Svetlana wurde von ihren Kolleginnen und Freundinnen beneidet – sie hatte einen reifen, wohlhabenden Mann um den Finger gewickelt. Andreas war fünfzehn Jahre älter als sie und leitete das Unternehmen, in dem sie arbeitete.

Helena war der Neid ihrer Kolleginnen und Bekannten sicher sie hatte einen deutlich älteren, wohlhabenden Mann für sich gewonnen. Matthias war ganze fünfzehn Jahre älter und leitete die Firma, in der sie seit kurzem arbeitete.

Kaum ist sie bei uns, da heiratet sie schon unseren Chef, tuschelten die anderen im Pausenraum.
Vom Tellerwäscher ins Schloss, das gibts doch nicht.
Ganz genau

Helena selbst versuchte, ihre Beziehung zu Matthias nicht an die große Glocke zu hängen. Sie hatten sich sogar kennengelernt, noch bevor sie herausfand, dass er Geschäftsführer ist. Ihr Bewerbungsgespräch hatte sie nichts ahnend besucht dass Matthias der Chef war, wusste sie erst später. Auf Anraten und nach Prüfung ihrer Vita wurde sie auch prompt eingestellt; Matthias beteuerte, er selbst hätte keinerlei Einfluss auf die Entscheidung genommen, das sei allein die Personalchefin gewesen.

Mit der Zeit kam natürlich alles ans Licht. Bald sprach sich ihr Verhältnis herum, und jeder im Büro kannte die Liebesgeschichte zwischen dem Witwer und der jungen, hübschen Kollegin. Helena hielt nie besonders viel von äußerlichen Reizen und war überzeugt, ihren Job durch Qualifikation und Erfahrung verdient zu haben, doch viele sahen es anders.

Kaum sind zwei Jahre seit Carolinas Tod vergangen, schon will Matthias wieder heiraten, raunten sie.
Carolina war die frühere Inhaberin der Firma und Matthias erste Ehefrau. Sie waren über ein Jahrzehnt verheiratet gewesen, bis Carolina ein tragischer Unfall das Leben kostete und Matthias das Unternehmen und ein beträchtliches Vermögen hinterließ.

Schnell wurde Matthias zum begehrten Junggesellen. Die ersten Monate nach Carolinas Tod zog er sich jedoch zurück, wirkte niedergeschlagen was ihn für manche Frauen noch interessanter machte.
So ein treuer Kerl
Wie ein Schwan!, seufzten sie bewundernd.

Doch Matthias war kein Casanova, er zog weniger wegen seines Aussehens als durch sein Bankkonto die Aufmerksamkeit vieler auf sich. Helena hingegen liebte ihn nicht wegen seines Geldes.

Ihr Kennenlernen war ganz prosaisch: Er hatte ihr im Edeka an der Kasse aus Unachtsamkeit mit dem Einkaufswagen die Strumpfhose und ihre neuen Wildlederpumps ruiniert und ihr dann noch vorgeworfen, sie habe sich vorgedrängelt. Helena konterte so schlagfertig, dass Matthias am Ende all ihre Einkäufe bezahlte und ihr durch das komplette Einkaufszentrum nachlief, um sich zu entschuldigen.

Es war ein echt schwieriger Tag, bitte verzeihen Sie, bat Matthias. Lassen Sie mich wenigstens Ihre Taschen tragen.
Danke, aber ich habe ein Auto und komme alleine klar, antwortete sie kühl.
In Wahrheit fuhr Helena kein Auto, sondern wartete auf den Bus; doch als Matthias zufällig denselben Weg fuhr und sie an der Haltestelle sah, hielt er entschlossen an.

Steigen Sie doch bitte ein.
Nein, danke.
Ich fahre erst weiter, wenn Sie einsteigen, beharrte er, den Weg zum Bus blockierend. Am Ende wurde Helena überredet auch die anderen Wartenden baten sie schon, einfach einzusteigen, damit die Situation endete.

In Wirklichkeit war Matthias ganz sympathisch, wenn er nicht schimpfte und seine Einkaufswagenattacken ließ. Helena spürte, dass sie sich in einer anderen Konstellation durchaus hätten anfreunden können. Für Matthias war jedoch schnell klar: Er wollte mehr. Nach Carolinas Tod hatte er nicht mehr geglaubt, noch einmal heiraten zu können und nun war Helena wie aus dem Nichts erschienen. Sie ähnelte Carolina weder vom Aussehen noch im Charakter, aber irgendetwas hatte sie berührt.

So sehr, dass Matthias täglich bei ihrer Wohnung auftauchte. Schließlich gab Helena nach und sagte zu einem Date zu. Später fing sie tatsächlich in seiner Firma an ob Zufall oder Schicksal, das bleibt offen.

Es kümmerte Matthias wenig, was die Belegschaft hinter ihrem Rücken redete. Endlich war er wieder glücklich und zeigte es auch weniger durch teure Geschenke, sondern durch aufrichtige Zuwendung.

Helena gefiel vor allem, wie er sie ansah. Ihr gefiel die große Altbauwohnung im Zentrum von München, das neue Auto und die Sicherheit, die er ihr bot. Bald zog sie bei ihm ein und lernte seine Mutter, Barbara Fuchs, kennen.

Barbara war eine zurückhaltende Dame und bezog sich in allem auf ihren Sohn. Seit Carolinas Tod wohnte sie bei Matthias, kümmerte sich um Haushalt, Wäsche und die Küche.

Dass Barbara weiterhin alles im Griff hielt, störte Helena gar nicht sie beanspruchte nicht die Rolle als Hausherrin und genoss einfach Barbaras Kochkunst. Es lief alles bestens bis Matthias einen Heiratsantrag plante.

Helena störte es, dass er immer noch seinen Ehering trug.
Ich spüre immer noch eine Verbindung zu Carolina, gestand er. Das gefiel Helena gar nicht und sie bat ihn, ihn abzunehmen.

Gut wenn dich das stört, dann nehme ich ihn ab, bejahte er unsicher.
Du bist doch nicht mehr verheiratet. Es kommt mir komisch vor, als würde ich einen verheirateten Mann treffen, erklärte sie, und Matthias willigte ein. Für eine Weile verschwand der Ring.

Als Matthias jedoch schließlich einen Antrag machte, zauberte er eine alte Schatulle hervor darin lag ein großer Familienring mit Brillant. Im stilvollen Restaurant, bei Live-Musik und Wein, sollte das der Höhepunkt des Abends werden.

Helena verschluckte sich fast, als sie das Schmuckstück entdeckte.
Willst du meine Frau werden?, fragte Matthias.
Doch sie schob seine Hand weg.
Nein.
Was heißt, nein?
Ich will diesen Ring nicht tragen.
Das ist ein Unikat aus der Familie! Es ist unbezahlbar!, schimpfte Matthias.
Es ist mir egal, wie viel es kostet. Ich möchte nicht etwas tragen, das deine verstorbene Frau getragen hat.
Aber warum?
Weil das Unglück bringt.
So ein Unsinn!
Soll ich am besten gleich auch ihr Kleid nehmen? Deine Mutter hat gesagt, es ist noch in ihrem Schrank.
Ein Kleid kann ich dir ein neues kaufen. Aber so einen Ring bekommt man nicht mehr. Schau doch nur, wie hochwertig er gefertigt ist!
Nein. Ich möchte keinen alten Ring und will auch an dir keinen alten sehen.
Das ist dein letztes Wort?, fragte er finster.
Ja. Tut mir leid. Helena stand auf. Der Abend war ruiniert.

Wir sollten eine Pause machen, sagte Matthias.
Ich denke auch, antwortete sie.
Helena ging, Matthias ließ sie ziehen. Die Musik lief weiter, das Essen wurde serviert und die Ringschatulle blieb verschlossen auf dem Tisch zurück.

Im Büro meidet Helena ihren Chef nun, der seinerseits das Büro kaum verlässt. Am Abend fährt sie zu ihren Eltern. Die raten ihr, die Verlobung zu lösen und sich lieber einen gleichaltrigen Partner zu suchen.

Du bist schön, du bist klug! Warum gerade Matthias? Er ist so viel älter und dazu noch Witwer!

Helena schweigt. Sie weiß nicht mehr, was sie fühlen oder tun soll. Einerseits war Matthias ein guter Kandidat für eine Ehe, doch seine Bindung an seine verstorbene Frau beängstigte sie.

Es vergehen einige Tage Matthias ruft nicht an, Helena bleibt auf Distanz, später nimmt sie offiziell Kranktage, weil sie sich unwohl fühlt. Im Büro geht das Gerücht um, das schöne Paar hätte sich getrennt. Matthias tut wenig, um den Eindruck zu entkräften; er ist schweigsam und launisch, lässt seinen Frust an Mitarbeitern aus. Sogar seine Mutter Barbara bekommt kaum ein verständliches Wort oder Erklärungen zu hören.

Barbara leidet darunter. Ihr Sohn ist unglücklich, wagt aber keinen Schritt auf Helena zu. Also nimmt sie die Sache selbst in die Hand und sucht Helena zu Hause auf.

Frau Fuchs?! Helena ist überrascht.
Hallo, Helena. Wie gehts dir?
Es geht so, bin erkältet.
Deswegen bist du also ausgezogen? Um mich nicht anzustecken?
Helena wird rot. Nicht ganz.
Dann kehr zurück. Matthias wird ohne dich verrückt.
Merkt man wenig von, murmelt sie.
Er ist eben stur. Hat mir auch nichts erzählt. Was ist denn los? Ihr liebt euch doch.
Er will, dass ich den Ring seiner verstorbenen Frau trage.
Aha Wenn es das nicht gäbe, wäre alles okay?
Man sollte den Ring verkaufen und einfach einen neuen holen! Ich kann es nicht ertragen, einen Ring zu tragen, der schon einer anderen gehörte zumal solchen Schmuck die Energie des früheren Trägers anhaftet.
Du hast recht, Helena. Ich glaube, Matthias ist noch nicht bereit für eine Hochzeit. Er kann Carolina nicht loslassen und hält sich an der Vergangenheit fest, vielleicht weil er dich so sehr liebt
Auf Alte Wurzeln wächst kein neues Glück, Frau Fuchs, tut mir leid. Danke für Ihren Besuch.
Barbara verabschiedet sich traurig. Es sind kleine Dinge, die zu diesem großen Streit führten, doch sie wurzeln tief.

Eine Krankheitswoche vergeht; Helena muss ins Büro zurück. Sie versucht, Matthias aus dem Weg zu gehen, doch er meldet sich ohnehin nicht mehr. Schließlich hat sie genug und reicht ihre Kündigung ein voller Hoffnung auf einen Neuanfang.

Matthias unterschreibt das Schreiben, ohne ein Wort zu sagen, und sieht dabei mürrisch aus wie ein Kind mit Grießbrei.
Erwachsen bist du, aber benimmst dich wie ein Kind, sagt Helena beim Gehen.
Du bist doch selbst schuld! Noch nie hat mir jemand ‘Nein’ gesagt
Sie antwortet nicht mehr. Sie sieht das alte Eheringband wieder an seiner Hand blinken, als wäre das der letzte Beweis für ihre Entscheidung.

Ich habe das Richtige getan. Er wird Carolina nie loslassen, denkt Helena, während sie ihre Sachen packt. Auf einmal fühlt sie sich innerlich leicht und ist sicher, den richtigen Weg eingeschlagen zu haben. Und Matthias? Er wird ihr Fehlen noch spüren und lange nicht verstehen, warum Helena ihn nicht wertschätzen konnte diesen scheinbar so begehrten Bräutigam.

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