Du hast heute gesagt, wir seien geheiratet, weil ich praktisch bin!Und was soll das?er zuckte mit den Schultern.Ist das etwa schlecht?
Wieder in diesem alten Morgenmantel?Matthias warf einen verächtlichen Blick auf Hannelore, während er den Manschettenschlag seiner Hemdmanschette festzog, als würde er Rüstungen für die nächste Schlacht justieren.
Sie erstarrte, die Tasse Kaffee noch in den Händen. Der dünne Dampf stieg wie ein zarter Nebel nach oben, brannte ihre Finger, doch sie ließ die Tasse nicht los.
Er ist praktisch.
Ja, praktisch,schnaufte er, während er die Krawatte vor dem Spiegel richtete.Wie alles an dir.
Hannelore senkte den Blick. Der Kaffee verlor seinen Dampf, die Oberfläche verdunkelte sich und spiegelte die Decke, als wäre sie ein zerbrochenes kleines Spiegelchen.
Matze, du
Was?er zog bereits die Schlüssel hervor, das Metall klirrte am Ring.
Nichts.
Die Tür schlug so fest zu, dass das Porzellangeschirr auf dem Regal erzitterte.
***
Sie hatten sich im Büro kennengelernt. Sie eine zurückhaltende, bescheidene Buchhalterin, die ihr Haar zu einem lässigen Knoten zusammenband, er ein selbstsicherer Manager, dessen Lachen die Flure des Unternehmens hallte. Matthias flirtete kunstvoll: Rosen, noch vom Morgentau benetzt, CandleLightAbendessen, bei dem er ihr ein mediumgebratenes Steak bestellte, ohne je zu fragen, was sie mag.
Bist du nicht einer, der sich über Kleinigkeiten aufregen kann?fragte er beim dritten Date, während er die Serviette auf ihren Knien glattstrich.
Nein,lächelte Hannelore, als hörte sie das leise Läuten einer Glocke nicht.
Gut. Meine Ex hat ständig Dramen gemacht
Sie schenkte dem keine Bedeutung. Dann kamen Hochzeit, Kinder, Haus. Wie bei vielen anderen.
Nur manchmal, wenn sie ein Schulterfreies Kleid anprobierte, sagte er:
Etwas Schlichteres wäre dir lieber. Das ist nicht dein Stil.
Oder wenn sie die Lippen vor dem Spiegel färbte, warf er beiläufig:
Wozu? Du sitzt doch sowieso zu Hause.
Einmal, als sie ein neues Parfüm mit leichtem Blütenduft kaufte, verzog er das Gesicht:
Riecht wie im Discounter. Gleichst du dich mit Tante Liese aus der Buchhaltung?
Seitdem ließ sie den Duft nicht mehr tragen.
Zum Geburtstag schenkte er ihr einen Staubsauger.
Der Alte knarrt schon,erklärte er, während er zusah, wie sie das Paket öffnete.Du seufzt doch ständig, wenn du putzt.
Sie dankte, dann starrte sie lange aus dem Fenster, bis die Kinder riefen, den Kuchen zu schneiden.
Doch sie schwieg. Denn insgesamt war er ein guter Mann nicht gewalttätig, nicht trinkend, brachte Geld nach Hause.
War das nicht genug?
***
Hast du mich je geliebt?
Der gleiche Abend, das gleiche Gespräch. Matthias wandte den Blick ab, als prüfe er, ob das Fenster verschlossen war.
Warum du bist die perfekte Ehefrau.
Das ist keine Antwort.
Er seufzte, als müsse er ihr das Einmaleins erklären.
Hannelore, warum zerreißt du das Gehirn? Uns geht es gut.
Gut?!ihre Stimme bebte, nicht vor Tränen, sondern vor einer Wut, die endlich an die Oberfläche kam.Du hast heute gesagt, wir seien verheiratet, weil ich praktisch bin!
Und?er zuckte mit den Schultern.Ist das schlecht?
Sie sah ihn, als sähe sie ihn zum ersten Mal: Der Schweißfleck am Nacken kam vom Tennis mit Kollegen, nicht von ihr. Die Stirnfalte entstand nicht aus Sorge, sondern aus der Verärgerung, sich immer wieder rechtfertigen zu müssen.
Und Katrin?
Matthias Gesicht zuckte, als zupfte jemand an einem unsichtbaren Faden.
Was hat sie damit zu tun?
Du hast sie geliebt.
Ja,gestand er plötzlich, und in diesem einen Wort steckte mehr Gefühl, als in all ihren gemeinsamen Jahren.Ich habe sie geliebt. Aber mit ihr hätte man keine normale Familie aufbauen können.
Hannelore spürte, wie etwas in ihr leise knirschte, wie ein gebrochener Absatz: Man kann gehen, doch nicht mehr wie früher.
Also bin ich die fügsame Ersatzfrau.
Mach kein Drama,wischte er mit einer Hand ab, als würde er eine Mücke verscheuchen.Wir haben Kinder. Ein Haus. Was willst du noch?
***
Sie zögerte.
Vielleicht hatte er recht? Vielleicht war Liebe ein Luxus, die Familie wichtiger? Hannelore stand am Fenster, sah, wie die ersten Regentropfen die Scheibe verwischten. Im Spiegel schimmerten ihre Fingerabdrücke sie hatte in letzter Zeit so oft dort gestanden, als wartete sie darauf, dass die Welt draußen ihr eine Antwort schenkte.
Und Matthias Matthias lebte, als wäre nichts anders geworden.
Eine Woche später, als er bemerkte, dass sie wieder alles ertrug, hörte er auf, sich zu verstellen.
Wieder Nudeln?er stochste mit der Gabel in den Teller, als würfele er Beweise für ihre Unfähigkeit.Zumindest würze ein bisschen.
Du hast selbst gesagt, du magst es nicht scharf,antwortete sie, doch ihre Stimme klang fremd, als spräche ein anderer durch sie.
Und was?er schob den Teller beiseite, als hätte er ihr einen Teller voller Mief gereicht.Katrin hat immer gekocht
Hannelore sprang abrupt auf. Der Stuhl kratzte am Boden, hinterließ eine Schramme ein weiteres Zeichen in diesem Haus, ein weiterer unsichtbarer Riss.
Willst du zu Katrin? Geh!
Lass mich doch,er lachte, ein Lachen, das lauter schrie als ein Schrei.Wohin soll ich gehen? Du weißt, dass es mir mit dir bequem ist.
In diesem Moment begriff sie endlich.
Er versuchte nicht einmal, sie festzuhalten. Nicht weil er an ihrer Liebe zweifelte, sondern weil er an ihrer Unterwerfung sicher war.
Sie bemerkte es überall.
Wie er nicht mehr korrigierte, wenn sie falsch gekleidet war er ging einfach vorbei, sah nicht hin. Wie er den Blick nicht mehr auf sie richtete, als wäre sie ein Möbelstück, das da stand, aber nie mehr benutzt wurde. Wie seine ruhigen Tage wochenlang dauerten ohne Zank, ohne Vorwürfe, einfach nichts.
Und das Nichts war lauter als jeder Schrei.
Sie stand in der Küche, griff nach dem Tischrand, und plötzlich wurde ihr klar: Er war nicht wütend. Er wartete nur, dass sie sich fügen würde. Wie sie sich mit dem Staubsauger anstatt mit einem Geschenk abgefunden hatte. Wie sie auf das Parfüm verzichtete. Wie sie akzeptierte, dass sie nicht zu den KleinlichNörgelern gehörte.
Dann drehte sich etwas in ihr um.
Kein Schmerz, keine Wut Befreiung.
Denn wenn dich niemand liebt, aber du noch zornig bist, existierst du noch. Wenn selbst der Zorn versiegt dann bist du gar nicht mehr da.
***
Ein Monat später reichte sie die Scheidung ein.
Matthias glaubte zunächst nichts. Er trat in die Küche, wo Hannelore Kinderkleidung in Kisten sortierte, und blieb wie erstarrt an der Tür stehen, als säße dort nicht seine Frau, sondern eine fremde Gestalt.
Meinst du das ernst?fragte er, und zum ersten Mal nach langer Zeit lag Unsicherheit in seiner Stimme.
Hannelore hob den Kopf nicht, fuhr weiter, die kleinen Blusen sorgfältig zusammenfaltend.
Ja.
Wegen was?er trat einen Schritt vor, und sie spürte, wie sich ihre Schultern anspannen.
Das ist kein Unsinn,flüsterte sie.Ich bin kein Möbelstück.
Er lachte plötzlich, nervös, scharf.
Ach, wieder Drama! Du übertreibst immer alles.
Hannelore sah endlich zu ihm. Sein Gesicht war schmerzhaft vertraut, doch jetzt erkannte sie es anders: zusammengepresste Lippen, leicht zusammengekniffene Augen er war zerrissen, nicht weil er sie verlor, sondern weil seine bequeme Welt Risse bekam.
Ich übertreibe nicht,sagte sie.Ich bin nur müde, immer nur praktisch zu sein.
Matthias schwieg, dann riss er abrupt die Schlüssel vom Tisch.
Na und! Denkst du, es wird mir schwerfallen?Er blickte auf die Kisten.Du kannst nicht einmal richtig kochen.
Ein Schauer lief ihr über den Rücken ein alter, bekannter Stich. Früher hatten solche Worte sie an sich zweifeln lassen, jetzt klangen sie hohl.
Vielleicht,gab sie zu.Aber manche sehen das anders.
Sein Gesicht verzog sich.
Ach, das ist es! Du hast schon jemanden, nicht wahr?Er grinste bösartig.Natürlich, wo sonst? Sieh dich an wer brauchst du noch?
Hannelore spürte, wie sich in ihr ein alter, bekannter Schmerz zusammenzog. Sie wollte fast den Mund öffnen, um zu sagen: Du hast recht, verzeih, wie sie es hundertmal zuvor getan hatte.
Doch dann erkannte sie: Sie wollte das nicht mehr.
Ichentschied sie fest.Ich brauche mich selbst.
Matthias erstarrte. Er hatte das nicht kommen sehen.
Du bist verrückt,zischte er.Und die Kinder? Denkst du an die?
Sie schloss kurz die Augen. Die Kinder Ja, sie dachten ständig an sie.
Sie werden sehen, was es heißt, sich selbst zu achten,antwortete sie.
Genug!er winkte ab.Du bist egoistisch. Wir haben Haus, Wohlstand Und du würdest das alles wegen irgendeiner Kleinlichkeit aufgeben?
Hannelore blickte ihn an und erkannte plötzlich: Er verstand wirklich nicht. Für ihn waren das nur Kleinlichkeiten.
Für dich so,sagte sie.Für mich nicht.
Er drehte sich um, trommelte nervös mit den Fingern auf die Handfläche.
Na gut. Du wirst es bereuen.
Am Tag, an dem sie die letzten Sachen packte, fragte Matthias plötzlich:
Und was, glaubst du, findest du jemand Besseren?
Sie blieb an der Tür stehen, spürte den leichten Wind von außen, der ihr Gesicht streichelte.
Besser?fragte sie zurück.Weiß ich nicht. Aber zumindest jemanden, der mich sieht und nicht nur die Leere.
Er schwieg.
Und sie trat hinaus, wo der Regen nachmachte und die Freiheit in der Luft lag.
***
Zwei Jahre vergingen.
Hannelore heiratete einen Mann, der jeden Morgen ihre Schulter küsste, selbst wenn sie mürrisch gemeint hatte, dass es noch zu früh sei. Er flüsterte: Du bist wunderschön, wenn sie im alten Morgenmantel mit zerzaustem Haar und müden Augen stand. Einmal, als er denselben Staubsauger im Ausverkauf sah, lachte er und schenkte ihr ein Bouquet aus Pfingstrosen nur weil die Farbe ihrer Lippen daran erinnerte.
Sie trug wieder Parfüm, färbte die Lippen, wählte trägerlose Kleider. Und jedes Mal, wenn sie den bewundernden Blick ihres Mannes spürte, wärmte ihr Herz als würde etwas, das lange im Eis gelegen hatte, schmelzen.
Und Matthias
Eines Tages begegnete sie ihm zufällig in einem Café. Er saß allein an einem Ecktisch, trank Kaffee und starrte ins Handy. Vor ihm lag ein Foto ihrer Kinder, leicht vergilbt am Rand, als hätte man es oft mit den Fingern durchblättert.
Hannelore wollte weitergehen, doch er hob den Kopf. Ihre Blicke trafen sich.
Und sie sah nichts.
Keine Wut. Keine Wehmut. Nicht einmal Ärger. Nur Leere, weit und bodenlos, wie ein leeres Fenster, aus dem seit Jahren die Möbel entfernt wurden.
Er nickte. Sie lächelte. Sie gingen getrennte Wege.
Später, zu Hause, im Arm ihres neuen Mannes, dachte Hannelore plötzlich an die Angst, einst allein zu bleiben. Jetzt wusste sie: Nicht die Einsamkeit ist das Schrecklichste, sondern das Alleinsein, wenn jemand bei einem ist.
Und Matthias
Matthias heiratete nie.
Katrin, als sie ihn ein halbes Jahr nach der Scheidung anrief, lachte und sagte, ihr Leben habe sich bereits gewandelt.
Die Kinder kamen an den Wochenenden zu ihm, doch in ihren Augen las er immer öfter höfliche Distanz.
Abends goss er sich Whisky ein und sah fern, wo stumm Menschen vorbeigingen.
Denn die Praktischen gehen, die Geliebten bleiben.
Doch um geliebt zu werden, muss man zuerst lernen, sich selbst zu lieben.