– Lass mich in Ruhe, – beharrte Olga. Doch die Katze folgte ihr unerbittlich.

Herta lebte nicht mehr. Sie lebte nur noch dahin.

Zweiundsiebzig Jahre, eine Einzimmerwohnung am Rand von Bremen, eine Rente, von der nach dem Zwanzigsten nur noch ein paar Groschen übrig waren. Und Stille.

Vor einem halben Jahr war Günter gegangen. Nicht zu einer anderen – einfach weg. Leise, im Schlaf, nicht mal ein Röcheln. Herta wachte morgens auf, und er war schon kalt. Seine Hand lag auf der Bettkante, als hätte er noch nach ihr greifen wollen und es nicht mehr geschafft.

Die Tochter Hannelore kam aus Hamburg zur Beerdigung, blieb drei Tage, ließ Blutdrucktabletten auf dem Kühlschrank zurück und verschwand mit den Worten: „Mama, ruf an, wenn was ist.“ Herta rief nicht an. Aber Hannelore rief an. Alle zwei Wochen, punktgenau wie nach dem Wecker.

– Mama, wie geht’s dir?

– Normal.

– Na gut. Ich drück dich.

Das war das ganze Gespräch. Die ganze Verbindung. Der ganze Sinn.

Herta ging zum Laden. Zur Apotheke. Manchmal zur Arztpraxis, wo ihr der Blutdruck gemessen wurde und man sagte: „Nicht so viel aufregen.“ Sie regte sich nicht auf. Sie spürte gar nichts mehr. Wie ein Möbelstück. Wie der alte Schrank im Flur, den Günter immer hatte wegwerfen wollen, und dann doch nicht tat.

An jenem Tag, einem gewöhnlichen Novembertag mit tiefem Himmel und feinem Nieselregen, kam Herta von der Praxis zurück. Der Blutdruck war wieder gestiegen. Die Ärztin schüttelte den Kopf, schrieb ein neues Rezept. Herta steckte es in die Tasche, ohne auch nur hinzusehen.

Bei den Mülltonnen bewegte sich etwas.

Eine Katze. Mager, dreifarbig, mit zerfetztem Ohr. Sie saß mitten auf dem nassen Asphalt und starrte Herta an. Nicht mitleidheischend, nein. Nicht bettelnd. Sondern irgendwie… abschätzend. Als würde sie überlegen: die Richtige oder nicht?

Herta ging vorbei.

Die Katze stand auf und folgte ihr. Lautlos. Kein Miau, kein Vorlaufen, einfach drei Schritte hinterher wie ein Schatten.

Herta drehte sich am Hauseingang um.

– Lass mich in Ruhe.

Die Katze setzte sich. Blinzelte. Und blieb sitzen.

Herta stieg in den dritten Stock, schloss die Tür, schaltete den Wasserkocher ein. Blieb am Fenster stehen – unten, auf der Bank am Hauseingang, saß genau diese Katze.

Eine verrückte Katze.

Am Morgen öffnete Herta die Tür und wäre fast gestolpert. Auf der Fußmatte, zusammengerollt, schlief dieselbe Katze. Wie sie in den dritten Stock gekommen war, war unklar. Aber sie lag da, als wäre genau das ihr Platz.

– Und was soll ich mit dir machen? – fragte Herta.

Die Katze öffnete ein Auge. Und schloss es wieder.

Als wäre die Antwort klar.

Herta ließ sie nicht herein. Nun, genau genommen glaubte sie das.

Sie stellte einfach eine Untertasse mit Milch hinaus. Ließ die Tür nur einen Spalt offen, weil es stickig war, November, und die Heizungen wie verrückt brannten. Und die Katze kam einfach herein.

Herta stand im Flur und sah zu, wie dieses magere, freche Ding die Zimmerecke beschnupperte. Dann die Küche. Dann das Wohnzimmer. Und plötzlich blieb sie stehen.

Günters Sessel. Alt, durchgesessen, mit abgewetzten Armlehnen. Derselbe, in dem er jeden Abend gesessen hatte, die Fernbedienung klickte und sagte: „Herta, guck mal, was die machen.“ Herta war ein halbes Jahr lang einen Bogen um diesen Sessel gegangen. Sie konnte sich weder hineinsetzen noch ihn wegwerfen. Er stand da wie ein Denkmal. Wie ein Loch im Raum.

Die Katze sprang hinauf. Drehte sich einmal auf der Kuhle und legte sich hin. Rollte sich ein, vergrub die Nase im Schwanz.

Und fing an zu schnurren.

Hertas Lippen zitterten. Sie wollte rufen: „Runter da!“ Aber die Kehle schnürte sich zu, und statt eines Schreis kam nur ein heiseres, unverständliches Laut. Sie setzte sich aufs Sofa und sah lange zu, wie die Katze in Günters Sessel schlief.

– Eine Nacht, – sagte Herta heiser. – Morgen setz ich dich raus.

Am nächsten Tag setzte sie sie nicht raus. Auch übermorgen nicht. Die Katze blieb.

Herta nannte sie Minka.

– Minka, komm fressen, – sagte Herta und stellte die Untertasse auf den Boden.

Minka fraß. Und sah zu Herta auf mit genau diesem Blick. Abschätzend. Ruhig. Der Blick von jemandem, der etwas weiß, was du noch nicht begriffen hast.

Nach einer Woche kaufte Herta Katzenfutter. Das billigste, in der gelben Tüte, im Angebot. Sie stand im Zoogeschäft und fühlte sich wie eine Idiotin. Die Verkäuferin, ein Mädchen von vielleicht zwanzig mit rosa Nägeln, fragte:

– Welche Rasse?

– Keine Rasse. Hat sich aufgedrängt, – brummte Herta und ging, ohne sich zu verabschieden.

Dann kaufte sie ein Katzenklo. Dann einen Napf. Einen richtigen, aus Keramik, weil Minka aus der Untertasse immer daneben kleckerte. Dann einen Kratzbaum für hundertneunzig Eurocent – nein, Euro – neunzehn Euro, weil die Katze anfing, die Sofaecke zu zerkratzen, und das Sofa war das Einzige, was Herta in anständigem Zustand hatte.

„Vorläufig“, wiederholte sie sich. „Alles nur vorläufig.“

Aber das Leben veränderte sich bereits. Unmerklich, hinterhältig, wie Wasser den Stein höhlt.

Früher war Herta um neun aufgewacht, lag da und starrte an die Decke. Jetzt – um halb acht setzte sich Minka neben das Kopfkissen, sah ins Gesicht und schwieg. Sie miaute nicht. Saß nur da und wartete. Und diesem schweigenden Warten konnte man nicht widerstehen.

Herta stand auf. Ging in die Küche. Schüttete Futter ein. Schaltete den Wasserkocher an. Und plötzlich bemerkte sie, dass sie schon zehn Minuten am Fenster stand und auf den Hof starrte. Einfach so. Ohne an den Blutdruck zu denken, ohne an die Rente zu denken, ohne an Günter zu denken.

Abends wurde es noch merkwürdiger. Früher hatte Herta den Fernseher eingeschaltet – nicht um zu sehen, sondern damit diese tote Stille nicht war. Stimmen aus dem Bildschirm füllten die Leere, und es fühlte sich an, als wäre man nicht allein. Jetzt legte sich Minka neben sie aufs Sofa, an die Hüfte, und schnurrte. Leise, gleichmäßig, wie ein kleiner Motor. Und Herta schaltete zum ersten Mal seit einem halben Jahr den Fernseher aus.

Die Stille war nicht mehr beängstigend. Stille mit Schnurren – das ist eine ganz andere Stille.

Sie ertappte sich dabei, dass sie mit der Katze sprach. Nicht mit Schmusesprache, nein, Herta konnte überhaupt nicht schmusen, nicht einmal mit Hannelore als Kind. Einfach redend. Wie mit einem Menschen.

– Schon wieder Blutdruck 160. Diese Ärztin, Frau Dr. Schäfer, sieht mich an wie eine Tote. Aber ich lebe vielleicht noch. Allen zum Trotz.

Minka blinzelte.

– Hannelore hat angerufen. Wieder ihr: „Mama, wie geht’s dir?“ Und wie? Gar nicht. Obwohl… früher – gar nicht. Und jetzt… jetzt weiß ich es nicht.

Die Katze rieb den Kopf an ihrer Hand. Und Herta verstummte, weil es ihr wieder eng in der Kehle wurde.

Die Nachbarin Gertrud kam auf einen Tee vorbei, sah Minka und schlug die Hände zusammen:

– Herta! Du hast doch gesagt – niemals, nie!

– Ich sage auch jetzt – das ist vorläufig.

– Aha, vorläufig, – grinste Gertrud und sah, wie die Katze sich an Hertas Beinen rieb. – Bei dir steht Futter an drei Stellen, ein keramischer Napf und ein Kratzbaum. Sehr vorläufig.

Herta drehte sich zum Fenster, damit Gertrud nicht sah, dass sie lächelte. Zum ersten Mal seit einem halben Jahr.

Dann rief Hannelore an. Herta selbst verstand nicht, warum sie von der Katze erzählte. Es rutschte ihr raus. Vielleicht wollte sie teilen – zum ersten Mal seit langer Zeit hatte sie etwas zu teilen.

– Du hast eine Katze aufgelesen? – wiederholte Hannelore. – Na, wenigstens eine Beschäftigung, Mama.

Eine Beschäftigung.

Herta legte den Hörer auf und spürte Wut. Echte, heiße, lebendige Wut. Keine Kränkung – Kränkung war gewohnt, wattig, formlos. Sondern Wut. Die Art, bei der man mit der Faust auf den Tisch hauen und sagen möchte: „Hast du überhaupt eine Ahnung?!“

Im Dezember brach alles ein.

Minka fraß immer weniger. Erst fiel es Herta nicht auf – na, nicht aufgegessen, kommt vor. Dann rührte sie gar nichts mehr an. Der Napf stand von morgens bis abends voll, und das Futter trocknete zu einer braunen Kruste. Minka lag in Günters Sessel und bewegte sich kaum. Nur das Atmen – häufig, flach, als reichte die Luft nicht.

– He, – Herta hockte sich hin, sah der Katze in die Augen. – Was hast du?

Minka blinzelte. Und drehte den Kopf zur Wand.

In Herta riss etwas.

Sie war noch nie beim Tierarzt gewesen. Günter hatte als Kind einen Hund gehabt, aber Herta – nie, kein einziges Mal; sie verstand die Leute nicht, die Tiere zu Ärzten schleppten, Geld und Nerven opferten. „Für Menschen reicht das Geld ja kaum“, hatte sie früher gesagt. Noch vor nicht allzu langer Zeit.

Und jetzt stand sie im Flur mit einer Transportbox in der Hand. Die Box hatte sie gestern gekauft. Neunzehn Euro im Sonderangebot – aus Plastik, mit abgeschabtem Gitter. Sie stopfte Minka hinein, und die Katze wehrte sich nicht. Das war das Schlimmste. Früher hätte sie gekratzt, sich gewunden, gefaucht, aber jetzt lag sie wie ein Lappen und starrte.

Die Tierklinik „Waldtier“ im Bremer Osten. Klein, eng, roch nach Medikamenten und nassem Fell. Herta saß auf einem Plastikstuhl, drückte die Box an die Knie und fühlte sich fehl am Platz. Ringsherum junge Besucher, mit Rassehunden, mit flauschigen Katzen in teuren Taschen. Und sie – eine Rentnerin im alten Mantel, mit einer abgenutzten Box, darin eine Straßenkatze mit zerfetztem Ohr.

Der Tierarzt war jung. Ein halbes Kind noch, vielleicht dreißig, mit Brille und blauem Kittel. Er hieß Dr. Markus Fischer, aber er sagte selbst: „Einfach Markus.“ Er untersuchte Minka, tastete den Bauch ab und verstummte. Sein Gesicht veränderte sich.

– Was? – fragte Herta.

– Wir brauchen einen Ultraschall.

Er machte einen. Fuhr lange mit dem Schallkopf über Minkas Bauch, klickte mit der Maus, runzelte die Stirn. Dann drehte er sich zu Herta und sprach vorsichtig, wie man mit jemandem spricht, den man bemitleidet:

– Sie hat eine Neubildung in der Bauchhöhle. Eine Operation ist nötig. Ohne – zwei, drei Monate, vielleicht etwas mehr.

– Wie viel kostet das? – fragte Herta.

– Zweitausendachthundert Euro. Mit Narkose und Nachsorge.

Herta nickte, nahm die Box und ging hinaus.

Zweitausendachthundert Euro. Ihre Rente. Ganz und gar. Ohne Rest.

Sie setzte sich auf eine Bank vor der Klinik. Dezember, hundekalt, die Finger froren. Minka in der Box – still, unbeweglich, nur die Augen glänzten durch das Gitter. Sie sah Herta an. Kein Betteln, kein Klagen, nur dieser Blick.

Herta zog das Handy hervor und rief Hannelore an. Ein Freizeichen, zwei, drei.

– Mama, ich bin bei der Arbeit, kurz bitte.

– Hannelore, ich brauch deine Hilfe. Die Katze braucht eine Operation. Zweitausendachthundert Euro.

Stille. Dann ein Seufzer. Und eine Stimme, die Herta noch kälter machte als der Dezemberwind:

– Mama, ist das dein Ernst jetzt? Zweitausendachthundert Euro für eine herrenlose Katze?

– Sie ist nicht herrenlos. Sie ist meine.

– Mama. Das ist eine Katze. Einfach eine Katze. Wenn sie stirbt, nimmst du eine andere. Davon gibt’s hier im Hof jede Menge.

Herta schloss die Augen. Sie sah plötzlich klar wie ein Foto – Günter im Sessel. Wie er durch die Kanäle zappte und zu ihr sagte: „Herta, du bist der sturste Mensch auf Erden. Wenn du dir was in den Kopf setzt, versetzt du Berge.“ Das hatte er so oft gesagt, dass sie sich ärgerte. Und jetzt würde sie alles dafür geben, es noch einmal zu hören.

– Mama? Hörst du?

– Ich höre, – sagte Herta. – Danke, Hannelore.

Und legte auf.

Drei Tage dachte sie nach. Drei Tage – das ist viel, wenn jemand neben einem stirbt.

Minka lag im Sessel und schmolz dahin. Wie eine Kerze. Fraß löffelweise. Trank wenig. Hörte auf zu schnurren. Herta saß daneben, auf dem Boden, auf einer alten Decke, und streichelte die Katze über den Kopf – leicht, mit den Fingerspitzen.

– Ich hab’s doch gesagt – du bist meine. Meine und sonst nichts.

Am vierten Tag stand Herta um sechs Uhr früh auf. Zog sich an. Ging zur Post. Stand an der Schlange für die Rente – drei alte Frauen vor ihr, alle mit ihren Formularen, alle langsam, alle ewig.

Die Scheine lagen in der Manteltasche, und Herta ging die Straße entlang, die Hand an die Seite gepresst, als trüge sie etwas Zerbrechliches. In gewisser Weise war es auch so.

In der Tierklinik legte sie das Geld auf den Tresen. Die Hände zitterten – vor Kälte oder Angst, sie wusste es nicht.

– Ich habe die Katze zur Operation gebracht.

Markus sah das Geld an, dann Herta, dann wieder das Geld. Er nickte. Sagte nichts Überflüssiges. Nur:

– Die Prognose ist gut. Wenn sie die Narkose übersteht, wird alles normal.

Wenn.

Herta setzte sich in den Flur. Plastikstuhl, weiße Wand, Geruch nach Desinfektion.

Sie versuchte, sich zu erinnern, wann sie zuletzt so gewartet hatte. Es fiel ihr ein. Vor zwanzig Jahren, im Krankenhaus. Hannelore hatte ihr Kind bekommen. Herta saß im Flur – genauso, auf einem Stuhl, die Tasche an die Brust gedrückt, und wartete. Damals endete alles gut. Ein Kind schrie, und die Welt war anders.

Die Tür ging auf. Eine Krankenschwester kam heraus – jung, in Grün, mit müden Augen.

– Sind Sie die Halterin der Dreifarbigen?

– Ja, – sagte Herta und stand auf. Die Beine waren eingeschlafen, die Knie knackten.

– Alles gut. Die Operation ist gut verlaufen. Ihre Katze ist eine Kämpferin.

Herta nickte. Sie konnte nichts sagen – die Kehle war wie zugeschnürt. Sie nickte nur und nickte, und die Schwester berührte ihren Arm:

– He, ist alles in Ordnung mit Ihnen?

– Ja. Ja. Alles in Ordnung.

Minka wurde herausgebracht – in Tücher gewickelt, schläfrig, mit rasiertem Bäuchlein und einer feinen Naht. Herta nahm die Box mit beiden Händen, drückte sie an sich und ging zum Ausgang.

Zu Hause legte sie die Katze zum ersten Mal auf ihr eigenes Bett. Auf die Hälfte, wo früher Günter geschlafen hatte. Minka lag auf der Seite, atmete gleichmäßig, und die Naht auf ihrem Bauch leuchtete rosa wie ein dünner Faden. Herta legte sich neben sie, legte die Hand auf die warme Katzenflanke und flüsterte:

– Du bist meine.

Minka erholte sich langsam. Die ersten vierundzwanzig Stunden lag sie da, fraß tropfenweise, blickte mit trüben Augen. Dann begann sie den Kopf zu heben. Und nach einer Woche ging sie von allein zum Napf und fraß alles auf. Herta stand in der Küchentür, sah zu, wie die Katze den keramischen Boden ableckte, und dachte: das ist es, das Glück. Ein blödes, lumpiges Glück auf vier Pfoten.

Bis Februar war Minka wieder die Alte. Sie raste durch die Wohnung wie verrückt, warf das Salzfass vom Tisch, wetzte die Krallen am Kratzbaum – und gleich darauf am Sofa, weil sie eben so war. Herta schimpfte, wedelte mit dem Handtuch, rief: „Was für ein Vieh!“

Herta selbst lebte fast nur von Grütze und Kartoffeln. Gertrud brachte jeden zweiten Tag entweder Bohnensuppe im Glas oder eine Tüte Äpfel – „ist zu viel, nimm mit“. Herta wusste, dass nichts zu viel war. Dass Gertrud selbst jeden Pfennig umdrehte. Aber sie nahm. Weil Stolz gut und schön ist, aber man muss ja essen.

Ende Februar rief Hannelore an.

– Mama, schau auf dein Konto. Ich hab dir überwiesen. Zweitausendachthundert Euro.

Herta schwieg. Dann:

– Wozu?

– Eben deswegen. – Eine Pause. Lang, schwer. – Du hast doch deine ganze Rente für die Katze ausgegeben. Und mir nichts gesagt. Gertrud hat angerufen.

– Gertrud… – Herta schloss die Augen.

– Mama, so was erfahre ich nicht von der Nachbarin.

Herta schwieg. Nicht weil sie gekränkt war – sondern weil sie aus tausend Worten kein einziges richtiges fand. Und wählte das einfachste:

– Komm zu Besuch, Hannelore. Einfach so. Einfach komm.

Stille. Eine Sekunde, zwei.

– Ich komme, Mama. Am Samstag.

Herta legte auf. Stand da. Dann ließ sie sich in Günters Sessel sinken – zum ersten Mal seit all der Zeit. Einfach hinsetzen. Und nichts geschah. Nur die Kuhle im Sitz war ihr ein bisschen zu groß.

Minka sprang auf ihren Schoß, bohrte die Stirn in ihre Handfläche und begann zu schnurren – laut, so dass die Vibration irgendwo innen widerhallte.

Vor dem Fenster fiel Schnee. Herta saß da und schaute zu. Nicht weil es früher keinen Schnee gegeben hätte. Sondern weil sie ihn früher nicht bemerkt hatte.

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