Unansehnlich
Sabine hatte es sich auf dem Sofa in ihrem Lieblingscafé in München gemütlich gemacht und wartete auf ihre Bestellung. Sie kam oft hierher, um sich mit einem Cappuccino und einem Stück Bienenstich für den bevorstehenden Arbeitstag aufzumuntern.
Draußen rieselte leise Schnee, und Sabine genoss einen Schluck ihres heißen Kaffees. Am Nachbartisch saßen zwei junge Frauen, ganz offensichtlich Freundinnen.
Hör mal, ich bin neulich der neuen Freundin von meinem Ex begegnet. Also ehrlich, kein hübsches Gesicht, keine tolle Figur! Was findet er nur an ihr?
Vielleicht kann sie sensationellen Kartoffelsalat machen? Oder im Bett für Abwechslung sorgen?, lachte die andere.
Ach was! Schau dir mal ihr Bild auf Instagram an. Da stimmt das Gesicht einfach nicht.
Die beiden kicherten, und Sabine erstarrte. Sie erinnerte sich an einen Satz ihrer Mutter, den sie als Siebenjährige heimlich aufgeschnappt hatte: Unsere Sabine ist ja keine Schönheit. Mit dem Gesicht hat sie es nicht, da muss sie sich wenigstens durch Taten schmücken.
Sabine achtete als Erwachsene stets auf ihr Äußeres. Doch wie sehr sie sich auch bemühte, das Gefühl, nicht hübsch genug zu sein, blieb bestehen. Ihre Mutter sagte oft: Kopf hoch, mein Mädchen. Mit Schönheit bist du nicht gesegnet, aber dann nimm eben deinen Verstand. Lerne, arbeite, dann bleibst du zumindest nicht allein.
In der Schule schämte sie sich für ihre ungeschickte Erscheinung und ihre eher burschikose Figur. An der Uni lernte sie schicke Kleidung und Make-up für sich zu nutzen. Sogar einen Freund hatte sie. Doch dieser machte immer wieder Sprüche über ihren flachen Hintern und die großen Füße. Sabine begriff, dass selbst Intelligenz niemanden zwingt, sie zu lieben. Also arrangierte sie sich und lebte weiter.
Nachdem sie ihr Gebäck verspeist hatte, eilte sie zur Arbeit. In der Mittagspause wollte sie bei ihrer Freundin Jessica vorbeischauen, um die Katze zu füttern und die Pflanzen zu gießen. Jessica war für ein paar Wochen nach Mallorca geflogen, ihr Mann war kaum zu Hause. Selbst wenn die zwei sich zufällig begegnen, beachtet er Sabine ohnehin nicht, dachte Jessica und fuhr beruhigt in den Urlaub.
Zuhause bei ihrer Freundin füllte Sabine als Erstes dem schlaftrunkenen Kater Max das Futter in den Napf, dann kümmerte sie sich um die Blumen. Aus der Nachbarwohnung tönte Musik. Sabine erkannte das Lied und sang leise mit: Über sieben Brücken musst du gehn… Plötzlich fühlte sie sich richtig wohl in der Wohnung, von der Musik umgeben, zwischen all den Pflanzen. Sie war wie beflügelt, begann sogar, im Takt zu schwingen und betrachtete verträumt ihr Spiegelbild im Fenster.
Da hörte sie plötzlich Stimmen.
Sabine drehte sich um und entdeckte zwei Männer im Flur. Wolfgang! Jessicas Ehemann. Und er hatte noch jemanden dabei. Beide blickten überrascht.
Hallo Sabine. Das ist mein Freund Konstantin. Wir wollten nur schnell ein paar Unterlagen holen. Du hast so schön getanzt, dass wir nicht wegschauen konnten. Verzeih, dass wir gestört haben.
Ich… also… Jessica hat mich gebeten…
Sabine hastete zur Tür, übersah dabei Max, stolperte und landete unsanft auf dem Boden. Alles wurde schwarz.
Als sie wieder zu sich kam, lag sie in einem Krankenhauszimmer.
Guten Tag, wie gehts Ihnen? Ich bin Veronika, Ihre Zimmernachbarin. Sie haben eine leichte Gehirnerschütterung, aber der Arzt sagt, es wird alles gut. Es waren ein Kurier für Sie da und ein junger Mann mit Blumen. Veronika lächelte freundlich.
Danke, brachte Sabine nur leise heraus.
Langsam stand sie auf, ging ans Fenster und öffnete die Tüte. Darin waren Obst, Saft und ein paar ihrer geliebten Windbeutel bestimmt von Jessica und Wolfgang.
Als sie die Blumen betrachtete, entdeckte sie eine Karte. Sabine, gute Besserung. So eine sympathische Frau wie Sie gehört nicht ins Krankenhaus. Mein Einladung zur Blumenausstellung steht eine Absage gilt nicht! Konstantin.
Sabine drückte ihr Gesicht in die weißen Chrysanthemen, schloss vor Glück die Augen und fiel spontan ihrer Zimmernachbarin in die Arme.
Schönheit muss nicht immer laut und auffällig sein. Jede Frau trägt ihre eigene in sich, manchmal ist sie warm und kommt von ganz tief innenVeronika lachte: Na, wenn das kein guter Anfang ist! So ein lieber Mann und dann noch Chrysanthemen. Das sind Glücksblumen, wissen Sie? Sabine lächelte verschmitzt und streichelte die zarten Blüten. Plötzlich spürte sie ein vertrautes, warmes Kribbeln im Bauch ein Gefühl, das nicht von Unsicherheit, sondern von Vorfreude stammte.
Am nächsten Tag, während sanfte Sonnenstrahlen durch das Fenster fielen, stand Konstantin tatsächlich vor ihr. Er trug ein leichtes Hemd, im Arm einen bunten Regenschirm. Für alle Fälle, meinte er lächelnd, und über sieben Brücken gehen wir zusammen. Sabine lachte laut, so frei wie seit Jahren nicht mehr.
Als sie später, Arm in Arm durch den Blumenpark schlenderten und Chrysanthemen ringsum strahlten, fühlte Sabine sich nicht mehr unansehnlich, sondern wunderschön nicht der Spiegel wegen, sondern weil jemand ihr Strahlen sah, das von innen kam. Sabine ahnte: Das schönste an ihr war schon immer das, was niemand auf den ersten Blick verstand. Und jetzt war da jemand, der hinschaute.