlag Liselottes vier Söhne dem Krieg. Sie ertrug diese Verluste, fiel jedes Mal bewusstlos, wurde von Nachbarn mit Wasser versorgt und stand dennoch immer wieder auf bis zu ihrem 85.Geburtstag. Sie hegte keinen Groll, doch die Bitterkeit blieb, und ihr Herz war stets von Trauer gezeichnet.

Heidemarie verlor ebenfalls ihren Mann und einen Sohn, ein zweiter kehrte als Kriegsversehrte zurück, heiratete, starb aber nach 37Jahren. Ihre Schwiegertochter heiratete erneut, und Sepp lebte fortan bei Heidemarie. Sie dankte Gott für ihr Überleben: Mein Stamm ist nicht bis auf die Wurzel ausgerissen, ich habe einen Enkel, der für uns sorgt, und er hat schon eigene Kinder.

Und, liebe Heidemarie? Brauchen wir noch etwas? Ein Stück Brot und eine Tasse Tee halten uns den ganzen Tag satt.
Ich brauche nichts, möge Gott mir nur den Tod bringen, wenn die Zeit kommt.
Der Tag wird kommen, dann sterben wir, verspricht Heidemarie.

Im Frühling, noch in den dicken Wintermänteln und Pelzschals, treten sie auf die Veranda, setzen sich auf die alte Holzbank, wärmen sich in der Sonne und riechen den Duft der Erde. Die Jahreszeit weckt in ihnen einst kindliche Freude, später jedoch die Sehnsucht nach vergangenen Lieben, und nun spricht sie von Verfall.

Stundenlang sitzen sie, die Hände auf dem Stock, das Gesicht leicht zur Sonne geneigt, nur gelegentlich zuckt ein Auge. Wenn sie reden, leuchten ihre Gesichter, die Lippen beben leicht.

Wie schön, bald zu sterben! Die Wärme, die Blumen, das Gras, das Zwitschern der Vögel.
Ja, der Boden ist locker wie Watte, das Graben macht Spaß.

Eines Morgens überkommt Liselotte ein plötzliches Unbehagen. Sie setzt sich kurz hin, steht dann mühsam auf, krabbelt zur Stube, die Hände zittern wie Vögelchen, stützt sich am Geländer, stolpert über den Schwellen und legt sich seitlich ins Bett. Ein leiser Stöhnen entspringt ihr. Heidemarie bemerkt sofort, dass etwas nicht stimmt, folgt ihr in die Stube und sieht, wie Liselottes Gesicht immer blasser wird. Sie versteht, dass Liselotte nicht mehr lange zu leben hat, und beobachtet sie still.

Liselotte versucht, sich aufzurichten, aber ihr Körper gibt nach, sie fällt wieder auf die linke Seite, dann auf den Rücken, und windet sich leise im Bett. Heidemarie eilt mehrmals zu ihr, doch ist ihr nichts zu helfen. Sie setzt sich an die Tür, um nicht zu stören, während Liselotte immer schwächer wird.

Am Abend erscheint eine seltsame Ruhe. Liselotte öffnet die Augen, ihr Gesicht wirkt bleich, doch ihr Blick schweift friedlich umher, das Herz schlägt nur noch schwach. Heidemarie zieht sich zurück, damit Liselotte nicht gestört wird. Kurz darauf stirbt Liselotte endgültig.

Heidemarie, die über die Stube wacht, hört nur noch ihr letztes Atemgeräusch. Sie fühlt sich, als hätte jemand ihr die Hand von der Decke genommen und sie sanft auf das Bett gelegt, wo Liselotte liegt. Ihr Herz schlägt noch ein paar Mal, dann verstummt es endgültig.

Verdammt! Wer lässt mich hier allein zurück? ruft sie durch das Haus. Wie konnten wir nur so eng zusammenleben!Wenn kommt Sepp? Ich will Rache, aber an wem?

Sie bleibt die ganze Nacht wach, bis die Morgendämmerung anbricht, begleitet vom leisen Gesang der Amseln. Am Morgen dröhnt Sepps Motorrad vor dem Haus, und Heidemarie, mit plötzlich jüngeren Beinen, steigt auf die Veranda.

Die Engel haben dich heute hierher gebracht, Sepp, sagt sie. Liselotte ist gestorben.
Sepp wird blass.
Wie soll ich jetzt allein weiterleben?, flüstert Heidemarie und bricht in Tränen zusammen.
Du, alte Frau, denk nicht daran. Ich lasse dich nicht. Im Winter nehme ich dich zu mir mit.
Gott möge mir den Tod im Sommer bringen.
Du redest immer wieder dasselbe. knurrt Sepp.
Worüber soll ich noch reden? Du bist mein Verwandter, deine Frau ist fremd, und ich werde wie ein Baumstumpf in eurer Familie stehen.
Darüber muss man nicht reden.

Zwei Tage lang kümmern sich Heidemarie und Sepp um das Haus. Heidemarie wirkt wie neu, als hätte Liselottes Geist ihr neue Kraft verliehen. Sie läuft durchs Haus, facht das Feuer an, kocht, als wäre sie zehn Jahre jünger.

Allein bleibt Heidemarie mit einer tiefen Sehnsucht zurück, die sie nicht zu zähmen weiß. Fünfzehn Jahre des gemeinsamen Lebens haben sie zu Schwestern gemacht; jede sah die andere als ihr zweites Ich. Nie hatten sie einen Moment, an dem sie sich nicht streiten oder gegenseitig Vorwürfe machten. Sie wussten, dass sie nur zusammen überlebten und fürchteten das Alleinsein.

Du hast es gut, Heidemarie, du hast alles! verspottet Liselotte im Geiste. Und ich? Was bleibt mir?

Sepp besucht sie fast täglich, bleibt manchmal über Nacht, bringt Brezeln und Trockenfrüchte, die Heidemarie in den Tee taucht. Doch selbst diese Leckereien können die Leere nicht füllen.

Eines Mittags, mitten im Sommer, hört Heidemarie plötzlich Liselottes Stimme:
Hey, alte Närrin, du hockst hier zu lange!
Sie öffnet die Tür zur Diele, doch niemand ist zu sehen. Sie geht um das Haus herum, schiebt mit einem Stock das Unkraut von den Beeten nichts. Trotzdem ist sie überzeugt, Liselottes Stimme zu hören, als wäre sie ein Echo ihres eigenen Traums.

Sie must mir gefehlt haben, denkt Heidemarie, und plötzlich lassen ihre Glieder nach, ihre Kräfte schwinden. Sie tastet zum Schrank, holt ein Bündel frisch genähter Kleidung, legt es auf den Tisch und legt sich dann auf das Bett.

Ob Tag oder Nacht, sie weiß es nicht, und wie lange sie dort liegt, bleibt ungewiss Stunden oder vielleicht Tage. Sie spürt, wie das Leben in ihr verklingt, doch Schmerz fehlt, stattdessen ist ein seltsamer Trost da. In ihrem Geist blitzen kurze, leuchtende Bilder ihres Lebens: ein dreijähriges Mädchen, das mit der Großmutter auf einer blühenden Wiese spielt, ihr junger Mann in weißer Tracht, die Kinder beim Dreschen, das rhythmische Klopfen der Sägemaschine, der Duft von Stroh, Heu und Leinöl. Ihre Existenz erscheint ihr einmal unendlich lang, dann wieder in einem Wimpernschlag.

Als Sepp mit dem Motorrad zurückkehrt, findet er seine Großmutter leblos, lässt den Kopf auf den Tisch neben dem Bündel fallen und bricht in lauten Weinen aus.

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