Verschwunden, Gott sei DankDie Nachbarn atmeten erleichtert auf, denn der Ruhestörer war endlich fort.

— Sag mal, Nachbar, ich hab euren Kater seit Tagen nicht im Treppenhaus gesehen. Wie geht’s ihm denn? Lebt er noch?

Der Nachbar, kaum hörte er das Wort „Kater“, wurde plötzlich munter und grinste übers ganze Gesicht:

— Ach, der ist seit ein paar Tagen verschwunden. Gott sei Dank!

— Wieso Gott sei Dank? — fragte Klaus möglichst neutral, obwohl es innerlich in ihm kochte.

*****

In den letzten zwei Wochen war Klaus aufgefallen, dass seine Nachbarn ihren Hauskater regelmäßig in den Hausflur setzten. Ja, genau: Sie packten ihn am Genick und warfen ihn raus.

Mal machte das der Besitzer, mal die Besitzerin.

Und manchmal…

…flog der arme Kerl direkt vor Klaus’ Nase vorbei.

— Passen Sie doch auf! — sagte Klaus zu seiner Nachbarin, aber die hörte gar nicht hin.

Statt sich zu entschuldigen, funkelte sie ihn nur böse an und knallte die Tür zu.

Nein, sie knallte sie so heftig zu, dass die Fensterscheiben im Treppenhaus klirrten und im Fundament des Hauses bestimmt ein oder zwei Mikrorisse entstanden. Anfangs dachte Klaus noch naiv, die schrägen Nachbarn ließen den Kater nur mal raus oder gewöhnten ihn an den Freigang.

Aber bald wurde ihm klar: Das war eine Bestrafung für irgendwelche Missetaten.

Also: Hat er was angestellt – ab in den Flur.

Mal verängstigt, mal todtraurig saß der Kater dann stundenlang auf dem Treppenabsatz im vierten Stock vor der mit braunem Kunstleder bezogenen Tür und wartete darauf, dass man ihm vergab und ihn wieder reinließ.

Und die Besitzer vergaben ihm natürlich auch – irgendwann. Nur nicht sofort.

Fing er aber an zu miauen oder an der Tür zu kratzen, bekam er sofort den Besen von der Frau zu spüren.

Klaus hatte es mit eigenen Augen gesehen.

Er war gerade die Treppe hochgegangen (der Fahrstuhl in seinem Haus war seit einem halben Jahr kaputt), und als er im vierten Stock ankam, sah er den inzwischen vertrauten Kater. Er wollte ihn schon begrüßen, aber…

…der Kater achtete in dem Moment gar nicht auf Klaus.

Er miaute laut und kratzte mit den Krallen an der Tür.

Der Kater wollte eindeutig nach Hause, aber da man ihn nicht reinließ, versuchte er sich auf diese simple Weise in Erinnerung zu rufen.

In der Wohnung hörte man Schritte, dann riss die Tür auf, und die Nachbarin im ausgewaschenen Bademantel – kein Wort sagte sie – haute dem Kater mit voller Wucht den Besen über und knallte die Tür wieder zu.

Das ging so schnell, dass Klaus gar nichts sagen konnte. Dabei hätte er was zu sagen gehabt…

…er wollte diese Frau zur Rede stellen, die so fies mit ihrem Haustier umging.

— Hast du ganz schön was abgekriegt, Kumpel? — fragte Klaus, als er zu dem Kater ging.

Der sah ihn mit traurigen Augen an, aber in seinem Blick lag auch Dankbarkeit – dafür, dass sich endlich mal jemand um ihn kümmerte.

Der Kater wurde für die kleinste Kleinigkeit in den Flur verbannt.

Einmal hörte Klaus, wie die Nachbarin durch die ganze Wohnung brüllte: „Du Mistvieh! Schon wieder die Vase umgeworfen! Jetzt reicht‘s! Hans, schmeiß den Kater sofort raus! Der soll lernen, nicht auf Tische zu springen!“ – und nach einer Minute öffnete sich die Tür einen Spalt, eine behaarte Männerhand kam zum Vorschein, die den Kater am Genick packte.

Dann ließen die Finger los, der Kater fiel auf den Treppenabsatz, und die Tür schloss sich sofort.

Der Kater rappelte sich auf und setzte sich mit dem Gesicht zur Tür – wartete darauf, dass man ihm vergab und ihn wieder reinließ.

Klaus schüttelte nur missbilligend den Kopf. Solche Erziehungsmethoden konnte er nicht nachvollziehen.

Er streichelte den Kater und ging nach Hause.

Der Kater aber blieb sitzen, mit einem Ausdruck von Weltschmerz auf dem schnurrbärtigen Gesicht.

Klaus war kein übermäßig sentimentaler Mensch, aber dieses Bild blieb in ihm hängen wie ein Splitter.

„Um Himmels willen, wie kann man nur mit einem Lebewesen so umgehen?“, dachte er. Nach einiger Zeit, wenn Klaus vorbeikam, verlangsamte er seinen Schritt, und der Kater, der ihn erkannte, fing an, leise zu schnurren – zur Begrüßung und ein bisschen unterwürfig.

Manchmal hockte Klaus sich neben ihn, kraulte ihn hinter dem Ohr, und der Kater schloss die Augen, hielt den Kopf in die Finger, und dann stupste er mit seiner feuchten Nase an Klaus‘ Handfläche.

Der Kater war warm, lebendig und sehr zutraulich, und das machte Klaus ganz mulmig zumute.

Er verstand einfach nicht, womit dieser nette Kater solche herzlosen Besitzer verdient hatte. Warum, fragte er sich, haben die sich überhaupt ein Tier angeschafft, wenn sie außer sich selbst niemanden lieben? „Seltsame Leute, ehrlich wahr.“

Und eines Tages, als er dem Kater wieder im Treppenhaus begegnete, fasste Klaus einen festen Entschluss: Wenn diese Leute das Vieh noch einmal in den Flur setzten, würde er etwas unternehmen. Schluss mit der Tierquälerei.

Er wusste noch nicht genau, was er tun würde, aber er spürte, dass er eingreifen musste, sonst würde das nie aufhören.

Der Tag, an dem Klaus‘ Geduld endgültig riss, kam an einem Freitag, als er besonders schlecht gelaunt nach Hause kam.

Auf der Arbeit hatte er sich mit Kollegen gestritten, in der Bahn wurde er geschubst und getreten, und dazu regnete es seit dem Morgen einen ekligen Nieselregen. Kurzum: seine Stimmung war auf dem Tiefpunkt. Vielleicht sogar darunter.

Als er die Treppe hochstieg, hörte er schon vom dritten Stock das vertraute klägliche „Miau“.

Der Kater saß wie immer brav vor seiner Tür, aber man ließ ihn nicht rein.

Im Hausflur war es übrigens ziemlich kühl. Nicht gerade Mai, wie man so sagt. Klaus blieb auf dem Treppenabsatz stehen und sah den Kater nachdenklich an, der bei seinem Anblick wie immer zu schnurren anfing und auf ihn zukam.

Und dann – peng!

Mit einem Mal kamen Klaus alle Probleme des Tages wie eine Kleinigkeit vor. Der Kater – der hatte Probleme.

Welche? Riesen! Er wurde wie eine Sache behandelt. Wie ein Spielzeug. Was konnte schlimmer sein?

Klaus horchte in die Stille hinter der Kunstledertür. Niemanden kümmerte dieser Kater.

Und da packte ihn der Wunsch, seinen Nachbarn eine Lektion zu erteilen.

— So, jetzt reicht’s, — sagte Klaus laut, selbst überrascht von seiner Entschlossenheit. — Komm mit.

Er bückte sich, hob den Kater hoch.

Der fing sofort lauter zu schnurren an und rieb seinen Kopf an Klaus‘ nasser Jacke, hinterließ Haare.

Dann gingen sie in den siebten Stock, wo Klaus wohnte.

Er nahm den Kater nur für ein paar Tage mit.

„Sollen die Besitzer ruhig einen Schreck kriegen, sollen sie suchen und sich sorgen. Dann kapieren sie vielleicht, dass man das nicht macht…“, dachte Klaus, als er die Wohnung betrat. Bei ihm zu Hause gewöhnte sich der Kater erstaunlich schnell ein. Er schnupperte in den Ecken, sprang aufs Sofa, drehte sich, suchte sich ein Plätzchen und rollte sich auf der Decke zusammen, dankbar zu seinem Retter blickend.

Während der Kater ruhte, rannte Klaus, trotz des ekligen Nieselregens und der Müdigkeit, noch schnell zum nächsten Tierladen, kaufte das beste Katzenfutter, Toilettenzubehör und auch Spielzeug – falls dem flauschigen Untermieter langweilig wurde, wenn er nicht da war.

Am nächsten Tag, Samstag, ging Klaus mehrmals zur Wohnungstür, öffnete sie und spähte in den Hausflur.

Und wunderte sich, dass es dort ganz still war.

Niemand lief durch die Stockwerke, niemand rief nach dem Kater (übrigens, wie der hieß, wusste Klaus nicht), keine Suchzettel klebten an der Wand.

Es sah ganz so aus, als würde niemand den verschwundenen Kater vermissen. Das war seltsam. Sehr seltsam…

Klaus ging zurück in die Wohnung, schaute den Kater an und zuckte mit den Schultern.

Der wiederum streckte sich träge auf dem Sofa und dachte nicht im Traum daran, nach draußen zu wollen.

— Sag mal, willst du vielleicht zurück in den Flur? — fragte Klaus am Sonntag und zeigte auf die Tür. — Ich halte dich nicht fest. Geh ruhig, wenn du musst.

Der Kater sah zur Tür, dann zu Klaus und begann demonstrativ, seine Pfote zu lecken.

Dann stand er auf, kam herüber und rieb sich an Klaus‘ Bein.

Die Antwort war klarer als jede Sprache. Klaus schloss die Tür, grinste und nahm den Kater auf den Arm.

Sie gingen in die Küche zum Frühstück, dann ins Wohnzimmer zum Fernsehen. War ja schließlich Wochenende. Der Kater lag auf seinem Schoß und schnurrte wie ein kleiner Traktor, und zum ersten Mal seit langer Zeit fühlte sich die Wohnung richtig gemütlich an.

Dann kam Montag. Nach dem Kater hatte immer noch keiner gesucht.

Und Klaus beschloss, ihn vorerst nicht zurückzugeben.

Einzig die Sorge nagte an ihm: Die Nachbarn könnten ihn des Diebstahls bezichtigen.

Im Grunde hatte er fremdes Eigentum gestohlen. Zwar ein lebendiges, mit guten Absichten und zu Erziehungszwecken, aber trotzdem gestohlen.

Klaus spielte in Gedanken mögliche Szenarien durch: Die Nachbarn rufen die Polizei, er wird wegen Diebstahls angezeigt, muss alles erklären, sich rechtfertigen. Vielleicht verstehen sie seine Motive nicht.

Dieser Gedanke bohrte in ihm und ließ ihn nicht los. Den ganzen Tag auf der Arbeit war er wie auf heißen Kohlen und checkte ständig sein Handy – ob jemand anrief. Aber an dem Tag kam kein einziger verpasster Anruf.

Als Klaus abends nach Hause kam, sah er den Nachbarn, der gerade den Müll runterbringen wollte.

In der schwarzen Tüte war nichts zu erkennen, aber die Umrisse deuteten auf etwas hin, das wie eine Katzenkloschaufel aussah.

Klaus winkte dem Nachbarn, damit er anhielt, ging näher und fragte wie beiläufig:

— Sag mal, Nachbar, ich hab euren Kater seit Tagen nicht im Treppenhaus gesehen. Wie geht’s ihm denn? Lebt er noch?

— Ach, der ist schon seit ein paar Tagen weg. Gott sei Dank!

— Wieso Gott sei Dank? — fragte Klaus möglichst neutral.

— Meine Frau wollte ihn zum Wochenendhaus bringen und dort lassen. Sie hatte die Schnauze voll: überall Haare, nachts schreit er, Vasen schmeißt er um. Und da draußen soll er Mäuse fangen – wenigstens etwas Nutzen. Aber ich hab keine Lust, da hinzufahren. Erstens ist es weit. Zweitens würde mich meine Frau da sicher zu irgendwelcher Arbeit verdonnern. Und so ist der Kater einfach abgehauen, und wir müssen gar nicht hinfahren. Ich hab mir gestern sogar zwei Liter Bier gegönnt. Ein Grund zum Feiern.

— Tut euch der Kater denn gar nicht leid? Was, wenn ihm was passiert?

— Ach, was soll man da leid haben? Das ist doch kein Mensch. Sag mal, wieso fragst du eigentlich so? — Der Nachbar kniff misstrauisch die Augen zusammen und sah Klaus an.

— Ach, nur so … — antwortete Klaus nachdenklich, drehte sich ohne ein Wort um und ging schnellen Schrittes zum Haus.

In ihm brodelte die Empörung.

„Zum Wochenendhaus also… Ende Oktober. Den Kater dort aussetzen, dem sicheren Tod überlassen. Und keine Spur von Reue. Sie sind sogar froh, dass er ‚von selbst weg‘ ist, damit sie nicht hinfahren und sich die Hände schmutzig machen müssen.“

Einen Moment lang stellte er sich diesen guten, vertrauensvollen Kater vor, wie er auf der Treppe des leeren Wochenendhauses saß (oder noch schlimmer: unter dem Zaun) und wartete, dass man ihn wieder abholte.

Wartete genauso treu und ergeben, wie er es vor der Wohnungstür im Hausflur getan hatte. Für seine Nachbarn war der Kater nur eine Sache – mal nett, mal lästig, und wenn er zu lästig wurde, setzte man ihn vor die Tür.

Erst für ein paar Stunden in den Flur, dann für immer aufs Land.

Als Klaus in den siebten Stock kam und die Wohnung betrat und sah, wie der Kater treu und ergeben an der Tür auf ihn wartete, wurde ihm gleich viel wärmer ums Herz.

Und plötzlich wurde ihm klar: Er hatte alles richtig gemacht.

Richtig, dass er den Kater diesen herzlosen Leuten geklaut hatte, die ihn im Spätherbst einfach auf dem Land hätten verkommen lassen.

Klaus lächelte, nahm den Kater auf den Arm, und sie gingen in die Küche, um Abendbrot zu machen.

Und nach dem Essen lagen sie auf dem Sofa und sahen fern.

Na ja: Klaus sah fern, der Kater war einfach da. Mal drehte er sich auf die eine Seite, mal auf die andere. Dann bewegte er sich wieder, rollte sich auf den Rücken und bot vertrauensvoll seinen Bauch an – die verwundbarste Stelle. Er tat es, ganz selbstverständlich.

Weil er keine Angst mehr hatte.

Weil ein richtiges Zuhause nicht nur ein Dach über dem Kopf und ein Napf mit Futter ist.

Ein richtiges Zuhause ist der Ort, an dem du nicht erst beweisen musst, dass du dazugehörst.

Und wo man dich liebt. Einfach so. Weil du da bist.

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