Verrat hinter der Maske der Freundschaft

Verrat hinter der Maske der Freundschaft

Der Winter hatte sich in diesem Jahr von seiner schönsten Seite gezeigt eine dicke Schneeschicht überzog Städte und Dörfer, Straßen und Gärten verwandelten sich in wahre Wintermärchen. Wie in Zeitlupe fielen die weißen Flocken unaufhörlich vom Himmel, bedeckten die Dächer, Wege und Bäume, während die frostige Luft alles klar und frisch erscheinen ließ.

In der Wohnung von Katrin und Jens in München herrschte an diesem Wochenende eine ganz andere Stimmung warm, friedlich und wohltuend ruhig. Draußen tobte der Winter, drinnen schirmten dicke Vorhänge und doppelte Fenster den eiskalten Wind aus. Die Stehlampe verbreitete ein sanftes, fast goldenes Licht, das gemeinsam mit dem Flackern des Kamins ein Gefühl von Geborgenheit versprühte.

Sie saßen gemeinsam auf dem Sofa, in eine weiche Wolldecke gehüllt. Im Fernseher lief eine harmlose Familienkomödie, einfach zum Lachen, zum Abschalten. Katrin folgte dem Film mit träumerischem Blick, das Gesicht von einem zarten Lächeln umspielt. Jens saß entspannt neben ihr, die Füße auf dem Teppich, den Blick abwechselnd auf den Fernseher und dann wieder hinaus auf das weiße Treiben vor dem Fenster gerichtet. Der Anblick der tanzenden Schneeflöckchen faszinierte ihn immer wieder aufs Neue.

Da störte plötzlich das Verhalten das angenehme Beisammensein das Handy von Jens begann zu klingeln. Zunächst ignorierte er das Geräusch, wollte diesen friedlichen Moment nicht unterbrechen, doch als es zum dritten Mal summte, seufzte er leise und griff aus der Tasche nach dem Smartphone. Ein Blick aufs Display und wieder ein tiefer Seufzer.

»Schon wieder Martin«, sagte er zu Katrin, »das ist jetzt das dritte Mal heute Abend.«

Katrin drehte leicht den Kopf, den Blick weiter auf den Fernseher gerichtet.

»Will uns bestimmt wieder zu sich einladen«, erwiderte sie ruhig. »Hat doch vor Kurzem dieses Häuschen im Chiemgau gekauft und will natürlich feiern. Martin versteht das Wort Nein einfach nicht.«

Jens nahm doch das Gespräch an, die Lautstärke im Raum nahm einen Ruck zu.

»Grüß dich, Martin«, sagte er betont locker.

»Jens, mein Freund! Wann kommt ihr endlich?«, rief Martin, seine Stimme klang vor Aufregung förmlich nach. »Ich hab alles vorbereitet die Sauna ist eingeheizt, das Essen steht auf dem Tisch, alle sind schon da. Ihr könnt doch nicht den ganzen Tag zu Hause rumsitzen komm, schnapp Katrin und los geht’s, das wird ein super Abend!«

Jens überlegte kurz mit Blick auf Katrin, die ihm ein kaum merkliches Kopfschütteln schenkte. Sie musste nichts sagen laute Feiern, Wein, Smalltalk, Leute über Leute, das alles hätte in diesem Moment einfach nicht gepasst. Beide sehnten sich danach, dieses Wochenende in aller Stille mit einander zu verbringen. Kein Zwang, keine Verantwortung, keine Rechenschaft.

Nach einer kleinen Pause hatte Jens plötzlich eine passende Ausrede parat.

»Du, Martin«, begann er ruhig, »Katrin ist übers Wochenende zu ihrer Mutter gefahren. Ich hätte alleine sowieso keine Lust zumal man ja nie weiß, was die Leute sagen, wenn ich alleine vorbei komme. Ich will ehrlich keinen Krach mit ihr riskieren. Aber versprochen, wir holen das bald nach.«

Martin schwieg eine Sekunde, dann fragte er verblüfft:

»Wann kommt sie denn zurück?«

»Morgen Abend. Eigentlich hatten wir vor, ins Kino zu gehen, eine Runde durch den Englischen Garten zu drehen oder vielleicht aufs Eis zu gehen naja, das ist jetzt alles hinfällig.«

Martin murmelte noch etwas Unverständliches, dann ließ er nicht locker, verabschiedete sich aber schließlich.

Jens legte das Handy auf den Couchtisch und atmete erleichtert aus.

»Puh, das war knapp. Warum ist Martin eigentlich immer so penetrant? Ich hab ihm doch schon oft genug gesagt, dass ich keine Lust auf seine feucht-fröhlichen Abende hab. Ich kann einfach nix mit diesem Besäufnis anfangen. Ich genieße die Zeit mit dir viel mehr, Katrin.«

Er zog sie in eine sanfte Umarmung, das aufgestaute Unbehagen legte sich wieder. Über allem lag die Ruhe der Schneenacht, leise tickte die Wanduhr, der Film plätscherte weiter vor sich hin gemütlich, friedlich, weit entfernt von Trubel und Lautstärke.

»Mir gehts genauso«, sagte Katrin leise und lächelte ihn an. »Lass uns doch einfach den Film schauen und früh schlafen gehen.«

Jens drückte sie noch fester. In seiner Vorstellung würden sie bald das Licht löschen und sich eng aneinanderschmiegen ein stilles Glück inmitten des Münchner Winters.

Doch dann schon wieder ein Anruf. Martin erneut.

Jens verdrehte genervt die Augen, zögerte kurz und nahm ab.

»Martin, ich habs doch eben erklärt«

»Jens, pass auf, ich sitze grad im Nachtclub Kristall, wir wollten uns aufwärmen vor der Sauna. Und weißt du, was ich hier sehe? Katrin! Sie sitzt mit so einem Typen da, trinkt mit ihm und umarmt ihn die ganze Zeit. Ich wollte mich eigentlich nicht einmischen, aber das solltest du wissen. Sie hat dir doch erzählt, sie wäre bei ihrer Mutter! Sie hat dich offensichtlich angelogen.«

Jens erstarrte, schaute erschrocken zu Katrin die saß immer noch direkt neben ihm. Im ersten Moment dachte er an einen dummen Scherz seines Freundes.

»Wie bitte? Bist du sicher, Martin? Vielleicht verwechselst du sie. Ich hab meine Frau schließlich in Sichtweite.«

»Absolut. Sie ist schon gut dabei lacht laut, benimmt sich total daneben. Soll ich sie ans Telefon holen?«

Jens schloss die Augen, versuchte einen klaren Gedanken zu fassen.

»Leg los«, presste er hervor und schaltete auf Lautsprecher.

Durchs Telefon dröhnte die dumpfe Musik des Clubs, dann ein Frauenlachen, undeutliche Stimmen. Eine Stimme, die Katrins zum Verwechseln ähnlich klang, meldete sich:

»Hallo? Wer ist da?«, schien die Frau kurz zu überlegen.

Jens Herz rutschte in die Hose. Er sah Katrin an ihre Augen waren weit aufgerissen, sie wirkte mindestens genauso verwirrt.

»Katrin? Hier ist Jens. Was ist da los?«

Wieder dieses Lachen, dann die Stimme, jetzt fordernd und leicht heiser:

»Och Jens, lass mich mal. Ich will Spaß haben, verstehst du? Ich hab die Nase voll von dieser langweiligen Häuslichkeit. Ich feier jetzt mal richtig durch!«

Katrin sprang entsetzt auf, das Gesicht bleich. Sie schlug sich die Hand aufs Herz.

»Was ist das? Wie kann sie so klingen wie ich? Und woher kennt die überhaupt deinen Namen? Was für ein schlechter Film läuft hier?«

Die Stimme im Hintergrund steigert sich:

»Was geht dich das an? Nur weil ich deine Frau bin, muss ich mich nicht rechtfertigen. Ich mache, was ich will!«

Wieder lautes Lachen, dann Martin:

»Hörst du das, Jens? Ich habs dir doch gesagt«

»Stopp!«, platzte es aus Jens, seine Stimme zitterte leicht, aber er bemühte sich um Fassung. »Ich klär das morgen. Ruf mich nicht mehr an.«

Rasch legte er auf und warf das Handy aufs Sofa. Wäre Katrin nicht neben ihm gewesen er hätte dieser perfiden Inszenierung tatsächlich geglaubt!

Katrin fiel neben ihn auf das Sofa, immer noch verwirrt. Die Stimme war tatsächlich fast identisch aber wie konnte das sein? Irgendjemand hatte offenbar bewusst eine perfide List inszeniert.

»Wahnsinn«, murmelte sie schließlich. »Wer war die Frau? Und warum diese Spielchen?«

Jens fuhr sich fahrig durch die Haare. »Ich hab keine Ahnung, aber es war mehr als nur Zufall. Sogar die Betonung alles hat gestimmt. Und dass Martin so sicher war, das stinkt doch zum Himmel! Gut, dass du nicht wirklich unterwegs warst. Ich wäre auf den Trick vielleicht reingefallen.«

Er zog sie vorsichtig an sich und spürte, dass sie immer noch zitterte. Es würde Zeit und Gespräche brauchen, um hier Klarheit zu gewinnen.

Katrin stützte sich an seiner Schulter ab.

»Ich war’s definitiv nicht. Aber warum? Was wollte Martin damit erreichen?«

Jens Blick wurde bestimmt.

»Das finden wir raus. Zur Not frage ich beim Club nach, ob sie Überwachungsvideos haben. Wir werden schon erfahren, wer dieses Spiel inszeniert hat.«

Sie schmiegte sich an ihn, langsam schwand das beklemmende Gefühl, etwas Wärme und Zuversicht kehrten zurück.

************************************************************************

Am nächsten Tag, kurz nach elf, saß Katrin mit einer Tasse Tee in der kleinen Küche und arbeitete am Laptop. Da ertönte erneut das Handy wieder Martin. Katrin zögerte, der gestrige Vorfall lag ihr schwer im Magen. Aber Neugier siegte.

»Hallo«, begann Martin leise, fast vorsichtig. »Hast du und Jens gestern noch gesprochen?«

Katrin erwiderte ruhig und sachlich, sich vorbereitend:

»Ja. Wir haben gestritten. Jens hat mir Sachen vorgeworfen, ohne mir eine Chance zu geben, etwas zu erklären. Er meint, ich würde ihn belügen.«

Einen Moment herrschte Schweigen. Dann wurde Martins Stimme merklich zufriedener, als er antwortete:

»So so. Weißt du ich habe schon lange gesagt, dass Jens deine Qualitäten gar nicht zu schätzen weiß.«

Katrin spürte Wut in sich aufkeimen, hielt sich aber zurück, um zu sehen, auf was Martin hinauswollte:

»Was meinst du damit?«

Er wurde leiser, fast verschwörerisch:

»Ich wollte es dir schon lange sagen. Katrin, ich liebe dich. Ehrlich! Ich wäre für dich da, egal was ist. Wenn du Jens verlässt du weißt jetzt, an wen du dich wenden kannst.«

Katrin schwieg fassungslos, das Puzzle fügte sich langsam zusammen. Vielleicht hatte er alles eingefädelt, nachdem Jens Ausrede ihn auf die Idee brachte.

Sie holte tief Luft:

»Martin, das kommt jetzt echt überraschend. Um ehrlich zu sein: Ich liebe Jens, und wir regeln das selbst. Bitte misch dich nicht ein!«

»Verzeih, falls ich zu weit gegangen bin.« Er versuchte erneut, sie zu überzeugen. »Jens ist einfach ein Feigling er sucht nur einen Grund, dich loszuwerden. Ich hab da was mitbekommen Ich will nur, dass du weißt, dass ich auf dich aufpasse!«

Katrin ergriff das Wort mit eiskalter Klarheit:

»Erstens: Ich war gestern Abend zu Hause. Zweitens: Wir haben uns überhaupt nicht gestritten. Drittens: Ich weiß, dass du es inszeniert hast. Du hast eine Frau mit meiner Stimme engagiert. Sag die Wahrheit du wolltest uns auseinander bringen.«

Wieder Schweigen. Man konnte fast hören, wie Martin nach Worten suchte.

»Was?«, brachte er schließlich hervor, dann, mutiger: »Wovon redest du?«

»Genau davon! Du hast Maren gefunden, ihr genaue Anweisungen gegeben damit sie Jens einen Skandal vorspielt. Nur um uns auseinanderzubringen.«

Jetzt brach seine Stimme fast. Dann gab er kleinlaut, aber trotzig zu:

»Ja, es stimmt. Ich liebe dich, Katrin! Ich wollte nur dein Glück mit mir! Jens hat dich nicht verdient ich bin viel besser.«

Katrin schwieg, schloss einen Moment die Augen und antwortete dann sachlich:

»Glück? Mit dir? Nach so einer Nummer? Du hast Vertrauen und Freundschaft verraten. Für dich gibt es kein Zurück mehr.«

Martin versuchte zu beschwichtigen, doch Katrin beendete das Gespräch klar und kühl:

»Nein, Martin. Keine Vergebung. Und keine Freundschaft. Du wirst mich nie wieder anrufen. Und ich werde Jens alles erzählen. Auf Wiedersehen.«

Sie legte auf, stellte das Telefon auf den Tisch, atmete tief durch und schaute hinaus in den weiterwirbelnden Schnee. Für einen Moment atmete sie Erleichterung und neue Klarheit.

Jens kam hinein, sah ihre ernste Miene und fragte besorgt:

»Und?«

»Es ist raus«, erwiderte sie, »er hat alles inszeniert, weil er meinte, er wäre der bessere Mann. Abscheulich, einfach nur abscheulich.«

Jens setzte sich neben sie, umfasste ihre Hand als Zeichen der Unterstützung. Ihre kleine Welt war wieder ein Stück sicherer geworden.

»Dann war er nie ein richtiger Freund. Lass ihn ziehen. Ich hatte schon lange ein seltsames Gefühl bei ihm jetzt habe ich Gewissheit.«

»Du hast recht«, sagte sie und rückte näher, die Anspannung wich langsam aus ihrer Stimme. »Jetzt wissen wir, wem wir vertrauen können.«

Sie schmunzelte:

»Eigentlich hat es auch einen Vorteil: Keine Einladungen mehr zu seinen Partys. Beim nächsten Mal reicht ein einfaches: Da ist ein unangenehmer Mensch dabei.«

Jens musste lachen.

»Genau. Wir schauen einen Film, trinken Tee und genießen unser Leben ohne dass uns jemand reinredet.«

»Ganz wunderbar«, sagte Katrin verschmitzt und kuschelte sich tiefer in den Plaid.

Ihre kleine Welt blieb warm und sicher, der Winter draußen konnte ihnen nichts anhaben. Vertrauen, Wärme und das stille Wissen, dass sie beide alles richtig gemacht hatten und aufeinander bauen konnten darum ging es letzten Endes.

***************

Martin saß später allein in seiner kleinen Küche, starrte in seine leere Kaffeetasse. Die Worte »Ruf mich nie wieder an« hallten in seinem Kopf nach.

Statt echter Reue machte sich bei ihm verbissene Wut breit er trommelte auf die Tischplatte und wollte es nicht wahrhaben.

»Warum hat es nicht geklappt?«, schrie er in den Raum.

Wieder und wieder erinnerte er sich, wie die Idee mit Maren entstand: Stimme und Aussehen fast wie Katrin, das falsche Spiel im Club. Für einen Moment glaubte er, alles würde sich zu seinen Gunsten wenden. Nun blieb ihm nur die bittere Lektion, dass Liebe und Manipulation niemals zusammenpassen.

Er stand am Fenster, sah dem Schnee zu, der weiter alles friedlich erscheinen ließ. Sein Plan hatte nur bewirkt, dass er alles verloren hatte Katrin und Jens, die Freundschaft, das Vertrauen.

Die Wahrheit war nicht zu ändern: Echtes Vertrauen und Liebe lassen sich nicht erzwingen oder erzwingen sie wachsen aus Aufrichtigkeit. Heute schmerzt diese Lektion, doch ich habe sie gelernt. Freundschaft und Liebe verdienen Ehrlichkeit und Respekt alles andere führt zwangsläufig ins Abseits.

Leave a Reply

;-) :| :x :twisted: :smile: :shock: :sad: :roll: :razz: :oops: :o :mrgreen: :lol: :idea: :grin: :evil: :cry: :cool: :arrow: :???: :?: :!: