– Warum öffnest du die Tür nicht? – Will nicht! Und ich werde es auch nicht tun. Gäste müssen ihre Besuche ankündigen und nicht in Kisten, Kühlschränken und Schränken herumklettern. – Du meinst, du willst das nicht? Das ist doch meine Mutter! Sie ist zu mir gekommen! – Dann begrüß sie! Aber nicht in meinem Haus.

Warum machst du die Tür nicht auf? Ich will nicht! Und ich werde es auch nicht tun. Gäste müssen vorher Bescheid geben, bevor sie vorbeikommen, und sie sollen nicht in Schränke, Kühlschränke oder Regale klettern. Du willst das also nicht? Das ist doch meine Mutter! Sie ist doch zu mir gekommen! Dann heißt es eben: Willkommen, aber nicht in meiner Wohnung.

Und hier hat sich die Lisa besser mit meiner Mutter verstanden.

Weißt du, wenn ich jetzt anfange, aufzuzählen, worin mein Ex besser war als du, würden wir beide rot werden.

Obwohl ich mir nicht sicher bin, unterbrach Anneliese nervös und wischte den Küchentisch ab. Wenn ihr beide es mit Lisa so gut hattet, warum hast du dich dann von ihr getrennt?

Lukas wandte sich beleidigt ab und blickte düster aus dem Fenster.

Du kennst die Geschichte ja selbst

Ich kenne sie. Dann erzähl mir also nicht von deiner Liselotte, schnitt Anneliese zurück. Sonst werde ich deine nächste Ex.

Anneliese war bereits bereit, radikale Schritte zu gehen.

Sie hatte Viktor vor etwa einem Jahr auf einer Party kennengelernt. Sie kannte auch die Lisa, wenn auch nicht besonders gut. Lisa hatte Viktor mitgebracht, und nach einigen Monaten war sie von allen Meldungen verschwunden.

Eines Abends, betrunken, erzählte Lukas, dass er sich von ihr getrennt hatte, weil er sie beim Fremdgehen erwischt hatte. Er vergoss sogar eine Träne.

Das wirkte auf Anneliese irgendwie süß: Ein Mann, der seine Gefühle nicht versteckt, schätzt die Liebe. Etwas in ihr klickte, sie wollte trösten und unterstützen.

Sie wusste, dass das Etwas vor allem ein mütterlicher Instinkt war, nicht ein bloßes romantisches Interesse. Doch das reichte, um zwischen ihnen eine Beziehung zu starten.

Anfangs lief alles wie im Märchen. Er holte sie nach der Arbeit ab, fuhr sie nach Hause, schickte täglich liebe Nachrichten und fragte, ob sie warm angezogen war. Anneliese fühlte sich umsorgt.

Erstmals war sie beunruhigt, als Lisa ihr schrieb:

Hallo. Ich habe gehört, du triffst dich mit Viktor. Das geht mich natürlich nichts an, aber sei vorsichtiger mit ihm. Sie haben ein hartes, unzertrennliches Duo mit ihrer Mutter.

Anneliese notierte das, aber sie hielt es für Kleinigkeiten. Liebe überwindet doch solche Hindernisse. Wenn es bei ihm mit einer Frau schlecht lief, heißt das nicht, dass es mit der nächsten genauso sein muss.

Hallo. Ich glaube, wir klären das selbst. Danke trotzdem für die Warnung, antwortete Anneliese.

Sie wollte das Gespräch nicht weiterführen. Es schien ihr unhöflich, Viktor damit zu belasten.

Viktor hingegen dachte nicht an ihr Wohlbefinden.

Als seine Mutter, Margarete Hofmann, das erste Mal unangekündigt vorbeikam, reagierte Anneliese fast gelassen.

Vielleicht verstehen beide nicht, wie unangenehm das für die andere Seite ist. Wahrscheinlich macht sich Margarete Sorgen um ihren Sohn und will sehen, mit wem er zusammenwohnt.

Anneliese schickte Viktor, die Mutter abzuholen, zog hastig einen Pulli an, band das Haar zu einem Knoten und ging, halb verschlafen, zur potenziellen Schwiegermutter. Noch bevor sie das Wohnzimmer betrat, inspizierte sie bereits die Kommoden.

Ach, alles ein bisschen durcheinander, sagte Margarete mit einem leicht nachsichtigen Lächeln. Und dann haben Sie noch unpaarige Socken. Anneliese, jetzt frühstücken wir, und ich zeige Ihnen, wie man die Kleidung ordentlich faltet, damit nichts knittert oder verloren geht.

Statt eines förmlichen Guten Tag zu sagen, wirkte Margaretes ungezwungenes Eindringen in Annelieses private Sphäre fast grob.

Doch auf Grobheit mit Grobheit gleich zu Beginn einer Beziehung zu antworten, fühlte sich falsch an, also hielt Anneliese ein.

Ach Kindchen, du hast ja wirklich müde Augen! fuhr Margarete mitfühlend fort. Du brauchst Gurkenmasken. Oder besser: Nieren untersuchen. Ich habe da eine Bekannte

Anneliese lächelte, nickte und tat so, als interessiere sie sich für die Krankheiten fremder Menschen. Sie träumte nur davon, schnell wieder einschlafen zu können es war erst 8Uhr morgens am Sonntagnachmittag. Sie hatte gestern bewusst spät ins Bett gegangen, um auszuschlafen.

Die Besuche von Margarete zogen sich bis zum Abend. Anneliese erhielt eine Flut an Kritik und nützlichen Ratschlägen, wie man Pflanzen gießt, die Badewanne putzt und Löffel poliert. Sie durfte sogar ein wenig üben. Sie fühlte sich ausgepresst wie eine Zitrone, und Viktor half ihr den ganzen Tag über nicht ein einziges Mal, noch einen Hinweis an seine Mutter zu geben, dass sie eine Pause wollten.

Sag mal, ist deine Mutter immer so aktiv? fragte Anneliese vorsichtig vor dem Schlafengehen.

Sie mochte große Familien und enge Beziehungen, wollte aber ein bisschen Abstand bewahren.

Ja, und? Sie will einfach nur Freundschaft schließen, zuckte Viktor die Schultern. Früher haben Lisa und ich bei ihr gewohnt, das war gemütlich. Jetzt ist ihr zu langweilig allein.

Ich hoffe, wir werden nicht zu dritt leben seufzte Anneliese.

Wo liegt das Problem? Bist du gegen meine Mutter? wurde Viktor etwas gereizt. Mit Lisa kam sie gut klar, alles war prima.

Anneliese schwieg. Lisa war acht Jahre jünger, immer darauf aus, sich bei anderen einzuschmeicheln. Natürlich waren sie befreundet.

Vermutlich kannte sie alle Freundinnen von Margarete beim Namen, kannte deren Diagnosen, bügelte die Bettwäsche perfekt und kochte nach den Rezepten der Schwiegermutter.

Doch Anneliese wollte nicht in dieses Glück investieren. Sie hatte bereits Lebenserfahrung und war überzeugt, je weniger Außenstehende in die Beziehung eingreifen, desto besser. Viktor jedoch sah das anders.

Meine Mutter ist sehr kontaktfreudig. Sie findet immer einen Draht zu jedem.

Nur nicht jeder freut sich darüber, wollte Anneliese anmerken, ließ es aber bleiben.

Das Schlimmste kam dann: Margarete kam am nächsten Tag wieder, bereits am frühen Morgen, und begann mit einer Kühlschrankinspektion.

Hühnereier? Ich habe Viktor nur mit Wachteleiern gefüttert, das ist gesünder für Männer, erklärte sie mit ernster Miene. Eure Regale sind nicht besonders sauber Ihr esst das später ja doch. Anneliese, du musst sie putzen

Ich esse ja nicht direkt von den Regalen, dachte Anneliese.

Dann putze ich sie, Margarete Hofmann, versprach sie. Wir wollten doch nur entspannen. Es ist ja schließlich ein freier Tag

Viktor schlief ganztägig, während Anneliese sich gezwungen sah, die Mutter zu bewirten und zu unterhalten.

Genau! Ein freier Tag ist zum Putzen und Kochen da, verkündete die Frau ohne Skrupel. Nimm Schwamm und Tuch. Nächsten Sonntag zeige ich dir, wie man einen Fleischkuchen nach Viktors Geschmack backt. Du wirst ihn lecken!

Anneliese erstarrte, verschränkte die Arme. Sie konnte nicht noch einen Tag nach fremden Anweisungen leben.

Margarete Hofmann, könnten Sie vielleicht meine Nummer notieren? Damit Sie vorher anrufen, bevor Sie wieder vorbeikommen. Ich habe sonst auch Pläne für das nächste Wochenende.

Anrufen? Ich darf also nicht mehr zu meinem Sohn kommen? verzog die Frau das Gesicht.

Doch, doch, Sie können. Nur jetzt lebt Ihr Sohn mit einer Frau zusammen. Es wäre schön, wenn wir alle Rücksicht nehmen würden.

Bei uns mit Lisa gab es solche Probleme nie, bemerkte Margarete und verzog ein Lächeln.

Meine ExMutter hat mir nie frühmorgens ungefragt einen Besuch abgestattet, schnitt Anneliese zurück. Und sie brachte immer Kirschkuchen mit. Möchten Sie das Rezept?

Margaretes Gesicht veränderte sich, ein Stirnrunzel breitete sich aus, und ein Funken Ärger blitzte in ihren Augen.

Anneliese, überleg dir das gut. In unserer Familie wechselt die Nachteule nicht die Tageszeit.

Margarete ging, doch ein unangenehmer Nachgeschmack blieb bei Anneliese. Sie wusste nicht, wie sie weiter verfahren sollte. Viktor hörte kaum zu, seine Mutter kam wie zu Besuch nach Hause. Und ständig schwebte das Gespenst von Lisa über ihrer Beziehung.

Und Lisas Kohlrouladen waren doch die besten Ihre Mutter hat das beigebracht, ließ Viktor beim Abendessen zufällig einrutschen.

Dann lerne ich das auch, dann kochst du für mich.

Anneliese vermutete, dass Margarete ihren Sohn nötige, aber sie wollte das Thema nicht ansprechen. Sie wollte das Ganze aus ihrem Leben verbannen.

Der nächste Monat verlief ruhig, ohne Besuche, doch bald wiederholte sich das Muster. Anneliese erwachte erneut vom Klingeln. Dieses Mal entschied sie sich fest, die Tür nicht zu öffnen.

Unhöflich? Vielleicht. Aber es wäre doch nicht schön, ständig ohne Ankündigung in ihr Zuhause zu platzen?

Fünf Minuten später stand Viktor im Flur, verschlafen, verärgert, fast wütend.

Warum machst du die Tür nicht auf?

Ich will nicht! Und ich werde es nicht tun. Gäste müssen vorher Bescheid geben und dürfen nicht in Schränke, Kühlschränke oder Regale klettern.

Du meinst, du öffnest nicht? Das ist doch meine Mutter! Sie ist zu mir gekommen!

Dann heißt es: Herzlich willkommen, aber nicht in meiner Wohnung.

Der Aufruhr war laut genug, dass die Nachbarn es mitbekamen. Viktor warf Anneliese vor, sie lehne seine Mutter ab, und damit auch ihn selbst. Margarete schrie gleichzeitig, verlangte Einlass und rief auf dem Handy.

Schließlich setzte Anneliese ein Ultimatum.

Schluss! Entweder du schickst deine Mutter jetzt nach Hause und erklärst ihr, was ein Gast ist, oder wir trennen uns!

Viktor wählte die Trennung.

Anneliese war nicht besonders traurig. Sie hatten nicht einmal die Chance, sich richtig zu verabschieden. Vielleicht war das sogar besser. Mit jemandem zu leben, der ständig Geschichten über ExFreundinnen erzählt und eine anhängliche Mutter hat, wollte sie nicht.

Einige Monate später erreichte Anneliese eine unerwartete Nachricht. Viktor hatte eine neue Freundin. Das erzählte ihm eine gemeinsame Bekannte aus ihrer früheren Partytruppe.

Wir arbeiten zusammen. Sie ist zu ihm und seiner Mutter gezogen, will aber ausbrechen. Sie bitte, dich kennenzulernen, lächelte die Bekannte.

Ach ja? Und warum das?

Wenn man Vikas Mutter glaubt, bist du die ideale Frau: schön, charismatisch und eine hervorragende Köchin.

Sprechen wir jetzt über Vikas Mutter oder über mich?

Wahrscheinlich darüber, dass ihre Mutter freundlich zu denen ist, die nicht mehr bei Viktor wohnen, zuckte die Bekannte mit den Schultern.

Seitdem hörte Anneliese auf die Gerüchte, behielt aber ihren eigenen Kopf und glaubte nicht alles blind, ignorierte aber auch nicht völlig das Getippe.

Sie wurde vorsichtiger bei Männern, die ständig ihre ExFreundinnen erwähnen und zu stark an ihre Mütter gebunden sind.

Ein solches Macho-Leben funktioniert kaum, denn die Mutter steht immer an erster Stelle. Vielleicht ist das in Maßen okay, aber nicht zu sehr. Seid ihr da einverstanden?

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