Mein Ehemann kam als ein ganz anderer Mensch zurück

Mein Mann kam anders zurück

Hast du das Brot gekauft?

Er sah mich an, als hätte ich ihn etwas in einer Sprache gefragt, die er nicht kannte. Nicht verständnislos, nein. Einfach mit einer Pause. Eine lange, unangenehme Pause, die in unserem Leben keinen Platz hatte.

Welches Brot, sagte er schließlich. Kein fragender Ton, einfach eine Feststellung.

Das normale. Mischbrot, vom Eichenblatt, du holst das doch immer da.

Er stellte die Tasche ab, sah sich in der Küche um, als würde er das erste Mal hereinspazieren.

Ich war nicht im Laden.

Ich nickte und kehrte mich zum Herd. Nichts Besonderes, redete ich mir ein. Er ist müde. Eine Woche war er nicht zuhause, Tagung in Bremen, Hotelzimmer, fremdes Essen, fremde Luft. Kein Wunder, dass er geschafft ist.

Aber das Brot brachte er immer mit. Siebzehn Jahre lang, egal ob von einer kurzen Reise oder einer längeren Dienstfahrt jedes Mal kam er am Eichenblatt in der Lindenstraße vorbei und brachte Mischbrot mit. Keine Abmachung, keine Notwendigkeit. Einfach Teil davon, wie er nach Hause kam.

Ich rührte in der Suppe und schwieg.

Er heißt Bernd. Bernd Hoffmann. Ich bin sechzig, er dreiundsechzig. Wir leben in Braunschweig, in einer Zwei-Zimmer-Wohnung im vierten Stock, die wir 1999 gekauft haben, als unsere Tochter Frederike noch klein war. Frederike ist längst erwachsen und lebt jetzt in Berlin, ruft sonntags an. Ich arbeite in der Schulbibliothek, Bernd ist seit drei Jahren in Rente, hält aber noch Vorträge zu Baustandards an der Fachschule. Unser Leben ist ruhig und gleichmäßig, wir streiten selten. Das ist wichtig zu verstehen. Es gab nichts, das erklären könnte, was nach seiner Rückkehr begann.

Wir aßen schweigend. Er aß sorgfältig, starrte auf den Tisch. Ich dachte, gleich hebt er den Blick und sagt etwas über die Reise, Kollegen, den Hotellift, der nicht funktionierte, oder wie sehr ihm der normale Eintopf fehlt. Nach der ersten Heimkehr erzählt er sonst immer irgendwas.

Und, wie war Bremen? fragte ich.

Gut.

Seminar lief?

Ja.

Ich legte den Löffel weg.

Bernd, alles okay mit dir?

Er sah mich an. Graue, etwas müde Augen. Nichts Auffälliges.

Alles gut. Ich bin nur müde.

Ich räumte den Tisch ab, er ging ins Wohnzimmer, legte sich mit dem Handy aufs Sofa, als sei alles normal. Nur das Brot fehlte. Und das Gespräch. Und noch etwas, das ich nicht benennen konnte.

Die erste Nacht schrieb ich der Müdigkeit zu. Die zweite auch.

Am Freitag, dem dritten Tag, bemerkte ich das erste wirklich Seltsame.

Ich saß am Fenster, trank Kaffee und sah in den Hof. Er kam aus dem Bad, ging in die Küche, trank ein Glas Wasser. Dann griff er aufs Regal zum Glas mit Buchweizen, öffnete es, roch daran, stellte es zurück. Ich sagte nichts. Aber Bernd isst kein Buchweizen. Hat er nie. Schon bei unserem ersten Treffen lachte er und meinte, Buchweizen sei das langweiligste Essen auf der Welt, für Menschen ohne Fantasie. Wir lachten darüber. Ich kochte ihm Reis, Graupen, Hirse, alles, nur keinen Buchweizen.

Und nun griff er zu und roch daran. Als wolle er kosten.

Möchtest du Buchweizen? fragte ich, bemüht, keinen Tonfall mitschwingen zu lassen.

Nein, antwortete er und ging ins Wohnzimmer zurück.

Ich sah noch lange auf das Glas.

Am Samstag hat Frederike angerufen.

Ist Papa wieder da?

Seit Mittwoch.

Und?

Ich schwieg eine Sekunde.

Müde von der Fahrt. Alles normal.

Gut. Mama, im Oktober komme ich mit Holger zu euch, okay? Wir nehmen uns frei.

Natürlich, ich freue mich.

Ich erzählte ihr nichts. Was sollte ich auch sagen? Papa hat kein Brot gekauft und am Buchweizen gerochen? Das klingt nicht nach einem Problem. Nach nichts eigentlich.

Aber ich wusste, dass etwas nicht stimmt. Nicht mit dem Kopf, nicht mit Logik. Mit etwas anderem, das irgendwo zwischen Bauch und Brust lebt und einfach nur warnt.

Am Sonntag schlug ich einen Spaziergang vor. Wir gingen sonntags oft in den Bürgerpark, nicht immer, aber oft. Bernd mochte eine bestimmte Bank am Teich, kaufte uns Becher Apfelschorle am Kiosk, wenn er geöffnet war, beklagte sich über den Rücken, ich sagte, er müsse Sport machen, er winkte ab, wir lachten. Ein unauffälliges, aber eigenes Ritual.

Gehen wir in den Park? fragte ich.

Er löste den Blick vom Handy.

In welchen Park?

Bürgerpark. Es ist schönes Wetter.

Er dachte nach. Was ungewöhnlich war, sonst sagte er fix Okay oder Gleich, nur eben die Jacke. Hier war kein Grund zum Zögern.

Gut, sagte er dann.

Wir gingen schweigend. Ich forderte kein Gespräch heraus, beobachtete einfach. Er blickte zur Seite, ohne besonderes Interesse, aber auch ohne die gewohnte Gelassenheit auf dem Sonntagsspaziergang. Wie einer, der eine fremde Strecke einprägt.

Am Parkeingang stand ein alter Mann mit einem Cocker Spaniel, rot und dick.

Schau mal, Berti, sagte ich. Wir nannten nach unserer Nachbarin Gerda alle dicken Cocker Spaniel so; sie hatte früher einen mit gleichem Namen. Ein Kosenamen für uns beide.

Bernd sah den Hund an. Keine Regung.

Berti, wiederholte ich leise.

Ein schöner Hund, meinte er. Höflich, neutral.

Ich blieb wenig später an einem Rosenstrauch stehen, tat so, als betrachtete ich die Früchte. Mein Herz schlug schneller als beim ruhigen Schreiten angemessen.

Er erinnerte sich nicht an Berti. Oder tat so. Aber warum?

Am Teich stand kein Kiosk mehr; wohl abgebaut nach dem Sommer. Bernd setzte sich auf unsere Bank, blickte aufs Wasser.

Schön hier, sagte er.

Wir kommen seit Jahren her.

Ja?

Ich drehte mich zu ihm.

Bernd. Wir gehen seit fast zehn Jahren jeden Sonntag hierher.

Er nickte. Ruhig, ohne Verlegenheit.

Ja, ich sage ja nur, dass es schön ist.

In diesem Moment zog sich etwas in mir zusammen, das sich erst lange nicht mehr löste. Die Erklärung fand ich erst nachts, während ich seinem ruhigen Atem lauschte. Er sagte nicht klar erinnere ich mich, er sagte ja, mit dem Ton, mit dem man fremden Dingen zustimmt.

Nachts konnte ich lange nicht schlafen. Ich grübelte, wie das heißt, wenn jemand physisch bleibt, aber etwas in ihm verschwindet. Ich hatte einmal gelesen, dass sich Menschen durch Stress so verändern, dass sie jemand anderem gleichen. Dafür gibt es einen psychologischen Begriff, erinnerte ich nicht. Doch es hatte keinen Stress gegeben, soweit ich wusste. Ein Seminar in Bremen. Eine Woche. Kein Grund, ein anderer zu werden.

Um drei Uhr stand ich auf, trank Wasser am Fenster. Der Hof war leer, die Laterne flackerte. Ich dachte: Gut, Einfach abwarten. Vielleicht ist etwas passiert, worüber er nicht sprechen will. Vielleicht hat er sich gestritten, fühlte sich krank, wurde einfach von etwas getroffen. Passiert Menschen. Erst recht mit über sechzig, wenn das Leben schon viel gefordert hat, aber keiner weiß, wie viel noch kommt.

Ich ging zurück. Er schlief an der Wandseite, ich legte meine Hand, ganz leicht, wie immer, auf seinen Rücken. Keine Bewegung.

Montagmorgen rief ich meine Freundin Sabine an. Wir kennen uns seit dem Studium. Sie arbeitet am anderen Ende der Stadt, in der Praxis als Anmeldekraft. Sabine ist direkt, ohne Umschweife, das schätze ich.

Sabi, kann ich vorbeikommen?

Was ist denn los?

Ich weiß nicht. Vielleicht nichts. Ich will nur reden.

Komm um fünf, ich bin zu Hause.

Bei Sabine ist es immer warm, und es riecht nach Kuchen, selbst wenn sie keinen gebacken hat. In ihrer Küche erzählte ich alles: Vom Brot, vom Buchweizen, von Berti, vom ja an der Bank.

Sabine hörte ruhig zu.

Gesa, es kann eine Depression sein. Oder was mit dem Gedächtnis. Ihr seid ja beide nicht mehr die Jüngsten.

Er ist dreiundsechzig.

Das ist heute auch kein Alter mehr. Aber schau, der alte Meyer von oben, bei dem fing es mit zweiundsechzig an.

Bernd war nie vergesslich. Er merkte sich alles besser als ich. Daten, Namen, alles.

Irgendwann ändert sich das.

Ich sah in meine Tasse.

Sabi, es ist nicht nur Vergesslichkeit. Er schaut mich an… Manchmal denke ich, er sieht mich so, als sei ich ihm fremd und er wolle höflich sein.

Sabine brach ein Stück Kuchen ab.

Hast du genug geschlafen?

Nein.

Eben. Du steigerst dich da rein. Lass ihn zur Ruhe kommen, in einer Woche sieht die Welt anders aus.

Ich nickte. Vielleicht hatte sie recht.

Aber auf dem Heimweg dachte ich an das Glas Buchweizen. Diese winzige Geste war so unglaublich fremd, dass sie mir noch immer im Hals steckte.

Zu Hause saß er mit Unterlagen am Küchentisch, schrieb irgendetwas. Ich stellte Tee auf, räumte die Einkäufe ein. Er hob den Blick nicht.

Ich war bei Sabine.

Hm.

Habe Kuchen mitgebracht.

Er sah auf den Kuchen.

Was ist drin?

Kraut. Dein Lieblingskuchen.

Ich mag gar keinen Krautkuchen.

Ich stellte die Tüte hin. Langsam. Sehr langsam.

Bernd.

Was?

Du hast immer gesagt, seit Kindheit an magst du ihn. Deine Mutter hat ihn gebacken.

Er sah mich reglos an.

Mama hat Apfelkuchen gemacht.

Stille.

Seine Mutter, Gertrud Hoffmann, starb vor zwölf Jahren. Ich kannte sie gut, half ihr oft, sah, wie sie immer Krautkuchen buk. Das war ihr Stolz.

Deine Mutter backte immer Krautkuchen, sagte ich leise. Ich erinnere mich.

Vielleicht. Ist lange her, antwortete er, zuckte mit den Schultern und schrieb weiter.

Ich ging ans Fenster. Schaute hinaus auf die herbstliche Straße.

Gertrud Hoffmann und ihr Krautkuchen ich spürte den Duft noch. Enge Küche, die geblümte Wachstuchtischdecke. Das war Teil seiner Seele. Und jetzt war sie nicht mehr da.

Ich suchte die Nummer seiner Schwester heraus. Ute, wohnt in Göttingen. Sie sehen sich selten, aber sie hält Kontakt.

Gesa! Wie gehts euch in Braunschweig?

Ute, alles gut. Sag mal, kannst du mir sagen, was deine Mutter früher gebacken hat?

Kurze Stille.

Na, ihren berühmten Krautkuchen. Und manchmal mit Ei. Wieso fragst du?

Nur Rezeptgedöns. Danke Ute.

Ich legte auf. Meine Beine wurden weich. Für Krautkuchen wird doch niemand wacklig, dachte ich. Aber ich konnte mich nicht rühren.

Etwas ist mit dem Gedächtnis. Neurologie, das Alter, was auch immer. Er muss zum Arzt. Muss ich offen ansprechen.

Beim Abendessen fragte ich:

Bernd, hast du in letzter Zeit Kopfschmerzen?

Nein.

Und der Schlaf?

Passt.

Willst du nicht mal wieder zur Ärztin, dich durchchecken?

Er legte die Gabel ab.

Warum?

Einfach zur Kontrolle. Blutdruck zum Beispiel.

Messe ich zu Hause. Ist normal.

Ich mache mir Sorgen.

Er sah mich an. Lange. Forscherisch.

Gesa, du meinst doch nicht, dass mit mir was nicht stimmt?

Ich mache mir einfach Gedanken.

Ich bin gesund. Jetzt ist gut.

Er nahm die Gabel. Thema beendet. Das war typisch für ihn. Ein Satz, kein Streit, klare Grenze. So war er immer.

Aber jetzt beobachtete ich, wie er aß, wie er die Gabel hielt, den Kopf neigte. War das Bernd, wie er immer saß? Ich meinte, er hielt früher den Rücken gerader. Jetzt war er leicht gebeugt. Die Gabel rechts richtig, er ist Rechtshänder. Ja, Rechtshänder.

Ich räumte ab und ging ins Bad. Vor dem Spiegel begegnete mir eine erschöpfte Frau mit kurzen grauen Haaren und Lachfalten, die Bernd immer fröhliche Fältchen genannt hatte, weil sie vom Lachen stammten, nicht vom Alter. Ich starrte und sagte mir: Jetzt fängst du an, dich reinzusteigern. Du weißt ja selbst nicht, wie er die Gabel hält. Du bist nur durcheinander, weil alles fremd wirkt. Menschen ändern sich. Besonders, wenn man nicht alles sieht.

Ich wusch mich und ging schlafen.

Mitten in der Nacht wachte ich von der Stille auf. Nicht wegen eines Geräuschs die Stille war anders; sie fühlte sich leer an. Mit der Hand tastete ich nach ihm er war nicht da. Die Bettdecke auf seiner Seite war kühl.

Ich stand auf. In der Küche brannte Licht. Er saß am Tisch und schrieb etwas in ein Notizbuch. Mit der Hand, was ohnehin ungewöhnlich war. Bernd schrieb sonst nichts mehr, außer Unterschriften.

Bernd?

Er blickte ruhig auf. Kein Schreck.

Kann nicht schlafen, sagte er.

Was schreibst du?

Gedanken.

Darf ich lesen?

Pause.

Das ist privat.

Er hielt meinem Blick stand.

Er hatte mir nie gesagt, etwas sei privat. Siebzehn Jahre lang konnte ich fragen, was ich wollte. Wir hatten Freiraum, gewiss. Aber er sagte das nicht mit diesem Ton.

Gut, meinte ich und ging zurück ins Schlafzimmer.

Ich hörte, wie er weiterschrieb, dann alles ausmachte und sich wieder leise ins Bett legte. Er schlief lange nicht, ich spürte sein Wachsein.

Morgens lag das Notizbuch nicht mehr auf dem Tisch.

Ich suchte es. Nicht, weil ich es musste, sondern weil etwas mich trieb. Ich schaute in den Küchenschubladen, fand nichts. In seiner Nachttischschublade, was ich sonst nie getan hätte, lag nur Krimskrams, Brille, Münze, Zettel. Kein Notizbuch.

Er hatte es mitgenommen.

Ich fuhr zur Arbeit. In der Schulbibliothek war es ruhig, Büchergeruch und Staub, das beruhigte. Ich räumte Rückgaben ein, half Lena, der jungen Kollegin, Zeitschriftenausgaben zu finden. Ein normaler Tag.

Mittags fragte ich mich in der Teeküche, woran man erkennt, dass sich jemand grundlegend verändert hat. Nicht die kleinen Dinge, nicht das Alter; sondern etwas Grundsätzliches. Wenn man jemanden siebzehn Jahre kennt, seinen Geruch, sein Lächeln, seine Ängste und Vorlieben, und plötzlich fühlt, dass etwas verrutscht ist wie nennt man das?

Es fiel mir wieder ein: psychologische Verwandlung. Gelesen hatte ich darüber; wenn ein nahestehender Mensch so sehr aus der Rolle fällt, dass man meint, es sei nicht mehr dieselbe Person. Kann medizinisch sein, Stressfolge oder schlicht das Leben. Menschen ändern sich, sagt man. Die Gleichgewichtskrise nach dem Fünfzigsten, dem Sechzigsten. Wenn das Arbeitsleben ausklingt, die Kinder weg sind, und man plötzlich merkt, man kennt einander nicht mehr.

Aber ich kannte Bernd. Daran bestand kein Zweifel.

Abends war er vor mir zu Hause. Stand am Küchenfenster, schaute hinaus.

Was machst du, Bernd?

Schauen.

Und, was siehst du?

Ich schaue einfach.

Von Bernd seltsam. Er war nie der Betriebslose, immer in Bewegung oder am Denken, dann kritzelte er oder redete vor sich hin. Einfach schauen, das tat er eigentlich nie.

Wie war dein Tag?

Normal. Vorlesungen, wie immer.

Und die Studenten?

Studenten halt.

Ich holte Hähnchen aus dem Kühlschrank, fing an zu kochen.

Bernd, erzähl mal von Bremen, sagte ich, ohne ihn anzusehen.

Was genau?

Was du willst. Wo du gewohnt hast, was du gesehen hast. Sieben Tage bist du ja nicht einfach so dort gewesen.

Eine Pause.

Im Hotel. Ganz normal. Seminar war im Uni-Konferenzsaal. Haben uns eine neue Wohnanlage angesehen, als Beispiel. Das wars.

Und Leute? Waren Kollegen aus deinem Institut da?

Ja.

Wer zum Beispiel?

Er schwieg. Ich drehte mich um. Er sah beiseite.

Zwei Kollegen aus dem Institut. Und andere aus Hannover, Hamburg.

War Herr Sievers dabei?

Johann Sievers, seit drei Jahren sein Kollege. Sie waren zusammen angeln letzten Sommer, ich kannte Bernds Anekdoten über ihn.

Sievers? Nein, diesmal nicht.

Er fährt doch immer zu den Seminaren.

Nicht bei diesem.

Ich wandte mich wieder dem Herd zu. Vielleicht stimmte es ja.

Nachts, als er schlief, schrieb ich Johanns Frau eine SMS: Liebe Marion, ist Herr Sievers gut aus Bremen zurück?

Sie antwortete kurz darauf: Johann war gar nicht in Bremen, er ist zu Hause geblieben. Warum?
Ich tippte, alles gut, habe mich vertan.

Ich lag wach. Vielleicht war Bernd gar nicht in Bremen. Oder er log mich an. Aber warum?

Nächsten Tag, Mittwoch. Ich suchte einen Vorwand: Wir brauchen neue Gardinen, lass uns zu Stoffparadies in der Breiten Straße fahren. Dort waren wir manchmal. Bernd mochte das nie, langweilte sich, wartete ungeduldig, dann gingen wir zur Bäckerei nebenan Krapfen kaufen, kleines eigenes Ritual.

Kommen wir heute hin?

Wohin?

Stoffparadies, Gardinen kaufen.

Sind die alten nicht mehr gut?

Die sind doch schon ewig dran.

Er zuckte die Schultern.

Von mir aus.

Wir gingen. Ich ließ mir Zeit, guckte Stoffe an, fragte nach seiner Meinung, er antwortete zerstreut. Dann:

Holen wir nachher noch einen Krapfen?

Wo denn?

Da an der Ecke, die kleine Bäckerei, du weißt schon, da kaufen wir jedes Mal welche.

Er sah mich an.

Ich kenne keine Bäckerei da.

Ich lächelte. Um ruhig zu wirken.

Du erinnerst dich bloß nicht. Komm, ich zeig sie dir.

Wir bogen um die Ecke, da war sie, das winzige Café Süßer Moment, seit zwanzig Jahren an der Ecke.

Da. Siehst du?

Er sah die gelbe Leuchtschrift an.

Ach so, sagte er. Noch nie beachtet.

Wir kauften Krapfen. Er biss hinein, schaute Leute an, fragte, ob mir kalt sei. Alles wie immer.

Nur ein Mal schaute er lange auf die gelbe Schrift. Als versuche er, etwas festzuhalten.

Bernd, sagte ich leise. Erinnerst du dich an mich?

Er drehte sich zu mir, verwundert.

Was meinst du? Du bist Gesa, meine Frau.

Ich frage dich oft. Erinnerst du dich an uns? An alles, was war?

Was ist los, Gesa?

Nichts. Du wirkst einfach… anders.

Jeder Mensch verändert sich.

Du sagst jetzt exakt, was ich letzte Woche für mich dachte. Du hast immer behauptet, Menschen ändern sich nicht.

Er schwieg, aß den Krapfen.

Vielleicht ändere ich mich diesmal eben doch, sagte er nach langem Schweigen.

Wir fuhren heim. Während der Fahrt starrte ich aus dem Fenster und dachte: Die Angst, einen geliebten Menschen nicht mehr zu erkennen, ist keine Paranoia. Es kommt vor. Dahinter steht etwas, das unausgesprochen bleibt.

Am Donnerstag, nach dem Frühstück, als er fort war, ging ich in seinen Arbeitsraum eine kleine Kammer, einfach Arbeitszimmer genannt, unser ausgebautes Gästezimmer. Da stand sein Schreibtisch, Regale, Aktenordner.

Ich wollte nicht schnüffeln. Aber ich setzte mich, öffnete die obere Schublade.

Da lag das Notizbuch.

Ich nahm es, blätterte. Erst viele leere Seiten. Dann, mitten im Heft, begannen Einträge, in feiner, regelmäßiger Schrift, die ich nicht kannte. Bernd schrieb sonst groß und unlesbar, wie ein Arzt, sagte ich immer. Hier war alles klein, fast Druckschrift.

Da standen Listen. Nur Listen. Gesa. Ehefrau. 60 Jahre. Schulbibliothek. Tochter Frederike, Berlin. Trinkt Kaffee ohne Zucker. Will neue Gardinen. Sabine, Freundin, Praxis. Dann: Krautkuchen, angeblich Lieblingsessen. Bürgerpark sonntags. Cocker Spaniel, Name Berti, Insiderwitz. Dann weiter: Gertrud Hoffmann, Mutter. Kraut oder Äpfel klären!

Mir stockte der Atem.

Es waren die Notizen eines Menschen, der ein fremdes Leben sammelt. Der Details aufschreibt, um Fehler zu vermeiden.

Ich klappte das Buch zu, legte es zurück. Ging in die Küche, schluckte Wasser, noch einmal.

Die Gedanken kamen klar. Konnte das Amnesie sein? Dissoziative Störung, liest man manchmal, nach der jemand Persönlichkeitsanteile verliert und mühsam rekonstruiert. Vielleicht war etwas passiert, von dem ich nichts wusste. In Bremen nicht oder anderswo. Jetzt versucht er leise, ohne Aufsehen, sein Leben zusammenzusetzen.

Das wäre möglich. Erklärt fast alles.

Bis auf die Schrift. Sie ist zu gleichmäßig, zu fremd. Das ist nicht sein Schriftbild.

Man kann die Schrift ändern. Nach einem Schlaganfall. Doch das hätte sichtbare Folgen, physische Einschränkungen, da wäre er längst unter ärztlicher Betreuung.

Ich massierte meine Stirn.

Er kam gegen sieben zurück. Ich hatte gekocht, gab mir Mühe, normal zu wirken.

Bist du müde? fragte er als er mich sah. Du warst nicht in der Schule?

Hatte Kopfschmerzen. Ist besser.

Er nickte, stellte die Tasche ab, ging sich waschen.

Beim Abendbrot starrte ich ihn an und dachte an den Verlust eines geliebten Menschen. Nicht, wenn er geht, sondern wenn sich innen alles verschiebt.

Bernd, begann ich.

Hm?

Erzähl mir was von uns. Wie wir uns kennengelernt haben.

Er blickte ruhig auf.

Warum?

Ich will nur hören. So wie du es erinnerst.

Er stellte die Gabel weg, dachte nach.

Über Freunde, sagte er. Auf einer Geburtstagsfeier. Du hattest ein blaues Kleid an.

Das stimmte. Ich wartete. Das war am 23. September 1997, Geburtstag von Claudia Wehrstedt.

Dann sahen wir uns noch ein paar Mal, fuhr er fort. Dann wurden wir ein Paar.

Pause.

Und dann? fragte ich.

Haben geheiratet. Frederike bekommen. Die Wohnung gekauft.

Bernd. Als du mir den Antrag gemacht hast, wohin sind wir gefahren?

Gesa…

Sag einfach.

Er schwieg.

Ich erinnere mich nicht, sagte er schließlich.

Du hast immer gesagt, du erinnerst jede Minute. Damals, zur Silberhochzeit, hast du es allen erzählt.

Stille.

Bernd. Wohin sind wir gegangen?

Er sah mich lange an. Klare Augen, ohne Wut, ohne Unsicherheit. Da war nur Müdigkeit oder Berechnung.

Gesa, warum willst du das wissen?

Weil ich wissen muss, ob du dich erinnerst.

Ich bin müde. Es ist so lange her. Niemand kann alles behalten.

Das war kein Detail.

Für mich schon.

Ich stand auf, räumte ab, auch wenn die Teller nicht leer waren. Kein Wort mehr.

Wir sind damals an die Oker raus kleiner Fluss vor Braunschweig. Wir fuhren mit der Bahn hinaus, irrten uns, und er trug meine Schuhe durchs Wasser. Dort, am Fluss, im August 1998, machte er mir den Antrag. Er hat die Geschichte gern und oft erzählt.

Dieser Mann am Tisch kennt sie nicht.

Nachts schrieb ich Sabine ausführlich: Vom Notizbuch, der Schrift und dem Fluss.

Sie antwortete um eins: Gesa. Er muss zum Arzt. Du auch. Ruf mich morgen an.

Ich legte das Handy weg und starrte an die Decke. Sein Atem war leise neben mir, ruhig. Und ich dachte immer an den inneren Verlust eines Menschen. Schwierig, nicht, wenn jemand geht, sondern wenn er bleibt und sich trotzdem entfernt.

Freitag fragte ich mich morgens: Sag ihm die Wahrheit. Erkläre, dass ich das Notizbuch fand, Ute anrief, Marion schrieb, dass Sievers nicht war. Zeig ihm, dass ich keine Vorwürfe mache, sondern Klarheit will.

Er war schon in der Küche und machte Tee.

Bernd, ich muss mit dir reden.

Er drehte sich um, sah mich ruhig und wach an.

Ich weiß, sagte er.

Was weißt du?

Dass du was weißt. Ich habe gemerkt, dass du im Arbeitszimmer warst.

Stille. Ich entschuldigte mich nicht, wartete.

Setz dich, bat er.

Wir setzten uns, er hielt die Tasse mit beiden Händen und sah hinein.

Erklären ist schwer, begann er.

Versuch es.

Das, was du dir vorstellst, ist vermutlich das einfachste. Und stimmt zum Teil.

Was heißt zum Teil?

Ich kann mich nicht an alles erinnern. Nicht so, wie du denkst. An große Dinge nicht.

Die Oker, sagte ich.

Er hob den Kopf.

Was?

Wir waren an der Oker, als du mich gefragt hast. Erinnerst du dich?

Etwas in seinem Gesicht veränderte sich.

Nein, sagte er leise.

Und an Berti?

Pause.

Nein.

Und an deine Mutter? Gertrud?

Ich weiß, wie sie aussah. Stimme… Aber Einzelheiten? Nein.

Ich sah ihn an. Er starrte in seine Tasse.

Bernd. Wann hat das angefangen?

Ich kann es nicht sagen. Irgendwie langsam.

Warum hast du mir nichts gesagt?

Ich wusste nicht, wie.

Du schreibst alles auf, damit du dich nicht verrätst.

Ja.

Und die andere Schrift?

Lange Pause. Er stellte die Tasse ab.

Ich weiß es, sagte er.

Wie ist das erklärbar?

Keine Antwort. Er starrte auf den Tisch. Ich wartete lange.

Bernd. Siehst du mich an.

Er hob den Kopf. Die grauen Augen. Eigentlich normal.

Bist du Bernd? Mein Bernd?

Und zum ersten Mal sah ich darin etwas Lebendiges. Schmerz vielleicht. Ratlosigkeit. Oder etwas, das ich nicht benennen kann.

Gesa, flüsterte er. Ich weiß nicht, wie ich dir das beantworten soll.

Ich betrachtete ihn. Seine Hände um die Tasse, die Falten am Mund, die grauen Schläfen.

Ist das ehrlich?

Ehrlicher gehts nicht.

Draußen regnete es, ein leiser, herbstlicher Braunschweiger Regen prasselte auf das Blechbrett am Fenster. Alltägliches Geräusch.

Was mache ich jetzt damit? fragte ich in den Raum.

Ich weiß es nicht, sagte er. Wieder so wahr wie nichts sonst.

Ich stellte mich mit dem Kaffee ans Fenster. Schaute hinaus.

Er kam hinterher, stoppte einen Schritt hinter mir.

Gesa.

Ja?

Ich erinnere mich an deine Stimme. Seit dem Anfang. An die Art, wie du sprichst. Das weiß ich noch.

Ich blickte nicht zurück.

Das ist wenig.

Ich weiß.

Der Regen wurde stärker, unten hupte ein Auto und dann war es wieder ruhig.

Ich brauche Zeit, sagte ich.

In Ordnung.

Ich weiß nicht, wie es weitergeht.

Das verstehe ich.

Ich wandte mich zu ihm um, traf seinen Blick. Er stand da und sah mich an, als wollte er etwas sagen und wusste nicht was. Oder traute sich nicht.

Sag mir eins, verlangte ich.

Was?

Willst du bleiben?

Er schwieg, während draußen die Tropfen prasselten.

Ja, sagte er dann. Ich will hier sein.

Ich schaute ihn an. Den Mann, der meine Wohnung mit mir teilte, meinen Namen kannte, sich Notizen machte, keine Oker kannte, fremd schrieb und doch die Tasse hielt wie Bernd.

Dann geh Brot kaufen, sagte ich. Mischbrot. Vom Eichenblatt an der Lindenstraße.

Er nickte. Zog die Jacke an, ging zur Tür. Draußen stoppte er.

Gesa.

Ja?

Oker. Erzählst du mir das irgendwann einmal?

Ich sah ihn lange an.

Vielleicht, sagte ich.

Die Tür fiel ins Schloss. Ich lehnte am Fenster, Tasse in der Hand, und hörte seine Schritte durchs Treppenhaus. Vier Stockwerke, vierundzwanzig Stufen, ich habe sie immer gezählt.

Vierundzwanzig.

Im Hof lief er durch den Regen, zog den Mantelkragen hoch. Ein ganz gewöhnlicher Mensch in einem normalen Nieselregen.

An der Ecke bog er rechts zum Eichenblatt ab.

Ich hielt die Tasse und wusste nicht, was ich denken sollte. In mir war eine Stille nach langem Dröhnen, kein Frieden, keine Erleichterung, nur eine Lücke, in der keine Antworten sind, aber auch kein Versteckspiel mehr nötig ist.

Das Handy vibrierte. Sabine.

Und, wie gehts dir?

Weiß nicht.

Hast du mit ihm gesprochen?

Ja.

Und?

Ich starrte auf die leere Ecke.

Sabi, könntest du mit jemandem leben, der sich selbst nicht mehr erkennt?

Pause.

Hat er das gesagt?

So ähnlich.

Gesa, er muss wirklich zum Arzt. Ehrlich. Das ist mehr als man auf der Küchencouch klären kann.

Ich weiß.

Was machst du jetzt?

Ich stellte die Tasse auf das Fensterbrett.

Ich weiß es noch nicht. Er ist zum Brot holen.

Welches Brot?

Mischbrot. Vom Eichenblatt.

Sabine schwieg.

Gesa, du machst mir Sorgen.

Alles gut. Ich rufe später an.

Ich legte auf. Trank noch einen Schluck, ihm war der Kaffee schon zu kalt, aber er schmeckte.

Vierundzwanzig Stufen. Ich habe sie immer gezählt.

Nach zwanzig Minuten knallte unten die Haustür. Schritte aufwärts. Vierundzwanzig Stufen.

Ich rührte mich nicht von der Stelle.

Schlüssel im Schloss. Die Wohnungstür ging auf.

Hier, rief er vom Flur. Mischbrot. Das letzte wars.

Ich drehte mich um. Er stand in der Tür, das Brot in der Hand, durchnässt, die Haare auf der Stirn verklebt.

Legs auf den Tisch, sagte ich.

Er tat es.

Wir schauten uns an.

Willst du Tee? fragte ich.

Ja, antwortete er.

Ich setzte Wasser auf. Er hängte den Mantel auf, setzte sich. Ich stand mit dem Rücken zu ihm, hörte, wie er schwieg. Nicht bedrückend, nicht beängstigend. Einfach nur still.

Gesa, sagte er leise. Magst du mir von der Oker erzählen?

Das Wasser wurde langsam lauter, dann pfiff der Kessel.

Ich dachte nach.

Nicht jetzt, sagte ich. Vielleicht später.

Gut, erwiderte er.

Das Wasser kochte.

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