Der Samstag begann mit einem beinahe heiligen Ritual, das sich über Jahre hinweg eingebrannt hatte.
Matthias stand am offenen Kofferraum seines silbergrauen Kombis und stapelte sorgfältig leere Baumwollsäcke auf die Werkzeugkiste. Sein Rücken krümmte sich in der alten Regenjacke, als hätte er das gesamte Leid der Welt auf sich genommen und als wäre er bereit, auf dem Altar der Pflicht vor seiner Mutter zu arbeiten.
Sabine, ich mache mich auf den Weg. Nicht, dass dir langweilig wird ohne mich. Er drehte sich nicht einmal um und prüfte ein letztes Mal die Taschenreißverschlüsse. Der Zaun bei meiner Mutter fällt fast um, muss Pfosten ersetzen. Und gehackt werden sollte auch, bevors wieder durchregnet.
Ich stand am Fenster, umklammerte meine Tasse mit heißem Kaffee so fest, dass meine Finger schmerzten.
Natürlich, fahr ruhig. Ein hehres Werk. Meine Stimme klang genauso monoton wie das Brummen des alten Kühlschranks. Grüß die Mama und sag ihr, sie soll sich schonen.
Er nickte abwesend, warf den Kofferraum zu und eine Minute später war sein Wagen hinter der Kurve unseres Vororts verschwunden. Seit fünf Jahren fuhr er nun jedes Wochenende Kartoffeln ausbuddeln ins kleine Nest Eichenfeld zu seiner Mutter.
Egal, wie das Wetter war, selbst bei Blitzeis oder Hitze, machte er sich dorthin auf zum vorbildlichen Sohn und unermüdlichen Arbeiter ernannt.
Ich stellte die Tasse ab, als im Flur penetrant mein Handy zu klingeln begann. Auf dem Display erschien der Name meiner alten Freundin Heike, die seit einer halben Ewigkeit beim Einwohnermeldeamt arbeitet.
Sabi, du hattest mich doch gebeten, mal nach deiner Schwiegermutter zu schauen. Wegen dem Antrag auf Wohngeld, erinnerst du dich? Heikes Stimme war kurzatmig, so als wäre sie eben die Treppe hochgestürmt. Also, ich habs dreimal geprüft. Glaub mir, das Register lügt nicht.
Was ist los? Irgendeine Steuerschuld aufgetaucht? Ich blätterte gleichgültig durch die Rechnungen, nicht ahnend, was für ein Abgrund sich da öffnet.
Sabine also, deine Schwiegermutter, Gertrud Müller, ist vor fünf Jahren verstorben. Die Sterbeurkunde ist im Mai 2019 ausgestellt worden.
Mir wurde schwarz vor Augen, als hätte mich ein Sturm auf einem Boot durchgeschüttelt ich musste mich am Stuhl festhalten.
Wie verstorben? Matthias fährt doch immer zu ihr, bringt Medikamente und Lebensmittel vorbei!
Keine Ahnung, was und wem er da was bringt, Liebes. Heike ließ ihr Mitgefühl eiskalt klingen. Doch unter der Adresse in Eichenfeld ist jetzt eine gewisse Pauline Grimm gemeldet, fünfundzwanzig, mit drei minderjährigen Kindern.
Mir rauschte das Blut in den Ohren, das Gesicht brannte. Eine junge Frau, Mitte zwanzig und dann gleich Drillinge?
Hat Matthias fünf Jahre lang den Tod seiner Mutter verheimlicht, um eine zweite Familie zu versorgen?
Mein Blick fiel auf meinen Autoschlüssel, der auf der Kommode lag. Wut verspürte ich nicht, eher eine eisige Leere, als wäre ich in ein eiskaltes Wasser gefallen.
Die Fahrt nach Eichenfeld dauerte etwas mehr als zwei Stunden. Ich hatte das Radio ausgeschaltet und in meinem Kopf entstand immer wieder das gleiche Bild: ein gepflegtes Häuschen mit Hängematte im Garten und eine langbeinige Schönheit, die meinem Mann ein Glas Sekt reicht.
Ich rechnete mit einer Liebesidylle, von meinem Nervenkostüm und unserem Haushaltsbudget finanziert.
Die Wirklichkeit schlug mir jedoch um die Ohren, kaum hatte ich vor den bekannten grünen Hoftoren den Motor abgestellt. Kein Ferienhaus, sondern ein Ableger der Irrenanstalt.
Der Zaun war tatsächlich neu, aus schickem Metall, aber dahinter war nichts zu hören. Kein Vogel, kein Blätterrascheln. Nur ein infernalisches Kreischen, das selbst durch die Mauern vibrierte.
Ich wollte zur Tür, aber das Gartentor war von innen abgeschlossen.
Also umrundete ich das Grundstück durch den verwilderten Obstgarten, wo Brennnesseln und Kletten bis zur Taille wuchsen. Kein Kartoffelacker, keine Beete, kein Folientunnel. Stattdessen eine plattgetretene Wiese und Haufen bunten Plastiks kaputtes Spielzeug, Bausteine, Bottiche.
Am Fenster der Veranda bebte das Glas vor Lärm.
Drinnen gleißendes Licht, das jede Unordnung offenbarte und mittendrin eine junge Frau.
Sie sah kein bisschen aus wie eine Verführerin, sondern wie ein ausgebranntes Gespenst im Fleckenbademantel, mit dunklen Augenringen und verfilzten Haaren.
Um sie herum krochen drei Einjährige im Kauderwelsch, alle mit identischem Ausdruck, die sich die Seele aus dem Leib brüllten.
Die Frau drückte sich ein Handy ans Ohr, ihre Stimme überschlug sich gegen das Geschrei:
Papa! Wo bleibst du, du hast vor einer Stunde gesagt, du bist gleich da! Alle drei haben gleichzeitig Windeln vollgemacht, ich kann nicht mehr! Bring Milchpulver und Feuchttücher, Papa, bitte schnell!
Papa?
Da klickte etwas in mir nicht Geliebter, sondern Vater.
Also ist Matthias nicht der große Verführer, sondern unfreiwillig zum Familiensponsor geworden, der Fehler der Jugend ausbügelt.
Schon bog sein Kombi knirschend in den Hof ein. Ich zog mich unter den alten Jasminstrauch zurück, um nicht aufzufallen.
Meine Hand umfasste reflexhaft den Spaten am Schuppen alt, mit abblätternder Farbe.
Matthias stieg aus meilenweit entfernt von romantisch: In jeder Hand trug er Riesenpackungen Windeln, um die Schulter eine Tasche, klappernd voll mit Gläschen Babynahrung.
Wie ein Packesel, am Ende seiner Kräfte, aber brav weiterschuftend. Das Tor quietschte, er stolperte fast über ein Dreirad.
Pauline! Ich bin da endlich! rief er mit der Resignation eines zum Arbeitslager Verurteilten.
Ich trat aus meinem Versteck, den Spaten griffbereit.
Na, servus, Gärtner.
Matthias zuckte zusammen, als hätte ihn der Blitz getroffen, die Windelpackung platschte in den Matsch.
Sabine?! Seine Augen waren riesig.
Ich bins. Ich dachte, ich packe mit an. Sieht ja nach üppiger Ernte aus dieses Jahr mal drei, herzlichen Glückwunsch. Und ich deutete auf das Fenster, aus dem noch immer das Gebrüll tönte. Und deine Mutter ist verdächtig jung und hübsch geworden.
Sabine, das ist alles ganz anders, bitte, lass mich erklären! Stolpernd wich er zurück, die Hände abwehrend hoch.
Fünf Jahre, Matthias hast du mir dreist ins Gesicht gelogen? Fünf Jahre eine tote Mutter versteckt, damit du hierher fahren konntest?
Da kam Pauline, mit einem Kind auf dem Arm und einer vollen Wickelwindel in der anderen, wütend zur Tür.
Papa! Wer ist das?! Ist das deine Frau? Die Drachenfrau, von der du erzählt hast? Die dich dauernd kontrolliert?!
Drachenfrau?
Langsam trat ich näher, genoss den Moment. Matthias drückte sich an den Metallzaun zum Weglaufen kein Platz.
Na gut. Jetzt wird der Garten mal gründlich umgegraben.
Sabine, halt, tu ihr nichts! kreischte er und stellte sich vor sie. Das ist meine Tochter!
Ich hielt inne, der Spaten drückte kalt in der Handfläche.
Welche Tochter, Matthias? Wir haben einen Sohn, Jan, und der ist zwanzig.
Das… das war vor unserer Ehe. Ein Fehler. Meine Mutter hats auf dem Sterbebett erzählt… und die Adresse. Ich bin hergefahren, als sie gestorben ist. Pauline war allein, ihre Mutter ebenfalls verstorben, das Haus ein Sanierungsfall. Ich hab geholfen, den Zaun gebaut, während sie zur Berufsschule ging.
Pauline hörte plötzlich auf zu schreien und brach schluchzend in Tränen aus, schmierte ihre Wimperntusche quer durchs Gesicht.
Und vor einem Jahr… der Kerl, der ihr was versprochen hat, ist abgehauen, als er von den Drillingen erfuhr. Matthias deutete resigniert ins Haus. Sabine, ich konnte sie doch nicht alleine lassen. Drillinge das ist die Hölle! Ich fahre her, damit sie wenigstens ein paar Stunden schlafen kann!
Ich wäre ohne ihn am Ende! schluchzte Pauline. Der putzt den Boden, wechselt Windeln, wiegt die Kinder stundenlang, bis er Rückenschmerzen hat!
Ich starrte zu meinem Mann hinüber, dessen Gesicht grau und Hände zittrig vor Erschöpfung waren.
Also… Ich legte den Spaten ab. Du verbringst dein Wochenende mit Windeln und Milchflaschen, keine Seitensprünge?
Exakt! platzte es aus Matthias. Sabine, das ist Strafarbeit, montags im Büro bin ich froh, einfach sitzen zu können! Aber es ist mein Blut, meine Enkel!
Er schwieg, senkte den Kopf, wartete auf das Urteil.
Ich betrachtete die quäkenden Drei, die blasse, ausgebrannte Pauline. Meine Eifersucht war plötzlich fort übrig war eine kalte Klarheit.
Kein Betrüger, wie ich befürchtet hatte. Eher ein Feigling, der eine Last heimlich trägt.
Bin ich also die Böse? Die Drachenfrau, der man nichts erzählen darf? fragte ich leise, aber bestimmt.
Ich ging zu Pauline, die zurückwich, und nahm ihr den schreienden Jungen ab schwer und fiebrig vor Aufregung.
Gewöhnt wie ich war, legte ich ihn auf die Schulter, klopfte den Rücken, und erstaunt über den Wechsel, wurde der Kleine ruhig.
Na, Opa Matthias. Du steckst jetzt richtig drin.
Wie? Er hob Windeln und schielte unsicher. Du… lässt dich scheiden?
Sicher nicht. Ich lachte trocken und rückte den Strampler zurecht. Das wäre für dich zu einfach und mir zu mühsam.
Ich wandte mich an Pauline.
Schnell, das Kind ab in den Laufstall. Und du ab in die Dusche und dann schlafen. Vier Stunden fällt kein Ziegel vom Dach.
Sie blinzelte ungläubig.
Und Sie…?
Ich bin jetzt offizielle Ersatz-Oma, dein Glück. Wenigstens für heute.
Ich blickte zu Matthias, der geknickt dastehend zum Küchenfenster starrte.
Ab in die Küche, Matthias. Fläschchen machen und dass das Wasser exakt siebenunddreißig Grad hat!
Und du?, fragte er zögernd, die Windelpackung schwenkend.
Ich rufe unseren Sohn Jan an. Hat ohnehin um Geld für einen neuen Gaming-PC gebettelt. Der darf hier demnächst mit Kartoffeln ausbuddeln fördert die Feinmotorik.
Der arme Matthias wurde noch blasser bei der Aussicht.
Sabine, muss Jan da wirklich mit rein?
Aber sicher, Matthias das ist Familiensache! Ich war streng. Und außerdem: ab jetzt wandert deine Gehaltskarte in meinen Besitz.
Wieso denn? Er schluckte.
Die Kinder brauchen richtige Betten und einen Drillingskinderwagen. Und ich eine Entschädigung für meine Nerven und einen schicken Pelzmantel sowie eine Woche Kur in Bad Kissingen. Allein, ohne euch!
Ich wiegte das Baby und atmete den Duft nach Puder und Milch ein.
Also, ran ans Werk. Und wenn ich aus dem Urlaub zurück bin, will ich den Garten wirklich umgegraben sehen. Sonst erzähl ich samstags in der Sauna, dass du kein großer Geschäftsmann bist, sondern der Chef-Babysitter von Eichenfeld.
Matthias seufzte und schleppte die Taschen ins Haus, geduckt unter der Last seines doppelten Lebens.
Ich holte tief Luft. Der Garten duftete nicht nach Herbstlaub sondern nach Puder und Baby-Milch.
Jetzt hatte ich das Chaos unter Kontrolle, die Fernbedienung fest in der Hand.
Einen Monat später saß ich auf meiner Veranda, in meinen neuen Nerzmantel gehüllt, obwohl immer noch Plusgrade herrschten. Ein Ping auf dem Handy: die Überweisung von seiner Karte war eingegangen.
Und dazu ein Foto: Matthias und Jan, schmutzig, aber zufrieden, schieben lachend den neuen Drillingswagen.
Ich lächelte und genoss einen heißen Kaffee.
Wir alle tragen unser Kreuz im Leben, und Matthias hat seins wohl endlich lieben gelernt.
Was haltet ihr von dieser Geschichte? Eure Gedanken dazu würden mich sehr freuen.
Am Ende bleibt: Ehrlichkeit, Mut und auch ein bisschen Selbstironie machen jede Last leichter.