**Donnerstag, 15. November**
Ich lebe nicht mehr. Ich existiere nur noch.
Zweiundsiebzig Jahre, eine Einzimmerwohnung am Stadtrand von Leipzig, eine Rente, von der am zwanzigsten nur noch ein paar Cent übrig sind. Und Stille.
Vor einem halben Jahr ist Heinrich gegangen. Nicht zu einer anderen – einfach gegangen. Leise, im Schlaf, nicht einmal geröchelt. Ich wachte morgens auf, und er war schon kalt. Seine Hand lag am Bettrand, als hätte er noch nach mir greifen wollen und es nicht mehr geschafft.
Unsere Tochter Lieselotte kam aus Berlin zur Beerdigung, blieb drei Tage, ließ die Blutdrucktabletten auf dem Kühlschrank zurück und raste davon, mit den Worten: „Mama, ruf an, wenn was ist.“ Ich rief nicht an. Lieselotte aber schon. Alle zwei Wochen, genau nach Timer.
– Mama, wie geht’s dir?
– Gut.
– Na dann. Bussi.
Das ganze Gespräch. Die ganze Verbindung. Der ganze Sinn.
Ich ging zum Supermarkt. Zur Apotheke. Manchmal in die Praxis, wo sie meinen Blutdruck maßen und sagten: „Weniger aufregen.“ Aber ich regte mich nicht auf. Ich fühlte überhaupt nichts. Wie ein Möbelstück. Wie der alte Schrank im Flur, den Heinrich immer wegwerfen wollte – und nie wegwarf.
An diesem Tag, einem gewöhnlichen Novembertag mit tief hängendem Himmel und Nieselregen, kam ich von der Praxis zurück. Der Blutdruck war wieder gestiegen. Die Ärztin schüttelte den Kopf, schrieb ein neues Rezept aus. Ich steckte es in die Tasche, ohne es anzusehen.
An den Mülltonnen bewegte sich etwas.
Eine Katze. Abgemagert, dreifarbig, mit zerrissenem Ohr. Sie saß direkt auf dem nassen Asphalt und sah mich an. Nicht mitleiderregend, nein. Nicht bittend. Sondern irgendwie … abschätzend. Als ob sie überlegen würde: die Richtige oder nicht?
Ich ging vorbei.
Die Katze stand auf und folgte mir. Lautlos. Kein Miauen, kein Vorrennen, sie lief einfach drei Schritte hinter mir her wie ein Schatten.
Am Hauseingang drehte ich mich um.
– Lass mich in Ruhe.
Die Katze setzte sich. Blinzelte. Und blieb sitzen.
Ich stieg in den dritten Stock, schloss die Tür, setzte den Wasserkocher auf. Stand am Fenster – unten auf der Bank am Eingang saß genau dieselbe Katze.
Eine verrückte Katze.
**Freitag, 16. November**
Am Morgen öffnete ich die Tür und wäre fast gestolpert. Auf der Fußmatte lag zusammengerollt genau diese Katze. Wie sie in den dritten Stock gekommen war, weiß ich nicht. Aber sie lag da, als gehöre sie genau hierher.
– Und was soll ich jetzt mit dir machen? – fragte ich.
Die Katze öffnete ein Auge. Und schloss es wieder.
Als ob die Antwort klar wäre.
Ich ließ sie nicht rein. Naja, dachte ich zumindest.
Ich stellte einfach eine Untertasse mit Milch raus. Ich ließ einfach die Tür einen Spalt offen, weil es stickig war, November, und die Heizkörper heizten wie verrückt. Und die Katze kam einfach rein.
Ich stand im Flur und sah zu, wie dieses freche, magere Vieh die Ecke des Flurs beschnupperte. Dann die Küche. Dann das Wohnzimmer. Und plötzlich blieb sie stehen.
Heinrichs Sessel. Alt, durchgesessen, mit abgewetzten Armlehnen. Der Sessel, in dem er jeden Abend gesessen, mit der Fernbedienung geklickt und gesagt hatte: „Hildegard, guck mal, was die da machen.“ Sechs Monate lang war ich um diesen Sessel herumgeschlichen. Ich konnte mich weder hineinsetzen noch ihn wegwerfen. Er stand da wie ein Denkmal. Wie ein Loch im Raum.
Die Katze sprang hinein. Drehte sich in der Mulde und legte sich hin. Rollte sich zusammen, steckte die Nase unter den Schwanz.
Und fing an zu schnurren.
Mir zitterten die Lippen. Ich wollte schreien: „Runter da!“ Aber mein Hals schnürte sich zu, und statt des Schreis kam nur ein heiseres, unverständliches Geräusch. Ich setzte mich aufs Sofa und sah lange zu, wie die Katze in Heinrichs Sessel schlief.
– Eine Nacht, – sagte ich heiser. – Morgen setze ich dich vor die Tür.
Morgen tat ich es nicht. Und übermorgen auch nicht. Die Katze blieb.
Ich nannte sie Minka.
– Minka, komm fressen, – sagte ich, während ich die Untertasse auf den Boden stellte.
Minka fraß. Und sah mich von unten herauf an mit diesem Blick. Abschätzend. Ruhig. Der Blick von jemandem, der etwas weiß, was du noch nicht verstanden hast.
**Dienstag, 20. November**
Nach einer Woche kaufte ich Katzenfutter. Das billigste, in der gelben Packung, im Angebot. Ich stand im Tierladen und kam mir vor wie eine Idiotin. Die Verkäuferin, ein Mädchen von vielleicht zwanzig, mit pinken Nägeln, fragte:
– Welche Rasse?
– Keine. Hat sich aufgedrängt, – brummte ich und ging, ohne mich zu verabschieden.
Dann kaufte ich ein Katzenklo. Dann einen Napf. Einen richtigen, aus Keramik, weil Minka von der Untertasse immer daneben trank. Dann einen Kratzbaum für 1,90 Euro, weil sie anfing, die Sofaecke zu zerkratzen – und das Sofa war das Einzige, was ich noch in ordentlichem Zustand hatte.
„Vorübergehend“, wiederholte ich mir. „Das alles ist nur vorübergehend.“
Aber das Leben änderte sich schon. Unmerklich, heimlich, wie Wasser den Stein höhlt.
Früher wachte ich um neun auf, lag da, starrte an die Decke. Jetzt um halb acht – Minka setzt sich neben das Kopfkissen, sieht mir ins Gesicht und schweigt. Sie miaut nicht. Sie sitzt einfach da und wartet. Und dieser stummen Erwartung kann man sich nicht entziehen.
Ich stand auf. Ging in die Küche. Füllte das Futter ein. Schaltete den Wasserkocher ein. Und plötzlich bemerkte ich, dass ich schon zehn Minuten am Fenster stand und auf den Hof hinuntersah. Einfach so. Ohne an den Blutdruck zu denken, ohne an die Rente zu denken, ohne an Heinrich zu denken.
Abends wurde es noch seltsamer. Früher schaltete ich den Fernseher ein – nicht um zu schauen, sondern um diese tote Stille nicht zu haben. Die Stimmen aus dem Gerät füllten die Leere, und es kam mir so vor, als wäre ich nicht allein. Jetzt legte sich Minka neben mich aufs Sofa, an die Hüfte, und schnurrte. Leise, gleichmäßig, wie ein kleiner Motor. Und ich schaltete zum ersten Mal seit einem halben Jahr den Fernseher aus.
Die Stille war nicht mehr schlimm. Stille mit Schnurren – das ist eine ganz andere Stille.
Ich ertappte mich dabei, dass ich mit der Katze redete. Nicht verniedlichend, nein, ich konnte das nie, nicht einmal mit Lieselotte als Kind. Einfach so. Wie mit einem Menschen.
– Schon wieder Blutdruck 160. Die Ärztin, Frau Dr. Berger, sieht mich an wie eine Tote. Aber vielleicht lebe ich noch eine Weile. Allen zum Trotz.
Minka blinzelte.
– Lieselotte hat angerufen. Wieder ihr: „Mama, wie geht’s dir?“ Und wie geht’s mir? Irgendwie. Früher – irgendwie nicht. Aber jetzt … jetzt weiß ich es nicht.
Die Katze rieb ihren Kopf an meiner Hand. Und ich verstummte, weil mein Hals wieder eng wurde.
**Mittwoch, 5. Dezember**
Frau Müller von nebenan kam auf einen Tee vorbei, sah Minka und schlug die Hände zusammen:
– Hildegard! Du hast doch gesagt: niemals, nie!
– Ich sag’s auch jetzt: Das ist vorübergehend.
– Klar, vorübergehend, – lachte Frau Müller, während die Katze sich an meinen Beinen rieb. – Du hast Futter an drei Stellen stehen, einen Keramiknapf und einen Kratzbaum. Sehr vorübergehend.
Ich drehte mich zum Fenster, damit Frau Müller nicht sah, dass ich lächelte. Zum ersten Mal seit einem halben Jahr.
**Donnerstag, 6. Dezember**
Dann rief Lieselotte an. Ich weiß selbst nicht, warum ich von der Katze erzählte. Es rutschte mir raus. Vielleicht wollte ich etwas teilen – zum ersten Mal seit langer Zeit hatte ich etwas zu teilen.
– Du hast eine Katze aufgelesen? – wiederholte sie. – Na, wenigstens eine Beschäftigung, Mama.
Eine Beschäftigung.
Ich legte den Hörer auf und spürte Wut. Echte, heiße, lebendige Wut. Keine Kränkung – die war mir vertraut, wattig, formlos. Sondern Wut. Die Sorte, bei der man mit der Faust auf den Tisch hauen möchte und schreien: „Hast du überhaupt eine Ahnung?!“
**Dienstag, 18. Dezember**
Im Dezember brach alles zusammen.
Minka fraß weniger. Erst fiel es mir nicht auf – naja, nicht aufgegessen, kommt vor. Dann rührte sie das Futter gar nicht mehr an. Der Napf stand von morgens bis abends voll, das Futter trocknete zu einer braunen Kruste ein. Minka lag in Heinrichs Sessel und bewegte sich kaum. Sie atmete nur – schnell, flach, als bekäme sie keine Luft.
– He, – ich hockte mich hin, sah der Katze in die Augen. – Was ist los mit dir?
Minka blinzelte. Und drehte den Kopf zur Wand.
In mir riss etwas.
Ich war noch nie bei einem Tierarzt. Heinrich hatte als Kind einen Hund gehabt, aber ich – nie, ich verstand die Leute nicht, die ihre Tiere zum Arzt schleppen, Geld und Nerven verschwenden. „Für Menschen reicht es ja nicht“, sagte ich früher. Noch vor nicht allzu langer Zeit.
Jetzt stand ich im Flur mit einer Transportbox in der Hand. Die Box hatte ich gestern gekauft. Vier Euro im Sonderangebot – aus Plastik, mit einer abgeschabten Gittertür. Ich stopfte Minka hinein, und sie wehrte sich nicht. Das war das Schlimmste. Früher hätte sie gekratzt, sich gewunden, gefaucht – jetzt lag sie da wie ein Lappen und starrte.
Die Tierklinik „Vier Pfoten“ am Stadtrand. Klein, eng, es roch nach Medikamenten und nassem Fell. Ich saß auf einem Plastikstuhl, drückte die Box an meine Knie und fühlte mich völlig fehl am Platz. Um mich herum junge Besitzer mit reinrassigen Hunden, mit flauschigen Katzen in teuren Taschen. Und ich – eine Rentnerin im alten Mantel, mit einer abgewetzten Box, in der eine Straßenkatze mit zerrissenem Ohr lag.
Der Tierarzt war jung. Ein halbes Kind, vielleicht dreißig, mit Brille und blauem Kittel. Er hieß Dr. Arndt, aber er sagte: „Nennen Sie mich einfach Thomas.“ Er untersuchte Minka, tastete ihren Bauch und schwieg. Sein Gesicht veränderte sich.
– Was ist? – fragte ich.
– Wir brauchen eine Ultraschalluntersuchung.
Er machte sie. Fuhr lange mit dem Schallkopf über Minkas Bauch, klickte mit der Maus, runzelte die Stirn. Dann drehte er sich zu mir und sprach vorsichtig, wie man mit Leuten spricht, die man bemitleidet:
– Sie hat einen Tumor. Im Bauchraum. Eine Operation ist nötig. Wenn wir nichts tun – zwei, drei Monate, vielleicht etwas länger.
– Was kostet das? – fragte ich.
– Zweitausendachthundert Euro. Mit Narkose und Nachsorge.
Ich nickte, nahm die Box und ging.
**Freitag, 21. Dezember**
Zweitausendachthundert Euro. Meine Rente, komplett. Ohne Rest.
Ich setzte mich auf eine Bank vor der Klinik. Dezember, Hundekälte, die Finger froren. Minka in der Box – still, regungslos, nur die Augen glänzten durch das Gitter. Sie sah mich an. Nicht bettelnd, nicht klagend – nur an.
Ich holte das Telefon raus und rief Lieselotte an. Ein Freizeichen, zwei, drei.
– Mama, ich bin bei der Arbeit, kurz bitte.
– Liese, ich brauche Hilfe. Die Katze braucht eine Operation. Zweitausendachthundert Euro.
Stille. Dann ein Seufzer. Und eine Stimme, die mich kälter machte als der Dezemberwind:
– Mama, ehrlich? Zweitausendachthundert Euro für eine Straßenkatze?
– Sie ist keine Straßenkatze. Sie ist meine.
– Mama. Das ist eine Katze. Einfach eine Katze. Wenn sie stirbt, nimm dir eine andere. Davon gibt’s draußen genug.
Ich schloss die Augen. Plötzlich sah ich ein Bild klar wie ein Foto – Heinrich in seinem Sessel. Wie er durch die Kanäle zappte und mir zurief: „Hildegard, du bist der sturste Mensch auf Erden. Wenn du dir was in den Kopf gesetzt hast, holst du es vom Himmel runter.“ Das hat er so oft gesagt, dass ich wütend wurde. Jetzt würde ich alles dafür geben, es noch einmal zu hören.
– Mama? Hörst du zu?
– Ja, – sagte ich. – Danke, Liese.
Und legte auf.
**Montag, 24. Dezember**
Drei Tage dachte ich nach. Drei Tage sind lang, wenn jemand neben dir stirbt.
Minka lag im Sessel und schmolz dahin. Wie eine Kerze. Sie aß einen Teelöffel voll. Trank wenig. Hörte auf zu schnurren. Ich saß daneben, auf dem Boden, auf einer alten Wolldecke, und streichelte ihren Kopf – ganz leicht, mit den Fingerspitzen.
– Ich habe doch gesagt – du bist meine. Meine und fertig.
Am vierten Tag stand ich um sechs Uhr morgens auf. Zog mich an. Ging zur Post. Stand Schlange für die Rente – drei Frauen vor mir, alle mit ihren Überweisungen, alle langsam, alle ewig.
Die Scheine lagen in der Manteltasche, und ich ging die Straße entlang, die Hand an die Seite gedrückt, als trüge ich etwas Zerbrechliches. In gewisser Weise tat ich das auch.
In der Tierklinik legte ich das Geld auf den Tresen. Meine Hände zitterten – vor Kälte oder vor Angst, ich wusste es nicht.
– Ich bringe die Katze zur Operation.
Thomas sah das Geld an, dann mich, dann wieder das Geld. Nickte. Sagte nichts Überflüssiges. Nur:
– Die Prognose ist gut. Wenn sie die Narkose übersteht – wird alles normal.
Wenn.
Ich setzte mich in den Flur. Plastikstuhl, weiße Wand, Geruch nach Desinfektionsmittel.
Ich versuchte mich zu erinnern, wann ich zuletzt so gewartet hatte. Mir fiel ein: vor zwanzig Jahren, im Krankenhaus. Lieselotte brachte ihr Kind zur Welt. Ich saß im Flur – genauso, auf einem Stuhl, die Tasche an die Brust gedrückt, und wartete. Damals ging alles gut aus. Ein Baby schrie, und die Welt wurde eine andere.
Die Tür öffnete sich. Eine Schwester kam heraus – jung, in Grün, mit müden Augen.
– Sind Sie die Besitzerin der dreifarbigen Katze?
– Ja, – sagte ich und stand auf. Die Beine waren eingeschlafen, die Knie knackten.
– Alles gut. Die Operation ist gelungen. Ihre Katze ist eine Kämpferin.
Ich nickte. Konnte nichts sagen – mein Hals war zugeschnürt. Ich nickte und nickte, und die Schwester berührte meinen Arm:
– Hey, ist alles in Ordnung?
– Ja. Ja. Alles in Ordnung.
Minka wurde herausgebracht – in Windeln gewickelt, schläfrig, mit rasiertem Bauch und einer feinen Naht. Ich nahm die Box mit beiden Händen, drückte sie an mich und ging zum Ausgang.
**Heiligabend**
Zu Hause legte ich die Katze zum ersten Mal auf mein Bett. Auf die Seite, wo früher Heinrich geschlafen hatte. Minka lag auf der Seite, atmete gleichmäßig, und die Naht auf ihrem Bauch war ein dünner rosa Faden. Ich legte mich daneben, legte meine Hand auf ihre warme Seite und flüsterte:
– Du bist meine.
**Mittwoch, 15. Januar**
Minka erholte sich langsam. Die ersten vierundzwanzig Stunden lag sie da, fraß tropfenweise, starrte mit trüben Augen. Dann fing sie an, den Kopf zu heben. Und nach einer Woche lief sie selbst zum Napf und fraß alles auf. Ich stand in der Küchentür und sah zu, wie die Katze den keramischen Boden ableckte, und dachte: das ist es, das Glück. Ein bescheuertes, billiges Glück auf vier Pfoten.
Bis Februar war Minka wieder die Alte. Raste durch die Wohnung wie eine Verrückte, warf das Salzfass vom Tisch, kratzte am Kratzbaum – und gleich danach am Sofa, einfach aus Prinzip. Ich schimpfte, wedelte mit dem Handtuch, rief: „Was für ein Biest!“
Ich selbst lebte fast nur von Grütze und Kartoffeln. Frau Müller brachte jeden zweiten Tag entweder Bohnensuppe im Glas oder eine Tüte Äpfel – „zu viel, nimm du sie“. Ich wusste, dass sie nichts zu viel hatte. Dass Frau Müller selbst jeden Cent umdrehte. Aber ich nahm es. Stolz ist gut, aber essen muss man.
**Freitag, 28. Februar**
Ende Februar rief Lieselotte an.
– Mama, guck auf dein Konto. Ich habe dir überwiesen. Zweitausendachthundert Euro.
Ich schwieg. Dann:
– Wofür?
– Dafür. – Pause. Lang, schwer. – Du hast doch deine ganze Rente für die Katze ausgegeben. Und hast mir nichts gesagt. Frau Müller hat angerufen.
– Frau … – ich schloss die Augen.
– Mama, sowass erfahre ich nicht von der Nachbarin.
Ich schwieg. Nicht weil ich beleidigt war – sondern weil ich aus tausend Worten nicht ein einziges richtiges herausholen konnte. Also wählte ich das einfachste:
– Komm her, Liese. Einfach so. Komm einfach her.
Stille. Eine Sekunde, zwei.
– Ich komme, Mama. Am Samstag.
Ich legte auf. Stand da. Dann ließ ich mich in Heinrichs Sessel fallen – zum ersten Mal in all der Zeit. Einfach so. Und nichts passierte. Nur die Mulde im Sitz war mir etwas zu groß.
Minka sprang auf meinen Schoß, stupste ihren Kopf gegen meine Handfläche und fing an zu schnurren – laut, so dass die Vibration irgendwo im Inneren nachklang.
Draußen fiel Schnee. Ich saß da und sah zu. Nicht weil es früher keinen Schnee gegeben hatte. Sondern weil ich ihn früher nicht bemerkt hatte.