Keine Freude ohne Kampf

Es gibt keine Freude ohne Kampf

Wie konntest du dich nur in so eine Geschichte hineinziehen, du törichtes Mädchen? Wer nimmt dich denn jetzt noch, mit einem Kind unter dem Herzen? Und wie willst du das überhaupt großziehen? Auf meine Hilfe brauchst du nicht zählen. Ich habe dich schon großgezogen, und jetzt soll ich auch noch für dein Kind sorgen? Du wirst mir hier zu viel. Pack deine Sachen und verlass mein Haus!

Ich stand vor Tante Hedwig und hörte schweigend zu, den Kopf gesenkt. Die letzte Hoffnung, dass sie mich wenigstens eine Weile bei sich wohnen lässt, bis ich Arbeit finde, zerschmolz noch bevor ich richtig bitten konnte.

Wenn doch meine Mutter noch leben würde…

Meinen Vater habe ich nie gekannt, und meine Mutter verlor ich vor fünfzehn Jahren, überfahren von einem betrunkenen Autofahrer an einem Zebrastreifen. Fast wäre ich ins Heim gekommen, doch da meldete sich plötzlich eine entfernte Verwandte, eine Cousine meiner Mutter eben Tante Hedwig. Sie hatte eine feste Stelle als Buchhalterin und ein eigenes kleines Haus, so wurde ihr schnell die Vormundschaft übertragen.

Tante Hedwig lebte am Rand von Ravensburg, einer Stadt im Süden nahe an der Schweizer Grenze, wo im Sommer oft die Sonne brennt und der Winter nasskalt ist. Hunger hatte ich nie, es gab immer etwas anzuziehen und Arbeit gab es genug: Haus, Garten, Kaninchen, Hühner zu tun war immer etwas. Vielleicht fehlte es an Umarmungen und an mütterlicher Wärme, aber wer zählt das schon?

Ich lernte gut und besuchte nach der Schule die Pädagogische Akademie in Ulm. Unbeschwerte Studientage, die wie im Flug vergingen. Doch dann war alles vorbei die Prüfungen bestanden, kehrte ich zurück in die Stadt, die mir Heimat geworden war. Aber diesmal war die Rückkehr bitter.

Nachdem sie Dampf abgelassen hatte, war Tante Hedwig wieder etwas ruhiger. Jetzt reichts. Ich will dich hier nicht mehr sehen.

Tante Hedwig, könnte ich wenigstens…

Nein, ich habe alles gesagt!

Ohne zu widersprechen nahm ich meinen Koffer und trat hinaus auf die Straße. So hatte ich mir meine Rückkehr nicht vorgestellt. Erniedrigt, abgelehnt und auch noch schwanger noch war es früh, aber verheimlichen wollte ich es nicht länger.

Ich musste mir eine Wohnung suchen. Gedankenverloren lief ich durch die Straßen, sah die Welt um mich herum gar nicht.

Es war Sommer im Süden. In den Gärten reiften Äpfel und Birnen, die Aprikosen leuchteten goldgelb. Über die Weinreben hingen schwere Trauben, Pflaumen lugten unter den Blättern hervor. Es duftete nach Kompott, nach Gegrilltem und nach frischem Brot. Es war heiß und mein Hals war trocken. An einem kleinen Gartentor sah ich eine Frau in einer Gartenlaube arbeiten. Entschuldigung, dürfte ich etwas Wasser haben?

Sie drehte sich um Gisela, eine bodenständige Frau mit freundlichen Augen, wohl um die fünfzig. Komm nur herein, wenn du nichts Böses willst.

Sie füllte eine Emaille-Tasse am Brunnen und reichte sie mir. Ich ließ mich auf die Bank fallen und trank erschöpft.

Setz dich ruhig her. Bei der Hitze… Aber sag mal, wo kommst du her, so mit dem Koffer?

Ich habe in Ulm die Ausbildung als Lehrerin abgeschlossen und suche hier eine Stelle. Nur… wohnen kann ich leider nirgends. Kennen Sie jemanden, der ein Zimmer vermietet?

Gisela musterte mich. Ich war sauber gekleidet, aber meine Augen waren müde und mein Blick abwesend, als würde mich etwas zermürben. Du könntest bei mir einziehen. Das Haus ist groß, die Abende werden lang, und Geld ist auch nicht zu viel. Wenn du ordentlich bist, schau ich dir das Zimmer mal an?

Ein Untermieter war Gisela nur recht ein bisschen Geld konnte sie gebrauchen, ihr Sohn lebte weit weg, kam selten. Und so würde das Haus wieder belebter.

Mein Glück konnte ich kaum fassen. Ich folgte ihr ins Haus. Das Zimmer war zwar klein, aber gemütlich ein Fenster zum Garten, ein Tisch, zwei Stühle, ein schmales Bett, ein alter Kleiderschrank. Genau richtig. Wir einigten uns auf einen günstigen Preis, und nachdem ich mich umgezogen hatte, ging ich gleich zum Amt für Bildung.

So vergingen die Tage: Schule, Haus, Schule. Ich riss die Blätter des Kalenders schneller ab als sonst.

Mit Gisela verstand ich mich bald richtig gut. Sie war herzlich, manchmal ruppig, aber immer hilfsbereit. Ich half ihr im Haushalt, und abends tranken wir zusammen Tee in der Laube. Im Süden zieht der Herbst nicht sofort ein.

Die Schwangerschaft verlief problemlos. Mein Gesicht blieb klar, ich hatte keinen Morgenübelkeit, nur mein Bauch wurde runder. Ich erzählte Gisela meine Geschichte eine, wie sie tausendfach passieren könnte.

Im zweiten Ausbildungsjahr hatte ich mich in Fabian verliebt, den charmanten Sohn einer Akademikerfamilie. Für ihn war der Weg klar: Studium, Promotion, Karriere am Lehrstuhl seines Vaters. Gut aussehend, zuvorkommend, er gefiel vielen. Aber er entschied sich für mich warum, weiß ich nicht. Für meine Zurückhaltung, meine braunen Augen vielleicht für die Kraft, die die Lebensumstände mir gegeben hatten. Wer weiß. Wir verbrachten die weiteren Jahre fast immer zusammen, ich glaubte an eine gemeinsame Zukunft.

Doch dann kam dieser Tag, den ich nie vergesse. Morgens war mir übel, Gerüche störten mich, die Übelkeit hatte schon einige Tage angehalten. Und dann die überfällige Periode. Wie konnte ich das nur übersehen haben? Ich kaufte einen Schwangerschaftstest, trank ein Glas Wasser im Wohnheim und wartete. Zwei Streifen. Ich starrte, glaubte nicht, was ich da sah zwei Linien. Bald Prüfungen und jetzt das! Was würde Fabian sagen? Kinder waren noch nicht geplant.

Doch da war plötzlich diese Zärtlichkeit für das winzige Leben in mir.

Mein Kleines, flüsterte ich und legte die Hand auf meinen Bauch.

Abends erzählte ich es Fabian. Er nahm mich gleich mit zu seinen Eltern. Noch heute könnte ich heulen, wenn ich an das Gespräch denke. Kurz gesagt: Sie schlugen eine Abtreibung vor, danach sollte ich mein Studium abschließen und wegziehen. Nur so könne Fabian die Karriere verfolgen, ein Kind passe nicht in seine Zukunft.

Was sonst an jenem Abend besprochen wurde, kann ich nur ahnen. Am nächsten Tag kam Fabian in mein Zimmer, legte einen Umschlag mit Geld auf den Tisch und ging schweigend.

Für mich gab es keinen Gedanken an Abtreibung. Ich liebte dieses Kind bereits. Es war mein Kind, nur meines. Aber das Geld nahm ich an ich wusste, wie dringend ich es brauchen würde.

Gisela hörte meine Geschichte an und tröstete mich: Ach weißt du, es gibt Schlimmeres auf der Welt. Du bist stark, dass du das Kind behältst. Wer weiß, wozu es gut ist.

Allein der Gedanke, mich mit Fabian zu versöhnen, war für mich unerträglich. Ich konnte die Kränkung und seine leichtfertige Abweisung nicht verzeihen.

Die Monate verstrichen. Ich hörte während des Mutterschutzes auf zu arbeiten, ging nachmittags gemächlich spazieren, wartete auf mein Kind. Ob es ein Junge oder ein Mädchen wäre? Beim Ultraschall war es nicht zu erkennen. Hauptsache gesund!

Ende Februar, an einem Samstag, begannen die Wehen. Gisela brachte mich ins Krankenhaus. Die Geburt ging schnell; kurz darauf hielt ich einen kräftigen kleinen Jungen im Arm.

Jonas, flüsterte ich und streichelte seine babyweiche Wange.

Im Zimmer freundete ich mich mit anderen Müttern an. Sie erzählten mir, dass vor zwei Tagen die Frau eines Zöllners ein Mädchen geboren hatte. Die beiden waren nicht verheiratet, lebten einfach so. Stell dir vor, er hat ihr Blumen, Pralinen, den Schwestern Likör gebracht. Kommt jeden Tag mit dem Kombi. Doch irgendwas stimmte nicht. Sie wollte keine Kinder, schrieb einen Brief und verschwand. Meinte, sie sei nicht bereit für ein Kind.

Und das Baby?

Wird mit der Flasche ernährt. Aber die Schwester meint, am besten wäre natürlich Muttermilch. Nur, wir haben doch selbst genug zu tun mit unseren.

Als die Krankenschwester das Mädchen zum Füttern brachte, fragte sie: Würde jemand helfen zu stillen? Sie ist noch ganz schwach.

Ich könnte…, sagte ich leise, bettete den schlafenden Jonas ins Bettchen und nahm die Kleine auf den Arm.

So zart, so hell! Ich nenne sie Emma, dachte ich und lächelte.

Im Vergleich zu Jonas war Emma winzig.

Ich legte sie an. Sie nuckelte gierig, schlief nach wenigen Zügen ein.

Die Arme, seufzte die Schwester. Und von da an stillte ich beide.

Zwei Tage später kam die Schwester und meinte: Der Vater des Kindes ist da. Er möchte sich bei der Mutter bedanken, die seiner Tochter hilft. So lernte ich Klaus, den jungen Zollbeamten, kennen. Er war nicht groß, aber mit einem festen, freundlichen Blick und einem feinen Lächeln.

Was dann geschah, war Gesprächsthema im ganzen Krankenhaus manche erzählten es sich noch Wochen später weiter.

Am Tag der Entlassung standen alle Schwestern, Ärztinnen, Pflegerinnen am Ausgang. Vor der Tür parkte ein Kombi, geschmückt mit blauen und rosa Luftballons. Klaus, nun in Uniform mit silbernen Kordeln, half mir in den Wagen, wo Gisela schon wartete. Dann reichte er mir ein kleines, blaues Bündel und noch ein rosafarbenes.

Mit lautem Winken und Hupen der anderen fuhr der Wagen langsam vom Krankenhaushof.

Man weiß nie, wohin einen das Leben führt. Ich blickte verträumt aus dem Fenster, hielt Jonas und Emma im Arm. Gisela lächelte still. Es duftete im Auto nach Frühlingsblumen und Babyöl. Klaus führte das Auto ruhig, schaute im Rückspiegel ab und zu zu uns zurück die kleine Emma schlief, ihr winziger Finger klammerte meinen kleinen Finger.

Und zu Hause? Da wartete mehr als ein Dach über dem Kopf auf uns. Da warteten Liebe, Tee mit selbstgemachter Marmelade, ein alter Schrank, der bald voller Spielzeug sein sollte und ein Leben, das niemand vorhersehen kann, das aber schon jetzt voller Sinn war.

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