Nach dem Training eilte Lieselotte nach Hause sie hatte ihrem Mann Leon versprochen, eine deftige Fischsuppe zu kochen. Kaum hatte sie die Tür hinter sich geschlossen, bemerkte sie, dass Leon bereits in der Küche saß und ein Glas Weißwein schlürfte.
Na, das ist ja mal ein ÜberraschungsDating, rief sie, während sie die Schuhe auszog. Leon, hattest du keine Geduld, mich überhaupt warten zu lassen? Lass mich wenigstens einen Snack zubereiten
Nein, setz dich, wir haben etwas zu besprechen, erwiderte er, ohne den Wein zu stellen.
Lieselotte hatte ihren Mann noch nie so gelassen gesehen. Verwirrt und ein bisschen bekümmert fragte sie: Was ist denn los?
Leon seufzte tief und begann: Ich weiß gar nicht, wo ich anfangen soll. Also, ganz ehrlich: Meine Sekretärin Katrin ist schwanger und zwar mit meinem Kind. Ich verlasse dich, um mit ihr zusammenzuziehen.
Ach du meine Güte, das klingt ja fast wie aus einer schlechten Seifenoper, meinte Lieselotte sarkastisch. Und seit wann?
Seit ungefähr einem Jahr. Kaum war sie da, hat sie mir ständig Aufmerksamkeit geschenkt, und ich habe nicht widerstehen können. Jung, hübsch, lebensfroh genau wie du einst warst. Ich habe mich verknallt wie ein kleiner Junge! Ich wollte es dir sagen, aber mir fehlte der Mut, dich zu verletzen.
Er fuhr fort: Jetzt gibt es keinen Ausweg mehr, wir werden bald Eltern. Ich wollte schon immer ein Kind, das ist mein ganzes Erbe. Dein Markus ist wie ein Sohn für mich, aber nicht blutsverwandt. Ich brauche einen Erben, dem ich mein Geschäft übergeben kann. Mit Katrin fühle ich mich wieder jung ich glaube, die MidlifeKrise hat mich erwischt. Hast du schon mal davon gehört?
Ich bin ein Mistkerl, das gebe ich zu, fuhr Leon fort. Aber ich lasse dich und Markus nicht im Stich. Wohnung, Auto, alles bleibt euch erhalten, ich unterstütze euch finanziell, wie versprochen. Ich zahle die Studiengebühren. Ich habe bereits ein neues Haus gekauft und auf Katrin angemeldet sie wird die Mutter meines Kindes.
Lieselotte nickte und sagte trocken: Ich verstehe, es ist schwer, einer so attraktiven Frau wie Katrin zu widerstehen du bist ja unser echter Berliner Bulle. Und du kannst den Jungen nicht einfach aufgeben, das ist ehrenhaft. Danke für die finanzielle Unterstützung, das nehme ich gern an. Ich will jetzt endlich reisen und mein Leben für mich selbst leben.
Wann ziehst du aus? Brauchst du Hilfe beim Packen? fragte Leon.
Er sah sie verwirrt an sie wirkte so gelassen, fast erleichtert. Das bedeutete weniger Drama und keine heftigen Auseinandersetzungen.
Leb wohl, mein lieber Mann, danke für die gemeinsamen Jahre. Es war schön mit dir! Aber das Leben schreibt seine eigenen Drehbücher vielleicht finde ich ja jemanden, der mich glücklicher macht. Jetzt geh, Katrin wartet bestimmt schon darauf, dass ich hier einbreche, sagte Lieselotte und schob Leon zur Tür.
Leon schnappte hastig seine Koffer, lächelte verlegen und eilte zum Aufzug. Kaum die Tür geschlossen war, ging Lieselotte in die Küche, holte eine Flasche Sekt aus dem Kühlschrank, öffnete sie, füllte ein volles Glas und trank es in einem Zug. Ihr Mann hatte sie verlassen welch absurde Situation.
Nie hätte sie sich das vorstellen können. Nach all den Jahren hatten sie zwar keine leidenschaftliche Romanze mehr, dafür aber eine gewisse Vertrautheit, Gewohnheit und Respekt.
Nun ja, kein Grund zu jammern, dachte sie. Neues Leben, neue Regeln! Ich finde bestimmt etwas zu tun, und Leon zahlt ja noch. Warum sollte ich das Geld ablehnen? Mehr Geld bedeutet mehr Möglichkeiten. Ich muss mich nur an die neue Rolle als verlassene Frau gewöhnen.
Kurz darauf drehte sich das Blatt für Lieselotte. Sie meldete sich für Tanzkurse an, besuchte nach der Arbeit das Tanzstudio. An den Wochenenden ging sie ins Museum, ins Kino und ins Fitnessstudio. Zum Glück hatte sie die Nachbarin Irma, die allein lebte, immer im Schlepptau.
Ihr Sohn Markus studierte in München und kam nur selten nach Berlin. Lieselotte war also auf sich allein gestellt. Sie kochte nur noch, was ihr schmeckte, ohne sich an jemand anderen anzupassen. Sie tat, was ihr Spaß machte, und niemand durfte ihr etwas verbieten. An einen neuen Mann dachte sie nicht einmal das war gar nicht nötig.
Die Scheidung verlief ruhig und freundlich. Im Gerichtssaal sah Lieselotte flüchtig Katrin im Flur stehen eine echte Augenweide. Der Geschmack ihres Mannes ist also doch gut, dachte sie sich.
Leon übermittelte jeden Monat das versprochene Geld. Lieselotte war dankbar für diese großzügige Geste. Sie wusste, dass sein Unternehmen florierte und er problemlos für sie und Markus zahlen konnte ein kleines Danke für die gemeinsamen Jahre. Katrin, so schien es, wusste davon nichts; sie hätte das sicher nicht gutgeheißen.
Ein Jahr verging. Lieselotte lebte wie gewohnt: Tanzen, Training, ein paar Kurztrips nach Österreich. Leons Zahlungen blieben jedoch aus; Lieselotte traute sich kaum, nach dem Grund zu fragen. Wahrscheinlich hatte Katrin es verboten. Was auch immer das Leben ging weiter. Markus verdiente gut neben seinem Studium und konnte seine Ausbildung selbst finanzieren.
An einem freien Sonntag, ohne Eile, genoss Lieselotte jeden Moment. Beim Kochen der Fischsuppe fiel ihr auf, dass das Brot, das sie so gern aß, ausverkauft war. Sie rannte zur Bäckerei um die Ecke und traf dort zu ihrer Überraschung Leon.
Leon, du hier? rief sie.
Lieselotte, hallo! Ja, ich wohne jetzt ganz in der Nähe, hab mir eine Wohnung gekauft, antwortete er.
Und Katrin? Wie geht es ihr? Und das Kind? fragte Lieselotte neugierig.
Ein Mädchen, ja. Und du wirst nicht glauben, wer das war, begann Leon lachend. Katrin war ein Trick der Konkurrenz. Sie hat mich in ihr Netz gelockt, ich war verliebt, dann hat sie versucht, das Unternehmen auf sie zu übertragen, weil sie Angst hatte, ich würde sie verlassen und mittellos zurücklassen.
Er fuhr fort: Nach der Geburt meiner Tochter habe ich aus lauter Emotionen alles an sie überschrieben. Ein kleines bisschen Geld habe ich mir selbst auf ein Konto gelegt, das sie nicht kennt. Dann hat sie mich rausgeschmissen, das Kind war nicht meines, das Unternehmen ging an die Konkurrenz. Jetzt sitze ich hier mit leeren Taschen fast wie in einer schlechten Seifenoper.
Leon seufzte: Ich habe mir eine neue Wohnung gekauft, einen Job gefunden, und das alte Leben ist passé. Ich kann dir nicht mehr helfen. Tut mir leid, ich habe dich wohl nur für die Suppe ausgenutzt.
Lieselotte musste fast mitlachen. Du bist ja ein echter Trottel, Leon! Komm zu mir, ich habe die Fischsuppe, die du immer so geliebt hast.
Sie setzten sich an die alte Küche, in der sie jahrelang zusammengearbeitet hatten, und plauderten gemütlich. Jetzt waren sie jedoch nicht mehr Mann und Frau.
Hin und wieder telefonierten sie noch, doch von einer Versöhnung war keine Rede. Jeder ging seinen Weg. Lieselotte lernte im Tanzverein einen netten Mann kennen, heiratete ihn schließlich und war glücklich.
Leon war zur Hochzeit eingeladen, kam sogar und freute sich für die ExFrau. Dort traf er die Schwester ihres neuen Mannes. Ein halbes Jahr später waren Lieselotte und ihr neuer Ehemann auf Leons Hochzeit zu Gast das Leben ist wirklich ein wankelmütiger Komiker.
Am Ende bleibt festzuhalten: Man darf nie den Kopf hängen lassen und sich nicht mit einem Schlussstrich versehen, egal was passiert. Man weiß nie, was das nächste Kapitel bereithält. Also einfach weiterleben, den Tag genießen und ab und zu einen Sekt anstoßen.