Klara sah keine wirkliche Schuld bei sich. Na gut, einmal hat sie sich nicht bremsen können, ist hinter einer Katze hergerast, hat stärker an der Leine gerissen als nötig – die Besitzerin ist hingefallen. Aber doch nicht böswillig! Instinkte, wissen Sie.
Das Leben gab Klaus ständig eins auf den Deckel: „Trau dich nicht, du gehörst nicht hierher, stell dich lieber in die Ecke.“ Und Klaus stellte sich in die Ecke. Die Natur hatte an ihm jedenfalls keine große Freude gehabt: klein, schmächtig, schwächlich.
In der Schule nannten sie ihn „Schlappschwanz“ und verpassten ihm zur Abschreckung den einen oder anderen Klaps. Freunde? Kaum. Na ja, einen gab es: Dirk.
„Das wird schon“, dachte Klaus damals, „wenn ich erwachsen bin, hört das auf. Erwachsene sind vernünftig. Die geben keine doofen Spitznamen und langen auch nicht einfach so hin.“ Was für ein Irrtum.
Mit den Klapse war es im Erwachsenenleben tatsächlich besser. Die sind dort nicht mehr so üblich. Aber die Spitznamen?
Was Klaus nicht alles gehört hat. „Streusel“, „Rührei“, „Mäuschen“ und „Filius“. Gekränkt hat es ihn schon, aber er musste einstecken – zur mickrigen Statur kam eine gehörige Portion Schüchternheit. Die setzte ihm mehr zu als die mickrige Figur. Neue Kontakte? Fehlanzeige. Er blieb beim alten Schulfreund Dirk und bei seiner Mutter, solange sie lebte.
Die Jahre zogen ins Land. Klaus arbeitete als Lagerist im Supermarkt und dachte nicht mal ans Liebesleben – obwohl die Belegschaft zu neunzig Prozent aus Frauen bestand. Die Damen sahen in Klaus so eine Art „Regimentskind“. Sie bemutten ihn, beschützten ihn, steckten ihm belegte Brote zu. Klar – er war ja der „Arme, Kleine“. Mit vierzig war er Vollwaise. Die mitleidigen Frauen mümmelten weiter.
Bis zu jenem Tag, als er Greta traf. Greta war eine Frau mit großem F. Übersehen konnte man sie nicht! Sie vereinte Größe, üppige Kurven und eine laute Stimme in einem. Prächtig!
Klaus verliebte sich unsterblich. Ansprechen? Niemals! Was war er schon gegen sie? Ein Floh, eine Motte, ein Molekül! Aber das Leben hat einen Galgenhumor. Und so beschloss es, den schüchternen Schlappschwanz mit der großen, lauten Greta zusammenzubringen. Die Methode war abgedroschen, aber zuverlässig: Wie oft verliebt sich der Retter in den Geretteten? Ziemlich oft! Und Greta rettete Klaus einmal.
Es passierte so: Klaus stand an der Kasse. Hinter der Kasse thronte die prächtige Greta. Klaus wurde blass, rot, zitterte, wechselte den Kefir-Pack von einer in die andere Hand. Da tauchten zwei Lausbuben mit Flaschen auf, schoben den schmächtigen Klaus zur Seite:
„Wir sind dran, Opa. Wir haben’s eilig“, sagte einer. An jedem anderen Tag hätte Klaus sie wortlos vorlassen. Aber nicht heute! Denn Greta sah zu!
„Moment mal, Jungs. Ich hab auch nur ’ne begrenzte Mittagspause“, piepste er.
„Nicht rumzicken! Wir sind dran!“ Der eine stellte seine Flasche schon aufs Band. Der andere drehte sich um und stupste Klaus leicht in die Brust:
„Abstand halten, Opa!“
Klaus lief rot an, wollte etwas sagen, aber Greta war schneller:
„Der Reihe nach!“, donnerte es von der Kasse. „Und überhaupt: Ihre Ausweise, meine Herren! Vielleicht darf ich Ihnen den Alkohol gar nicht verkaufen!“
Die Lausbuben wurden nervös:
„Ach, hören Sie mal! Bei uns daheim hocken sieben Kinder, und Sie wollen Ausweise?“, versuchte einer einen Scherz.
„Hören Sie, ‚Familienväter‘, machen Sie keine Spielchen. Entweder Sie zeigen, dass Sie volljährig sind, oder Sie dackeln ab zu Mutti und Vati“, befahl Greta. Hinter ihr tauchte der Sicherheitsmann Herbert auf. Die „Familienväter“ zogen fluchend ab.
„Freche Gören!“, schimpfte Greta. Dann sah sie Klaus an und sagte sanft: „Los, Klaus, ich kassier dich ab. Sonst verpasst du noch dein Essen. Und du musst was essen, du bist ja so dünn. Sogar die Lauser greifen dich an.“
„Danke …“, stammelte Klaus. Er wollte im Boden versinken. „Jetzt ist Hopfen und Malz verloren. Greta wird mich nie beachten. So eine Blamage! Vor Kindern Angst gehabt! Dabei waren das ja schon Halbstarke!“ Aber es kam ganz anders.
Von dem Tag an behandelte Greta ihn anders. Lächelte, flirtete, brachte ihm Mittagessen von zu Hause mit. Die anderen Damen zogen sich zurück. Was Greta dafür getan hatte, wusste Klaus nicht. Nur einmal hörte er sie tuscheln:
„Unser Mäuschen ist jetzt Gretas Beute.“
„Ist ja auch egal. Vielleicht heiratet sie ihn und mästet ihn ordentlich.“ Der Beute-Status störte Klaus nicht. „Sie will mich also! Dann schätze ich ihr was wert. Und bis zur Liebe ist es nur ein Schritt. Vorerst reicht meine Liebe für uns beide“, dachte er.
Das gab ihm Mut. Er überwand seine Schüchternheit und lud Greta zum Essen ein. Sie sagte zu. Eins kam zum anderen, der Roman begann, und bald wurde Hochzeit gefeiert.
Doch das Eheleben enttäuschte Klaus. Greta machte sich zur Chefin. An sich kein Problem, nur hatte sie eine eigenwillige Vorstellung von einer Chefin: Sie sollte nicht nur entscheiden und kontrollieren, sondern auch erziehen und bestrafen dürfen. Oh, wie oft kassierte Klaus eine Standpauke für die kleinste Kleinigkeit! Falsche Lampe, schlecht gewischter Boden, nicht abgewaschene Teller …
Klaus hielt durch. Er liebte seine Retterin Greta trotz allem. Und wollte geliebt werden. Er hoffte, dass sie sich noch einpendeln würden. Die Illusionen, samt der letzten Liebesreste, zerstörte ein einziger Klaps.
„Nichtsnutz, Schlappschwanz, Streusel!“, schimpfte Greta an dem Abend. „Kannst du gar nichts richtig? Schweigst? Zu Unrecht! Sag mir bloß, wo ich die zweite Tasse herkriege! Die von Oma, alt, mein Liebling. Du hast wirklich zwei linke Hände! Geschirr spülen – klappt nicht! Ach, ich könnte platzen!“
Klaus kam nicht zu Wort. Als Greta die Wörter ausgingen, wurde sie handgreiflich! Sie hatte eine schwere Hand. Aber als Klaus wieder klar denken konnte, wusste er: „Schluss! Ich hatte genug Dresche in der Kindheit!“ Mit viel Geschrei ließen sie sich scheiden. Klaus war wieder enttäuscht von den Menschen und schwor sich: Nie wieder verlieben.
Klara hatte es auch schwer im Leben – völlig unverdient. Sie war wunderschön: schwarz, lang, groß. Zwölf Kilo Glück! Aber dieses Glück wollte niemand haben. Sie wanderte von Hand zu Hand.
Der erste Besitzer mochte ihr Aussehen nicht: „Das ist ein übergroßer Dackel, vielleicht ein Super-Dackel! Jedenfalls ein Mischling. Nie gewollt.“ Also gab er sie schnell an einen Kumpel weiter.
„Was für ’ne Rasse? Ein Dackel-Riese?“, witzelte der. „Ein Brocken! Die Mama hatte bestimmt was mit einem Basset. Und was für ein Gebell! Gut, sie kann die Laube bewachen.“ Aber Klara konnte nicht bewachen. Ja, sie bellte tief und drohend. Aber nicht bei Feinden, sondern wenn es ihr passte.
„Blöde Köter!“, schimpften sie. „Kläffer! Frisst viel, bewacht nix. Dafür hast du alle Blumen platt getrampelt und den Rasen umgegraben. Such dir ’nen neuen Herrchen.“ Mühsam fand sich einer – genauer: eine. Eine ältere, nette Frau, aber sehr langsam. Klara schwor sich: „Ich werde brav!“ Aber es klappte wieder nicht.
Klara sah keine wirkliche Schuld bei sich. Na gut, einmal hat sie sich nicht bremsen können, ist hinter einer Katze hergerast, hat stärker an der Leine gerissen als nötig – die Besitzerin ist hingefallen. Aber nicht böswillig! Instinkte. Die Besitzerin hatte nur einen Schrecken, Gott sei Dank. Ist das ein Grund, sich zu trennen? Aber Menschen sind seltsam.
„Ich komme mit ihr nicht klar!“, jammerte die gestürzte Besitzerin am Telefon. „Mein Leben ist mir wichtig. Such ihr ein neues Zuhause. Sonst setz ich sie aus.“ Derjenige am anderen Ende scheint sich bemüht zu haben. Klara bekam eine Familie. Eine richtige Familie: Mann, Frau, Kind.
„Klara, tu dem Andi nichts!“, befahl der Mann. „Sonst setzt’s was!“ Klara hatte nicht vor, dem kleinen Menschenkind was zu tun. Aber der hatte eigene Pläne: „Du bist mein Pferdchen!“, sagte der vierjährige Andi und versuchte, Klara zu reiten. Sie wehrte sich und knurrte. Klar, sie war groß, aber kein Pony.
Andi schrie und heulte. Die Frau schimpfte. Der Mann griff zum Gürtel. Klara verkroch sich. Der Mann schrie drohte, sie ins Tierheim zu bringen.
Was daraus geworden wäre, weiß keiner. Eines Tages kam ein Freund zu Besuch. Klara kroch unterm Bett hervor, um zu sehen, wer da war. Der Freund war ein kleiner, dünner Mann namens Klaus.
„So eine klapprige Gestalt“, dachte Klara. „Meiner ist viel größer. Der ist wohl auch ein Mischling, so wie ich.“
„Tag, Dirk! Lange nicht gesehen!“, Klaus umarmte Klaras Herrchen. „Du hast ja wieder Zuwachs bekommen. ’nen Hund? Ich hab mich endlich scheiden lassen.“
„Glückwunsch! War auch nötig! Ich will mich von dem Köter auch trennen. Hab’s schon bereut“, seufzte Dirk. „Ungezogen, böse, knurrt den Andi an. Wenn ich schimpfe, verkriecht sie sich unterm Bett. Ich will sie weggeben.“
„Wieso denn gleich weggeben?“, Klaus sah Klara mitfühlend an. „Ungezogen, sagst du. Hast du sie erzogen? Schimpfen und strafen ist keine Erziehung. Bring sie zu einem Hundetrainer. Ich bin kein Hundeexperte … aber mich hat man früher auch ständig geschimpft und geprügelt – hat nix gebracht.“
„Hundetrainer? Klaus, ich hab kaum Zeit für die Familie! Ich schufte wie ein Pferd! Meine Frau auch nicht … Hör mal, wenn du so klug bist, kannst du Klara nehmen!“, kam Dirk auf eine Idee. „Du bist jetzt allein und frei. Erzieh sie, so viel du willst. Gute Idee, oder? Allen ist geholfen: uns, Klara und dir!“
„Ich würde sie nehmen, ob sie mitkommt? Sie ist euch doch gewöhnt“, sagte Klaus und sah Klara fragend an.
„Der gefällt mir“, dachte Klara. „Er redet vernünftig, hat keine Kinder, ist selbst untypisch. Der versteht mich schneller! Ich muss zeigen, dass ich einverstanden bin!“ Sie wedelte ein paarmal mit dem Schwanz.
„Sieh an, sie ist nicht dagegen!“, freute sich Dirk. „Hoffentlich klappt’s mit dir. Und wer weiß, vielleicht triffst du auf der Hundewiese deine große Liebe.“
„Bloß nicht! Ich hab genug“, winkte Klaus ab.
Abends gingen sie beide nach Hause.
Es stellte sich raus: Mit Klara klarzukommen, war viel leichter als mit der Ex-Frau. Sie war nicht bockig, schrie nicht wegen Nichtigkeiten und schlug schon gar nicht um sich. Wenn sie was nicht beim ersten Mal verstand, kapierte sie es beim zweiten. Außerdem liebte sie Klaus! Er war für sie alles: Freund, Herrchen, die ganze Welt.
Sie gingen zur Hundeschule, spielten auf der Wiese, lernten, hatten Spaß. Klaus war glücklich, dass das Schicksal ihn an jenem Abend zu seinem alten Schulfreund geführt hatte.
„Hunde sind echt besser als Menschen“, dachte Klaus. „Klara beweist es. Klug, schön, brav. Na ja, noch nicht ganz brav, aber das wird schon.“ Seine Meinung hielt nicht lange. Es gab auch tolle Menschen: nett, einfühlsam, hilfsbereit. Klaus hatte nur nicht gewusst, wo die stecken. Jetzt wusste er es: auf Hundewiesen.
Dank Klara lernte er viele kennen. Einige wurden Freunde. Und wer weiß: Vielleicht verliebt er sich eines Tages wieder – in die Besitzerin eines Spitz oder einer Dogge. Nicht gleich morgen. Aber Klaus schließt es nicht aus.