Vor zwei Jahren hatte Ulrich alles: Familie, Ehefrau, Zukunftspläne, Hoffnungen Heute ist nichts mehr übrig. Es ist kaum auszuhalten, den Schmerz des Verlustes zu ertragen. Wenn er den verhängnisvollen Tag zurückholen könnte, würde er alles tun, um das Unglück zu verhindern. Doch das ist unmöglich
Zum ersten Mal seit zwei Jahren eilt Ulrich in die bedrückende Stille des leerstehenden Hauses. Endlich kann er Rache für den Tod seiner Frau nehmen. Er wollte eigentlich noch ein paar Flaschen Schnaps besorgen, doch er lässt es bleiben. Jetzt ist die Stunde der Vergeltung gekommen der Kopf muss klar bleiben. Ulrich geht früh ins Bett und schläft überraschend schnell ein. Zwei Stunden später reißt ihn ein pochendes Herz aus dem Schlaf, er schnappt nach Luft. Immer wieder träumt er von Anke, ihrem Atem neben ihm. Er lauscht, hofft, dass er die Augen öffnen und sie vor sich sehen kann. Doch die Kissen bleiben ungequetscht. Der Schlaf kehrt zurück.
Ulrich streicht mit der Hand über das Laken. Es wird sofort warm unter seiner Hand, ein trügerisches Gefühl, dass seine Frau noch neben ihm liegt, nur einen Moment vor dem Aufwachen. Einschlafen gelingt ihm nicht mehr. Er starrt die bleiche Decke im Dunkeln an und erinnert sich: zwei Jahre der Erwartung, des Kummers, der Rache. Der Feind ist zurück das weiß Ulrich genau.
An dem verhängnisvollen Tag meldet sich Anke früher von der Arbeit. Sie geht zur Frauenklinik für einen Ultraschall. Sie hat die Periode verpasst und vertraut den Schwangerschaftstests nicht mehr. Jahre des gemeinsamen Wunsches nach einem Kind liegen hinter ihnen.
Anke steht am Rand des Bürgersteigs. Auf der anderen Straßenseite blinkt ein grünes Fußgängerlicht, und sie betritt die Zebrastreifen. Sie sieht nicht, dass ein Auto ihr entgegenrast, um den Strom von Fußgängern zu überholen. Das Fahrzeug würde passieren, wäre nicht ein Radfahrer von der anderen Straßenseite gekommen. Ein Zusammenstoß wäre unausweichlich. Der Fahrer dreht jedoch das Lenkrad nach rechts und lenkt das Auto auf Anke zu. Sie stirbt sofort am Ort des Geschehens.
Der Fahrer erhält eine Bewährungsstrafe von zwei Jahren. Anke gibt es nicht mehr. Der Radfahrer entgeht nur ein paar blauen Flecken. Die Ärzte sagen, Anke war nicht schwanger.
Der Feind lebt weiter mit seiner Frau und seinem Sohn. Ulrich jedoch hat niemanden, nichts mehr, keine Hoffnung. Er beschließt, seinen Feind zu töten, ihn mit voller Motorleistung zu zerschmettern. Vielleicht überlebt seine Familie, was er nicht überlebt hat. Ulrich will nicht mehr fliehen, nicht mehr verstecken. Selbst wenn er dabei stirbt er ist vor zwei Jahren zusammen mit seiner Frau gestorben. Die Zeit der Rache ist kein Leben.
Manchmal fährt Ulrich zu dem Kreuz, an dem Anke ums Leben kam. Er kauft Blumen und legt sie an den Rand des Gehwegs. Vorübergehende Passanten sehen das, gehen weiter. Ulrich steht da und versucht zu erahnen, woran Anke in den letzten Sekunden dachte. Vielleicht hoffte sie, endlich gute Nachrichten zu erhalten. Sie atmet ein letztes Mal ein und tritt auf den Zebrastreifen
Er besucht das Grab, geht zur Kirche, doch Erleichterung findet er nirgendwo. Nur durch die Rache an seinem Feind könnte er Freiheit erlangen.
Müde vom Schlafmangel steht Ulrich auf, duscht und rasiert sich gründlich. Langsam isst er ein Brotchen bei einer Tasse Tee und blickt auf einen Fleck an der Wand. Anke hatte vor, die Tapete neu zu tapezieren. Ulrich lässt das nicht mehr tun; der Fleck bleibt Teil seiner Erinnerung. Er zieht ein frisches Hemd an, wirft einen letzten Blick in das Zimmer. Wird er zurückkehren?
Zunächst fährt er ziellos durch die Stadt, killt die Zeit. Zu früh. Sein Feind genießt noch die sauberen Bettlaken neben seiner Frau oder er hat schon aufgestanden, sich gedehnt, ist ins Bad gegangen und kratzt sich am Bein unter der Unterhose. Er erledigt sein Geschäft, gähnt, duscht. Seine Frau hat bereits das Frühstück gedeckt. Er tritt aus der Dusche, duftet nach Duschgel, küsst die Frau und setzt sich zum Frühstück gegenüber seinem Sohn Genug, sagt Ulrich zu sich selbst. Der Feind sieht zu gut aus, um ein Mörder zu sein.
In seiner Vorstellung trinkt sein Feind am Vorabend ordentlich, um die zwei Jahre aufzuholen. Er wacht morgens mit starker Kopfschmerz und brennendem Durst auf, wirft sich ein Glas Wasser ins Gesicht, trinkt wie im Gefängnis aus dem Hahn. Er rasiert sich nicht. So sitzt er im Unterhemd und den kurzen Hosen am Tisch Jetzt stimmt alles. So muss der Feind sein. Das ist nicht zu bemitleiden.
Ulrich dreht den Schlüssel im Zündschloss und fährt zum Haus des Feindes. Im Vorgarten stellt er das Auto so, dass er die Einfahrt überblickt. Auf dem Spielplatz toben zwei Kinder. Ulrich macht sich bereit zu warten. Früher oder später wird der Feind das Haus verlassen allein oder mit der Familie, das ist egal. Nicht heute, aber beim nächsten Mal wird die Rache ihn einholen.
Es ist das Ende des Aprils. Auf Sträuchern und Bäumen sprießen junge Blätter, besonders auf der sonnigen Seite des Gartens. Der Asphalt ist noch feucht vom nächtlichen Regen. Der Himmel ist wolkenverhangen, kühl.
Plötzlich kommt ein sechsjähriger Junge aus dem Hauseingang, rennt zum Spielplatz, bemerkt jedoch das langsame SUV von Ulrich, das sich nähert. Vielleicht ist das der Sohn des Feindes? denkt Ulrich und lässt das Fenster herunter.
Was willst du, Junge? fragt er.
Nichts, sagt der Junge, schaut Ulrich unverwandt an. Mein Vater hatte auch ein Auto, nicht so schick wie deins.
Und wo ist das denn hin? fragt Ulrich neugierig.
Wir hatten einen Unfall, das alte ist kaputt, ein neues habe ich noch nicht.
Ulrich mustert den Jungen, sucht Ähnlichkeiten zum Feind, findet aber nur die Mutter im Gedächtnis. Das Gesicht des Feindes kennt er jedoch genau. Auf die Windschutzscheibe fallen vereinzelte Regentropfen.
Willst du in das Auto einsteigen? Dann wirst du nicht nass. sagt Ulrich und öffnet die Beifahrertür.
Der Junge zögert einen Moment, doch der Regen wird stärker. Er klettert auf die Sitzbank, schließt die Tür. Das Rauschen des Regens im Innenraum ist fast zu leise. Mit leuchtenden Augen betrachtet er das Armaturenbrett mit roter Beleuchtung.
Gibt es beheizte Sitze? Verbrennt das Auto viel Benzin? fragt er erwachsen.
Ulrich beantwortet geduldig jede Frage. Er überlegt, dass es gefährlich ist, mitten im Hof mit einem Kind zu stehen.
Vielleicht fahren wir eine Runde? Der Regen macht keinen Unterschied.
Der Junge wirft einen misstrauischen Blick auf Ulrich.
Na, wenn du nicht willst, können wir einfach hier sitzen, sagt Ulrich laut.
Im Stillen denkt er: Ein mutiger, kluger Kerl.
Mama wird böse werden. Das verstehe ich. murmelt der Junge.
Sie hat nichts mit uns zu tun, nur kurz. antwortet Ulrich.
Er fährt aus dem Hof, unsicher, ob jemand ihn beobachtet hat. Die Kinder zählen nicht, sie achten nicht auf Automarken oder Nummernschilder.
Ein altes Sprichwort schießt ihm durch den Kopf: Die beste Rache an einem Wichtigtuer ist, das zu zerstören, was er liebt. Die Entscheidung kommt plötzlich, fast von selbst.
Wie heißt du? fragt Ulrich.
Lukas, antwortet der Junge offen.
Echt? Dann heißen wir beide gleich. Ich heiße auch Ulrich.
Ich töte nicht, das kann ich nicht. Du bist der Feind, das ist etwas ganz anderes. Ich bringe dich nur ein Stück weg und lass dich dort. denkt Ulrich.
Plötzlich unterbricht Lukas ihn.
Was? fragt Ulrich verwirrt.
Ich habe gehört, dass mein Vater nicht den Wagen gefahren hat, der die Frau erwischt hat. Meine Mutter hat das Auto gesteuert, mein Vater saß daneben.
Welche Frau? friert Ulrich ein.
Meine Mama, nicht dein Feind. flüstert er.
Meine Mutter hat die Schuld auf sich genommen, weil sie nicht im Gefängnis hätte sitzen dürfen. Sie ist krank, liegt oft im Krankenhaus.
Woher weißt du das?
Ich bin nicht klein, ich habe die Gespräche mitbekommen.
Ein heißer Schauer überfällt Ulrich, er greift mit feuchten Händen fest das Lenkrad.
Warum erzählst du mir das? Soll ich zur Polizei gehen? fragt Lukas skeptisch.
Der Vater sitzt schon im Gefängnis. Kann man zweimal für dasselbe Verbrechen verurteilt werden?
Wahrscheinlich nicht. sagt Ulrich, zwingt ein Lächeln hervor.
Er merkt nicht, dass er die Stadt verlässt. Lukas blickt mit weit geöffneten Augen auf die nassen Fahrbahn, die von weißen Linien durchzogen ist.
Wohin fahren wir? fragt er.
In Lukas Stimme klingt ein Hauch von Angst. Ulrich bremst am Straßenrand, lässt das Fenster herunter und atmet die kühle, feuchte Luft ein. Das Dröhnen vorbeifahrender Autos wird lauter.
Geht es Ihnen schlecht? fragt Lukas jetzt besorgt.
Ein verständnisvoller Blick trifft Ulrich, und ein erneutes Hitzegefühl schießt durch ihn.
Vielleicht versteht er mich ja. murmelt Ulrich und dreht das Lenkrad zurück in die Stadt.
Anke kann ich nicht zurückholen. Der Feind hat sie nicht selbst getötet, die Schuld liegt bei seiner Frau. Sie hat die Strafe auf sich genommen. Wer soll jetzt Rache bekommen? Sie hat sich selbst bestraft, ihr Leben ist bald vorbei. Was hat Lukas gesagt? Ihre Niere ist nur noch schwach. Was ist mit mir? Soll ich dem unschuldigen Jungen Rache üben?
Mit wem warst du, als deine Mutter im Krankenhaus lag? fragt Lukas.
Bei meiner Großmutter. Ihr Herz ist krank, sie mag die Mutter nicht.
Ulrich starrt auf das nasse Band aus Asphalt, das vor ihm gleitet. Der Regen hat aufgehört.
Wie alt bist du? fragt Lukas.
Sieben. Im September gehe ich zur Schule. Haben Sie Kinder?
Ulrich zuckt zusammen. Wie soll er dem Jungen sagen, dass er sich so sehr einen Sohn wünscht? Ein kluger kleiner Kerl, dessen Mutter Anke getötet hat Er denkt, die Eltern suchen vielleicht schon den Sohn, rufen die Polizei.
Wir sind da, sagt er.
Sie fahren in den Hof. Die Kinder haben sich in ihren Häusern vor dem Regen versteckt. Niemand läuft wild herum, weint nicht. Lukas öffnet die Tür.
Wen besuchen Sie? fragt Ulrich verwirrt.
Freunde, aber sie sind nicht zu Hause.
Lukas springt auf den Asphalt.
Kommst du wieder?
Mal sehen. Wenn ich ein neues Auto bekomme, fährst du mit? sagt er leise.
Danke, auf Wiedersehen. ruft Ulrich, lächelt schwach.
Lukas bleibt an der Haustür stehen, blickt zurück. Ulrich steigt in sein Auto, kauft in einem nahen Getränkemarkt eine Flasche Wodka. Am Ufer der Spree setzt er sich auf das nasse Gras, trinkt aus der Flasche. Das Brennen im Magen ist wie Feuer. Er legt sich zurück, starrt in den Himmel. Die Wolken zerreißen sich, ein klares Blau erscheint.
Hey, Onkel, bekommst du nicht eine Erkältung? ruft eine heisere Stimme.
Ulrich öffnet die Augen. Zwei Jugendliche stehen über ihm er hatte wohl geschlafen. Er springt hastig auf, geht zum Auto.
Hey, Onkel, wollen Sie noch etwas trinken? ruft einer der Jugendlichen.
Noch zu früh dafür. sagt Ulrich, hebt fast die ganze Flasche vom Boden auf.
Ein Fluch dringt aus dem Hintergrund, doch er wendet sich nicht um.
Er steigt ins Auto und fährt nach Hause. Zum ersten Mal seit zwei Jahren fühlt er sich frei.
Gott, ich hätte fast ein Verbrechen begangen. Danke, dass ich davon abgekommen bin. Ich wünschte, ich hätte einen Sohn flüstert er, während die Straße vor ihm in Tränen zu verschwimmen scheint.
Rache ist das Leben für den, den du hasst. Wenn du rätest, verschwendest du dein einziges, unverwechselbares Leben für einen anderen sogar für deinen Feind. Du verlierst, selbst wenn du gewinnst.Die Morgendämmerung brach in ein blasses Gold, das über den Spreeufer glitt, und Ulrich fuhr langsam zurück zu seinem leeren Haus. Das Lenkrad lag schwer in seinen Händen, doch das Gewicht der Entscheidung, die er gerade getroffen hatte, war überraschend leicht. Statt das Ziel zu zerstören, das er sich so lange ausgemalt hatte, ließ er das Fahrzeug sanft an der Einfahrt zum Nachbarn stehen, wo der kleine Lukas bereits mit einem bunten Luftballon auf ihn wartete.
Du hast dich nicht verfahren, ne? sagte der Junge, während er die Tür zum Garten öffnete und eine Hand nach dem Griff ausstreckte.
Ulrich trat aus dem Auto, die kalte Luft streifte die Haut, und sah in die klaren Augen des Kindes, die keine Schuld trugen, sondern nur Neugier. Er kniete sich hin und ließ den Ballon in den Himmel steigen, während die Sonne hinter den Bäumen aufging.
Weißt du, Lukas, begann Ulrich, vor ein paar Jahren habe ich geglaubt, dass Rache die einzige Antwort ist. Ich habe fast das Größte verloren, weil ich das nicht mehr sehen konnte. Er spürte, wie das Wort Rache in seinem Mund bitter schmeckte, ein Geschmack, den er nie wieder kosten wollte.
Der Junge nickte, weil er dachte, das sei das Richtige zu tun. Manchmal, sagte er, machen die Menschen, die wir lieben, etwas, das wir nicht verstehen. Aber das bedeutet nicht, dass wir uns selbst zerstören müssen. Seine Stimme war leise, doch in ihr lag eine Weisheit, die Ulrich nie erwartet hatte.
Ein leichter Wind trug das Rascheln von Blättern über das Feld, und in der Ferne hörte Ulrich das Lachen anderer Kinder, die sich im Gras vergnügten. Er blickte zurück auf das Haus, das einst von Trauer erfüllt war, und sah, wie die Schatten der Vergangenheit langsam zurückweichen. Die Tür des Wohnzimmers stand offen, und das verblasste Bild an der Wand, das er einst nicht mehr sehen wollte, schimmerte im ersten Licht des Tages.
Er drehte sich zu Lukas und reichte ihm die Flasche, die noch halb leer war. Trink nicht alles, sagte er mit einem schwachen Lächeln, lass den Rest für einen neuen Anfang. Der Junge nahm die Flasche, schüttelte sie und ließ das restliche Wasser über den Asphalt fließen, wo es sofort verdunstete und ein leiser Dampf in die kühle Luft stieg.
In diesem Moment hörte Ulrich ein leises Klingeln das Telefon seiner Mutter, das er seit Wochen nicht mehr beantwortet hatte. Er nahm den Hörer ab, und eine Stimme, die er kaum wiedererkannte, sprach: Wir haben das Foto gefunden, das du im Schrank versteckt hast. Es war ein Geschenk von Anke. Die Stimme brach, dann fuhr sie fort: Sie wollte, dass du weißt, dass das Leben weitergehen kann, auch wenn wir nicht mehr hier sind.
Ein Tränchen rollte über Ulrichs Wange, doch es war kein Zeichen von Schwäche. Es war das stille Eingeständnis, dass er nicht länger in der Dunkelheit verharrte. Er legte das Telefon behutsam zurück, stand auf und sah, wie Lukas bereits einen zweiten Ballon an die Schnur knüpfte.
Möchtest du mit mir reden? fragte Ulrich, während er die Hände von der kalten Metallstange des Autos löste.
Der Junge schob den Ballon in die Luft, wo er leicht schimmerte, und nickte. Gemeinsam gingen sie den Kiesweg hinunter zum Fluss, wo das Wasser leise plätscherte und das Licht des neuen Tages darüber tanzen ließ. Ulrich spürte, wie das Gewicht seiner Schuld sich löste, wie ein Stein, der in die Tiefe des Wassers sinkt und dort nur noch ein leises Echo hinterlässt.
Er wusste, dass er nie den Tag zurückholen konnte, an dem Anke fortging, aber er hatte etwas gefunden, das weiterging: die Möglichkeit, jemandem das zu geben, was er selbst nie erhalten hatte ein offenes Ohr und einen Platz zum Ankommen. Und während die Ballons über den Himmel stiegen, flüsterte er leise: Danke, dass du mir gezeigt hast, dass das wahre Geschenk nicht die Rache ist, sondern das Weiterleben.