Als Dieter ihr den Schlüssel zu seiner Wohnung überreichte, merkte Liselotte, dass das Schloss endlich gefallen war. Kein OscarGewinner hat je so sehnsüchtig gewartet wie Liselotte auf ihren Dieter und das sogar mit einem eigenen kleinen Zufluchtsort.
Entmutigt, 35Jahre alt, warf sie immer wieder mitfühlende Blicke auf die streunenden Katzen der Straße und auf die Schaufenster von Alles für die Handarbeit.
Doch dann kam er ein einzelgängerischer Mann, der seine Jugend in Karriere, gesunder Ernährung, Fitnessstudio und allerlei SelbstfindungsBullshit verbracht hatte und zudem kinderlos war.
Liselotte hatte sich diesen GeschenkTraum seit ihrem zwanzigsten Lebensjahr ausgemalt, und wohl irgendwo im Himmel hatte er endlich realisiert, dass sie das nicht nur spaßte.
Ich habe noch eine letzte Dienstreise in diesem Jahr, dann bin ich ganz für dich da, sagte Dieter und reichte ihr die ersehnten Schlüssel. Fürchte dich nicht vor meiner kleinen Unordnung. Ich komme nach Hause meist nur, um ein Nickerchen zu machen. Und er verschwand für das ganze Wochenende in einer anderen Zeitzone.
Liselotte griff nach Zahnbürste und Creme und fuhr los, um die kleine Unordnung zu erkunden. Die ersten Schwierigkeiten zeigten sich bereits an der Tür. Dieter hatte sie gewarnt, dass das Schloss manchmal klemmt, doch Liselotte hatte nicht mit so viel Widerstand gerechnet.
Sie rang 40Minuten lang mit der Tür: drückte, zog, steckte den Schlüssel bis zum Anschlag, ließ ihn nur ein Stück einrasten die Tür zeigte jedoch keinerlei Zeichen, dass sie sich öffnen wollte.
Wie in der Schulzeit übte sie psychologisches Drücken, während Nachbarn durch die Wandgeräusche aufmerksam wurden.
Warum brechen Sie in eine fremde Wohnung ein?, fragte eine besorgte Frauenstimme.
Ich breche nicht ein, ich habe den Schlüssel, knurrte Liselotte, während sie den Schweiß von der Stirn wischte.
Und wer sind Sie überhaupt? Ich habe Sie hier noch nie gesehen, bohrte die Nachbarin weiter.
Ich bin seine Freundin!, rief Liselotte, drehte sich um und stützte sich mit den Händen gegen die Wand nur ein Spalt blieb, durch den die Stimme drang.
Sie?, staunte die Frau.
Ja, ich. Gibt es ein Problem?
Nein, nichts. Er hat hier nie jemanden reingeholt und plötzlich…
Was denn?, hakte Liselotte.
Das geht mich nichts an. Entschuldigung, schloss die Nachbarin die Tür.
Entschlossen, den Schlüssel einzuwerfen und mit voller Kraft in das Zufluchtsort zu drängen, drehte Liselotte so fest, dass das Schloss fast ganz durchhakte. Endlich öffnete sich die Tür.
Der gesamte innere Kosmos von Dieter lag nun vor ihr, und ihr Herz fror fast zu Eis. Natürlich ist ein junger Alleinstehender oft ein wenig asketisch, doch das hier war ein echter Aufruhr.
Arme Seele, dein Herz hat wohl längst vergessen, was Gemütlichkeit heißt, flüsterte Liselotte, während sie die bescheidene Wohnung musterte, in der sie jetzt oft verweilen würde.
Gleichzeitig freute sie sich. Die Nachbarin hatte nicht getäuscht: Keine Frau hatte je diese Wände, diesen Fußboden, diese Küche und diese grauen Fenster berührt. Liselotte war die Erste hier.
Unfähig zu warten, schlüpfte sie in ein Geschäft und kaufte schöne Vorhänge, einen Badteppich, Handtücher, Duftsprays, handgemachte Seifen und praktische Aufbewahrungsbehälter für Kosmetik.
Solche Kleinigkeiten in eine fremde Wohnung zu bringen, ist kein Unverschämtheit, beruhigte sie sich, während sie einen zweiten Einkaufswagen an den ersten anhängte.
Das Schloss leistete nun keinen Widerstand mehr es war eher ein alter Torwart, der das Trikot vergessen hatte. In der Nacht schlug Liselotte mit Küchenmessern am Schloss herum, bis es halb zerbrach, und am Morgen fuhr sie zum Fachhandel, um ein neues zu besorgen. Auch Messer, Gabeln, Löffel, Tischdecken, Schneidebretter und Untersetzer mussten erneuert werden.
Am Sonntagmittag rief Dieter an und sagte, er müsse seine Dienstreise noch ein paar Tage verlängern.
Ich freue mich, wenn du ein bisschen Wärme und Behaglichkeit in meine Wohnung bringst, scherzte er, als Liselotte erklärte, dass sie sich ein wenig künstlerisch ausgelebt habe.
Zwischendurch hatte sie bereits mehrere Umzugswagen voller Wohnaccessoires nach Plan und mit den nötigen Unterlagen in die Wohnung gebracht. All die Jahre hatte sie diese Dinge in ihrem Inneren gesammelt; jetzt, da sie endlich loslassen konnte, hielt sie nicht mehr zurück.
Als Dieter zurückkehrte, war nur noch eine Spinne neben dem Lüftungsgitter. Liselotte wollte sie vertreiben, doch als sie die acht Augen sah, die durch die ganzen Veränderungen noch verwirrt wirkten, ließ sie das Krabbelwesen in Frieden ein Symbol für die Unberührtheit fremden Eigentums.
Die Wohnung wirkte, als wäre Dieter acht Jahre glücklich verheiratet gewesen, dann enttäuscht und nun wieder glücklich nur eben auf seine ganz eigene Art.
Liselotte ließ nicht nur die Wohnung erstrahlen, sondern stellte auch sicher, dass jeder im Treppenhaus wusste, dass sie die neue Mieterin war und alle Fragen an sie gerichtet werden konnten. Der Ring am Finger fehlte noch, aber das war nur eine formale Kleinigkeit.
Zunächst blickten die Nachbarn skeptisch, schüttelten dann aber nur die Hände und murmelten: Wie Sie sagen, ist das ja Ihre Sache.
***
Am Tag von Dieters Rückkehr bereitete Liselotte ein richtiges HausmannskostAbendessen zu, verpackte ihre noch frischen Filetstücke in eine schicke, fast protzige Verpackung, verteilte Duftkerzen im Raum und dimmte das neue Licht, während sie wartete.
Dieter ließ sich weiter hinhalten. Als Liselotte das Gefühl bekam, dass die Verpackung zu sehr in die Ecke drückte, die sie halb ein Jahr im Fitnessstudio trainiert hatte, fiel ein neuer Schlüssel ins Schloss.
Neues Schloss, einfach reinstecken, nicht zuschlagen!, murmelte sie leicht verlegen, doch mit einer gewissen Anmut. Sie fürchtete keinen Vorwurf, sie hatte die Wohnung ohnehin perfekt eingerichtet ihr würde alles verziehen werden.
Gerade als die Tür aufging, kam eine SMS von Dieter: Wo bist du? Ich bin zu Hause. Sieht aus, als hätte sich die Wohnung kaum verändert. Meine Freunde haben mich gewarnt, du könntest alles mit Kosmetik überhäufen.
Liselotte las die Nachricht erst viel später. Währenddessen betraten fünf fremde Personen die Wohnung: zwei junge Leute, zwei Schulkinder und ein sehr alter Opa, der, als er Liselotte sah, sofort seinen grauen Haaransatz richtete.
Mensch, Opa, du wirst hier gefeiert! Und warum brauchst du ein Sanatorium, wenn das hier ein AllInclusiveHome ist?, begann der jüngste Mann, bevor er von seiner (vermutlich) Ehefrau einen Klaps über den Kopf bekam.
Liselotte stand mit zwei vollen Gläsern am Türrahmen, unfähig, sich zu rühren. Sie wollte schreien, doch die Stimme blieb ihr verwehrt.
Ein leises Kichern kam aus einer Ecke, wo die Spinne fröhlich umherwanderte.
Entschuldigung, wer seid ihr?, flüsterte Liselotte.
Ich bin der Besitzer des kleinen Zufluchtsortes. Und Sie? Kommen Sie aus der Klinik, um Verbände anzulegen? Ich habe ja gesagt, dass ich das allein schaffe, antwortete der alte Mann und zeigte auf die Krankenschwester-Uniform, die Liselotte trug.
Mhm, Herr Adam Matwijewitsch, hier herrscht ja fast schon ein Himmelchen, kommentierte die Frau des jungen Mannes hinter Liselotte. Anders als in einem Kellergewölbe. Und wie heißt das Mädchen? Ist unser Adam nicht schon etwas alt für Sie?
Liselotte, stammelte sie.
Ach so! Sie haben also wirklich das richtige Gespür für Menschen, lachte der alte Mann, dessen Augen funkelten.
Wo ist Dieter?, flüsterte Liselotte, während sie die Gläser hastig leerte.
Ich bin Dieter!, rief ein achtjähriger Junge begeistert.
Moment, du bist noch zu jung, um Dieter zu sein, sagte seine Mutter und schob ihn mit dem Vater ins Auto.
Entschuldigung, ich glaube, ich bin im falschen Stockwerk, begann Liselotte panisch, als ihr die Wohnungsnummer einfiel. Buchholzstraße 18, Wohnung 26?
Nein, das ist Buchholzstraße 18, aber die Wohnung ist die andere, korrigierte der alte Mann, bereit, sein überraschendes Geschenk auszupacken.
Ach, ich habe mich vertan, seufzte Liselotte melodramatisch. Kommt rein, macht es euch bequem, ich hole kurz das Telefon.
Sie rannte ins Bad, verschloss die Tür mit einem Handtuch, und erst dann las sie Dieters Sprachnachricht.
Dieter, ich bin gleich da, ich bin nur noch im Laden, schrieb sie zurück.
Okay, bring mir bitte eine Flasche Rotwein mit, kam Dieters Stimme aus der Mailbox.
Das RotweinGefäß war bereits in ihrem Herzen. Sie nahm den Teppich unter der Achsel, zog den Vorhang beiseite und wartete, bis die Fremden die Küche verließen, bevor sie aus dem Bad flüchtete.
Sie packte hastig ein paar Dinge in eine Tüte und sprang aus der Wohnung.
***
Ich erzähle später mehr, sagte Liselotte, als ein junger Mann ihr die Tür öffnete.
Wie im Nebel schwebend ging sie vorbei, ohne hinzusehen, wechselte die Duschvorhänge, rollte den Teppich aus und ließ sich schließlich auf das Sofa fallen, wo sie bis zum Morgen schlief, bis Stress und das RotweinGefühl verdunstet waren.
Als sie erwachte, stand ein unbekannter junger Mann vor ihr und verlangte Erklärungen.
Wie lautet die Adresse noch einmal?
Buchholzstraße 18, Wohnung 8.
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**Die Lehre:** Wahre Geborgenheit findet man nicht hinter verschlossenen Türen, sondern im Herzen, das bereit ist, Neues zu öffnen, ohne Angst vor dem Unbekannten.