Viktor fuhr mit dem Auto durch ein abgelegenes Dorf, als er plötzlich ein Mädchen bemerkte, das einsam am Straßenrand stand. Es war bereits spät und außer den beiden war niemand in der Nähe. Er hielt an. – Nehmen Sie mich mit?

Viktor fuhr mit seinem Lastwagen eine Landstraße entlang, als er plötzlich in der Dunkelheit ein kleines Dorf erreichte. Neben der Straße, im flackernden Scheinwerferlicht, stand eine junge Frau. Es war bereits spät und die Gegend lag ausgestorben da. Viktor trat auf die Bremse.

Kann ich mitfahren? fragte die Frau mit leiser, fast klirrender Stimme.

Natürlich, steigen Sie ein. Hier fahren zurzeit kaum noch Autos. Haben Sie lange gewartet?

Ja hauchte sie und plötzlich liefen ihr die Tränen über das Gesicht.

Viktor schaute überrascht zu ihr hinüber.

Er hatte den ganzen Tag gearbeitet, obwohl heute ein Feiertag war es war das Fest Dreikönig, aber die Lieferung musste dringend raus. Auf dem Beifahrersitz dufteten noch warme Kartoffelbrötchen, die seine Mutter frisch gebacken hatte.

Im Radio klang gerade heitere Musik und der Geruch der Brötchen hob seine Laune.

Als Viktor durch das Dorf fuhr, entdeckte er am verlassenen Buswartehäuschen die Frau, die fröstelnd den Daumen rausstreckte. Dankbar eilte sie zu seinem Laster.

Kommen Sie herein, bot Viktor freundlich an. Es ist spät und ziemlich kalt. Ich heiße übrigens Viktor. Und Sie?

Ich heiße Annette, schluchzte sie leise. Heute feiern ja alle Dreikönig, und meine Kollegin lud mich zu sich aufs Land ein, quasi ins Wochenendhaus, damit ich das Fest nicht allein verbringen muss.

Ihr Mann wollte grillen, es sollte einen festlichen Tisch geben alles typisch. Sie sagte mir, ich solle ihr anrufen, wenn ich an der Haltestelle beim Dorfladen ankomme, dann hole sie mich ab.

Ich hatte zugesagt. Vor Weihnachten hatte ich mich von meinem Freund getrennt und meine Kollegin wollte nicht, dass ich den Tag allein Zuhause verbringe.

Ich nahm also den Bus Richtung Hassbergen, stieg aus und rief an. Sie meinte, ich solle noch kurz in den Laden gehen, sie sei in fünf Minuten da.

Ich blickte mich um: Um mich herum war gar nichts, das Dorf lag etwa dreihundert Meter entfernt.

Dann sah ich auf meinen Bus auf dem Schild stand Hasselbach. Ich hatte den Bus verwechselt! Hassbergen lag ganz woanders.

Der Bus rollte davon und trotz meines Rufens hielt der Fahrer nicht mehr an. Zwei Stunden später begriff ich, dass es der letzte Bus des Tages war.

In Richtung Stadt fuhr kein Auto. Ich überlegte, ins Dorf zu gehen, aber entschied mich zu warten und versuchte, per Anhalter weiterzukommen.

Fast drei Stunden stand ich hier, bis Sie kamen. Ich weiß wirklich nicht, was passiert wäre, wenn Sie nicht gehalten hätten. Danke…

Nennen wir uns doch ruhig beim Vornamen, lächelte Viktor.

Annette nickte scheu, dann kehrte ein schwaches Lächeln auf ihr Gesicht zurück.

Viktor fand Annette äußerst sympathisch: Bodenständig, unkompliziert, kein bisschen hochnäsig. Sie wirkte unabhängig und stark. Mit einem entschlossenen Griff stellte er den Motor ab und sagte:

Jetzt, wo du dich aufgewärmt hast, sollten wir auch etwas essen. Meine Mutter macht fantastische Kartoffelbrötchen.

Sie packten gemeinsam aus. Annette holte würzigen Schwarzwälder Schinken, Käse und eine Tafel Zartbitterschokolade aus ihrer Tasche.

Später legten sie sich schlafen, Annette auf der Pritsche oben, Viktor auf dem Sitz. Kurz bevor sie einschliefen, fragte Annette leise:

Viktor, bist du eigentlich verheiratet?

Nein.

Warum nicht?

Ich habe gerade erst jemanden kennengelernt, der mir gefallen hat, aber ich hatte noch nicht den Mut es ihr zu sagen.

Verstehe.

Schlafen wir jetzt. Ich muss morgen früh abladen.

Die Fahrt verlief ruhig, und Annette lachte, dass das ihre erste solche Abenteuerreise war im Nachhinein war sie sogar froh, dass alles so gekommen war.

Auf dem Weg zurück wurde Viktor immer mehr bewusst, dass ihm das Schicksal eine wundervolle Frau vor die Füße gespült hatte.

Als sie wieder am Stadtrand ankamen, bat Viktor Annette um ihre Handynummer.

Und was ist mit der Frau, die dir gefallen hat? fragte Annette leise.

Ich meinte dich, lachte Viktor. Ich würde dich gerne wiedersehen und diese spontane Bekanntschaft fortsetzen, wenn du magst.

Sehr gerne, erwiderte Annette verlegen. Du hast dich wie ein echter Gentleman verhalten. Ich hätte nie gedacht, jemanden wie dich ausgerechnet heute kennenzulernen.

Im April heirateten Viktor und Annette. So spielen eben manchmal die Zufälle des Lebens ihr eigenes SpielAm Abend ihrer Hochzeit saßen Viktor und Annette noch lange gemeinsam auf der Stufe vor dem Dorfsaal. Der Wind trug leise Musik und Lachen zu ihnen herüber; der Himmel funkelte voller Sterne. Viktor reichte Annette eines der Kartoffelbrötchen, die seine Mutter für diesen Tag gebacken hatte, und beide mussten lachen so wie an jenem eisigen Abend auf der Landstraße, der alles verändert hatte.

Annette lehnte sich an Viktors Schulter und flüsterte: Manchmal reicht ein kleiner Irrtum, um zur richtigen Tür zu gelangen.

Viktor legte seinen Arm um sie. Oder zur richtigen Person. Sie schwiegen eine Weile und hörten das Summen der letzten Gäste, das Flackern der Laternen und das ferne Läuten einer Kirchenglocke.

Schließlich standen sie auf und gingen Hand in Hand ins Licht. Und auf dem Parkplatz parkte, wie ein stiller Zeuge ihres Schicksals, noch immer Viktors Laster bereit für alle Wege, die noch vor ihnen lagen.

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