Wann ziehst du eigentlich aus, Lieselotte?
Mama stand in der Küchentür, den Ellbogen gegen den Rahmen gestützt. In der Hand hielt sie eine Tasse Tee, und in ihrer Stimme lag eine Mischung aus Gleichgültigkeit und etwas, das fast wie Verachtung klang.
Aus ziehen? Lieselotte drehte sich langsam vom Laptop weg, der auf ihren Knien warm geworden war. Mama, ich wohne hier. Ich arbeite doch.
Arbeiten? Mama verzog den Mund zu einem schiefen Lächeln. Ach ja. Das mit dem Internet. Deine Gedichte? Oder diese Artikel? Wer liest sowas überhaupt?
Lieselotte klappte den Laptop hart zu. Ein Stich im Herzen. Nicht zum ersten Mal hörte sie, dass ihre Arbeit nicht echt sei aber jedes Mal fühlte es sich an wie ein Schlag ins Gesicht.
Dabei gab sie ihr Bestes. Freelancing war kein Zuckerschlecken: stundenlanges Überarbeiten, Deadlines, Texte bis in die frühen Morgenstunden, Kunden, die alles gestern wollten und trotzdem nicht pünktlich zahlten.
Ich habe regelmäßige Aufträge, seufzte sie. Und Geld verdiene ich auch. Ich zahle die Nebenkosten, ich
Niemand verlangt was von dir, winkte Mama ab. Aber die Situation ist nun mal so, Lieselotte. Du bist erwachsen, du verstehst das. Thomas und Julia wollen mit den Kindern zusammenziehen. Sie haben zwei. Kinder, Lieselotte! Die haben kaum Platz in ihrer Einzimmerwohnung.
Und ich? Bin ich keine Familie? platzte es aus ihr heraus. Ihre Stimme zitterte.
Du bist allein, Lieselotte. Du stehst auf eigenen Füßen. Die beiden haben Kinder, eine Familie. Du bist klug, selbstständig. Du wirst schon was finden. Vielleicht suchst du dir endlich einen richtigen Job. Die Leute arbeiten von neun bis sechs, weißt du? Nicht nachts im Pyjama vor dem Laptop.
Lieselotte schwieg. Ein Kloß würgte ihr die Kehle zu. Erklären wäre sinnlos. Mama hatte nie verstanden, was sie eigentlich machte.
Nie hatte sie gefragt: Was schreibst du denn? Wo kann man das lesen?
Nur Vorwürfe. Mitleidige Blicke. Sätze wie: Geh lieber an die Kasse im Supermarkt.
Allein. Das Wort summte in ihren Ohren. Wie ein Urteil. Wie ein Grund, sie aus der Wohnung, aus dem Leben, aus der Familie zu streichen.
Als Papa von der Arbeit kam, ging das Gespräch weiter. Jetzt saßen sie zu dritt im Zimmer wie vor einem Hausgericht.
Thomas und seine Frau haben viel erreicht, begann Papa, sich in den Sessel fallen lassend. Beide arbeiten, zwei Kinder. Und du Ja, du machst das gut, aber irgendwann muss man ernsthaft durchstarten.
Papa, ich lebe hier! Ich hänge nicht rum! Ich verdiene mein Geld, auch wenn ich es zu Hause tue, auch wenn ich im Schlafanzug dasitze! Ich zahle für Essen, für die Nebenkosten, ich lasse mich nicht durchfüttern!
Du verstehst es nicht, unterbrach er. Es geht nicht ums Geld. Es geht um Bedürfnisse. Thomas hat zwei Kinder, hörst du? Der Kleine ist erst anderthalb. Die brauchen die Wohnung. Die haben es schwer.
Und ich etwa leicht? fuhr sie auf. Ich habe keine Schwierigkeiten, oder was? Ich bin 28, habe keine Unterstützung, keinen Mann, keine Kinder. Nur meine Arbeit, die ihr nicht mal anerkennt!
Sie wechselten Blicke. Als wäre sie anstrengend. Als wäre alles, was sie sagte, bloß Drama kein echter Schmerz.
Du bist ein starkes Mädchen, seufzte Mama betrübt. Du schaffst das schon. Aber Thomas und Julia die können nicht mal
Und ich etwa? dachte sie, aber sie sagte es nicht laut. Weil keine Kraft mehr da war.
Und wo soll ich hin? fragte sie heiser. Ich verlange nichts von euch. Kein Geld, keine Hilfe. Nur ein Eckchen. Nur Verständnis.
Na du findest schon was zur Miete, sagte Mama unsicher. So machen das alle jungen Leute heute. Und du arbeitest ja nicht offiziell. Da bist du flexibel.
Hört ihr euch eigentlich selbst zu?!
Lieselotte wusste nicht mehr, wie der Abend endete. Sie erinnerte sich nur, wie sie lange auf der Fensterbank saß und in den dunklen Hof starrte.
Draußen regnete es. Die Tropfen auf der Scheibe sahen aus wie Tränen nur ohne Schluchzen.
Am nächsten Morgen weckte sie Lärm im Flur. Koffer. Stimmen. Hektik.
Lieselotte, wir stellen Thomas Sachen erst mal in den Abstellraum, sagte Mama, ohne sie anzusehen. Sie ziehen um, du verstehst.
Sie verstand. Sie hatte von Anfang an alles verstanden. Nur es war ekelerregend.
Lieselotte, es ist nun mal beschlossen. Mama sprach so beiläufig, als würde sie nach der Butter fragen. Leicht. Alltäglich. Ohne Gewissensbisse.
Ihr fragt nicht, ihr bietet nicht an ihr setzt mich vor vollendete Tatsachen?
Was gibt es da zu fragen? Du bist erwachsen. Musst dich irgendwann alleine durchschlagen. Du bist doch kein Kleinkind.
Es ist ja nur vorübergehend. Such dir was zur Miete vielleicht ändert sich später was.
Vorübergehend? Klar. Für ein paar Jahrzehnte. Bis Thomas Enkel aus dem Haus sind.
Immer diese Ironie. Mama rollte mit den Augen. Du nimmst alles persönlich.
Wir meinen es doch gut. Wir sind nicht deine Feinde. Aber Familie bist nicht nur du.
Natürlich nicht nur ich, lächelte sie bitter. Alles für Thomas. Alles wegen Thomas. Und ich? Ich bin überflüssig. Ein Geist auf der Couch. Verschwinde einfach, ja?
Jetzt übertreibst du. Papa stand wieder in der Tür. Thomas ist nun mal der Sohn. Und du du bist stark. Du wirst uns verstehen.
Ich will nicht stark sein. Ich will nur gebraucht werden
Am nächsten Tag besichtigte sie ein Zimmer zur Miete.
Nur zwanzig Minuten von zu Hause entfernt und doch eine andere Welt: ein graues Treppenhaus mit rostigen Türen, eine Nachbarin, die murrte: Die Katzen heulen nachts.
Die Wohnung war ein Museum für Ramsch: Tapeten mit abgeblätterten Rosen, ein Teppich an der Wand, ein Hocker mit fehlendem Bein.
Die Vermieterin eine Frau mit rauchiger Stimme und dem Blick einer Person, die ständig um Geld gebeten wird.
Wo arbeiten Sie? fragte sie misstrauisch.
Ich bin Freelancerin. Schreibe Artikel. Online.
Online? Was heißt das?
Am Computer. Im Internet. Ich habe Stammkunden, arbeite auf Plattformen.
Ach so Sie sitzen also zu Hause. Na gut. Aber keine Gäste! Und die Waschmaschine nur einmal pro Woche. Strom ist teuer.
Verstanden, nickte Lieselotte und spürte, wie alles in ihr zusammensackte.
Willkommen im neuen Zuhause.
Am Abend schickte Mama ein Foto: Schau, wir haben das Kinderbett aufgebaut. Süß, oder?
Ja. Süß.
Und, was hast du entschieden? fragte Papa beim Abendessen. Lieselotte war gekommen, um ihre letzten Sachen zu holen Turnschuhe, ein Stativ, die Decke, die Opa ihr geschenkt hatte.
Ich miete erst mal ein Zimmer, antwortete sie tonlos. Vielleicht ziehe ich später woanders hin. Suche mir was Dauerhaftes.
Richtig, nickte er. Und such dir endlich einen echten Job. Mit Menschen. Mit geregelten
Papa. Sie seufzte müde. Ich habe Kunden aus verschiedenen Ländern. Ich blogge für eine Firma mit Millionenumsatz.